Theaterhaus Jena – Kurzer historischer Rückblick

Köhlersche Etablissement, 1872
Köhlersche Etablissement, 1872

1872 wurde das erste feste Theatergebäude in Jena gebaut. Gestiftet wurde es von Kommerzienrat Köhler (Besitzer der Rosenbrauerei und des Gasthofs »Zum Goldenen Engel« in Jena). Bis zu dieser Zeit spielten fahrende Gruppen im Saal des Gasthofs »Zum goldenen Engel«, in den Rosensälen, im Ballhaus oder im Rathaus.

Das Köhlersche Theater wurde im Garten des »Goldenen Engels« auf den Fundamenten des alten Tanzsaales errichtet und war ein schlichter Fachwerkbau mit offenem Dachstuhl und einer Fassade mit Balkon. Am 14. Oktober 1872 wurde das »Köhlersche Etablissement«, das immerhin über 800 Plätze verfügte, mit der Gesangsposse »Auf eigenen Füßen« eröffnet. Wie damals üblich, vermietete Köhler sein Theater an diverse Theaterunternehmer. Das kleine Liebhabertheater wurde wegen seines offenen Dachstuhls »Kunstscheune« genannt.

1886 ließ Köhler sein Gartentheater umbauen und erweitern. Die Fachwerkfassade wurde ummantelt und wesentlich repräsentativer gestaltet. Außerdem wurde die Platzkapazität durch den Einbau eines Balkons um 180 Plätze erhöht. Allerdings gelang es Köhler nicht, die Investitionssumme für den Umbau durch die Pachteinnahmen seines Theaters zu refinanzieren, so dass er sich gezwungen sah, sein Theater und den Gasthof »Zum Goldenen Engel« zu verkaufen.

Das umgebaute Köhlersche Theater, 1886
Das umgebaute Köhlersche Theater, 1886
Entwurf für ein Theater am Heinrichtsberg von Theodor Fischer, 1915
Entwurf für ein Theater am Heinrichtsberg von Theodor Fischer, 1915

1900 erwarb die Stadt Jena den Gesamtkomplex »Goldener Engel« und Theater und verpachtete das Theater bis 1921 an eine Reihe gleichermaßen glückloser Intendanten, die das Haus privatwirtschaftlich betreiben sollten. »Bei dieser Organisationsform zeigte sich immer wieder ein grundlegendes Problem, dass die künstlerischen Intentionen der Betreiber mit den Erwartungen des Publikums nicht zusammenkamen.«

Bereits 1912 sollte das als unzeitgemäß empfundene Theater im Garten des »Goldenen Engels« durch einen neuen, repräsentativen Theaterbau am Jenaer Heinrichsberg ersetzt werden. Der erste Weltkrieg verhindert den Theaterneubau, so dass sich der Traum von einem neuen Theater, wenn überhaupt, nur durch Umbau des alten Köhlerschen Theaters verwirklichen ließ.

Als 1921 die Stadt Jena dem Generalintendanten der DNT Weimar Ernst Hardt das Haus antrug, übernahm er es unter der Bedingung, dass der Theaterumbau unter seiner Einflussnahme erfolgt und schlug vor, Walter Gropius mit dem Projekt zu beauftragen. Der Umbau von 1921/22 beschränkte sich aus Geldmangel auf die der Öffentlichkeit zugängigen Bereiche: Die Fassade, die Garderoben, die Treppenhäuser zum Balkon, die Wandelhalle und den Theatersaal. Am 24.09.1922 wird das neue Stadttheater Jena mit Goethes »Toquato Tasso« eröffnet. Das Gropius-Theater stößt auf regen Widerspruch in der konservativen Fraktion des Stadtrats. Dennoch überdauert der ungeliebte Bau unangetastet die Zeit des Nationalsozialismus.

Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg pachtete der aus Hamburg stammende Theaterprinzipal John Biermann das Stadttheater Jena, gründete ein Dreispartentheater und eröffnete das Haus am 13.09.1945 mit Grillparzers »Sappho«. Sein Drei-Spartentheater war, wie so viele in dieser Zeit, ausgesprochen erfolgreich. In seinem Pachtvertrag verpflichtete er sich aber auch, das Stadttheater auf eigene Kosten erneuern zu lassen. Unter Leitung des Architekten Ernst Kühne wurde der Umbau in drei Bauabschnitten geplant:

  1. Umbau und Erweiterung des Zuschauerhauses durch Seitenränge
  2. völlige Neugestaltung des Bühnenhauses
  3. Vorbau einer Kassenhalle mit darüber liegendem Foyer

Der erste Bauabschnitt wurde wegen großer Schwierigkeiten beim Bau mit erheblicher Verspätung erst zu Ostern 1948 abgeschlossen. Das Bühnenhaus musste unangetastet bleiben und auch die neoklassizistische Kassenhalle wurde nicht gebaut. Am 28.03.1948 öffnete das Stadttheater Jena mit Schillers »Maria Stuart«. Vom Gropiustheater waren alle sichtbaren Spuren getilgt. John Biermann hatte sich wegen des Baus finanziell ruiniert und bekam wenig später die Konzession entzogen.

