Warum Theater?

Sicht auf den Turm in der Stadtmitte von Jena (c) Maarten van Otterdijk

Warum Theater? (Schnitt: Matthias Pick)

Plakate in Zeiten der Pandemie

von Walter Bart

Die große Frage für uns – und für wahrscheinlich jedes Theater – ist in dieser Zeit: wie kommunizieren wir mit unserem Publikum und was vermitteln wir eigentlich? Was bedeutet es, ein Theater zu sein in einer Zeit, die keine Theaterbesuche zulässt? Üblicherweise kommunizieren wir mit unserem Publikum über unsere Vorstellungen, aber jetzt bleiben nur noch die Werbe- und Vermittlungsplattformen übrig: Plakate, Website und Social Media.

Unsere Botschaft in der erste Welle der Pandemie und unserer ersten Schließung (März/April 2020) war emotionaler Ausruf: Wir vermissen euch! Und das ist natürlich noch immer so. Aber auch an das Vermissen gewöhnt man sich – leider. Wann wird Vermissen zu Vergessen? Ja, manchmal fühlt es sich so an: wir haben fast vergessen, wie es mit euch als Publikum war. Aber das kann man schwer auf ein Poster drucken: »Wir haben euch vergessen!« Das hört sich wenig hoffnungsvoll an.

Wir haben das Glück, mit dem großartigen holländischen Fotograf Jan Dirk van der Burg arbeiten zu können. Seine Fotos sind immer humorvoll. Er zeigt Menschen in einer Art Hyperrealität voller Verletzlichkeit aber auch mit Liebe und Empathie. Eigentlich genau das, was wir uns auch von unsere Vorstellungen wünschen.

Nach der zweiten Schließung des Theaters (die schon so lange dauert, wie wir es uns in weitester Ferne nicht hätten vorstellen können) konnten wir nicht noch einmal schreiben, dass wir euch vermissen. »Oh nein, Scheiße, jetzt geht’s wieder los,« war eher die allgemeine Stimmung. Die Gesellschaft bereitete sich auf einen langen und dunklen Winter vor. Das einzige Licht in der dunklen Winterzeit, der Weihnachtsmarkt, wurde auch abgesagt. Jan Dirk hatte 2019 den Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz in Jena fotografiert. Er fotografierte eine Frau mit einem Glas Glühwein in der Hand; wir dachten, das Bild könnte 2020 ein Bild der Hoffnung werden. Aber was für einen Text schreibt man dazu? Unser Dramaturg (und Textzauberer) kam mit dem Vorschlag: »WIR SIND DICHT!«

Ich wusste nicht, dass »dicht« auch besoffen heißt, und war ganz froh über dieses Geschenk der deutschen Sprache (und unseres Dramaturgen)! Unser Theater ist dicht, genau wie die Weihnachtsmärkte, aber wir Menschen können uns trotzdem betrinken. Was für eine schöne Ironie. Das Plakat kam gut an in der Stadt und hat sein Ziel erreicht. Wir lassen uns nicht entmutigen. Zusammen halten wir durch, mit Humor, und mit einem Schnaps.

Als Ende Januar deutlich wurde, dass der theaterlose Winter noch länger dauern würde, wollten wir unserem Publikum wieder eine Nachricht schicken. Aber mit welcher Botschaft? Wir entschieden uns für eine Impfkampagne, denn wir glauben, dass Impfen der schnellste Weg zum normalen Theaterbesuch ist.

Wir bekamen viele Reaktionen und Nachfragen zu diesem Bild. Für uns waren das Bild und der Text sehr klar. »JETZT IMPFEN LASSEN. DABEI SEIN AM MÄNNERTAG.« Wir lassen uns impfen, damit wir bald wieder mehr Freiheiten haben, um das Theater zu besuchen – zum Beispiel. Wenn man unter Freiheit nicht einen Theaterbesuch, sondern das Feiern des Männertages versteht, ist das aber ein genauso guter Grund, sich impfen zu lassen. Die drei Jungs auf einem der Motive sind ohnehin so jung, dass sie wahrscheinlich noch gar nicht trinken dürfen – aber ohne Impfung hat auch die Jugend dieses Jahr keine Chance darauf, wieder Partys zu feiern.

