Das Goodbye-Gefühl
Freies Wort, 19.05.2003, Joachim Lange
Fritz Katers "zeit zu lieben zeit zu sterben" - im Jenaer Theaterhaus gesehen
So recht zufrieden muss der Regisseur Armin Petras, Jahrgang 66, mit den Gegenwarts-Stücken, die so angeboten werden, nicht gewesen sein. Vielleicht auch, weil er sich selbst darin nicht genügend wiederfand.
Mit dem eigenen Hin- und Her zwischen West und Ost und Ost und West. Heute zählt er zu den landauf landab wichtigsten Theater-Regisseuren. Deshalb schreibt er sich und anderen seit über zehn Jahren auch noch die Stücke selbst, die er vermisst. Da heißt er dann, als Autor, Fritz Kater und kommt mit seiner ziemlich gegenwärtigen, ziemlich deutschen Vita immer irgendwie drin vor.
Mit seinem kleinen Dreiteiler, "zeit zu lieben zeit zu sterben", den er selbst als Regisseur im vergangenen Jahr in Hamburg uraufgeführt hat, ist er jetzt zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Und mit diesem Stück schließt das Theaterhaus Jena die Reihe der Gegenwartsstücke seiner Seelenrundfahrt unter dem Motto "Bastard Deutschland Heimatforschung im 3. Jahrtausend".
So, wie das von Regisseur Frank Dorsch flott in Szene gesetzt wird, ist es ein Blick zurück - mit "Sonnenallee-Brille" und "goodbye Lenin-Feeling". Eine melancholisch durchheiterte Sicht mehr auf die Jugend der heute Mitte Vierzigjährigen und deren Lebensgefühl. In dem auch die verflossene DDR vorkommt, aber ohne geschichtsdidaktischen Zeigefinger und Leidensmiene. Mehr als Lebensraum mit Grenzen. Mit ihren Design Reliquien, die Bernd Schneider und Frank Prielipp in geschwungene Holzpalettenwand platziert haben, ist der überschaubare Lebenskreis markiert. Da kann zwar ein "Weggehen" von der Familie eben auch eines aus dem Land sein, bei dem keiner mit einer Wiederkehr rechnet. Aber da ist auch jede Menge normales Leben dazwischen. Spiele, Schule, Tanzstunde, auch eine Sehnsucht nach dem Land, aus dem die Coca-Büchse kommt, auch wenn man nicht gleich weiß, wie man sie aufkriegt. Eins, in das einige dann doch nicht wollen, und in dem schließlich alle landen...
Das Stück hat drei Teile - ein Chor der erinnerten, behüteten Jugend mit ihren Entdeckungen, Streichen und ersten Erfahrungen mit Liebe und auch mit Tod. Und dann die sitzen gelassene Mutter mit den zwei Jungs und ihren Versuchen, erwachsen zu werden und durchzukommen. Schließlich der "sie" und "er" Dialog (oder die beiden Monologe, die Sophie Basse und Maximilian Grill nebeneinander stellen) als eine Art Epilog der Lebensgier, der erschütternd mitreißenden Erfahrung von Liebe und von deren Scheitern. Das kommt in Jena temporeich, mit komödiantischer Lust ohne künstlichen Frust-Ballast, aber doch auch immer eine Handbreit überm Boden und hinter der Heimaterinnerungs-Oberfläche . Und mit dem verdienten Beifall für Susanne Krämer, René Marik, Frank Benz, verletzten Holger Kraft, Maximilian Grill, This Maag und Sophie Basse.
Mit seiner Bastard Deutschland Reihe hat sich das Theaterhaus Jena auch in dieser Saison über die Region hinaus, mehr als nur behauptet, war den Brüchen der Gegenwart drängend auf der Spur, hat Stücke gezeigt, die (mehr oder weniger) das Publikum angehen. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen wissen, was sie an dieser Truppe haben, denn dieses innovative Theater, das statt Stadttheatergemütlichkeit oder Staatstheaterattitüde vor allem jugendlichen enthusiastisches Charisma bietet, zu Disposition zu stellen, das wäre absurd.
