We`ll be Bach!

Mieke Sander absolviert in der Spielzeit 2019/20 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr in der Dramaturgie des Theaterhauses Jena. Hier schreibt sie über ihre Eindrücke in der ersten Produktion, die sie am Theaterhaus begleitet hat:

Als klar wurde, dass ich die Co-Regieassistenz der Stückentwicklung »Bach! – Tanztheater zu den Goldberg-Variationen« übernehmen würde, habe ich mir viele Fragen gestellt. Ich hatte keinerlei Vorstellungen, was das Theaterhaus mit dem barocken Komponisten vorhatte. Bekannt war es doch eher für moderne Stücke. Modern, Tanz und Bach? Für mich klang das unvereinbar. Ich sah vor mir schon einen weiteren Abend, der zwar nur eine Stunde dauerte, sich jedoch anfühlte wie 20, gepaart mit Wadenschmerzen vom Geradesitzen.

Doch es kam ganz anders. Meine ersten Wochen im Theaterhaus Jena als FSJlerin waren voll von Abwechslung und viel, sehr viel Gelächter. Die Goldberg-Variationen werden live am Cembalo gespielt, wie es in Bachs Komposition ursprünglich vorgesehen war, bevor etwa Glenn Gould das Werk für das Piano interpretierte. Die Musik ist Teil des Bühnengeschehens, doch zum Bühnenbild bleibe ich am besten noch diskret und lasse Ihnen die Überraschung!

Ich erfuhr erst nach und nach, dass die Goldberg-Variationen damals für einen Grafen geschrieben wurden, der sich Musik zum Einschlafen gewünscht hatte. Bachs Musik war sozusagen seine Beruhigungstablette, zu der wir nun Tanz mithilfe von Improvisationen entwickeln. Beruhigend sind die Variationen zwar nicht, sie sind wohl eher als aufregend und abwechslungsreich zu beschreiben, oft auch als wild und schnell, doch die Geschichte des Grafen bleibt bis heute ein schöner Mythos, den ich Ihnen nicht vorenthalten wollte.

Wir arbeiten nicht mit klassischem Tanz, der nur hübsch anzusehen ist (ist er auch, aber Sie wissen, was ich meine). Vielmehr entwickeln die Tänzer*innen in den Proben ihre eigene Bewegungssprache, aus der sich immer wieder Assoziationen, Gefühle und Bewegungsimpulse ergeben. Allein durch Mimik, Gestik und Bewegung werden die Tänzer*innen und die Musik Sie in eine ganz eigene Welt entführen und Ihnen Bach auf eine ganz neue Art und Weise zeigen.

Darüber hinaus arbeiten wir mit Monologimprovisationen, die sich humoristisch, unterhaltsam und kritisch der Bach-Forschung, sowie Bachs Leben nähern. Selbst ich als Bach-Neuling lerne nicht nur, sondern muss in jeder Probe so viel lachen, dass ich ganz vergesse, dass dies meine Arbeit ist. Das habe ich aber sicherlich auch dem Team zu verdanken, das mit sehr viel Freude und Gelassenheit probt.

Kommen Sie gerne am 06. November 2019 zur Premiere von »Bach! – Tanztheater zu den Goldberg-Variationen« und lassen Sie sich überraschen, was sich mit Barock so alles anstellen lässt. Die Türen stehen jedem offen, ob in Jeans oder Abendgarderobe, ob jung oder alt, jedem das, was ihm oder ihr Wohlgefühl verschafft.

Mieke Sander

Mit dem Semesterticket umsonst ins Theater

Und so geht’s:

  • Berechtigt sind alle Studierenden der FSU und EAH mit gültigem Semesterticket.

  • Möglich ist der Besuch aller Repertoire- Vorstellungen des Theaterhauses, Sonderveranstaltungen sind ausgenommen.

  • Das kostenlose Kulturticket erhaltet Ihr unter Vorlage Eurer persönlichen THOSKA in der Tourist-Information Jena oder an der Abendkasse.