»Meint ihr das im Ernst?«, wurden wir oft gefragt. Natürlich. Wir glauben an Impfen; wir müssen das nur eben nicht so ernsthaft wie die Bundesregierung oder das RKI vermitteln. Wir können es mit einem Augenzwinkern tun. Und das ist vielleicht auch unsere Botschaft an die Impfskeptiker: Erst Spritze, dann Aperol Spritz! So hoffen wir Luft in die Impfdebatte zu bringen. Denn mal ehrlich, die Anspannung um das Thema, die ist uns manchmal fremd und hilft keinem weiter.

Anfang März ’21 beschlossen wir dann, hoffnungsvoll, dass es Zeit geworden war für eine positive Kampagne. Wir freuten uns auf eine mögliche Wiedereröffnung. Als Bild hatte unsere Designerin ein Foto von Jan Dirk gefunden, worauf ein Mann zu sehen ist, der in einer selbst gebauten »Sauna -Tonne« allein in seinem Garten steht. Dazu schrieb unser Dramaturg den Slogan: »RAUS AUS DER ISOLATION!« Wir müssen raus, wir wollen raus. Diese absurde Isolation halten wir nicht mehr aus. Wir waren so von unserer Botschaft überzeugt, dass wir uns sogar für ein Ausrufezeichen entschieden hatten.

Etwas vorschnell, denn die Mutante war angekommen und die dritte Welle stand bevor. Aber der Entwurf des neuen Plakats lag schon beim Drucker. Wir konnten zum Glück im letzten Moment noch ein Fragezeichen einfügen. Wir wollen Leute während der Krise nämlich nicht dazu aufrufen, sämtliche soziale Kontakten wieder aufzugreifen. Die Leute, die unsere Impfkampagne nicht gut fanden, würden sich bestimmt freuen, aber das medizinische Personal ganz sicher nicht. Auch jetzt glauben wir, dass Ironie uns helfen kann. Schaut den Mann in der Tonne an. Kein Querdenker würde das Bild benutzen, um die Bundesregierung zu kritisieren. Mit diesem Mann können wir aber deutlich machen, dass diese dritte Welle einfach eine Welle zuviel ist.

Machen wir uns also gemeinsam auf diese dritte Welle gefasst. Auch wenn wir das Gefühl eurer Anwesenheit schon fast vergessen haben, wir wollen euch heil und gesund wieder zurücksehen, zu Pfingsten oder allerspätestens im Sommer. Oder im Herbst.

Wir sagen euch Bescheid, wahrscheinlich mit einem neuen Plakat. Prost!

Walter Bart

»Kinder und Jugendliche haben das Recht auf Teilhabe an Kunst und Kultur, auch und gerade in Krisenzeiten« - ASSITEJ-Manifest

ASSITEJ, die Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche, ist der Ansicht, dass noch viel mehr getan werden muss, um den Verpflichtungen aller Länder in Bezug auf die Artikel 13 und 31 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes nachzukommen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie. Gerade jetzt wird sichtbar, wie dringlich es ist, für jedes Kind die gleichen Chancen und Teilhabemöglichkeiten zu schaffen und wie notwendig es ist, die Welt für alle Kinder gesund und nachhaltig zu gestalten. Kunst und Kultur spielen für unser Zusammenleben eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen es uns, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen unsere Phantasie zu nutzen, um eine Welt zu schaffen, in der wir gemeinsam besser leben. Die Künste sind aktuell besonders verletzlich, da sie wirtschaftlich stark von der Krise betroffen sind. Die Künste sind nicht nur zentrale Ausdrucksform des menschlichen Seins, sondern auch Ort der kritischen Reflexion und Grundlage für ein gesundes soziales Miteinander. Kinder und Jugendliche haben das Recht, auch und gerade in Krisenzeiten, Zugang zu Kunst und Kultur zu erhalten und daran teilzuhaben.Obwohl wir wissen, dass jedes Land und jede Region ihre spezifischen Kontexte, Systeme und Sorgen hat, verstehen wir dieses Manifest als universellen Appell, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche durch die Auseinandersetzung mit den Künsten wachsen können. ASSITEJ empfiehlt, Kinder und Jugendliche aktiv zu beteiligen. Sie sollten als Berater*innen und Partner*innen einbezogen und ihre Meinungen und Ansichten auf allen Ebenen berücksichtigt werden (vgl. Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention).