Jungsein unter Laborbedingungen
Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 16.05.03
Premiere am Theaterhaus Jena: Frank Dorsch inszeniert
das Fritz Kater-Stück "Zeit zu lieben, Zeit zu sterben"
Mit Maximilian Grill und Sophie Basse als "Paar am Strand" wirbt das Theaterhaus Jena für seine neue Inszenierung. Das gleichnamige Gemälde von Walter Womacka ist mittlerweile zu einer Ikone der DDR-Kunst mutiert. Reproduktionen des volkstümlichen Bildes zierten einst ungezählte Wohnzimmerwände zwischen Rostock und Suhl. Mittenmang in dieser deutschen Ostregion lag die Hauptstadt der DDR. Berlin (Ost) ist einer der Schauplätze von Fritz Katers Stück "Zeit zu leben, Zeit zu sterben". Verhandelt werden die Themen Familie, Jugend, Liebe, und Kater kennt aus eigenem Erleben, wie sich das anfühlte in der DDR. 1966 in Bad Kleinen geboren, in Ost-Berlin aufgewachsen, nach Abi, Wehrdienst, Lehre und freier Theaterarbeit im kirchlichen Bereich '87 in den Westen ausgereist, schreibt er seit 1990 Stücke. Die Uraufführung von "Zeit zu leben, Zeit zu sterben" durch das Thalia Theater Hamburg im vergangenen Jahr war für das Berliner Theatertreffen 2003 nominiert.
In Jena nun hat sich mit dem 1971 in Schweinfurt geborenen Frank Dorsch ein osterfahrener Wessi (Regieassistent in Leipzig und Nordhausen) des Textes angenommen und mit dem Theaterhausensemble am Donnerstag das Premierenpublikum begeistert. Sicher surft auch "Zeit zu leben, Zeit zu sterben" auf jener Welle, die Filmen wie "Sonnenalle" und "Good by, Lenin" riesige Publikumswogen zutrieb. Mit der ollen DDR hat Deutschland, so scheint's, endlich sein Thema mit Kultpotenzial, trist wie ein Drugstore am Highway, exotisch wie die Südsee und dazu voller List und Tücke. Aber Fritz Kater spannt den Bogen weiter. Er sucht das Allgemeine im Besonderen und entwirft ein Triptichon über die Liebe: War es je ein Zuckerschlecken, zwischen 16 und 18 Jahre alt zu sein? Nicht zu wissen, wohin mit dem Testosteron? Nicht zu wissen, ob Susi die Richtige ist oder Adriana? Nicht zu wissen, was machen aus seinem Leben oder schlimmer noch, es doch schon zu wissen?
Aus Paletten bauen Bernd Schneider und Frank Prielipp (Ausstattung) das Dreieck, in dem sich Jugend abspielt: Schule, Straße, Wohnung. Doch die so provisorisch wie das sozialistische Experiment auf deutschem Boden wirkenden Bauten werden nur für das Hauptbild der dreigeteilten Collage benötigt. Im ersten spricht die DDR-Jugend sinnfälliger Weise im Chor (Krämer, Marik, Benz, Kraft, Maag, Basse). Über Fahrt zum Freundschaftspiel nach Warschau, Klassenfete, Kampftrinken, Busengrabschen, Einberufung, Schluss mit lustig. Einer wie alle, alle wie einer - weißes T-Shirt und grauslig geschnittene Beinkleider aus der Jugendmode.
Erst das Hauptbild verpasst den Protagonisten eine Individualität, die dann doch wieder so individuell nicht ist. Schulstress und Tanzstunde für die Brüder Peter und Ralf (Maximilian Grill und Holger Kraft) und die alleinerziehende Mutter (Susanne Krämer), der Vater (Ren- Marik) abgehauen, die Mutter verliebt sich in Breuer (Frank Benz), der aus dem Knast kommt, Peter in Adriana (Sophie Basse), aber traut sich nicht, Adriana geht mit Ralf...
Keiner sage, es wär' nix los gewesen in einer Jugend unter abgeschotteten Laborbedingungen! Im turbulenten Bühnengeschehen laufen die zum Teil in mehreren Rollen besetzten Mimen zu Hochform auf. Action so pur, dass Holger Kraft sich bei einer Slapstiknummer mit "heißer" Kochplatte bei der letzten Probe das linke Auge verletzte. Er gibt am Abend trotz Verband eine furiose Vorstellung. Und Regisseur Dorsch beweist eine feine Gabe für Timing und ausgefeilte mimische und gestische Details.
