Teil 2: Deutschkunde 2021

Zweitägiges Panel – Teil 2 der Umsetzung der mit dem JMR-Lenz-Preis der Stadt Jena ausgezeichneten Konzeption »Die mutige Mehrheit«

Wir verlernen Deutsch gemeinsam! »Deutschkunde 2021« ist Pflichtfach der Zukunft und freiwilliges Nachsitzen in Sachen Landeskunde. Du bist herzlich eingeladen, dich einzubringen, zuzuhören, zu lernen und dein Wissen und Unwissen über Deutschland zu teilen. Aber Vorsicht: unsere Expert*innen stellen womöglich deine Perspektive auf den Kopf. Denn der Stoff dieses performativen und interaktiven Unterrichts ist all jenes, was wir mit der Muttermilch aufgesogen haben. Bist du mutig genug, den eigenen Rassismus bis in die Kinderstube zu verfolgen?

Die »Deutschkunde 2021« beinhaltet Workshops, Vorträge, Gespräche und Filme.
Als Gäste begrüßen wir u.a.
Elif Kubaşık, Max Czollek, NSU Komplex auflösen Jena, Mark Terkessidis.

Der Eintritt ist kostenlos, wegen der geringen Platzkapazität bitten wir trotzdem, sich über tickets@theaterhaus-jena.de anzumelden. Bitte teilen Sie uns mit, welche der Einzelveranstaltungen Sie besuchen wollen.

Samstag, 30.10.2021, Volksbad:

11:00 Uhr:
Eröffnung und Begrüßung von und mit Necati Öziri und Antje Schupp

anschließend:
Der postimperiale Arbeitsmarkt; Saison- und »Gast«-Arbeit im Kontext des deutschen Imperialismus
Eröffnungsvortrag von Mark Terkessidis

Die Idee des Postkolonialismus ist nur von wenigen Pionierarbeiten auf die Arbeitsmigration nach Deutschland übertragen worden. Dabei liegt der Zusammenhang auf der Hand - angefangen bei den polnischen Saisonarbeiter*innen im Kaiserreich bis hin zu den Anwerbeverträgen der 1950er und 1960er Jahren mit Griechenland, Jugoslawien, Marokko oder Türkei Jahren gingen den Migrationsbewegungen fast immer koloniale oder imperiale Bestrebungen voraus. Allerdings haben die Expansionsbemühungen nicht immer auf direkte Landgewinne abgezielt, sondern Abhängigkeit durch »ökonomische Durchdringung« und »moralische Eroberung«. Das ist ein durchaus kompliziertes Panorama, aber es lohnt sich, die Idee des Postkolonialen am Beispiel der Arbeitsmigration nach Deutschland zu entwickeln.


12:30 Uhr:
Jüdisch-Muslimische Leitkultur. Verbündet-Sein in der Radikal Vielfältigen Gesellschaft
Vortrag von Max Czollek

1) Die deutsche Gegenwart ist eine andere geworden, darum können wir sie anders denken. Und sie wird von ihrer Vergangenheit bedroht, darum müssen wir sie anders denken.

2) Wer die Gegenwart anders denken möchte, braucht auch ein anderes Verständnis von der Vergangenheit, muss also eine andere Geschichte davon erzählen, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind.

3) Die plurale Gesellschaft im Bewusstsein ihrer Vergangenheit neu zu denken bedeutet auch, neue Konzepte einzuführen wie etwa jenes eines postmigrantischen Antifaschismus, einer jüdisch-muslimischen Leitkultur oder eines Denkens der Vielfalt als radikaler Vielfalt.

13:00 Uhr:
Terror, Widerstand und Sprache
Panel mit Mely Kiyak und Max Czollek
Moderation: Necati Öziri


Seit über 70 Jahren, allerspätestens seit den Auschwitzprozessen, reagieren Autor*innen und Journalist*innen in der Öffentlichkeit auf rechten Terror und versuchen eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Aber wie schreibt man über rechte Gewalt und Terrrorismus ohne die Sprachen, Chiffren und Deutungsmuster der Politik zu reproduzieren? Wo endet Kunst und beginnt engagiertes Schreiben? Wie erzählt man unabhängig und würdevoll von den Opfern, ohne sie zu vereinnahmen? Wie spricht man über die Täter*innen, wenn die Sprache selbst zur ihrer Komplizin gemacht wurde?

Mely Kiyak ist Autorin und Kolumnistin und hat den Bundestagsuntersuchungsausschuss zum NSU für die Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung ab 2012 begleitet. Max Czollek ist Lyriker und Essayist und publiziert zu wehrhafter Poesie. Gemeinsam denken sie darüber nach, ob und wie Schreiben ein Akt des Widerstands werden kann und darf.


