Sepsis-Panikshow
Das Oberstübchen wird zum Panic Room. Was ist gefährlicher? Zwei Tage Krankheit oder die Einnahme eines Medikaments mit Nebenwirkungen? Wir sind umzingelt von Gefahren, unser Alltag ist voll von Risiko-Abwägungen. Jedes Gegenmittel kann schnell zu einem Selbstläufer werden und über das eigentliche Ziel hinausschießen: In Australien wurden vor 70 Jahren Kröten zur Tilgung schädlicher Insekten eingesetzt – heute kommen auf jeden Australier 420 zum Teil äußerst giftige Kröten. Die Panik-Zone weitet sich aus. Es gibt kein Halten mehr: eine Show über ganz alltägliche Sorgen und die panische Frage nach dem Rest-Risiko.
Sie ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Oft erscheint sie den Medizinern unbeherrsch- und unberechenbar. In Jena wird sie deswegen intensiv erforscht: die Rede ist von „Sepsis“ (lateinisch für Blutvergiftung). Nur langsam kommen die Wissenschaftler hinter das Spiel von Ursache und Wirkung. Die Forschung zeichnet ein erschreckendes Krankheitsbild: Das menschliche Auto-Immun-System reagiert angesichts eines Erregers über und zerstört sich selbst.
“Mrs. Dalloway hatte immer das Gefühl, es sei sehr, sehr gefährlich, auch nur einen einzigen Tag zu leben.” – Virginia Woolf
Einer Bakterie ist kaum anzusehen, ob sie gut oder schlecht ist. Die mikroskopische Welt der Keime, Viren und Mikroben stellt ein undurchdringliches ästhetisches Geflecht dar. In Eigentlich läuft alles ganz prima beschäftigen sich die Regisseurin Johanna Wehner und die Dramaturgin Sarah Israel mit der Welt jenseits des Reagenzglases und des a-septischen Labors: Was würden uns Bakterien erzählen, wenn sie sprechen könnten? Wie sieht ein Angst-Vakuum von innen aus? Wie klingt ein septischer Schock? Wo hört Sicherheit auf und wo beginnt Überwachung? Und was hat Shakespeares “Othello” zu all dem zu sagen? Der medizinische Vorgang der Sepsis dient ihnen als ästhetischer Ausgangspunkt für eine szenische Recherche zum Themenkreis Angst, Panik und Überreaktion.
Ein System läuft Amok. Wo innere Leere und nicht kompensierter Überdruck herrschen, bleibt Krankheit nicht aus: Die Projektentwicklung Eigentlich läuft alles ganz prima stellt den Zusammenhang zwischen einem medizinischen Phänomen und seinem gesellschaftlich-systemischen Abbild her – die eigentümliche Parallelität zwischen Immun(über)reaktion und wahnhafter Eifersucht, Neid und Mißgunst die sich schmerzhaft durch das Gedärm des menschlichen Körpers wühlen. Das Projekt seziert den sozialen Körper wie im Labor: nüchtern, analytisch und Schicht für Schicht. Wie lange dauert es, bis das System den Erreger-Eindringling lokalisiert, wie lange bis es ihn vernichtet? Wie lange bis die Katastrophe wahrgenommen, wie lange bis sie bezeichnet werden kann?
Vom Verlauf einer Sepsis lässt sich eine Vielzahl an assoziativen Parallelen zu panischen Überreaktionen ziehen: zur eigendynamischen Deregulierung der Finanzmärkte in den letzten Jahren; zu Naturkatastrophen und deren Übersetzung in Debatten über Nachhaltigkeit; zum der Gegenwart entrückten Zukunftswahn; es lassen sich Parallelen zur Eigendynamik staatlich-militärischer Systeme angesichts des Terrorismus ziehen; zur Selbstzerfleischung sektenartiger Vereinigungen angesichts eines unbekannten Eindringlings von außen.
“Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung.” – Angela Merkel auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2009
Mit Sebastian Thiers und Lena Vogt
Regie: Johanna Wehner
Dramaturgie: Sarah Israel
Musik: Felix Lange
Bühne/Kostüme: Veronika Bleffert & Benjamin Schönecker
Video: Peer Engelbracht/ impulskontrolle
Eine Produktion des Theaterhauses Jena in Zusammenarbeit dem Sepsis-Cluster und der Sepsis-Gesellschaft e.V.