Dass mit dem Ende der Enklave DDR nicht auch die Liebe abgehakt wird, erzählen dann "er" (Grill) und "sie" (Basse) im letzten Bild - als gestrandetes Paar.
Liebeskummer statt Fahnenflucht
Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 16.05.03
Hormongesteuerte Handgreiflichkeiten: Energisch geht es zur Sache im jungen DDR-Forscherkollektiv; Ina (Susanne Krämer) und Hagen (This Maag) bei der "Weiterbildung".
"Jugendliebe bringt den Tag, wo man beginnt, alles um sich her ganz anders anzusehn - ha-ha", singen sie a-capella, doch das Lachen bleibt einem wenig später im Halse stecken. Denn Fritz Katers alias Armin Petras' autobiografisch gefärbtes Stück, das am Donnerstag im Theaterhaus Jena seine Premiere erlebte, hat nichts mit Ute Freudenbergs Evergreen gemein. In "zeit zu lieben zeit zu sterben" blickt der Berliner Dramatiker auf seine DDR-Jugend zurück, in Liebe und Zorn, ohne Verklärung.
Statt Schmusestündchen gnadenlose Defloration: Drastisch geht es nicht nur auf der Couch, sondern auch im deutsch-polnischen Verhältnis zu, Faustkämpfe zwischen BFC- und Union-Fans auf offener Straße, autoritäre und resignierende Lehrer, Alkoholexzesse und Suizidversuche unter frustrierten Schülern. Doch auch Träume, Zärtlichkeit und purer Spaß an der Rebellion prägen den kurzweiligen, dreigeteilten Text, der auf sehr subjektive Weise die Erfahrung einer Generation bündelt, die in den 70er und 80er Jahren im Osten groß geworden ist.
Chor der Halbstarken
Als Triptychon in einem wiederum dreigeteilten, doch in sich homogenen Bühnenbild lässt Frank Dorsch das Geschehen Revue passieren - als kollektiven Erfahrungsbericht, als turbulenten Breitwandfilm à la "Sonnenallee" und als Dialog zwischen zwei gescheiterten Liebenden. Im ersten Teil - "eine jugend" - skandieren die Darsteller abwechselnd solo und im Chor, wobei Elemente der Turn- und Sportfesttradition nicht zu übersehen sind. Der rhythmische Monolog wird ironisch zerpflückt und gestisch kommentiert, während der abstrakte Rahmen für nötige Distanz zu den, nun, Jugendweihewehen sorgt. Sprechkultur und Ensembledisziplin überzeugen, nur die Frisuren stimmen nicht; kaum jemand trug damals Scheitel, dafür jeder einen Stielkamm in der Gesäßtasche.
Unbändig gebärdet sich der Mittelteil, "ein film/die gruppe", mit dem DDR-Alltagsgeschichte am Beispiel einer Familie zugespitzt wird. Der Vater haut in den Westen ab, der Onkel wird als Fluchthelfer verurteilt, die Mutter und ihre beiden Söhne müssen sich arrangieren. Das erscheint aus der Perspektive der tollpatschigen Brüder zumeist hoffnungslos. Die Brüche - der Große darf nicht studieren, der Kleine wird vom Sportlehrer getrietzt - werden sichtbar, doch manch tragisches Detail geht im Klamauk unter.
Bernd Schneider und Frank Prielipp haben aus Paletten einen Wandbogen gezimmert, der Wohnzimmer, Straße und Klassenraum verbindet. Neben Maximilian Grill und Holger Kraft schwingt sich dort René Marik als Draufgänger Dirk zu tragikomischer Coolness auf; Susanne Krämer gibt in Personalunion die Mutter und eine verhuschte Mitschülerin, Sophie Basse die Lehrerin und die fesche Adriana, This Maag deren neurotischen Mann und einen verklemmten Jugendlichen namens Hagen. Frank Benz, der Onkel als kleiner Humphrey-Bogart-Verschnitt, ist ein gut gemeinter Witz.
