Theaterhaus Jena // Lesekreis

Corona hat uns fest im Griff. Deshalb ist es still geworden ums Theaterhaus. Denn Theater ist Anwesenheit im Raum, ist Präsenz, Publikum und Spielende einander gegenüber. Wie lässt sich das mit dem sogenannten social distancing kombinieren? Das ist gar nicht so einfach und führt uns dahin, dass wir, statt zu spielen, mit Ihnen forschen. Während wir im Homeoffice für Sie eine Zukunft vorbereiten, von der wir noch nicht genau absehen können, was sie für uns bereithält, empfehlen wir Ihnen Bücher, Filme und anderes, die Sie und uns durch diese sozial distanzierte Zeit bringen und teilweise auch noch Hintergründe für Ihren nächsten Besuch bei uns bereitstellen.

Und wenn Sie Bücher bestellen, unterstützen Sie doch lokale Händler wie die Jenaer Bücherstube, die Ihnen alles nach Hause liefert. Und nun: Willkommen im Theaterhaus Jena Lesekreis. Und manchmal wird aus dem Lesekreis auch ein Filmclub.

Theaterhaus Jena // Lesekreis #1:

»Retroland« von Valentin Groebner bringt Ihnen Wissen für die verschobene Premiere von »Zur Wartburg«.
In »Zur Wartburg« bauen wir die alte Wartburg-Kneipe aus dem Damenviertel wieder auf. Damit rekonstruieren wir eine imaginierte Historie. Genau diesem Phänomen widmet sich der Historiker Valentin Groebner in seinem Buch »Retroland«. Anhand rekonstruierter historischer Innenstädte, historischer Gedenktage und deren Verbindung mit dem Komplex des Tourismus erklärt er uns, wie das vermeintlich historische vor allem davon erzählt, wie wir uns Vergangenheit vorstellen. Bedeutet das jedoch nicht gleichzeitig eine Entwertung der »historischen« Stätten, die zumeist rekonstruiert oder über Jahrhunderte immer wieder ergänzt wurden, bis die Idee der historischen Authentizität ad absurdum geführt ist? Prosaisch leicht und wissenschaftlich informiert reist Valentin Groebner mit seinen Leser*innen durch die Jahrhunderte, zitiert Reisende vergangener und gegenwärtiger Zeiten und besucht historische Feste und Bauten – bis wir die Welt mit anderen Augen betrachten und aus Geschichte eine Ansammlung von Geschichten wird.

Wenn Sie dieses Buch lesen wollen, bestellen Sie es doch bei einem lokalen Buchhändler, etwa der Jenaer Bücherstube, die direkt an Ihre Haustür liefert und Ihre Unterstützung dringender braucht als Amazon. Viel Spaß beim Lesen.

Unser Spielzeitplakat // zweite Hälfte

NACKT – unser Podcast dazu

Am 22., 23. und 24. Januar präsentieren wir wieder NACKT von Lizzy Timmers. Hier ist ein Podcast von unserem Dramaturgen Thorben Meißner zum Thema. Viel Spaß beim Hören!

Der Wolf hat eine Persönlichkeitsstörung. [Tina Keserovic]

Einblicke in die Proben von »Ein Schaf fürs Leben«

»Treffen sich ein Schaf und ein hungriger Wolf...  – was normalerweise bereits das Ende der Geschichte ist, stellt sich in »Ein Schaf fürs Leben« als Anfang heraus. Denn das Schaf (das nicht weiß, dass es Wolfsfutter ist) begegnet ihm freundlich und stürzt den Wolf so in eine tiefe Identitätskrise. Um das Schaf in Ruhe fressen zu können, lockt er es mit dem Versprechen auf »unvergessliche Erfahrungen« aus dem Stall. (...)«
Aber wie sieht das aus, wenn ein Schauspieler ein Schaf spielt? Wie wird aus einer Schauspielerin ein Wolf? Im Verlauf von sechs Wochen Probenzeit wird aus Ausprobieren, Andeutungen und nacktem Text langsam ein ganzer Theaterabend voller Musik, Geräuschkulisse und natürlich ganz viel Schauspiel und Spaß.
Doch bis dahin wird sich noch viel Neues entwickeln und auch das Bühnenbild wird mehr und mehr Form annehmen. Was in den Proben noch eine Liege ist, wird in den Vorstellungen ein Bett sein, was durch einen Teppich angedeutet ist, wird ein See werden und überhaupt erwartet uns auch noch eine rutschige Überraschung im Bühnengeschehen.
Wie sich das Stück bis zur Premiere am 6. Dezember 2019 noch entwickeln wird? Wir sind gespannt.
[Text: Mieke Sander / Foto: Helene Gööck]

