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Das Glück sieht anders aus...

Leipziger Volkszeitung, 13.12.2005, Jürgen Otten

Das Glück sieht anders aus, und es wohnt ganz gewiss an einem anderen Ort. Hier, im Spätkauf mit dem nicht ganz bedeutungslosen Namen "Speak easy", wo es zwar für wenig Geld ein Bier und eine Wurst und Gurken gibt, aber keinen ausgeklügelten Plan, wie man zielorientiert und erfolgreich durchs Leben spazieren könnte, wohnt klar ersichtlich der Zweifel an der Welt, am eigenen Dasein. Wohnt die Perspektivlosigkeit. Die Ausgrenzung.

"Zornige Menschen / Speak Easy", so heißt, nicht wenig werbewirksam, ein Projekt des Theaterhauses Jena, das sich mit theatralischen Mitteln jenen Menschen widmet, die am Rande der bundesdeutschen Gesellschaft leben und dort, als marginalisierte Existenzen, kaum noch einen freien Raum finden, in dem sie sich verständlich und vor allem hörbar artikulieren könnten.

Theatraler Ausgangspunkt des Jenaer Projekts, das heute Abend im Kulturzentrum Kassablanca seine Premiere feiert, waren die Sophiensæle in Berlin, ein alternativer, inzwischen längst etablierter und dementsprechend von der Kulturpolitik unterstützter Theaterort unweit der Hackeschen Höfe. Dort war die Serie im April dieses Jahres mit dem Stück "Zornige Menschen - Um Eins gibt's Essen" gestartet, dort konnte auch die Grundidee realisiert werden.

Erdacht und entwickelt haben sie der Regisseur Dirk Cieslak und die Dramaturgin Annett Hardegen, die auch jetzt in Jena die Produktion leiten. Auf der Bühne standen in Berlin neben fünf professionellen Schauspielern 19 Laiendarsteller, Menschen aus ganz verschiedenen Berufen, die sich auf eine Annonce hin gemeldet hatten. "Erstaunlich genug", sagt Cieslak, aber es waren nicht die klassischen Arbeitslosen, die sich da gemeldet haben." Sondern Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, die nur eines eint: die Marginalisierung, die Ausgrenzung. Das Alleinsein mit dem Schmerz darüber.

Die Gründe für dieses Gefühl, sagt Annett Hardegen, seien unterschiedlich. Ihnen gehe es nun darum, die zugrundeliegenden Motive und vor allem die Geschichte der Ausgrenzung, die subjektive Biographie eines jeden Einzelnen zu erfahren - aber, das ist den beiden Theatermachern wichtig, "keineswegs pathologisch".
Mit anderen Worten: Es geht um den soziokulturellen Begriff der "Gemeinschaft" (Cieslak), um das dieser Gemeinschaft zunehmend auffällige Phänomen der sozialen Inkompatibilität. Die, daraus machen Regisseur und Dramaturgin keinen Hehl, ihrer Ansicht nach zu einem nicht unwesentlichen Teil ihre Wurzeln in einer Wirtschaftsordnung haben, die zwar global Profit und Wachstum als Wappen vor sich her trägt, dabei aber den zwangsglobalisierten Menschen gerne auch mal aus den Augen verliert. Vielleicht nicht wissentlich. Aber faktisch.

Der Ort, an dem das Theaterstück, das dies zeigen möchte, spielt, passt zum Projekt. Das Kulturzentrum Kassblanca, von seinen Stammkunden liebevoll "Kassa" genannt, liegt sprichwörtlich am Rand der für ostdeutsche Verhältnisse immens prosperierenden 100 000-Seelen-Stadt Jena. Wie ein farbiger Fremdkörper wirkt das verwinkelte Haus, wirken die vor dem Hintereingang geparkten ausrangierten Zugwaggons. Innendrin ein ähnliches Bild. Kunterbuntes Durcheinander herrscht hier. Aber auch ein spürbares politisches Bewusstsein. Wo man hinschaut, mit wem man spricht, stets blickt man in wache, aufmerksame Augen. Das Kassablanca vermittelt dem Besucher den Eindruck eines Ortes, an dem nicht nur laut Musik gehört und Flaschenbier getrunken, sondern auch gerne und ausgiebig diskutiert wird.

Genau das tun auch die sechs Darsteller im Stück "Zornige Menschen / Speak Easy". Sechs mehr oder minder unglückliche, apathisierte Existenzen stehen und hocken da im Stehkauf herum, philosophieren (mit Heiner Müller, Bier und Wurst) über das Leben als Wirklichkeit und das Leben als Möglichkeit, und in jedem der Sätze, die sie sagen, lassen sie jenen Satz mitschwingen, den Faßbinder einem seiner Filme lieh: Angst essen Seele auf.
Leider, und das bedauern auch Dirk Cieslak und Annett Hardegen im Gespräch, hat diese diffuse (Berührungs) -Angst auch diejenigen Menschen vom Theaterhaus Jena fortgehalten, die eigentlich mitwirken sollten. Nun sind es halt sechs Profis, die auf der Bühne von Kerstin Eichner stehen. Ein Trost: Sie alle leben und arbeiten in Jena. Am Theaterhaus. Ein Stück Authentizität ist gesichert. Denn in einem übertragenen Sinn sind ja auch Schauspieler immer wieder mal marginalisiert. Und deswegen zornig.