Das musikalische Leitmotiv für die Inszenierung liefert die ungarische Rockgruppe "Omega" aus der Kofferheule. Die Melodie von "Schreib es mir in den Sand" wird mehrmals dezent angespielt - eines von vielen Zeichen, die die Jüngeren unter den Theaterzuschauern kaum deuten können. Ungarn war in der DDR das Symbol für Freiheit, ein Tramperland, in dem man Pink Floyd und die Stones live erleben konnte, und hier fiel '89 der Eiserne Vorhang.
Bodenlose Gefühle
In die Gegenwart führt der Epilog, schlicht "eine liebe" genannt. Es ist der poetisch dichteste Part. Sophie Basse und Maximilian Grill reflektieren eine große, nicht verwirklichbare Liebe. Sie, als Kind von ihrem Vater verlassen, sucht in allen Männern einen Vaterersatz. Er verlässt um ihretwillen seine Familie, ein Ausbruch ins Bodenlose. Kindheiten ohne Väter - so schließt sich der Kreis.
Nicht nur den Darstellern gebührt ein Lob vor der Fahne; das gesamte Theaterhauskollektiv hat sich mächtig ins Zeug gelegt und Zugänge, Aufgänge sowie den Untergrund mit Plakaten, ZK-Ikonen, Winkelementen, Einkaufsbeuteln, Amiga-Schallplatten und Pionierausweisen geschmückt. Die Kartenverkäuferin im Blauhemd grüßte mit "Freundschaft". Gegen Ostalgie hilft womöglich Hannes Wader, der seine schwere Kindheit im Westen besingt: "Schön ist die Jugend, so fröhlich und frei. / Gott sei Dank ist sie endlich vorbei!"
Menschen auf der Suche nach Liebe
Mitteldeutsche Zeitung, 23.05.2003, Andreas Montag
Theaterhaus Jena spielt Stück von Fritz Kater
Fritz Kater hat mit "zeit zu lieben zeit zu sterben" ein seltsames Stück hinterlegt. Eigentlich ist es gar keins, sondern eine Art szenischer Collage aus dem wirklichen Leben. Dabei geht es dem Autor nicht um die Mutprobe, das Theater neu zu erfinden, sondern vielmehr um den Versuch, einen angemessenen Raum für vielsprachige soziale Erfahrungen zu orten. Die überlagern einander, treiben voneinander fort und senden Botschaften wie von fremden Sternen.
Verhandelt wird die Sehnsucht nach Liebe in lieblosen Zeiten. Frank Dorsch hat Fritz Katers im Herbst in Hamburg uraufgeführtes Triptychon jetzt im Theaterhaus Jena inszeniert. Das Spiel beginnt mit einem rasanten Monolog, der von den Akteuren im Chor gesprochen wird - eine Jugend im Ostberlin der Vorwendezeit ist zu besichtigen: Mädchen, von denen man träumt, Sex, den man gern hätte, und Gewalt, die alltäglich auch mit Worten ausgeübt werden kann. Lakonisch, präzise, auch komisch und in hohem Tempo läuft das ab, mit schnellen Schnitten.
Im zentralen Teil werden Innenansichten aus der DDR gezeigt: Ein Vater, der flieht. Onkel Breuer, der aus dem Knast kommt und die Mutter tröstet. Kinder auf der Suche nach Liebe und deprimierte Erwachsene in einer Welt, die längst aus der Zeit gefallen ist. Wie war's drin, wird Onkel Breuer gefragt. Wie war's draußen, fragt er zurück. Ein schillerndes Bild aus Bildern entsteht, Slapstick und Tragödie wechseln dabei flott - was manchmal zu Lasten der Scharfsicht geht. Hier fehlt die Strenge, die dem ersten wie dem dritten Teil (das Protokoll einer uneingelösten, erloschenen Liebe) die Strahlkraft verleiht. Schade. Trotzdem sehenswert.
Jena: Suche nach der verlorenen Zeit
Thüringer Allgemeine, Michael Helbing, 16.05.2003
Ralf, sehr bodenständig, sehr zielstrebig, hat eine Schere im Bauch, rutscht dann auch noch vom heimischen Balkon, aber sonst geht's ihm gut. Dirk, sehr überlegen, sehr cool, springt aus dem dritten Stock der Schule, bricht sich aber nur das linke Bein. Hagen, sehr durcheinander, sehr verliebt, hängt sich an der Klokette auf, aber die muss wohl gerissen sein . . .