Theaterentwurf Ernst Kühne, 1945-1949
Theaterentwurf Ernst Kühne, 1945-1949

Nachdem auch ein Interimsintendant gescheitert war, entließ man das Ensemble und übergab das Stadttheater Jena wieder dem DNT Weimar, unter dessen Hoheit 1953 bis 1956 der Umbau des Bühnenhauses erfolgte, das bis zu diesem Zeitpunkt mit wenigen Veränderungen immer noch jenes des Köhlerschen Fachwerkbaus von 1872 war. Neben einer Erweiterung der Bühnenöffnung wurden Seiten- und Hinterbühne eingebaut, die Unterbühne und der Orchestergraben vergrößert, Künstlergarderoben, Werkstätten und ein separater Bühneneingang hinzugefügt, ein Eiserner Vorhang und eine Drehbühne eingebaut und die Theatermaschinerie erneuert. Das neue Bühnenhaus sollte den technischen Anforderungen des DNT Weimars entsprechen, denn das Jenaer Theater war bis 1964 unter dem Namen »DNT Weimar, Haus Jena« ein fester Spielort des Weimarer Theaters. Ab 1965 übernahm die Stadt Jena wieder das Theater. Neben dem DNT bespielten jetzt auch die Bühnen der Stadt Gera, die Theater Rudolstadt, Zeitz und andere kleine Bühnen das Haus. Mehrere kleine Umbauten und Verschönerungskuren konnten das Theater nicht wirklich retten und ein Gutachten aus dem Jahr 1978  bestätigte, dass das Zuschauerhaus baufällig und nicht mehr zu retten war. Es wurden die Schließung des Theaters und der Abriss des Zuschauerhauses empfohlen.

Im Januar 1987 ließ der Stadtrat das marode Zuschauerhaus des Theaters abreißen – nicht zuletzt auch mit dem Hintergedanken, dem Wunsch nach einem Neubau des Theaters Nachdruck zu verleihen. Ohne Erfolg. Das amputierte Bühnenhaus wurde baupolizeilich gesperrt, das Stadttheater selbst zog ins Kino Capitol um.

1989, nach der Wende, wurde mit der Gründung des »theaters auf der hinterbühne« die Ruine wieder bespielt und war in der Folgezeit ein wichtiger Spielort für Theatergruppen der freien Szene.

1990 wurde der damalige Kulturdezernent Klaus Hattenbach (er war der erste frei gewählte Kulturdezernent der Stadt) vom Stadtparlament mit der Rekonstruktion des Theaters und vor allem aber mit der Gründung eines eigenen Ensembles beauftragt. Er nahm Kontakt mit der renommierten Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin auf und konnte eine Gruppe von jungen Schauspiel-Absolventen davon überzeigen, in Jena in der Theaterruine ein Schauspielensemble zu gründen. Gemeinsam mit den Regisseuren Horst-J. Lonius und Sven Schlötcke (beide Dozenten der Hochschule) gründeten sie das Theaterhaus Jena, die Finanzierung erfolgte auf ABM-Basis. Das junge Künstlerkollektiv, zu denen viele Aktivisten der Wendezeit gehörten, versuchte nicht nur eine neue Bühnensprache zu entwickeln, sondern auch Arbeitsstrukturen der Kunstbeförderung jenseits von „normalen“ Stadttheaterstrukturen.

Am 29.11.1991 wurde das neue Theaterhaus Jena mit der großen Theaternacht »WüsteGegenZeit« eröffnet. Ein vorwiegend junges, aufgeschlossenes Publikum bevölkerte von nun an das Theaterhaus. Sowohl die großen deutschen Tageszeitungen als auch die Fachpresse wurden schnell auf das kleine Haus aufmerksam. Mit der Unterstützung wichtiger deutscher Theaterleute wie Heiner Müller, Peter Zadek, Frank Castorf und vieler anderer gelang es am 1. Juli 1993, das bis dahin städtische THEATERHAUS JENA in eine gemeinnützige GmbH umzuwandeln, deren Gesellschafter ausschließlich Ensemblemitglieder waren. Die Abwicklung des Ensembles mit auslaufender ABM-Zeit konnte so verhindert werden.

„Gegenstand des Unternehmens ist [...] die Erforschung von zeitgemäßen Produktions- und Ausdrucksweisen ausgehend vom Ensemblegedanken, die Entwicklung und Erprobung neuer Theaterorganisationsstrukturen [...], die Förderung der freien Theaterszene [...], die Förderung des professionellen Theaternachwuchses [...], die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an die Kunstform Theater“

1997 eröffnete das Theaterhaus mit „Finster, Schiller, Finster“ zum ersten Mal das Sommerfestival Kulturarena Jena, das in den Sommermonaten den Theatervorplatz belebt.

