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Körper + Film: Dreimal war in der letzten Spielzeit im Malsaal ein Filmstoff der Ausgangspunkt für die Inszenierung von schrägen Geschichten zum Thema KÖRPER in ungewöhnlichen Formaten. Jetzt sind bis zum Jahresende zwei Teile noch einmal zu sehen.




ZELLULOID 1: DAS GROSSE FRESSEN von Marco Ferreri

Fotos: Joachim Dette

Körper + Völlerei: Vier Männer fressen sich buchstäblich zu Tode. Sie treffen sich in einer alten Villa, kochen gemeinsam, essen, fressen, verlustieren sich mit Prostituierten, ohne je das Essen zu vernachlässigen. Bis der Körper nicht mehr mitmacht, die Verdauung streikt, das Herz aussetzt und einer nach dem anderen stirbt. Marco Ferreris Kultfilm von 1973 ist eine groteske Gesellschaftskritik über die Maßlosigkeit des Verlangens.
Eike Hannemann, der im letzten Jahr mit großem Erfolg Joey Goebels Debütroman »FREAKS« im Kassablanca inszeniert hat, wird sich dieser Fressorgie mit dem Format des Live-Hörspiels nähern.
Klappe, die erste, für einen außergewöhnlichen Augen- und Ohrenschmaus.

Mit: Julian Hackenberg, Ralph Jung Regie: Eike Hannemann Bühne und Kostüme: Matthias Koch Dramaturgie: Christin Bahnert
Premiere: 6. November 2008


Kritiken:

Nachtkritik, 06.11.2008:

Das große Fressen – Eike Hannemann verlegt Marco Ferreris Skandalfilm in Jena in ein Hörspiel-Studio Kaugummi fürs Kaugeräusch
Als Beitrag zum Thema schöner Sterben wird man Marco Ferreris Skandalfilm von 1973 kaum missverstehen können. Seine Schlemmerparabel läuft ja nicht nur auf die Pointe hinaus, dass die fortwährende Steigerung des Genusses eine Form der Todessehnsucht ist. Es ist auch eine Geschichte über die Qual der Lustmaximierung. Wer will schon so schmerzhaft aufgebläht und dauerfurzend verenden wie Michel Piccoli in der Rolle des TV-Regisseurs Michel? Ohnehin hat der Film etwas zutiefst Anarchisches. Die frivole Gleichgültigkeit, mit der vier Männer und eine Frau ihren Selbstmord zelebrieren, indem sie sich auf höchstem Niveau zu Tode fressen, mit Austern, Nieren à la bourginion und Crêpes Susette, nebst einer letzen sexuellen Ausschweifung, muss jede Gesellschaft provozieren, die Wohlstands- und Glücksvermehrung propagiert. So viel lässige Negation und Entgrenzung geht einem noch heute ans Gemüt. Damals war es ein Skandal, der dazu führte, dass der Film in Irland verboten wurde und die dralle Mimin Andréa Ferreol Hausverbot in mehreren Restaurants bekam. Das subversive Potenzial und die schwarze Komik des Stoffes reizte vor zweieinhalb Jahren Dimiter Gotscheff an der Berliner Volksbühne zu einer ersten, ziemlich deftigen Bühnenadaption. Nun gibt es eine zweite, nicht minder deftige.
Das große Hören