We`ll be Bach!

Mieke Sander absolviert in der Spielzeit 2019/20 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr in der Dramaturgie des Theaterhauses Jena. Hier schreibt sie über ihre Eindrücke in der ersten Produktion, die sie am Theaterhaus begleitet hat:

Als klar wurde, dass ich die Co-Regieassistenz der Stückentwicklung »Bach! – Tanztheater zu den Goldberg-Variationen« übernehmen würde, habe ich mir viele Fragen gestellt. Ich hatte keinerlei Vorstellungen, was das Theaterhaus mit dem barocken Komponisten vorhatte. Bekannt war es doch eher für moderne Stücke. Modern, Tanz und Bach? Für mich klang das unvereinbar. Ich sah vor mir schon einen weiteren Abend, der zwar nur eine Stunde dauerte, sich jedoch anfühlte wie 20, gepaart mit Wadenschmerzen vom Geradesitzen.

Doch es kam ganz anders. Meine ersten Wochen im Theaterhaus Jena als FSJlerin waren voll von Abwechslung und viel, sehr viel Gelächter. Die Goldberg-Variationen werden live am Cembalo gespielt, wie es in Bachs Komposition ursprünglich vorgesehen war, bevor etwa Glenn Gould das Werk für das Piano interpretierte. Die Musik ist Teil des Bühnengeschehens, doch zum Bühnenbild bleibe ich am besten noch diskret und lasse Ihnen die Überraschung!

Ich erfuhr erst nach und nach, dass die Goldberg-Variationen damals für einen Grafen geschrieben wurden, der sich Musik zum Einschlafen gewünscht hatte. Bachs Musik war sozusagen seine Beruhigungstablette, zu der wir nun Tanz mithilfe von Improvisationen entwickeln. Beruhigend sind die Variationen zwar nicht, sie sind wohl eher als aufregend und abwechslungsreich zu beschreiben, oft auch als wild und schnell, doch die Geschichte des Grafen bleibt bis heute ein schöner Mythos, den ich Ihnen nicht vorenthalten wollte.

Wir arbeiten nicht mit klassischem Tanz, der nur hübsch anzusehen ist (ist er auch, aber Sie wissen, was ich meine). Vielmehr entwickeln die Tänzer*innen in den Proben ihre eigene Bewegungssprache, aus der sich immer wieder Assoziationen, Gefühle und Bewegungsimpulse ergeben. Allein durch Mimik, Gestik und Bewegung werden die Tänzer*innen und die Musik Sie in eine ganz eigene Welt entführen und Ihnen Bach auf eine ganz neue Art und Weise zeigen.

Darüber hinaus arbeiten wir mit Monologimprovisationen, die sich humoristisch, unterhaltsam und kritisch der Bach-Forschung, sowie Bachs Leben nähern. Selbst ich als Bach-Neuling lerne nicht nur, sondern muss in jeder Probe so viel lachen, dass ich ganz vergesse, dass dies meine Arbeit ist. Das habe ich aber sicherlich auch dem Team zu verdanken, das mit sehr viel Freude und Gelassenheit probt.

Kommen Sie gerne am 06. November 2019 zur Premiere von »Bach! – Tanztheater zu den Goldberg-Variationen« und lassen Sie sich überraschen, was sich mit Barock so alles anstellen lässt. Die Türen stehen jedem offen, ob in Jeans oder Abendgarderobe, ob jung oder alt, jedem das, was ihm oder ihr Wohlgefühl verschafft.

Mieke Sander