14:00 Uhr:
Pause

15:00 Uhr:
Wer Rechtsterrorismus verhindern will, muss seine Entstehung aufarbeiten. Der NSU-Komplex in Jena
Vortrag von NSU Komplex Auflösen Jena

Bei der Radikalisierung des späteren NSU kommt der Jenaer Stadtgesellschaft eine besondere Verantwortung zu. Die Neonazis und ihre Zeichen im öffentlichen Raum waren weithin sichtbar, Übergriffe gehörten zum gefährlichen Alltag. Einige warnten und engagierten sich, doch zu viele schauten weg. Auch über 20 Jahre nach den ersten Morden des NSU, 10 Jahre nach seinem öffentlichen Bekanntwerden und 3 Jahre nach dem Ende des Münchner Prozesses kann von einer Aufarbeitung des NSU-Komplexes keine Rede sein - weder auf Bundes- noch auf lokaler Ebene.
Doch welche Auseinandersetzungen in der Stadtgesellschaft sind ausstehend? Welche Lehren sind zu ziehen? In unserem Vortrag gehen wir auf die lange Zeit schleppende Aufarbeitung vor Ort ein und zeigen auf, weshalb es weiterhin unerlässlich ist, sich mit den lokaken Entstehungsbedingungen des NSU-Komplexes auseinanderzusetzen.

16:00 Uhr:
Zur Akzeptanz der Intoleranz – Jugendarbeit für Neonazis in den 90ern
Vortrag von Konrad Erben

Jena trägt eine besondere Verantwortung im und für den NSU-Komplex. Dass nicht nur das Kerntio, sondern auch viele seiner Unterstützenden aus Jena kamen, ist unstrittig. Von hier aus knüpften sie Kontakt zu überregionalen Neonazistrukturen, hier machten sie erste Organisierungserfahrungen, hier verübten sie erste Anschläge und Übergriffe, hier fanden sie Rückzugsräume unter dem Dach der akzeptierenden Jugendarbeit. Was war diese Akzeptierende Jugendarbeit, worauf zielte sie ab und wie fahrlässig war sie? Tragen Straßensozialarbeiter*innen eine Mitschuld für zehn Morde, drei Bombenanschläge und unzählige Überfälle? Welche Verantwortung tragen die Strukturen eines kommunalen Jugendamtes, das sie beschäftigte?

Der Vortragsabend ruft zur Auseinandersetzung mit diesen Fragen auf und liefert Impulse zum aktiven Hinschauen und der notwendigen lokalen Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex.

Im Anschluss:
Gemeinsames Gespräch mit NSU Komplex Auflösen Jena

17:00 Uhr:
Pause

18:00 Uhr:
Perspektiven, Bedürfnisse und Forderungen der Angehörigen;

Podiumsgespräch mit Elif Kubaşık
Moderation: Antje Schupp, Medine Yilmaz

Wenn man von institutionellem Rassismus und Staatsversagen spricht, sind die Erlebnisse der Angehörigen der Opfer des NSU während der Ermittlungen und des NSU-Prozesses ein erschütterndes Beispiel dafür. Eine offizielle Entschuldigung an sie steht bis heute aus. Umso mehr ist es eine große Ehre, dass sich Elif Kubaik Zeit nimmt, um persönlich über Perspektiven und Erfahrungen, aber auch über Erwartungen an den Staat und die Gesellschaft zu sprechen – und somit auch an uns.

20:00 Uhr:
Hinter den Spuren;
Filmworkshop mit Raquel Kishori Dukpa und Arpana Aischa Berndt

Der Film-Workshop »Hinter den Spuren« erkundet die filmische Darstellung rechten Terrors und des NSU-Komplexes. Anhand einzelner Filmausschnitte, dokumentarischer und fiktiver Arbeiten wollen wir gemeinsam der Frage nachgehen, wie Ereignisse wie der NSU, Halle und Hanau filmisch aufgearbeitet wurden und dem kulturellen Archiv dieser Ereignisse nachspüren. Wer ist für wen Identifikationsfigur? Worin besteht dieses Identifikationsangebot? Wessen Schmerz und Wut wird wie gezeigt? Dabei wollen wir nicht nur das Gesehene hinterfragen, sondern uns auch fragen, was nicht gezeigt wird und welche Grenzen der filmischen Darstellung es gibt.
Im Anschluss an den Workshop Vorführung des Films »Spuren«, Regie: Aysun Bademsoy
Voraussichtliches Ende des Workshops: 21:30 Uhr
Voraussichtliches Ende der Veranstaltung: 23:00 Uhr