Leben als Simulation

Thüringische Landeszeitung, 14.12.05, Wolfgang Hirsch

Jugendclub-Atmo, man ist unter sich. Auf der Bühne im Jenaer Kassablanca ein Wall aus Getränkekästen, bleibt die böse Welt ausgesperrt. Das Publikum fläzt sich ins billige Rohrgestühl, plaudert in wohligem Popmusikbett. Nichts Besonderes, alles wie immer und vorne dasselbe. Denn die Figuren dort sind ja wie wir: "Zornige Menschen" - bloß, dass sie´s nur spielen, in der neuen Produktion des Theaterhauses.

Katrin (Sophie Hottinger), eine verwegen giftgrün wollbestrumpfte, doch eher aseptische Erscheinung, möchte geliebt sein. Ihre Verklemmtheit poltert in schwyzerdüetsch akzentuierten Kaskaden hervor. Ein Glück, dass sie Stella hat, ihr Hundchen, zum Kuscheln.

Jan Peter (Mathis Julian Schulze), eine dumpfige Triebnatur, begnügt sich mit Kehrblech, Wurzelbürste, Dachschaden und Putzneurose. Eine Ideal-Kombination. Einmal bricht er, flippt er aus der Lethargie aus: "Mir tut der große Schmerz nicht mehr weh!" schreit er minutenlang. Unheimlich, was mag in ihm vorgehen? - Riesenhirngespinste aus Comic-Apokalypsen.

Oder Norbert (Bernhard Dechant) im grautristen Hausmeisterkittel - ein verhinderter Chefideologe an Krücken. Den Kapitalismus erkennt er als Parodie auf den Kommunismus, und ergo folgert er fröhlich: "In einer Parodie lebt sich´s anregender."

Nein, zornig ist keiner dieser sechs Typen, die sich die Jenaer Theaterhausmenschen unter Anleitung des Regisseurs Dirk Cieslak selbst ausgedacht haben. Eher zynisch, resigniert oder bestenfalls hoffnungslos hilflos strampeln sich diese vom Leben Beschädigten, Gestrandeten am entlegenen Rand der Gesellschaft, ein bisschen ab mit eigenem Unvermögen und dem Unbill der Verhältnisse, zappen sich durchs Dasein.

Sie simulieren kapitalistische Existenzen, probieren die Marktwirtschaft, indem sie Würstchen und Bier oder Stollen und Glühwein an die Zuschauer verteilen, und Rico (Gunnar Titzmann) geht nachher kassieren. Da empfindet, wer Arbeit hat, Mitleid mit diesen, die ja bloß eine Vorstellung haben. Aber doch keine Chance. "So ist die Welt heute. Klar. Dreht sich", sagt Daniela (Saskia Taeger). "Sie benötigen mich nicht einmal mehr als symbolische Negation."

Die Texte hat das Jenaer Kollektiv aus Alltagsbanalitäten sich selbst auf die Leiber geschrieben. Der Strom ihrer Assoziationen ermüdet mit der Zeit, doch leider ahnt man: Es könnte, durchaus dynamisch, doch ziellos, ewig so weiter gehen, ganz wie in der Realität. Ein No-Art-Happening über die Langeweile des Über-Lebens.

"Ich würde jetzt gerne ficken", sagt Robert (Daniel Fries). Entgegnet ihm Katrin: "Du schreckst auch vor gar nichts zurück." Das Publikum kichert. Es weiß jetzt alles über die Brühwurst, über globalisierte Kühe, die Handys in China, den Tod.

Die Darsteller des Abends sind brillant, naturgemäß, als sie selbst. Sie spielen für uns, die, sähen wir nicht gerade ihnen im Theater beim Rumhängen und belanglosem Plaudern zu, vielleicht selber so rumhängen und plaudern würden. Nichts davon ist verwerflich. Aber Kunst - ein Missverständnis - sollte die tragikomische Realie wohl gar nicht sein.

Wenig Zorn, viel Vergnügen

Ostthüringer Zeitung, 15.12.2005, Uschi Lenk

Dirk Cieslak inszenierte "Zornige Menschen/Speak Easy" am Jenaer Theaterhaus

Eine solche Dekoration auf seiner Bühne hat das Jenaer "Kassablanca" wohl noch nicht gesehen. Leere weiße Bierkästen stapeln sich - Seite an Seite - im Halbrund fast bis an die Decke. Da und dort eine Öffnung für verschiedene Utensilien, ein dudelndes Radio etwa, ein Fernseher, in dem ausschließlich Sendungen über Afrika laufen, Mikrowelle, Kühlschrank...

