Plakate in Zeiten der Pandemie

von Walter Bart

Die große Frage für uns – und für wahrscheinlich jedes Theater – ist in dieser Zeit: wie kommunizieren wir mit unserem Publikum und was vermitteln wir eigentlich? Was bedeutet es, ein Theater zu sein in einer Zeit, die keine Theaterbesuche zulässt? Üblicherweise kommunizieren wir mit unserem Publikum über unsere Vorstellungen, aber jetzt bleiben nur noch die Werbe- und Vermittlungsplattformen übrig: Plakate, Website und Social Media.

Unsere Botschaft in der erste Welle der Pandemie und unserer ersten Schließung (März/April 2020) war emotionaler Ausruf: Wir vermissen euch! Und das ist natürlich noch immer so. Aber auch an das Vermissen gewöhnt man sich – leider. Wann wird Vermissen zu Vergessen? Ja, manchmal fühlt es sich so an: wir haben fast vergessen, wie es mit euch als Publikum war. Aber das kann man schwer auf ein Poster drucken: »Wir haben euch vergessen!« Das hört sich wenig hoffnungsvoll an.

Wir haben das Glück, mit dem großartigen holländischen Fotograf Jan Dirk van der Burg arbeiten zu können. Seine Fotos sind immer humorvoll. Er zeigt Menschen in einer Art Hyperrealität voller Verletzlichkeit aber auch mit Liebe und Empathie. Eigentlich genau das, was wir uns auch von unsere Vorstellungen wünschen.

Nach der zweiten Schließung des Theaters (die schon so lange dauert, wie wir es uns in weitester Ferne nicht hätten vorstellen können) konnten wir nicht noch einmal schreiben, dass wir euch vermissen. »Oh nein, Scheiße, jetzt geht’s wieder los,« war eher die allgemeine Stimmung. Die Gesellschaft bereitete sich auf einen langen und dunklen Winter vor. Das einzige Licht in der dunklen Winterzeit, der Weihnachtsmarkt, wurde auch abgesagt. Jan Dirk hatte 2019 den Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz in Jena fotografiert. Er fotografierte eine Frau mit einem Glas Glühwein in der Hand; wir dachten, das Bild könnte 2020 ein Bild der Hoffnung werden. Aber was für einen Text schreibt man dazu? Unser Dramaturg (und Textzauberer) kam mit dem Vorschlag: »WIR SIND DICHT!«

Ich wusste nicht, dass »dicht« auch besoffen heißt, und war ganz froh über dieses Geschenk der deutschen Sprache (und unseres Dramaturgen)! Unser Theater ist dicht, genau wie die Weihnachtsmärkte, aber wir Menschen können uns trotzdem betrinken. Was für eine schöne Ironie. Das Plakat kam gut an in der Stadt und hat sein Ziel erreicht. Wir lassen uns nicht entmutigen. Zusammen halten wir durch, mit Humor, und mit einem Schnaps.

Als Ende Januar deutlich wurde, dass der theaterlose Winter noch länger dauern würde, wollten wir unserem Publikum wieder eine Nachricht schicken. Aber mit welcher Botschaft? Wir entschieden uns für eine Impfkampagne, denn wir glauben, dass Impfen der schnellste Weg zum normalen Theaterbesuch ist.

Wir bekamen viele Reaktionen und Nachfragen zu diesem Bild. Für uns waren das Bild und der Text sehr klar. »JETZT IMPFEN LASSEN. DABEI SEIN AM MÄNNERTAG.« Wir lassen uns impfen, damit wir bald wieder mehr Freiheiten haben, um das Theater zu besuchen – zum Beispiel. Wenn man unter Freiheit nicht einen Theaterbesuch, sondern das Feiern des Männertages versteht, ist das aber ein genauso guter Grund, sich impfen zu lassen. Die drei Jungs auf einem der Motive sind ohnehin so jung, dass sie wahrscheinlich noch gar nicht trinken dürfen – aber ohne Impfung hat auch die Jugend dieses Jahr keine Chance darauf, wieder Partys zu feiern.

»Meint ihr das im Ernst?«, wurden wir oft gefragt. Natürlich. Wir glauben an Impfen; wir müssen das nur eben nicht so ernsthaft wie die Bundesregierung oder das RKI vermitteln. Wir können es mit einem Augenzwinkern tun. Und das ist vielleicht auch unsere Botschaft an die Impfskeptiker: Erst Spritze, dann Aperol Spritz! So hoffen wir Luft in die Impfdebatte zu bringen. Denn mal ehrlich, die Anspannung um das Thema, die ist uns manchmal fremd und hilft keinem weiter.

Anfang März ’21 beschlossen wir dann, hoffnungsvoll, dass es Zeit geworden war für eine positive Kampagne. Wir freuten uns auf eine mögliche Wiedereröffnung. Als Bild hatte unsere Designerin ein Foto von Jan Dirk gefunden, worauf ein Mann zu sehen ist, der in einer selbst gebauten »Sauna -Tonne« allein in seinem Garten steht. Dazu schrieb unser Dramaturg den Slogan: »RAUS AUS DER ISOLATION!« Wir müssen raus, wir wollen raus. Diese absurde Isolation halten wir nicht mehr aus. Wir waren so von unserer Botschaft überzeugt, dass wir uns sogar für ein Ausrufezeichen entschieden hatten.

Etwas vorschnell, denn die Mutante war angekommen und die dritte Welle stand bevor. Aber der Entwurf des neuen Plakats lag schon beim Drucker. Wir konnten zum Glück im letzten Moment noch ein Fragezeichen einfügen. Wir wollen Leute während der Krise nämlich nicht dazu aufrufen, sämtliche soziale Kontakten wieder aufzugreifen. Die Leute, die unsere Impfkampagne nicht gut fanden, würden sich bestimmt freuen, aber das medizinische Personal ganz sicher nicht. Auch jetzt glauben wir, dass Ironie uns helfen kann. Schaut den Mann in der Tonne an. Kein Querdenker würde das Bild benutzen, um die Bundesregierung zu kritisieren. Mit diesem Mann können wir aber deutlich machen, dass diese dritte Welle einfach eine Welle zuviel ist.

Machen wir uns also gemeinsam auf diese dritte Welle gefasst. Auch wenn wir das Gefühl eurer Anwesenheit schon fast vergessen haben, wir wollen euch heil und gesund wieder zurücksehen, zu Pfingsten oder allerspätestens im Sommer. Oder im Herbst.

Wir sagen euch Bescheid, wahrscheinlich mit einem neuen Plakat. Prost!

Walter Bart

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