I won't give up on this

Ein Abend in vier Welten vom Ensemble des Theaterhauses

Bewahren oder loslassen, konservieren oder erneuern, verteidigen oder erobern – oder all das zusammen, gleichzeitig.
Das Ensemble des Theaterhauses eröffnet die Spielzeit 2025/26 mit einem kollektiv gestalteten Abend, der vier eigenständige Welten entfaltet. Vier Welten, die mit vier verschiedenen Arbeitsweisen entwickelt wurden und doch von einer gemeinsamen Haltung getragen werden: dem Nicht-Aufgeben. Die einzige Konstante: der Raum. Kaleidoskopartig öffnet sich die Bühne für Erinnerungen und Zukunftsbilder. Selbstverfasste Texte, Zitate des Dadaismus, wissenschaftliche Visionen und choreographische Sequenzen zeichnen zarte wie gewaltvolle Momente des Aufbäumens nach: Was möchte ich nicht preisgeben? Und – wer ist dieses Ich?

Am Ende des Abends wird die Bühne dem Publikum geöffnet: für Begegnungen mit dem Ensemble und Gäst*innen – und zum Tanzen.

Die Welten im Überblick

„Wenn man den anderen für schwächer hält, kann man ihm eins auf den Mund geben. Wenn man ihn für stärker hält, lacht man mit.“ (aus Schmutziges Wochenende von Helen Zahavi)

l'amour toujours von Gigi D'Agostino, ikonischer Song des Eurodance-Genres, wurde im Sommer 2024 von jungen weißen Erwachsenen, die in einem Sylter Edelschuppen ihr Jungsein, ihre wohlhabenden Eltern und ihre Privilegien feierten, zu einem Song, der den gesellschaftlichen unverhohlenen Rechtsruck in der Bundesrepublik widerspiegelt. Anhand des Vorfalls beschäftigen wir uns mit dem uns aufgezwungenen Kulturkampf. Eine Dirty Care, der wir choreografisch und tanzend begegnen, in der wir nach Zärtlichkeit und Widerständigkeit suchen.
l’amourtoujours (reprise/dirtycare) untersucht, wie Nähe und Intimität auf Repression und Macht reagieren und wie sie sich bewahren lassen. Es stellt die Frage, wie Zerbrechlichkeit und Sorgearbeit in widerständigen Bewegungen erhalten bleiben können. Wir suchen nach Formen von Nähe, Widerstand und Selbstverteidigung. Wie gehen wir damit um, dass ein Song, der für uns Intimität und Rückzugsort bedeutet, faschistisch vereinnahmt wurde? Anhand der philosophischen Untersuchungen von Elsa Dorlin hinterfragen wir die Selbstverteidigungsdispositive unserer Gegenwart. Wir blicken auf Widerstandsbewegungen der Vergangenheit und die Grundlagen bürgerlicher Eigentumsversprechen. Dabei wollen wir von früheren Selbstverteidigungsbewegungen lernen und fragen, wie zukünftige revolutionäre und befreiende Bewegungen Intimität und Fragilität bewahren können, um eine gerechtere Gesellschaft zu gestalten.
l’amourtoujours (reprise/dirtycare) ist eine Choreografie und Inszenierung des Duos Hempel|calendal in Zusammenarbeit mit Musiker*in Jasmina Rezig für das Soundkonzept und Thato Kämmerer als Performerin und Tänzerin, eingebettet in der Produktion „I won’t give up on this“ am Theaterhaus Jena. Hempel|calendal arbeitet seit 2015 als Choreografie- und Inszenierungs-Duo und untersucht Künstlerisch die Verhältnisse und Bedingungen, unter denen Gesellschaftliches Leben organisiert ist.

 

Es spielen: Mona Louisa-Melinka Hempel, Thato Kämmerer, Jasmina Rezig
Regie: calendal
Choreographie: Mona Louisa-Melinka Hempel
Musik: Jasmina Rezig

Dieser Teil des Abends wird von dem Duo Hempel|calendal koproduziert.   

200 Jahre in der Zukunft: Der letzte Einwohner von Hiddensee – diesem Sehnsuchtsort, dieser Insel so flach und klein, dass die Ostsee sie zu verschlingen drohte. In dem hilflosen Versuch, die Insel vor dem steigenden Meeresspiegel zu bewahren, wurde sie von einer riesigen Betonmauer umstellt. Innerhalb der Mauern bewahrt der letzte Bewohner die Überbleibsel von Jahrhunderten von Einwohnerinnen, Urlaubern, Künstlerinnen. Er fragt sich, was vom Menschen übrig bleibt, wenn er geht. Bleibt nicht ein Zauber in den Gräsern und Sanddornsträuchern, wo der Mensch einst lebte, liebte, dichtete? Oder warum sonst übergeben wir Hiddensee nicht einfach dem Meer?
Jonathan Perleth besuchte in seiner Kindheit diese wunderschöne Insel, die ihre Magie so großzügig teilt. An der Küste ist die Klimakrise durch steigenden Meeresspiegel und Küstenerosion direkt spürbar. Bereits Anfang der 2000er Jahre war Hiddensee in Gefahr: Weil die Insel so schmal und flach ist, drohte sie auseinanderzubrechen. Küstenschutzmaßnahmen konnten das bisher verhindern. Doch wie weit ist der Mensch bereit zu gehen, wenn das Meer immer höher steigt? In der Auseinandersetzung mit Themen von Heimat, Abschied und Klimakrise schrieb Jonathan Perleth im Spätsommer 2025 den Text für diesen Monolog.

 

Es spielt: Jonathan Perleth

Kann man eine Revolution entfachen, indem man nichts macht?
Wer ist dieser Mann, der einfach dasteht?