Es ist nicht einfach, aus dem Leben zu fliehen, wenn man es noch vor sich hat. Und es ist schon gar nicht einfach, einem Land zu entkommen, wenn es DDR heißt. Selbst nach dessen Ableben nicht. Unsre Heimat, das sind eben nicht nur die Städte und Dörfer. Unsre Heimat, das sind auch all die Erinnerungen daran. Das Theaterhaus Jena nimmt sich diesen jetzt in seiner "Bastard Deutschland"-Spielzeit an und wählte dazu aus dem Wust der DDR-Vergangenheitsbewältigungsstoffe eine Stimme aus, die eine eigene melancholische wiewohl deutliche Sprache spricht: Fritz Kater. Sein Text "zeit zu lieben zeit zu sterben" ist ein wilder dreiteiliger Heimwehgesang, auf der Suche nach verlorener Biografie, verlorener Jugend, verlorener Zeit.
Der Zeitpunkt der Jenaer Premiere (Regie: Frank Dorsch) scheint klug gewählt, zur selben Stunde begann in Berlin beim Theatertreffen das Gastspiel der Hamburger Uraufführungsversion von Armin Petras, dessen Alter Ego Kater ist. Dorsch hält sich auch mehr an den Stil des Regisseurs Petras als an den des Autors Kater; seine Inszenierung wirkt rasant und lebendig, es gibt viel Musik,ein bisschen Comedy, ein bisschen Slapstick, ein bisschen Traurigkeit. Nur die Mikrofone fehlen.
Susanne Krämer, René Marik, Frank Benz, Holger Kraft, This Maag und Sophie Basse haken zunächst einander unter, zu "eine jugend/chor"; weil in ihrer Gesellschaft das Individuum wenig zählt, beantworten sie vereint - und ausgezeichnet arrangiert - die Fragen, wer mit wem schlief, wer die meisten Biere trank, wem die anarchischste Tat gelang. Dann beginnt allmählich die szenische Vereinzelung ergo gesellschaftliche Auflösung, wir sehen nun dramatische Variationen über das soeben vernommene Prosathema. In "ein alter film/die gruppe", nach Drehbuchmotiven von Péter Gothár, gerinnen Pubertätsgeschichten aus der sozialistischen Ordnung zum Chaos in Kopf und Bauch.
Ein Vater (René Marik) trennt sich zu Weihnachten von seiner Familie und tritt die Flucht gen Westen an. Zurück in "Stiller Nacht" bleiben eine einsame Mutter (Susanne Krämer) und die Söhne Peter (Maximilian Grill) und Ralf (Holger Kraft). Aus dem Tritt geraten, lernen sie in der Tanzstunde Foxtrott, zu Hause Onkel Breuer (Frank Benz) als Ersatzvater ertragen und in der Schule Aufsätze schreiben: "Wie lebe ich und warum hier?" Die Lehrerin (Sophie Basse), erwartet darauf Antworten, die sie selbst kaum zu geben vermag . . .
Schließlich ist der Osten dann Westen, und "eine liebe" zwischen ihm und ihr (Grill und Basse) entsteht und vergeht, wieder in Prosa. Dorsch verlässt sein striktes Konzept, die Spieler genau zu führen, sie schlendern unmotiviert über die Bühne, lümmeln mal hier, mal dort.
Mit der neuen Zeit hat sich die Ordnung verzogen. Und die Liebe ist kälter als der Tod.
Kaffee Melange aus der Mikrowelle oder Recycling des Ostens
Allgemeiner Anzeiger, 21.05.2003, Claudia Kanz
Es war einst Sinnbild der Sehnsucht in ostdeutschen Schlafzimmern: "Das Paar am Strand", ein Gemälde von Walter Womacka. Retuschiert und in Jenas Straßen ist es der Beginn einer werbestrategisch ausgeklügelten Assoziationskette ins Ostalgische. Der Kunststoffanhänger dieser Kette besteht aus einer DDR-Ausstellung und dem neuen und letzten Stück des Theaterhauses in dieser heimatforschenden Spielzeit. Die befremdenden Gesichter der Liebenden am Strand gehören den Schauspielern Maximilian Grill und Sophie Basse und diese wiederum zur hoffnungslosen Liebe im dritten Teil von "zeit zu lieben zeit zu sterben".