Der 1976 geborene Regisseur Eike Hannemann hat sie am Theaterhaus Jena im Rahmen einer »Zelluloid«-Reihe (Filmadaptionen) erarbeitet. Er hat dazu allerdings ein verändertes, postmodernistisch anmutendes Arrangement getroffen: Das große Fressen findet nicht statt, es wird nur gespielt. Die Regie schlüpft mit dem Text in die Meta-Fiktion einer Hörspiel-Produktion. Das Publikum sitzt mit im Studio. Das große Fressen wird also zum großen Hören. Der Reiz dieses Einfalls ist die sinnliche Brechung und Verfremdung. Das schaurige Gelage bleibt unsichtbar und ist, da es ja nur gespielt wird, vom Ursprungsernst entkoppelt, während wir 75 Minuten lang verfolgen, wie die akustische Version mit allen Tricks und Kniffen erzeugt wird. Das hat Raffinesse und Fallhöhe. Vor allem aber ist es haarsträubend komisch, wenn die bizarre Tragödie des egozentrischen Suizids von Andréa, Philippe, Marcello, Ugo und Michel durch das kuriose Geschehen des professionellen Rollensprechens und Geräuschemachens überlagert wird. Julian Hackenberg und Ralph Jung, die zwei Darsteller, meistern ihre Aufgabe mit Bravour. Sie haben die Haare mit Brillantine angeklatscht, tragen Partyhemden im Retro-Look und sitzen in einem kleinen Hörspielstudio, in dem all das bereitsteht, was der Mann vom Fach so braucht: eine kleine Holzzarge mit einer Normaltür und eine weitere mit einer Schwingtür, eine Gießkanne als Duschkopf-Ersatz, Teller und Gläser zum stilgerechten Klappern, eine Mini-Küche mit allerlei Kochzeug und Messern, viel Kaugummi für das richtige Kaugeräusch, ein Locher als Quietsch-Apparat, Gummihandschuhe, mit denen sich das Aufflattern von Vögeln simulieren lässt – und, mit Gefühl in ein Glas gedrückt, eine unerhörte Furzerei.
Quer durch den Figurengarten
Offenbar konnte man an den Betriebsgeheimnissen einer ARD-Hörspielabteilung partizipieren. Gespielt wird im Malsaal unter dem Dach. Das ist ein kleiner, sehr intimer Rahmen für diese abgründige Radikal-Komödie, die auch einem Werner Schwab hätte einfallen können. Matthias Koch (Bühne) hat den Raum in einem Akt der Rückwärts-Verfremdung komplett mit rotem Samt ausgeschlagen und ausgehängt, auch den Studio-Bereich, der damit den Anschein einer von Hörspiel-Leuten zweckentfremdeten Lusthöhle erweckt. Die beiden Darsteller sind pausenlos im Einsatz. Sie machen alle Geräusche selber und teilen sich nicht weniger als elf Rollen. In der Kunst der akustischen Figurenzeichnung haben sie es zu einiger Könnerschaft gebracht. Sie markieren Typen, setzen die Stimmen kräftig voneinander ab. Der Fernsehregisseur Michel beispielsweise ist ein bei jeder Gelegenheit greinender Jammerlappen. Philipp, der gastgebende Richter mit der geerbten Villa, wird als parfümierter Feingeist vernehmbar. Der Flugkapitän Marcello, der im Film von Marcello Mastroianni gespielt wird, lässt den notorischen Macho und Weiberheld raushängen. So geht es quer durch den Figurengarten. Eine Toilettenanlage muss auch explodieren. Derart obskur und komisch wird Hedonismuskritik nicht alle Tage formuliert.
[Ralph Gambihler]

