Reenacting the Reenactment – Durational Performance nach Kleist/Becher/Müller/Meinhof
Kleist/Becher/Meinhof/Müller – eine Serie des Selbstmordens: Vor 200 Jahren bringen sich Heinrich von Kleist und seine Geliebte Henriette Vogel am Kleinen Wannsee um. Vor 50 Jahren versucht Johannes R. Becher gemeinsam mit seiner Freundin, den Freitod Kleists zu wiederholen. Seine Freundin stirbt, er überlebt. Auch Heiner Müller und Ulrike Meinhof eifern der künstlerischen Inszenierung des eigenen Todes im Dienste der romantischen Menschheits-Revolution nach. Alle vier hinterlassen sie Abschiedsbriefe, fiktive und reale, ein jeder sehnsüchtig und pathetisch zugleich. Das Revival findet kein Ende, das Reenactment wird immer wieder reenacted: Das Leben ist ein schweres Spiel – ein Abend über romantisierende Pathetik und die lange Tradition der Selbstinszenierung des deutschen Künstlers.
Gemeinsam mit der bildenden Künstlerin Katharina Gaenssler spinnt der Münchner Regisseur Sebastian Hirn das pathetische Vermächtnis der vier deutschen Romantiker weiter: in einer dreitägigen Durational Performance gestalten sie die Bühne des Theaterhauses in eine Rauminstallation um. Aus vielen kleinen Din A4-Drucken bilden sich große Abbilder der Konterfeis von Kleist, Becher, Meinhof, Müller. Begleitet von reenacteten biografischen Szenen, Texten und Videos werden sie zu Projektionen ihrer selbst, Abziehbildern der verblühten Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
An Fräulein Ulrike von Kleist
Hochwohlgeb. zu Frankfurt a. Oder.Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist, laß sie mich zurücknehmen; wirklich, Du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.
Stimmings bei Potsdam.
d. – am Morgen meines Todes.
Dein
Heinrich.
Kein Zufall, dass sich sowohl bei Heiner Müller, als auch bei Ulrike Meinhof Spuren von Heinrich von Kleists Spuren wieder finden: alle zusammen, Kleist, Becher, Meinhof und Müller, schreiben an einem Intertext – so bezeichnen Literaturwissenschaftler einen Text, der über Generationen hinweg assoziativ weitergesponnen wird – einem Intertext des deutschen Pathos. Was vereint den Romantiker Kleist, den Expressionisten Becher, die Terroristin Meinhof und den Dramatiker Müller miteinander? Ein jeder ist ein Extremist im Geiste, alle vier sind sie politische Figuren, streitbar, aber um eine Veränderung der Welt bemüht. Alle vier sind sie an diesem Vorhaben auf die eine oder andere Weise gescheitert.
Geehrte Redaktion!
Ihnen gegenüber, die unzweifelhaft in dieser Affaire auf weite Kreise wirken können, möchte ich betonen, daß ich lediglich in den Tod ging, um ein Menschenleben von einem unsittlichen (im weiteren Sinn) Verhältnis zu retten. Daß ich größte Hoffnungen für dieses Leben hatte, können Sie aus einem beiliegenden Briefe K. Henckells an mich ersehen. Eine höhere Pflicht wollte meinen Tod.
Achtungsvollst
Ihr
Hans Becher
Mit Andreas Bittl, Philipp Engelhardt, Korinna Krauss, Simona Sbaffi, Ina Tempel, Gilles Welinski
Ebenfalls dabei: Claus Drache, Wolfgang Hausner, Peter Löffler, Roland Mayr und Georg Pichlmayr – Mitglieder der “Schwuhplattler”
Text/ Regie/ Video/ Rauminstallation: Sebastian Hirn
Musik: Helga Pogatschar
Fotoinstallation: Katharina Gaenssler
Videotechnik: Ole Heinzow
Kostüme: Veronika Bleffert
Licht: Thomas Giger
Ein Kooperationsprojekt des Theaterhauses Jena mit dem Maximillians-Forum München. Gefördert durch die Gastspielförderung des NPN Joint Ventures und das Kulturreferat der Stadt München.