Cocktail in der Manhattan-Bar
Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 18.03.2003
Dialoge über den Zustand der Welt
Fünf junge Herren in Anzügen auf fünf unterschiedlich hohen Podesten lächeln befangen ins Publikum. Sie bewegen sich fahrig, sprechen bald stotternd, bald ungebremst, mal fallen sie sich gegenseitig ins Wort, mal wiederholen sie einen einzelnen Satz im Chor. "Aber wisse man, was vorgeht? Wisse man wirklich, was vorgeht?
Nein, man weiß es nicht. Man hört nur den Konjunktiv und sieht, dass die Notenständer auf den Podesten leer sind. "Man müsse doch erfahren, was da draußen los sei", sagt der eine. "Sie sagten einem nichts", meint der andere. Ratlosigkeit. Angst. Verunsicherung. Was tun? Nie mehr mit der U-Bahn fahren? Nie mehr Postsendungen ohne Handschuhe öffnen? Keinem Politiker mehr trauen? Am besten, gar nicht mehr vor die Tür treten ...
Wir sind im Jenaer Theaterhaus und erleben die Erstaufführung des Textes "die fünfzig mal besseren amerikaner / fake reports" von Kathrin Röggla - eine Reaktion auf den 11. September. Keine Premiere. Eine Notsituation. Eigentlich sollte an diesem Abend ein Stück von Frank Gossen uraufgeführt werden, als Auftragswerk zum Spielzeit-Thema "Heimat". Aber der Text von Goosen wurde nicht fertig. Der Röggla-Text war fertig, doch die Inszenierung von Barbara Weber stockte. Manchmal entwickelt sich aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern auch die adäquate Spielsituation. Weber, die "fake reports" als Koproduktion mit dem TIF/Staatsschauspiel Dresden und den Sophiensælen Berlin inszenieren sollte, hatte die anonymen Dialoge mit Bildern unterlegen wollen, was diese nicht nötig haben. Und auch nicht vertragen.
Und da Kathrin Rögglas Text dem Jenaer Ensemble so wichtig war, dass es nicht darauf verzichten wollte, wurde improvisiert. Nur wenige Tage hatten die Schauspieler/Sprecher Frank Benz, Maximilian Grill, Holger Kraft, This Maag und René Marik Zeit zu proben. Am Donnerstag Abend sprangen sie ins kalte Wasser.
Die rettende Idee war nicht die Manhattan Bar, in der der Text als verstörender Stimmen-Cocktail gereicht wird. Auch nicht Smoking-Joe, der im Hintergrund die Platten auflegt. Rettung bringen der Teleprompter und die Schrift an der Wand. Die Blicke der Schauspieler streifen das Publikum nur. Die Fünf starren die ganze Zeit über die Köpfe hinweg, schräg zur Theaterhauswand hinauf. Als würden dort die Türme des World-Trade-Centers brennen. Doch dort läuft nur der Text, der, von den Schauspielern abgelesen und gesprochen, die Ratlosigkeit und Verunsicherung über den Weltzustand aufs Publikum überträgt - manchmal beängstigend, mitunter heiter-ironisch, keinesfalls lustig.
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