PROJEKTAUSSCHREIBUNG 27/28
Für das vierte Jahr in Folge schreibt das Theaterhaus Jena Projekte aus, die am oder mit dem Theaterhaus in der Spielzeit 2027/28 realisiert werden.
Wir suchen nach starken künstlerischen Ideen und heterogenen Perspektiven, nach neuen Ansätzen und einer Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksweisen.
Willkommen sind:
- Projekte aus verschiedenen künstlerischen Disziplinen
- Format- und Veranstaltungsideen,
- Innovative Inszenierungen von klassischen und modernen Texten,
- Uraufführungen,
- Forschungsprojekte,
- Kooperationsvorhaben, die im Theaterhaus wie auch außerhalb realisiert werden können,
- alles, was Euch sonst noch einfällt.
Es gibt keine thematischen Vorgaben. Die gewählten Inhalte müssen nicht mit der Identifizierung der Künstler*innen verknüpft sein. Wir begrüßen auch ausdrücklich Projekte, die außerhalb der Theaterräume stattfinden können. Als Leitfaden für die Arbeit am Theaterhaus weisen wir auf unser Manifest 25-27 hin.
Wir bevorzugen Bewerbungen, die Perspektiven oder Inhalte vertreten, die in Theaterinstitutionen systematisch übersehen werden. Eine vorangegangene Theaterarbeit ist keine Voraussetzung. Die Bewerbung erfolgt anonymisiert: so möchten wir vor allem nicht etablierte Künstler*innen ermutigen, sich zu bewerben. Um die Anonymität der Bewerber*innen zu bewahren und einen fairen Auswahlprozess zu ermöglichen, werden in der ersten Bewerbungsphase keine Rückfragen beantwortet. Fragen zu physischen Barrieren am Theaterhaus und besonderen Bedarfen der Bewerber*innen und der Produktion können gemeinsam in der 2. Runde besprochen werden.
Um die Heterogenität der Perspektiven in unserem Spielplan zu gewährleisten, haben wir für die Spielzeit 27/28 eine Begrenzung eingeführt: Maximal ein Drittel unserer Neuproduktionen wird in der künstlerischen Verantwortung (bzw. in der Regie) von weißen, abled, cis Männern geführt.
Zur Transparenz: in der Spielzeit 26/27 liegt der Prozentsatz von weißen, abled, cis Männern in der künstlerischen Verantwortung bzw. Regie der neuen Produktionen bei circa 40%.
- weiß ist absichtlich kursiv geschrieben. Es bezeichnet keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft.
- abled oder able-bodied bezeichnet die gesellschaftlich privilegierte Position von Menschen ohne Behinderung. Diese benennen in der Regel nicht ihre gesellschaftliche Position, da sie diese als „normal“ ansehen. Eine Benennung der gesellschaftlichen Position möchte dagegen hierarchische Strukturen sichtbar machen.
- cis oder cisgender oder cisgeschlechtlich beschreibt Personen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Der Begriff ist nicht als Selbstbezeichnung entstanden, denn Menschen in einer gesellschaftlich privilegierten Position sehen meist keine Notwendigkeit, ihre gesellschaftliche Position zu markieren, da sie sich als Norm setzen.
- Privilegien werden als (unverdiente) Vorteile verstanden, die als selbstverständlich wahrgenommen werden. Diese betreffen in der Regel Mehrheitsgruppen oder nicht marginalisierte Gruppen. Privilegien haben Personen oder Gruppen nur, da anderen Menschen Vorteile, Möglichkeiten und bestimmte Rechte abgesprochen werden.
Quelle: amnesty.de/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache/ und awareness-stpauli.de/begriffserklaerungen
Wir bewerten die Bewerbungen in der ersten Runde nach drei Kategorien:
1. Was will die Idee?
Wir bewerten die Einreichung nach ihrem gesellschaftlichen und künstlerischen Anliegen, ihrer politischen Relevanz, ihrer geplanten Umsetzung (sowohl vom Endergebnis als auch vom Produktionsprozess) und ihrer Verständlichkeit. Wir legen besonderen Wert auf eigene Motivation, auf ungewohnte Perspektiven, auf die Gefühle und Bilder, die die Aushandlung des Themas in uns hervorruft.
2. Was kann die Idee?
Wir bewerten die Einreichung nach den Möglichkeiten, die wir in der Idee sehen und nach den Möglichkeiten, die das Projekt eröffnen kann. Wir fragen uns, wen kann das Projekt erreichen, was kann es bewegen, wohin kann es strahlen. Wir schauen hier besonders auf konkrete Umsetzungsideen und darauf, wie die Einreichung die Mitarbeiter*innen des Theaterhauses mitdenkt.
3. Wie soll die Idee realisiert werden?
Wir bewerten die Einreichung nach Euren Zielen für eine nachhaltige Nutzung der materiellen und menschlichen Ressourcen. Wir fragen uns, welche Produktionsbedingungen die Idee braucht und ob wir diese leisten können und wollen.
