Das Private ist politisch

DIE STADT von Martin Crimp in der Regie von Moritz Schönecker

„Für mich sind Gespräche an sich grausam. Es ist etwas grundsätzlich grausam daran, wie Menschen miteinander sprechen. Und ich weiß nicht genau, was es ist. Möglicherweise haben die andauernden Streitigkeiten meiner Eltern, als ich noch ein Kind war, etwas damit zu tun.“
Martin Crimp

Martin Crimp, 1956 in Dartford in England geboren, gibt als seine ersten Einflüsse das absurde Theater an, Beckett und Ionesco, und beschreibt, dass er dann der Banalität Einzug in sein Werk gestattet hat. Aus dieser Mischung entsteht Martin Crimps unverwechselbarer Stil, der Humor und Grauen wie kaum ein anderer verbindet. Er arbeitet mit Alltagssprache, Wiederholungen, Missverständnissen. Das klingt einerseits wie das echte Leben: unaufmerksame Gesprächspartner, die aneinander vorbei reden, Small Talk, beiläufiger Tonfall. Andererseits schleichen sich hin und wieder ganz unvermittelt Abgründe und Absurditäten ein. Doch über existenzielle und brutale Themen wird in Crimps Stück genauso unbedarft gesprochen wie über ein Mittagessen mit einem Kollegen oder den Arbeitstag.
CHRIS Wie geht’s dem Krieg?
JENNY Hmm?
CHRIS Dem Krieg. Wie geht’s dem Krieg?
JENNY Ach, dem Krieg geht’s gut, danke.
CHRIS Läuft gut?
JENNY Mmm?
CHRIS Läuft gut, ja?
JENNY Ich denke schon.
Kurze Pause.

In Chris und Clairs anscheinend heiles Familienleben, in ihr Haus, das sie sich wie ein schützendes Nest hübsch eingerichtet haben, tritt die Krankenschwester Jenny. Ihr Mann ist in den Krieg gezogen, deswegen kann sie nicht schlafen – besonders wenn die spielenden Kinder des Ehepaars sie stören. Ihre Beschwerde hat keinen Nachbarschaftsstreit zur Folge, die Problematik liegt tiefer. Jennys Erzählung vom Krieg, in dem die Soldaten eine Stadt „pulverisieren“ und alle Menschen in ihr töten müssen, bringt grundlegende menschliche Ängste zum Vorschein. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit, die Angst vor der inneren Leere, das Bewusstsein um die Sinnlosigkeit des Lebens, die Angst davor, im Partner nur noch einen Fremden zu sehen, das Bewusstsein um Krieg und Elend in der ganzen Welt. Was sorgfältig verdrängt wird vom gut situierten, mitteleuropäischen Ehepaar, bahnt sich seinen Weg ins Bewusstsein – und wird sofort wieder weggeschoben, weggelächelt.
Und weil der Zuschauer sich diesen beunruhigenden Gedanken genauso wenig auf Dauer aussetzen kann wie die Figuren im Stück, lässt Crimp die Szenen gerade dann wieder ins Absurd-Komische abdrehen. Er verliert nicht den (schwarzen) Humor, lässt uns aber mit existenziellen Fragen zurück.
Und er macht deutlich, dass das Grauen nicht außerhalb der Sprache liegt. Darin wie zwei Menschen miteinander sprechen, wie sie die subtilen Manipulationsmöglichkeiten der Formulierungen nutzen, Sprache als Machtinstrument verwenden, finden sich schon – mikroskopisch verkleinert – die Mechanismen von Terror und Krieg.