Zu Grunde liegt der Inszenierung ein autobiographisch animierter Text von Fritz Kater, der 1966 in der DDR geboren und dort aufgewachsen ist. Der Regisseur Frank Dorsch stammt aus Schweinfurt. Das Ergebnis ist gemischt, östlich wie westlich perspektiviert, und selbst in die tragischsten Augenblicke pflanzt sich noch eine Blödelei. Dem Zuschauer wird die Entwirrung nicht leicht gemacht. Dabei bringt noch nicht einmal wirklich durcheinander, dass fast jeder Schauspieler zwei Rollen zu spielen hat. Die geschickt getimten Szenen und fein gearbeiteten Gesten springen einem hintereinander über die Sinne und werfen jeden Zusammenhalt über einen bunten unüberschaubaren Haufen. Leider ist das auch der Eindruck, der am Ende der stärkste bleibt. Als wollte man an einem Abend zwanzig Jugendjahre einfangen.
Vor den Bühnenwänden aus hochkant gestellten, hölzernen Lagerpaletten lassen sich eine Wohnung, das Ambiente einer Straße und das Klassenzimmer mit der Tür zur anschließenden Turnhalle ausmachen. Eine gleichförmig gekleidete, chorisch sprechende und fröhlich Freudenbergsche Lieder ansingende Organisation verkündigt die erste Strophe des "Triptychons über die Liebe". Ostdeutsche Markenware, verwebt mit Sex, Jugendliebe und Republiktreue. Strophe zwei handelt von einer Familie, deren Vater den Osten für den Westen verlässt. Mama (Susanne Krämer) bleibt Alleinerziehende ihrer Söhne und verliebt sich schließlich in Onkel Breuer (Frank Benz), der frisch aus dem Zuchthaus gekommen ist. Die beiden geschlechtsreifen Knaben bilden die Schnittmenge zwischen den Episoden eins und zwei: einen Blick auf eine seltsam kindische Jugend - oder eher eine schreckliche jugendliche Naivität - zwischen großbusigen und flachbrüstigen Schulmädchen, zwischen Coolness und Verklemmung, zwischen akzentuierter Tanzstunde und weibischem Sportunterricht. Es gibt einiges zu schmunzeln, manches zu lachen. Assoziationen, Anspielungen und Motive werden ineinandergeworfen und bis ins Klischee übersteigert. Die Wechsel sind schnell und selten bleibt Zeit, eine Aussage zu reflektieren. Oft verliert sich Ernsthaftigkeit in ironischem Witz oder sich der Zuschauer zwischen den Elementen. Hat jemand im Publikum verstanden, warum der große Bruder (Holger Kraft) plötzlich eine Schere im Bauch stecken hat und vom Balkon stürzt, als sein kleiner Bruder (Maximilian Grill) ihn vor der Mutter verstecken will? Oder warum sich der schüchterne Hagen mit den dicken Brillengläsern (This Maag) an der Klostrippe erhängen will, weil er in die adrette Lehrerin (Sophie Basse) verliebt ist? Und damit dann auch diese Figur in ihre Schablone passt, ist Jolanta Weber privat natürlich eine ganz andere. Mit unglaublicher Lässigkeit übertrifft René Marik als Dirk - die Ironie beständig an seiner Seite - jeden Westernhelden; er stellt sich grundsätzlich quer und fliegt letztendlich von der Schule. In den Westen will er sowieso von Anfang an. Von dort handelt auch die dritte Strophe unserer Rhapsodie; und wieder von einer Liebe oder eher von einer leidenschaftlichen, aber hoffnungslosen Beziehung. Das gegenwärtige Paar vom Strandbild erzählt rückblickend seine Geschichte. Eine dichte poetische Sprachlichkeit, perfekt einstudiert und lebendig vorgetragen. Und doch schafft man kaum den Bogen zum vorherigen Geschehen, der dritte Teil bricht schlichtweg ab vom östlichen Geschehen und ist kaum noch lustig in seiner Ausweglosigkeit. Wie lässt sich auch so ein Hier und Heute mit ironischer Distanz betrachten?
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