  • Das Theaterhaus Jena verfügt nur über eine geringe Platzkapazität. Wir empfehlen, die Tickets im Vorverkauf in der Tourist-Information abzuholen oder sich für die Abendkasse im Theaterhaus reservieren zu lassen (03641/886944, tickets@theaterhaus-jena.de).

Gespräch mit der Autorin Anne Jelena Schulte

Pünktlich zur Premiere von »Wo ist das Theater?« haben wir uns mit der Autorin Anne Jelena Schulte getroffen, um mit ihr über die Arbeit an diesem Stück zu sprechen.

Theaterhaus Jena:
Liebe Jelena, du arbeitest mit »Wo ist das Theater?« das erste Mal mit Wunderbaum und am Theaterhaus Jena. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Anne Jelena Schulte:
Walter Bart von Wunderbaum und ein Dramaturg vom Haus bekamen die Empfehlung, dass ich gut zu ihnen passen würde, und sind sich meine letzte Produktion ansehen gefahren Danach haben wir gesprochen. Ich fand das Thema und die Idee, Zeitgeschichte anhand des Theaterbaus und dessen Bespielung zu erzählen, sehr schön, weil mich die Wendezeit selber eigentlich permanent beschäftigt, weil ich ja in Berlin aufgewachsen bin und selbst noch Erinnerungen daran habe, wie die Mauer gefallen ist.

Theaterhaus Jena:
Bist du in West- oder Ost-Berlin groß geworden?

Anne Jelena Schulte:
In West-Berlin. Ich weiß noch, was das für mich für ein Schock war, weil die Mauer eigentlich etwas war, das ich nie infrage gestellt habe, da ich ja selbst noch ein Kind war und das für mich so war wie ein Stück Natur. Das gehörte einfach dazu zum Stadtbild und zu Berlin. Ich habe mich nie gefragt, ob da irgendetwas daran falsch oder sonderbar ist. Und dann plötzlich fiel diese Mauer und ich habe mich so betrogen gefühlt, weil mir bis dahin völlig unklar war, dass sich dahinter eine ganze Welt verbirgt, Menschen, Dörfer, Tiere. Ich dachte immer, wenn man Bauernhöfe und Tiere sehen will muss man nach Westdeutschland fahren. Meine DDR-Erfahrung war, dass wir unsere Verwandten in Westdeutschland besucht haben und nur über die Transit-Autobahn dorthin gekommen sind - DDR hieß für mich Transit-Autobahn. Erst nach dem Mauerfall habe ich verstanden, was mir alles vorenthalten wurde, was es für schöne Seen gibt ganz nah von dort, wo wir gewohnt haben. Und ich dann auch die Veränderung sehr mitbekommen habe, meine erste eigene Wohnung am Prenzlauer Berg hatte und da damals ja noch lauter alte Menschen gewohnt haben, die in der DDR als Fabrikarbeiter gearbeitet haben, und diese Menschen verschwanden alle plötzlich. Ich fing an, die Komplexität der Situation zu erfassen und habe dann Theaterarbeiten darüber gemacht mit dem DT (Deutsches Theater Berlin, Anm. TM). Das war ein Vorschlag und Wunsch von mir, dort habe ich dann die letzten DDR-Arbeiter, die ich am Prenzlauer Berg noch finden konnte, interviewt und daraus ein Stück geschrieben. Um deren Blick auf diese Veränderung einzufangen. Ich habe das Gefühl, dass über dieses Thema nach wie vor zu wenig gesprochen wird und gesprochen wurde. Deshalb war ich eigentlich sehr froh über die Idee des Theaterhauses Jena, diese Zeit nochmal aufzunehmen und zu reflektieren. Und deshalb habe ich mich sehr gerne zu dieser Zusammenarbeit entschlossen.

Theaterhaus Jena:
Und gleichzeitig erzählen wir ja auch noch eine gegenteilige Geschichte, eine Aufbruchsgeschichte, eine Geschichte, in der dieser Umbruch sich zu einer Utopie für diejenigen gewandelt hat, die sich sonst sich eigentlich erstmal neu erfinden mussten.

