Ich komme aus meiner Haut

Nächste Aufführung:
Zur Zeit keine weiteren Termine
Alle Termine:
24.02.2012, 10.03.2012, 15.03.2012, 12.04.2012, 24.05.2012
Karten und Preise
Alle Produktionen

nach Thomas Brasch

Sieben Tage Doppelmord, drei Tote und ein Meer aus Spekulationen – der aufsehenerregende Fall des Mädchenmörders Brunke: Am 18.Oktober 1905 stellt sich der junge Banklehrling und verhinderte Theaterautor Karl Brunke der Polizei. Er gibt an, die Schwestern Alma und Martha Haars erschossen zu haben und behauptet, seine Opfer hätten von ihm getötet werden wollen. Ein Leben lang hat sich der Schriftsteller Thomas Brasch mit dem mysteriösen Fall Brunke beschäftigt, hat sich in ihn hinein versetzt, ist mit ihm schwanger gegangen, ist an ihm verzweifelt. Mit Brasch unter dem Arm macht sich der Regisseur Roman Schmitz auf die performative Suche nach den Spuren des Faszinosums Brunke.

Sein Gerichtsprozess macht der Fall Brunke zum öffentlichen Skandal. Die Öffentlichkeit malt sich Brunke in den schillerndsten Farben aus, weidet sich an Halbwahrheiten und pikanten Details. Sieben Tage nach dem Prozessende wird der Verurteilte schließlich tot in seiner Zelle gefunden. Widersprüche und Ungereimtheiten rufen die zeitgenössischen Psychiater und Juristen aufs Tableau. Wie sollen Polizei und Gericht Brunkes Aussagen werten? Der Fall Brunke stellt jegliche Moral auf den Kopf: Ist Tötung auf Verlangen Wahnsinn oder eine Frage der Willensfreiheit? War der jugendliche Brunke schuldfähig oder krank? Erzählt Brunke überhaupt die Wahrheit?

Ich war offensichtlich an den Folgen jenes Unglücks gestorben, das ich erwartet hatte seit mir das Lieben abhanden und ich mir auf diese Weise vor Jahren vollständig abhanden gekommen bin. – Karl Brunke

Thomas Brasch stößt bei seinen Recherchen zur gescheiterten russischen Revolution von 1905 zufällig auf diesen Kriminalfall aus der deutschen Provinz – eine Begegnung, die ihn sein Leben lang nicht los lassen wird. Karl Brunke geistert schon bald in seinen Texten herum, hat Auftritte als Randfigur in seinen Stücken, schaut sozusagen überall mal kurz vorbei. In den 1990er Jahren wird Brunke dann endgültig zu Braschs Alter Ego: Fieberhaft liest Brasch die Texte der Gutachter, wälzt die Gerichtsakten, recherchiert, was die Presse schrieb. Er verliert sich in diesem Fall, kann ihn nicht ruhen lassen, fantasiert sich in Brunkes Leben. Am Ende liegen über 14.000 Manuskript-Seiten vor: Brunke als Märchenfassung, Brunke als historische Novelle, Brunke als Drehbuchentwurf. Erst als ihn der Suhrkamp-Verlag dazu zwingt, ein Ende zu finden, veröffentlicht Brasch ein kleines Büchlein von knapp 100 Seiten: Mädchenmörder Brunke.

Das Ensemble des Theaterhauses hat ebenfalls die Akten gewälzt, und zwar sowohl Brunkes Gerichtsakten, als auch Braschs Manuskript. Der Abend Ich komme aus meiner Haut ist also beides: Kriminalstück und Kampf mit der Textbestie Mädchenmörder Brunke. Ein Abend über die Frage, wie man sich mit einem Bindfaden erhängen kann und ob nicht doch alles hätte anders kommen können; ein Abend, über den Wahnsinn eines großen Autors und Regisseurs – der Wahnsinn des Thomas Brasch.


Mit: Sebastian Thiers, Yves Wüthrich, Mathias Znidarec

Regie: Roman Schmitz
Textauswahl: Hannah Speicher
Dramaturgie: Jonas Zipf
Musik: Levi Raphael
Bühne/ Kostüme: Benjamin Schönecker & Veronika Bleffert