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im Kassablanca

Fotos: Joachim Dette

Wer will schon gern verlieren? Ich bleibe lieber kühl,
und sage: nichts riskieren, nicht zuviel investieren,
am wenigsten Gefühl.
Wer will schon gern verlieren und unterlegen sein?
Ich lass mich nicht regieren. Mein Mann der muss parieren.
Sonst sag ich vorher: NEIN.

 
Die schöne Julia hat ihren 18. Geburtstag. Ein Fest soll stattfinden, an dem ihr das bisher von ihrem Stiefvater verwaltete Erbe ihrer verstorbenen Mutter übergeben werden soll. Damit das Geld in der Familie bleibt, soll Julia ihren Stiefbruder Konrad heiraten. Aber Julia schwärmt für den geheimnisvollen Siegfried, der in Batavia einen neuen Staat ausgerufen hat. Und dann gibt das da noch Hanna. Sie liebt Konrad, und er liebt sie. Kann das alles gut gehen? Denn die Wahrheit über das Geld ist, dass Papa es falsch angelegt hat ...
Die Geschichte der Bundesrepublik beginnt – aus einer komplett zerstörten Landschaft heraus – mit dem Mythos vom unendlichen Wachstum. Mit Menschen, die bereit waren, für wenig viel und hart zu arbeiten. Und die die unangenehmen Erinnerungen in Coca-Cola ertränkten. Wenn sich heute die Ökoschickeria nach einem harten Tag in die volle Wanne mit Wellness-Badezusatz legt, erinnert sie sich vielleicht an den roten VW-Käfer, den der Opa noch über Jahre in Hochglanz hielt.  
Das ideale Genre in Krisenzeiten war und ist die Operette. Der unsinnlichen Macht des Geldes keck ins Gesicht zu lachen und dem harten Alltag den trink- und liebesslustigen Trubel der leichten Muse entgegenzusetzen – das ist auch unser Ziel in der diesjährigen Kassablanca-Produktion. Mit unserem Operetten-Remix zwischen »Dollarprinzessin« und »Weißem Rössl«.
Max Claessen inszenierte während seines Engagements als Regieassistent am Thalia Theater Hamburg u.a. »remember.Krippenspiel« nach dem Lukasevangelium und Dario Fo, »Ein kurzer Film über die Liebe« nach K. Kieslowski und »I hired a contract killer« nach Aki Kaurismäki. Diese Spielzeit brachte er u.a. am Theater Chemnitz Oliver Klucks »Zum Parteitag Bananen« zur Uraufführung.
 
Mit: Mohamed Achour, Anne Haug, Natalie Hünig, Mathis Julian Schulze, Sebastian Thiers und Helga Assing am Klavier Regie: Max Claessen Bühne und Kostüme: Oliver Helf Musikalische Bearbeitung: Oliver Jahn Dramaturgie: Christin Bahnert Premiere: 01.04.2010, Kassablanca

Kritiken:

Ostthüringer Zeitung, 05.04.2010:

Wirtschaftswunderoperette Premiere in Jena

Am 1. April hatte im Jugendklub Kassablanca die jüngste Inszenierung des Theaterhauses Jena Premiere. Mit »Wirtschaftswunderoperette« wagt das Ensemble einen Ausflug in ungewohnte Gefilde.

Auf der Festtafel mitten im Kassablanca ist aufgebaut, was einst keineswegs spießig war: Doppelmagnum-Pullen Champus, Toast Hawaii, dekorierte Spießchen, Sprühsahne, Cocktailkelche...

Und auch die Tischgesellschaft trägt Klamotten (Bühne/Kostüme: Oliver Helf) , die höchste Gefahr für den Fortbestand der Menschheit signalisieren. Oder törnt wen der Strickpullunder von Mathis Julian Schulze an? Oder der k...braune Anzug von Mohamed Achour? Ein bissl fescher wirken die Dirndl der Mädis Natalie Hünig und Anne Haug, gehörte fesch nicht zu den abgehakten Kategorien. Andrerseits, keiner weiß, ob die Jungen in 50 Jahren schwarz noch für eine coole Farbe halten.

Doch jetzt steht im Kassablanca erstmal das Wirtschaftswunder als Operette und jüngste Produktion des Jenaer Theaterhauses auf dem Programm. Die Premiere am 1. April ist kein Scherz, sondern ein honoriges Stück Sangeskunst seitens der fünf Mimen, zu denen mit Schulze, Achour, Hünig und Haug noch Sebastian Thiers als alter Nazi im Rollstuhl gehört. Der ist Vormund der schönen Julia, zu deren 18. Geburtstag der Toast Hawaii verputzt wird. Julia hofft, als Volljährige endlich an ihr Erbe zu kommen. Das hat der Vormund verzockt. Damit das nicht rauskommt, soll sein Sohn Konrad Julia heiraten. Doch der liebt Hanna und Julia liebt sowieso Siegfried, der vor Jahren nach Batavia flüchten musste, da der alte Nazi ihn bei der Polizei verpfiffen hatte. Nun kommt Siegfried als armer Wandergesell und Affe zurück

Der Vetter aus Dingsda wird von den Theaterhäuslern und Max Claessen (Regie) ins bundesdeutsche Wirtschaftswunder katapultiert, mit einem Schluck Neuss gewürzt: Jetzt gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder..., zu den Mädis in Kalmans Chantant geschickt und darf in Benatzkys Weißem Rössl am Wolfgangsee sein Glück finden. Falls er nicht in Indien hängen bleibt... Oder die Frage beantworten kann, bei der schon Helga Hahnemann nicht weiter wusste: Wo ist mein Geld nur geblieben?

Liederabende haben derzeit Konjunktur auf deutschen Bühnen. Der Jenaer im Jugendklub Kassablanca ist vielleicht der grellste, was die Zutaten, und der wildeste, was den Gesang betrifft. Die wunderbare Helga Assing am Klavier und Oliver Jahn (Musikalische Bearbeitung) garantieren einen weitgehend harmonischen Abend. Der natürlich auch keinerlei Angst vor Dissonanzen haben muss. Wo markige Sprüche und ganz doll viel Liebe in inniger Verbindung mit Musik auf so begeisternde Interpreten treffen, bleibt dem Publikum nur eines: Applaus und Bravo-Rufe.

[Angelika Bohn]

 

 
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