Das sterile Ambiente (Ausstattung Kerstin Eichner) stellt sich als Spätverkauf namens "Speak Easy" heraus. Das ist zugleich der Untertitel der jüngsten Inszenierung des Jenaer Theaterhauses. "Zornige Menschen/Speak Easy" hatte am Dienstag jedoch nicht am Haus, sondern im "Kassablanca" Premiere. Dirk Cieslak hielt die Fäden in der Hand. Er setzt damit ein Projekt fort, das im April in Berlin unter dem Titel "Zornige Menschen/Um 1 gibt es Essen" seinen Anfang nahm und das 2006 als "Zornige Menschen/Gente Furiosa" in Buenos Aires weitergeführt wird.

Die Jenaer Inszenierung basiert auf Material, das Cieslak bereits in Berlin sammelte. Dort nämlich wirkten an dem Stück neben Schauspielern auch Laien mit, die ihre ganz eigenen Erfahrungen mit einem Leben am Rande der Gesellschaft einbrachten. In Jena ist dieses Experiment nicht geglückt. Zwar haben die Theaterleute auch in Jena zornige Menschen gefunden, doch waren diese nicht bereit, ihren Zorn auch auf der Bühne zu artikulieren.

Ihre Geschichten jedoch sind in die Inszenierung eingeflossen. So versammelt sich im "Speak Easy" eine eigenwillige Gemeinschaft. Sechs Menschen, die versuchen, Fuß zu fassen in einer Gesellschaft, die sie ausgrenzt, Menschen, die nach jedem Strohhalm greifen, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Gemeinsam, hoffen sie, es noch einmal zu packen mit ihrer "Modellgemeinschaft" (sagt man heute nicht "Modellprojekt"?) Spätkauf.

Da ist Rico (Gunnar Titzmann), ein vermeintliches Verkaufstalent, das zu DDR-Zeiten "Bück Dich"-Ware verscherbelt hat und nun versucht, Bier und Wurst, Stollen und Glühwein an Frau und Mann zu bringen und auf China schwört. Und Katrin Luzia (Sophie Hottinger) mit ihrem Schweizer Dialekt, die sich schon mal tot gestellt und sich danach Hund Stella angeschafft hat, den sie hätschelt und um die Hüften trägt, wenn er nicht gerade unter den Glühwein-Erhitzer pinkelt. Und Daniela (Saskia Taeger), eine ehemalige Tänzerin, die sich über ihren mehr als 60 Jahre alten und immer noch knackigen Körper freut, weil sie ansonsten nicht einmal mehr als "symbolische Negation" auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird. Und der schicksalsergebene Norbert (Bernhard Dechant), der an Krücken läuft und im Wiener Dialekt über Gott, die Welt und den Tod philosophiert. Und der sächselnde Robert (Daniel Fries) in seiner Dederon-Kittelschürze, der sich als revolutionärer Tänzer versteht und sich zu dem introvertierten Jan Peter (Mathis Julian Schulze) hingezogen fühlt, der ausspricht, was bei allen mitschwingt: "Angst essen Seele auf". Die Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden, müssten sie toben machen, doch Zorn lassen diese "Zornigen Menschen" vermissen. Zwar hat diese Collage mit ihren ineinander übergehenden Szenen, Wortspielen, Tanz- und Musikeinlagen etwas Bitteres und Bissiges. Das Publikum jedoch hat sich köstlich vergnügt, wenngleich ihm ab und an das Lachen im Halse stecken blieb.

"Zornige Menschen" in Jena: Ein bisschen zornig imKassablanca

Thüringer Allgemeine, 14.12.2005, Michael Helbing

Speak Easy hießen illegale Kellerlokale zu Zeiten derProhibition. Jetzt steht so eine Flüsterkneipe in Jena, als ganz legalesKellerloch der Gesellschaft. Und Alkohol gibt's auch.

"Speak Easy" ist ein Spätimbiss und also ein grässlicherOrt, leuchtstoffröhrenbeschienen, mit einer Regalwand aus weißenFlaschenkisten, mit Mikrowelle und Fernseher, mit Würstchen und Bier, mitStollen und Glühwein. Hier fristet ein randständiges Sixpack ein kümmerlichesExistenzgründerdasein: zwei Frauen, vier Männer, allesamt "Zornige Menschen".

Theatermacher Dirk Cieslak hat unter gleichem Titel schon inBerlin Biografien eingesammelt, die vom neu entfesselten Kapitalismus und demdrohenden Ende der Sozialsysteme deformiert waren. Auf dieser Basis geht es inJena weiter. Nur dass sich die auch hier gecasteten Laiendarsteller wiederverflüchtigt haben. Geblieben sind die Stadt und ihre Geschichten.

Im Kassablanca-Klub bildet das Theaterhaus-Ensemble nun eine"Modellgemeinschaft" und sucht verzweifelt nach Resten von Utopie undRevolution. Ein Sachse in Kittelschürze, ein zweiter im Jogginganzug, eineSchweizerin mit um die Taille gebundenem Hündchen, ein Österreicher anKrücken..., so tapsen sie mit ihrem bisschen Vergangenheit ins zukünftigeAbseits.

Entstanden ist skurrile, sozialkritische Comedy, der ihrZorn ein wenig abhanden kam. Der Plebs probt den Aufstand - und wirfinden es nur sehr lustig. Noch jedenfalls.

 
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