Lesen Sie das gesamte Manifest, es lohnt sich!

Stellungnahme zum Haushaltssicherungskonzept

Wir, das Theaterhaus Jena, möchten unseren Rückzug aus dem Bündnis »HSK - so nicht« hiermit bekannt geben und erklären.
Der Haushaltsnotstand, den die Stadtverwaltung ausgerufen hat, und das damit einhergehende Haushaltsicherungskonzept (HSK), das jedoch noch nicht endgültig vom Stadtrat verabschiedet wurde, bedeuten ein Dilemma für Jena. Die Kosten der Corona-Pandemie für die Stadt sollen nun durch Kürzungen innerhalb der freiwilligen Leistungen der Stadt aufgefangen werden. Dabei zeigt sich schnell, welche Leistungen im Etat der Stadt »freiwillig« sind: Es sind all diejenigen, die eine Stadt wie Jena lebenswert und lebendig machen, Kultur, soziale Infrastruktur - all jene eben, die das solidarische Zusammenleben in unserer Stadt maßgeblich prägen.

Im Rahmen des HSK sind Kürzungen beim Großteil der kulturellen und sozialen Akteure vorgesehen, weshalb wir als Theaterhaus Jena uns solidarisch an die Seite unserer Partner*innen in Jena stellen. Für uns als Gesellschaft braucht es gerade jetzt psychosoziale Einrichtungen, die die Folgen der monatelangen Isolation bekämpfen, kulturelle Institutionen, die Zusammenkunft und Austausch ermöglichen - kurzum, eine lebendige Stadtgesellschaft entsteht nicht allein durch eine gut instand gehaltene Verkehrsinfrastruktur und Wirtschaftsförderung. Das Theaterhaus Jena lässt deshalb nicht locker, die Stadtgesellschaft daran immer wieder zu erinnern, hat aber auch Vertrauen in den von uns Bewohner*innen dieser Stadt gewählten Stadtrat, der mit wenigen Ausnahmen sich der Tragweite der momentanen Situation und der damit einhergehenden Gefahren bewusst ist.

Denn Gefahren lauern. Das Ausspielen von Kultur gegen Soziales ist ein populistischer Trick, so alt wie die Politik selbst. Dort, wo Fronten entstehen, kann eine Gesellschaft als Ganzes nicht mehr wachsen. Wir verwehren uns deshalb der Schaffung von gesellschaftlichen Fronten, wie sie am Samstag bei der »HSK - so nicht«-Demo im Landgrafenviertel unter anderem durch eine Postwurfsendung erfolgte. Die Folgen der Pandemie, einer Naturkatastrophe ohne menschliche Verursacher, müssen wir gemeinsam und solidarisch miteinander tragen - also weder nur der kulturell-soziale Bereich, noch nur »die Reichen«, die am Wochenende angesprochen werden sollten.

Wir distanzieren uns deshalb von dem Bündnis, welches diese Demonstration veranstaltet hat. Das Theaterhaus Jena unterstützt die Kritik am HSK weiterhin und steht solidarisch zusammen mit den Unterstützer*innen des Bündnis', jedoch entgegen den Vorgehensweisen des Bündnisses und dessen Diskurs-Vorstellungen. Das Theaterhaus Jena ist für eine solidarische Stadtgemeinschaft, für Kultur und für Soziales.

Heike Faude & Walter Bart,
stellvertretend für das Theaterhaus Jena