Wir bewerten niemals die Menschen, die hinter der Idee sind, sondern das Zusammenspiel zwischen Theaterhaus und der eingereichten Idee. Die Bewertung erfolgt individuell und basiert auch auf den Perspektiven und Visionen der Mitarbeitenden des Hauses. Einige Fragen, die wir uns bei der Bewertung stellen, haben wir ohne Reihenfolge hier gesammelt:
- Woher kommt die Idee, wie wurde sie weiterentwickelt? Was daran lässt uns nicht los?
- Mit welchen Fragen wird der Probenprozess begonnen?
- Wer steht auf der Bühne? Warum? Welche Entwicklungsmöglichkeiten werden für die Mitarbeitenden des Hauses eröffnet?
- Was erlebt das Publikum an dem Abend? Was sieht, hört, riecht, fühlt es? Was passiert auf der Bühne?
- Wie sieht eine Szene aus dem Projekt aus? Wie sieht die Erarbeitung einer Szene aus?
- Welchem Genre ließe sich das Projekt zuordnen? Welche Besonderheiten in Bezug auf andere Arbeiten und Arbeitsweisen hat es?
- Für wen wird das Projekt gemacht? Für wen nicht? Welche Menschen holt es ins Theater, die sonst nicht ins Theater gehen? Wie werden sie dazu gebracht, doch ins Theater zu gehen?
- Warum braucht die Welt, dieses Land, diese Stadt, dieses besondere Publikum dieses Projekt?
- Wie soll das Publikum aus dem Abend herausgehen? Wie soll es sich fühlen? Welche Fragen soll es im Kopf haben?
- Über welche Fragen würden wir uns beim Publikumsnachgespräch freuen?
- Wie wird mit Druck und Überarbeitung im Team umgegangen? Wie verhindert oder verkleinert das Team den Produktionsstress für alle Mitwirkenden?
- An welchen Stellen werden Materialien und Ressourcen sparsam benutzt? Wo wird auf Nachhaltigkeit geachtet? Wenn nicht, warum
- Warum genau dieses Projekt, genau jetzt, mit genau diesem Team? Warum genau am Theaterhaus Jena?
Wir entscheiden über die Bewerbungen in drei Runden:
1. Runde
In der ersten Runde findet eine Auswahl der anonymisierten Konzepte durch die Künstlerische Leitung anhand der Bewertungskriterien statt. Bevor diese Auswahl zur zweiten Runde zugelassen wird, werden die Bewerbungen entanonymisiert, um die oben genannte Begrenzung in der anonymen Auswahl zu berücksichtigen.
2. Runde
Die Bewerbungen werden in Gesprächen zwischen den Bewerber*innen und den Abteilungen des Theaterhauses auf ihre Realisierbarkeit hin überprüft und bewertet. Offene Fragen werden in einem gemeinsamen Gespräch geklärt. Das Potenzial der Idee wird mit dem Theaterhaus erörtert und weitergedacht. Produktionsbudget und Honorare werden ausgehend von dem Gesamthaushalt des Theaterhauses transparent mit den Bewerber*innen besprochen.
3. Runde
Die Konzeptideen werden von allen Mitarbeiter*innen des Theaterhauses in Abwesenheit der Bewerber*innen besprochen. In einem demokratischen Verfahren mit allen Mitarbeiter*innen wird die Endauswahl der Konzepte getroffen.
Formalia
Eingereicht werden zwei getrennte PDF-Dateien:
- Die erste Datei (max. 3 Seiten) besteht aus der Vorstellung der Projektidee. Die Gestaltung dieser Seiten ist den Bewerber*innen überlassen. Die Bewerbung ist auf Englisch oder Deutsch möglich. Dieses Dokument muss anonymisiert sein und darf keine Angaben oder Bilder enthalten, die auf die sich bewerbenden Personen hinweisen. Nicht ausreichend anonymisierte Bewerbungen werden nicht berücksichtigt. Diese Datei soll “THJ_KONZEPT_Projektname” genannt werden.
- Die zweite Datei (max. 1 Seite) besteht aus den Kontaktdaten und kurzen Lebensläufen aller an der Bewerbung mitwirkenden Personen. Am Anfang des Dokuments muss eine projektverantwortliche Ansprechperson mit rauskopierbarer Mail-Adresse angegeben werden. Diese Datei soll “THJ_KONTAKT_Projektname” genannt werden.
Beide Dateien sind bis einschließlich dem 15. September 2026 per Mail an bewerbung26-27@theaterhaus-jena.de zu senden.
Um die Anonymität der Bewerber*innen zu bewahren und einen fairen Auswahlprozess zu ermöglichen, ist in der ersten Runde kein Raum für Rückfragen vorhanden. Mails mit Fragen werden daher nicht beantwortet.
Generell gilt: Solange die Formalia beachtet werden, kann alles eingereicht werden!