Wir wagen die Revolution! Gegen den Irrsinn unserer Tage. Egal, wie stark der Gegenwind uns entgegen bläst, gespielt wird bis zum Tod. Krisen, Buchstabensalat und Nonsens. Gespielt wird um Leben und Tod auf der Suche nach Mut, Zuversicht und einer neuen Sprache. Das Ziel ist ernst, der Weg humorvoll.
Kurt Schwitters war selbst ein Revolutionär, in seiner Sprache und Kunst. Sie irrlichtet, provoziert und erheitert - Noch bis heute. Ihm war nichts zu alltäglich, um daraus Kunst zu machen.
Schwitters bewegte sich zwischen dem Nachbeben des Ersten Weltkrieges, der Weimarer Republik und dem Aufkommen des Zweiten Weltkrieges. Enttäuschung und Wut über die Heuchelei vergangener Glaubenssätze sowie Ängste im Angesicht einer ungewissen Zukunft führten zu Kämpfen zwischen Parteien, Ideologien und Populisten. Der Krieg hat sich vom Schlachtfeld in die Köpfe verlagert. Mit dem Krieg verfiel die vertraute Ordnung in Bruchstücke. Alle geltenden Sinnzusammenhänge verloren an Bedeutung.
Doch sie machten ihn nicht sprachlos: Er fing diese Bruchstücke auf und entwarf damit einen Anti-Kosmos, indem er alle gesellschaftlichen Konventionen mit seiner Kunst hinterfragte.
In dieser ungewissen Zukunft liegt eine Chance, nutzen wir sie!

Luana Velis begibt sich mit Schwitters Bilder- und Wortwelten auf die Drehscheibe. In der dadaistischen Geschichte wird die Frage aufgestellt, ob eine Person ausreicht, um die Welt aus den Angeln zu heben. Da steht sie nun, ganz alleine. Denn was braucht es, um Theater zu machen? Eine Spielerin und ihr Publikum.
Luana Velis entwickelt hiermit ihre fünfte Soloarbeit, indem sie selbst inszeniert und spielt. Für ihren ersten Soloabend "Viola Chilensis" erhielt sie eine Nominierung für den Folkwang Preis und ihre anderen Soli hatten Premiere u.a. am Residenztheater, am Staatsschauspiel Augsburg und auf dem Britney X Festival des Schauspiels Köln.

 

Es spielt: Luana Velis

einsam miteinander

geteilte Einsamkeit

allein im Chor

zusammen getrennt

vertraute Fremdheit

Einsamkeit im Duett

nah und doch unberührt

 

Saba Hosseini, Ioana Nițulescu und Florian Thongsap Welsch haben sich zusammen mit dem Musiker Jakob Zimmer-Harwood die Aufgabe gesetzt, ihren Teil des Abends aus dem Nichts zu entwickeln: Ohne vorher vorhandenen Theatertext, sogar ohne inhaltliche Setzung. Ab dem ersten Probentag haben sie zusammen diskutiert, geschrieben, Szenen entworfen, geprobt, wieder verworfen - und dadurch die Themen gefunden, die sie nicht loslassen können, die erzählt werden müssen. Aus dieser Methode entsteht eine Collage an Gedanken, Texte und Szenen, die auf spielerischem Weg über eine Welt erzählen, die unserer erschreckend nahekommt.
In solitär im kollektiv prallen intime Erinnerungen, gesellschaftliche Fragen und groteske Szenarien aufeinander. Drei Figuren taumeln durch Rampenlicht, Familiengeschichten, Meditationsklassen, Talkshows und ekstatische Rituale. Was passiert, wenn Pflanzen sterben, Patriarchat kracht und Gottheiten begehren? Mal leise und zärtlich, mal laut und absurd. Und die Frage: Wie viel Kollektiv steckt im Solitär?

Es spielen: Saba Hosseini, Ioana Nițulescu, Florian Thongsap Welsch
Musik: Jakob Zimmer-Harwood

Das ist die fünfte Welt.
Das ist unsere Welt.
Das ist eure Welt.

Nach dem Applaus wird das Publikum eingeladen, loszulassen: Kommt auf die Bühne, tanzt mit uns. Jasmina Rezig legt jeden Abend auf und schafft einen Raum der Gemeinschaft, der Herausforderung, des Kennenlernens. Der DJ-Set, inspiriert von den unterschiedlichen Welten des Stücks, bietet die Möglichkeit, gemeinsam den Abend mit Bass Music ausklingen zu lassen - und eine neue Welt zu beginnen.

 

Es legt auf: Jasmina Rezig bis 23:30 auf der Hauptbühne des Theaterhauses

 

Content-Note

Im ersten Teil des Abends kommen laute oder überraschende Geräusche vor, die unangenehm wirken oder erschrecken können. Das Barpersonal stellt Ihnen gerne Ohropax zur Verfügung. Die folgenden Teile des Abends gestalten sich akustisch ruhiger.

Im letzten Teil des Abends kommt ein Stroboskop-Licht zum Einsatz.

Impressionen

Termine

Derzeit keine Termine.

Team

Von und mit: calendal, Mona Louisa-Melinka Hempel, Lenni Hofer, Saba Hosseini, Thato Kämmerer, Ioana Nițulescu, Jonathan Perleth, Jasmina Rezig, Luana Velis, Florian Thongsap Welsch, Jakob Zimmer-Harwood
Ausstattung: Lenni Hofer
Dramaturgische Mitarbeit: Daniele Szeredy
Ausstattungsassistenz: Nio Läuter
Regieassistenz: Maru Schwanitz

Ein Teil des Abends wird in Kooperation mit dem Duo Hempel|calendal realisiert.