Guten Morgen, Zukunft
Das Private ist politisch / Frauen* in Ostdeutschland / Alte und neue Gemeinschaftsbilder
Ein Rechercheprojekt von Musa Kohlschmidt, Lea Knippenberg und Julius E. Böhm
Uraufführung: 30.01.2025
Gleich zu Beginn der Inszenierung wird der Boden der Probebühne des Theaterhauses befragt: „Also, wer ist dieser Boden im eigentlichen Sinne, oder was ist da drum herum, also wo kommst du eigentlich her, Boden, also, kuckuck, ist da wer?“ Der Boden antwortet, wie erwartet, nicht.
Musa Kohlschmidt, Lea Knippenberg und Julius E. Böhm haben ihre Arbeit am Theaterhaus mit dem Vorhaben angetreten, den Boden zu erforschen, der unter den Brettern liegt. Ostdeutschland. Was sind die Hinterlassenschaften der Vergangenheit, wie beeinflussen sie die Gegenwart, auf welche Zukunft deuten sie hin? Als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit diesen Fragen wählt das Regieteam das Buch „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander. Die österreichische Schriftstellerin, die zusammen mit ihrem Mann 1958 in die DDR zog, veröffentlichte 1977 ihre „Protokolle nach Tonband“, in denen Frauen unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft über ihre Erfahrungen, Wünsche und Alltagsabläufe im sozialistischen System erzählen. Das Buch wurde schlagartig zum Erfolg - sowohl in der DDR als auch in der BRD.
Fast fünfzig Jahre später setzt das Regieteam neue Protokolle auf. Auch ihre Suche stellt Frauen in den Mittelpunkt. Ihre Perspektive bildet sich im Spannungsfeld zwischen Öffentlichem und Privatem. Zwar ist Deutschland nun vereint, aber was ist von der Teilung in der Sozialisation geblieben? Durch Aufrufe, Bekanntschaften und Netzwerke unterschiedlicher Institutionen findet das Team sechzehn Gesprächspartnerinnen verschiedener Generationen in und um Jena, die anhand von Objekten und Orten ihre Geschichte nachzeichnen. Aus diesem Material entstehen Bühne, Kostüme und Texte dieser Stückentwicklung.
Die Sammlung von Fragestellungen und Lebenswegen verdichtet sich in drei Figuren: Rike, Zaia und Hannah. Verkörpert durch drei Schauspielerinnen des Theaterhauses, betreten sie die Bühne. Sie verwandeln das erst leere Spielfeld und laden die Zuschauenden auf einen Blick in ihren jeweiligen privaten Raum ein. Dort begegnen sie ihren symbolischen Müttern, die mit den Stimmen von Maxie Wanders Protokollen zu ihnen sprechen. Die ‚Töchter‘ treffen aufeinander. Sie vergleichen ihre Erfahrungen, ihre Erinnerungen, ihre Vorurteile, ihre Sorgen. Sie reflektieren über sich selbst und ihr Erbe. Sie trauern um das Vergangene. Sie befreien sich davon.
»Guten Morgen, Zukunft« handelt von dem versteckten Auftrag in allen Hinterlassenschaften, von der spürbaren Sehnsucht, Teil einer Geschichte zu sein, die weitererzählt wird. Die Schauspielerinnen nehmen das Publikum auf eine Reise durch diese Geschichten mit. Auf ihren krummen und gewundenen Wegen findet sich Anekdotisches, Wiedererkennbares, Gewohntes wie auch Neues. Sie werden überprüft auf die Abdrücke der Vergangenheit und befragt nach Spuren von Vorstellungen und Träumen.
Der Boden, der einst Grund „blühender Landschaften“ sein sollte, ist stumm. Der Riss durch die Geschichte, die Erfahrung eines verschwundenen Staates, geht durch die Körper von Frauen, von Familien und Generationen. Auf diesem geteilten Boden, darunter, drum herum, schlummern unsichtbare Geschichten. Ihre Nacherzählung bringt sie erst zum Vorschein, dadurch erwachen die privaten Gegenstände, in denen die Zeit eigeknotet ist, zum Leben. Und in diesem Vorgang ist die Möglichkeit von Veränderung gegeben, eine Sehnsucht nach Zukunft.
Altersempfehlung: ab 15
Uraufführung: 30.01.2025
Eine Produktion aus dem Programm »Open Call 2023/24«.
Das Theaterhaus Jena bedankt sich ausdrücklich bei allen Kuchenbäcker*innen, die für die »Guten Morgen, Zukunft«-Vorstellungen Kuchen gespendet haben oder wollen. Für alle »Guten Morgen, Zukunft«-Vorstellungen bis zum Ende der Spielzeit sind wir bestens versorgt. Sobald wir wieder Kuchenspenden benötigen, melden wir uns.
Termine
Derzeit keine Termine.
Impressionen
Team
Es spielen: Mona Louisa-Melinka Hempel, Thato Kämmerer, Luana Velis
Konzept + Text + Regie: Musa Kohlschmidt
Konzept + Bühne: Julius E. Böhm
Kostüm: Lea Knippenberg
Dramaturgie: Daniele Szeredy
Regieassistenz: Jonas Krüger
Ausstattungsassistenz: Nio Läuter
Maske: Heike Lindemann