Thüringische Landeszeitung, 08.11.2008:
Ohrenschmaus und Schmatzorgie
Turbulent geht es zu an dieser Bar: Hier werden keine Cocktails ausgeschenkt, sondern Stimmen imitiert und Geräusche gemixt. Zwei sprechen vier, nein fünf, sechs, sieben Rollen, Männ- und Weiblein im Wechsel. Setzen diverse Küchen- und Kochgeräte in Gang, zerhäckseln Kraut, patschen auf Pudding, knirschen mit Zucker und quietschen mit prallen Luftballons - alles in höchster Präzision. Unter der Hand entwickelt sich dabei eine Performance, die einen Kultfilm der 70er Jahre auferstehen lässt: Marco Ferreris "Das große Fressen" - als Live-Hörspiel-Parodie. Ein Ohrenschmaus, der zusehends zur Schmatzorgie ausartet, immer nah an der mit hochkarätigen Schauspielern besetzten Vorlage, in der sich vier Männer - der Flugkapitän Marcello, der Jurist Philippe, der Fernsehproduzent Michel und der leidenschaftliche Koch Ugo - buchstäblich zu Tode fressen und huren. Man muss den Film nicht kennen und kann trotzdem Spaß an dieser spektakulären Unterhaltung finden. Ralph Jung und Julian Hackenberg sitzen vor einem halben Dutzend Mikrophonen, lesen aus dem Manuskript, ohne daran zu kleben; das ginge auch gar nicht, denn laufend ändern die beiden die Positionen und hantieren mit den verrücktesten Dingen. Wie der eine zum Dialog den Miniduschvorhang auf und zu zerrt, der andere aus der Gießkanne Wasser in eine Wanne plätschern lässt, das ist virtuos und sehenswert zugleich. Ein Ventilator erzeugt für den Kapitän das Anfluggeräusch, eine Katzenklappe signalisiert Raumwechsel innerhalb des Hauses, Unmengen von Bubble Gum versinnbildlichen die Völlerei, für die sexuellen Ausschweifungen müssen ein Kohlkopf und eine Dose Sprühsahne herhalten.Eike Hannemanns Adaption des Films für den Malsaal des Jenaer Theaterhauses fasst das große Thema in der kleinen Form. Zügellose Genusssucht und Lebensüberdruss gehen provozierend einher; zugleich erzählt das Stück von verborgenen Wünschen und verdrängten Obsessionen, die sich kurz vorm kollektiven Suizid entladen. Nichts Menschliches ist den Darstellern fremd, so dass der Balanceakt zwischen Farce und Einfühlung über weite Strecken glückt.Freilich ist dies kein Psychodram, sondern eine deftig-launige Tragikomödie, bei der man auch mal nach Herzenslust die Sau rauslassen kann. Matthias Koch hat diesbezüglich die Hör-Spiel-Bühne mit rotem Stoff ausgekleidet, so dass sie an das Innere eines Magens erinnert, in der sich die dramatischen Delikatessen zunächst stauen, dann blähen und schließlich explodieren. Die Unersättlichen - ein witziger Auftakt der Reihe »Körper und Film«, die wohl sicher einiges erwarten lässt.
[Frank Quilitzsch]

Ostthüringer Zeitung 08.11.2008:
Vier, die sich zu Tode fressen Premiere einer absurden Komödie in Jena
Ob der kollektive Freitod durch maßlose Völlerei eine angenehme Art ist, sich aus der Welt zu schaffen, bleibt dahingestellt. Appetitlich für die Zuschauer der sarkastischen Komödie »Das große Fressen«, die am Donnerstag im Theaterhaus Jena Premiere feierte, ist es jedenfalls nicht. Dabei wird von den beiden Darstellern Julian Hackenberg und Ralph Jung nicht einmal etwas gegessen. Regisseur Eike Hannemann, der für das Theaterhaus in der letzten Spielzeit schon »Freaks« von Joey Goebel zur Uraufführung brachte, legt »Das große Fressen« als Live-Hörspiel an. Dafür gibt er den Protagonisten ein Sammelsurium an Requisiten (Bühne und Kostüme: Matthias Koch) in die Hand, mit dessen Hilfe es Julian Hackenberg und Ralph Jung bestens gelingt, die Phantasie der Zuschauer derart zu beflügeln, dass jene sich direkt am Esstisch der Herrschaften, mitten im Geschehen von Marco Ferreris Komödie wähnen. Vier befreundete Franzosen, ein Richter, ein Fernsehproduzent, ein Flugkapitän und ein Koch, allesamt im besten Alter, verabreden sich fürs Wochenende zu einer Fressorgie, die mit dem Tod enden soll. Damit die Völlerei beginnen kann, werden Unmengen an Köstlichkeiten und Fleisch geliefert, gemeinsam liebevoll zubereitet und lustvoll vertilgt. Doch Flugkapitän Marcello stellt nach der ersten Nacht fest, dass er ohne Sex nicht kann und so ziehen - um Abhilfe zu schaffen - drei Prostituierte und eine sexhungrige Lehrerin mit in die Villa. Irgendwann explodiert die überanspruchte Toilette, ist das Bad mit Fäkalien überzogen, fliehen die drei Nutten und trifft die vier Männer gleichgültig der Tod. Die groteske Gesellschaftskritik über die Maßlosigkeit der Gesellschaft kam 1973 erstmals auf die Kinoleinwand. Mit der etwas kürzeren Theaterfassung eröffnet das Theaterhaus nun seine "Zelluloid"-Reihe, in der dreimal in dieser Spielzeit ein Filmstoff Ausgangspunkt einer schrägen Inszenierung zum Thema Körper sein wird. Teil eins ist bereits bestens gelungen, was nicht zuletzt dem Improvisationstalent der beiden tollen Darsteller geschuldet ist.
[Ulrike Kern]

 
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