Anne Jelena Schulte:
Genau. Für mich hing auch in Berlin genau diese Aufbruchsstimmung mit der Jugendzeit zusammen, also so 15, 16 Jahren alt sein, alles irgendwie offen, ganz viele undefinierte Orte, überall entstand Neues, Subkultur ohne Ende, Freiräume. Deshalb glaube ich, dass ich für diese Stimmung ein Gefühl habe, was das war in dieser Zeit und das ich auch sehr schön finde, es als Anlass zu nehmen. Dem nochmal nachzuspüren und nachzudenken und eben diese Idee zu entwickeln, dass wir n Jena mit den Techno-Leuten zusammen zu arbeiten, was für mich auch für diesen Zeitgeist steht, diese Aufbruchsstimmung. Ich finde, dass in dieser Produktion beides vorkommt, einerseits die Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeiten und gleichzeitig aber auch die Utopie. Ich mag, dass wir das von beiden Seiten beleuchten.

Theaterhaus Jena:
Und wie entsteht der Text während deines Arbeitsprozesses, wie generierst du die Zeitzeugenschaft, die darin vorkommt?

Anne Jelena Schulte:
Da hat das Theater mich in Kontakt gebracht mit den langjährigen Mitarbeitern am Haus, die eben in dieser Zeit des Aufbruchs, Anfang der 90er, hier begonnen haben zu arbeiten oder teilweise auch vorher schon und schön berichten können aus dieser Zeit und von diesem Wandel. Dieses Interviewmaterial nehme ich dann als Grundlage, um es zu verschneiden, zu kollagieren, um daraus Texte zu bauen.

Theaterhaus Jena:
Du hast auch Zufallstexte und -gespräche gesucht und gefunden, du hast ja nicht nur mit den Mitarbeiter*innen am Haus gesprochen, sondern bist auch auf gut Glück einfach in die Stadt gegangen.

Anne Jelena Schulte:
Genau, der Titel des Stückes ist ja „Wo ist das Theater?“, und das finde ich erstmal sehr schön als Annäherung, dass es nicht nur um ein historisches Stück geht, sondern zuerst darum: Wo ist das Theater heute? Einmal rein räumlich, aber eben auch in der Vorstellung der Menschen, was bedeutet das? Ich bin auf die Straße gegangen und habe im nahen Umkreis des Theaters Leute angesprochen, ganz zufällig. Alte Damen in der Fußgängerzone, Menschen, die hier Geschäfte betreiben, und so bin ich langsam von außen immer tiefer in das Theater und seine Geschichte eingestiegen, das war die Idee.

Theaterhaus Jena:
Wie ist es für dich jetzt hier auf den Proben? Du begleitest den gesamten Probenprozess und stehst selbst mit auf der Bühne. Wie läuft so ein Probentag ab und wie ist das für dich?

Anne Jelena Schulte:
Wir haben als Erstes das ganze von mir generierte Material gemeinsam gelesen, die ganzen Interviewtranskripte und darüber diskutiert. Im zweiten Schritt habe ich mich dann zurückgezogen und angefangen, daraus Theatertexte zu bauen, die wir dann gemeinsam auf den Proben ausprobieren. Mir hilft es, dass ich immer dabei bin, da es ja wirklich um das Haus geht, da finde ich es sehr konsequent, das auch im Haus zu entwickeln. Grundsätzlich bin ich einfach gerne dabei bei dem Prozess, zu wissen: wer macht das, wer sind die Spieler*innen. Das ein bisschen vor Augen zu haben beim Schreiben.

Theaterhaus Jena:
Also ein gemeinschaftliches kollektives Probenerlebnis?

Anne Jelena Schulte:
Absolut. Wie wir dann gemeinsam Ideen entwickeln, welche Szenen noch fehlen könnten oder was ergänzt werden muss. Das so fein miteinander abzustimmen, macht total Sinn. Dadurch, dass auch alle Spieler*innen bei der Entstehung dabei sind, habe ich das Gefühl, dass das alle mitdenken, fast körperlich, sich anders verbinden, als wenn das jetzt ein fertiges Stück wäre, das einfach auswendiggelernt wird. Das ist einfach lebendiger.

Theaterhaus Jena:
Vielen Dank für das Gespräch.