Finster, Schiller, Finster
Finster, Schiller, Finster

Von September 1998 bis April 1999 wurde die Theaterhaus-Ruine einer dringend notwendigen Sanierung unterzogen. Während der Sanierung eroberte sich das Ensemble neue Spielstätten in und um Jena

Mit der Jahrtausendwende übernahm ein neues künstlerisches Ensemble, bestehend aus 8 Schauspieler*innen und 2 Regisseur*innen das Haus, leitende Regisseurin war Claudia Bauer. Im Oktober 2000 gründete sich der Jugendtheaterclub am Theaterhaus Jena, der seit dem mit seinen Inszenierungen von Jugendlichen für Jugendliche den Spielplan sinnvoll ergänzt. Im November 2001 feierte das Theaterhaus Jena unter dem richtungsweisenden Motto »Triumph der Provinz« seinen 10. Geburtstag.

2002/03 hatte sich mit Sabine Westermaier (Dramaturgin), Rainald Grebe (Dramaturg) und Claudia Bauer (Regisseurin) eine neue künstlerische Leitung konstituiert. Sie sind den Jenaer*innen mit ihrer Bespielung des Volksbades, das damit nach seiner Trockenlegung seine neue Bestimmung als Kulturort erfuhr, aber auch zum Beispiel mit ihrer legendären Sommertheater-Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ in bester Erinnerung geblieben.

Volksbad/Frau Richter
Volksbad/Frau Richter

Im Sommer 2004 nahm unter der Künstlerischen Leitung von Markus Heinzelmann (Regie) und Marcel Klett (Dramaturgie) ein komplett neues Ensemble mit acht SchauspielerInnen seine Arbeit auf und startete am 28. Oktober 2004 unter dem Motto »Willkommen im Wilden Westen« in die Spielzeit 2004/05.

„Willkommen im Wilden Westen“
„Willkommen im Wilden Westen“

Neben der Erprobung neuer Formate und der intensiven Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autor*innen fanden sie neue Anknüpfungspunkte zur kulturellen und künstlerischen Szene der Stadt und festigten den Standort des Hauses als Theater für die Stadt. So konnte Jena 2008 nicht zuletzt wegen der aktiven Beteilung der Theaterhauskünstler den Titel „Stadt der Wissenschaft“ erringen.

Von  2011 bis 2018 verantwortete das inzwischen vierte Leitungsteam, bestehend aus dem Regisseur Moritz Schönecker, der Kostümbildnerin Veronika Bleffert und dem Bühnenbildner Benjamin Schönecker die künstlerischen Geschicke des Hauses. Sie verstanden sich „als Team aus starken Einzel-Charakteren, das sich statt eines  konkurrierenden Gegen- oder basisdemokratischen Mit- für ein funktionales Nebeneinander stark macht.“ – eine Aussage, die sie bis zum Ende ihrer Jenaer Zeit 2018 als Arbeitsprinzip beibehielten. Moritz Schönecker und sein Team untersuchten in ihrer künstlerischen Arbeit nicht nur sparten- und genreübergreifende Darstellungsformen, sondern trieben die Internationalisierung der mit dem Theaterhaus assoziierten Künstler voran. Eines ihrer Themen, das sich konsequent durch ihre Arbeit zog, war das Fremdsein in einer neuen Heimat und die Folgen für das Individuum und die Gesellschaft. Außerdem trieben sie die diskursiven Formate im Spielplan voran, indem sie das Haus zur Stadt hin öffneten und Forschungsstätten und Institutionen, die sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in unterschiedlichster Form auseinander setzen, eine Plattform boten.

Höhepunkt ihrer Arbeit, die 2018 nach 7 Jahren am Theaterhaus Jena endete, war das Festival „Come Quick Danger; Multiperspektivische Positionen zur Lage der Nation“, das mit der Uraufführung des als Sommerspektakel zur Eröffnung der Kulturarena Jena inszenierten Werkes „Titanic“ von Marcos Diaz und Rogelio Orizondo endete.

Im Oktober 2014 wurde nach zweijähriger Bauzeit ein »Funktionsanbau« an das Theater übergeben, der mit seinen Werkstätten, Lager- und Büroräumen, vor allem aber mit seiner komfortablen Probenbühne die Arbeits- und Probenprozesse des Theaterhauses wesentlich verbesserte.

Mit der Spielzeit 2018/19 gibt es einen weiteren Komplettwechsel im künstlerischen Team des Theaterhauses Jena. Die Gesellschafterversammlung der Theaterhaus Jena gGmbH hat dem niederländischen Theaterkollektiv Wunderbaum die künstlerische Leitung des Hauses übergeben.