Sonntag, 31.10.2021, Volksbad/ LISA (Stadtteilzentrum Lobeda):

11:00 - 15:00 Uhr
Spiegelsaal im LISA:
Doing Memory – Erinnerung selber machen;
Workshop mit Sophie Groß (BiLaN) und Serkan Ünsal (erklär mir mal…)

Während Jena oft als Ort zentriert wird, aus dem die Täter*innen stammen, möchten wir in diesem Workshop den Blick auf die Perspektiven und das politische Handeln Betroffener und mit ihnen solidarischer Menschen richten. Sie sind diejenigen, die Erinnerung an die vom NSU Ermordeten stetig wachhalten und verhindern, dass ein Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem NSU-Komplex gezogen wird. Sie stellen immer wieder die vielen offenen Fragen und fordern Aufklärung.

Dieser Workshop richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene ab 15 Jahren. Er beschäftigt sich mit dem NSU-Komplex, der Bedeutung von Gedenken und Erinnern und der Forderung nach Aufklärung. Im Workshop werden wir auch selbst kreativ und entwickeln eigene Formen des (öffentlichen) Gedenkens.

11:00 - 15:00 Uhr, d.h. parallel zum Workshop »Doing Memory«
Saal im LISA:
Close the Empathy Gap - with laughing, crying and silence; Meditation Workshop with Sigal Zouk
(in English)

Based on a meditation method by Osho. Overcoming the »Empathy-Gap« = inability to imagine another emotion than the one you find yourself in currently and learning how to connect to our un- laughed laughter, our un-cried tears, and our un- lived silence. The workshop allows us to drop the experience of getting »stuck in our minds« and connects us with the wisdom of our bodies and our hearts.

Kindly bring a yoga mat with you, if you own one. There will be further yoga mats at your disposal on site.

15:00 Uhr:
Pause / Umzug ins Volksbad

16:00 Uhr:
Erinnern heißt verändern – 20 Monate nach dem rassistischen Anschlag in Hanau
Vortrag und Gespräch mit der »Initiative 19. Februar«

Nach den rassistischen Morden in Hanau am 19. Februar 2020 haben wir uns auf Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen ein Versprechen gegeben: Dass die Namen der Opfer nicht vergessen werden. Dass wir uns nicht allein lassen. Dass es nicht bei folgenloser Betroffenheit bleibt. Was das für die Arbeit der Initiative 19. Februar Hanau in den 20 Monaten nach dem rassistischen Morden in Hanau bedeutet hat und noch bedeutet, wollen wir in dieser Stunde berichten.
Wir sprechen über den Kampf um soziale Gerechtigkeit, politische Konsequenzen, über lückenlose Aufklärung und Erinnerung an Ferhat, Hamza, Said Nesar, Vili, Mercedes, Kaloyan, Fatih, Sedat und Gökhan.

17:30 Uhr
Umzug zum Historischen Rathaus

18:00 Uhr
Historisches Rathaus/ Laubengang
Takdir – Die Anerkennung
Partizipative Performance von Ülkü Süngün

In dieser partizipativen Performance bringt die Künstlerin Ülkü Süngün interessierten Teilnehmenden in einer Eins-zu-eins-Situation, die korrekte Aussprache der Namen der zehn Mordopfer des NSU bei. Zum Abschluss einer einzelnen Sitzung werden alle Namen der Opfer gemeinsam mit der/dem Teilnehmer*in laut vorgetragen.

Mit jeder/m dazukommenden Teilnehmenden wird der »Chor der Sprechenden und Erinnernden« lauter. Es entsteht ein temporäres Denkmal an Enver imek, Abdurrahim Özüdoru, Süleyman Taköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, smail Yaar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Dieses Projekt versteht sich als Reflexion über Erinnerungskultur im öffentlichen Raum. Wem wird gedacht, wem nicht, und welche Rolle spielt Sprache dabei? Was bedeutet der Moment des Erinnerns für jede*n Einzelne*n von uns?

Besetzung

Konzeption + Umsetzung: Antje Schupp + Necati Öziri
Ausstattung: Christoph Rufer
Kooperateur: JenaKultur

Tickets & Infos

Samstag, 30. und Sonntag, 31. Oktober, LISA und Volksbad Jena

Der Eintritt ist kostenlos, wegen der geringen Platzkapazität bitten wir trotzdem, sich über tickets@theaterhaus-jena.de anzumelden. Bitte teilen Sie uns mit, welche der Einzelveranstaltungen Sie besuchen wollen.