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Jena: China brüllte heftig zum Auftakt der Kulturarena - Revolution am Abend

Thüringer Allgemeine,  Bodo Baake

Jedes Festival, das auf sich hält, hievt zum Auftakt ein Special ins Programm. Und weil die Jenaer Kulturarena außerdem von sich sagt, das größte Sommerfest Thüringens zu sein und ins zehnte Jahr gekommen ist, setzte sie noch eins drauf und vor die Eröffnung die Ouvertüre. Vor der Theaterhaus-Produktion "Brülle, China!" kamen Sommerparty, Konzert und Oper. Allesamt Publikumserfolge, die von den 60 000 erwarteten Zuschauern für die 50 Veranstaltungen der bis 26. August gehenden Arena bereits 6000 brachten. Buchhalterisch geht das in Ordnung.

Und auch sonst. Wobei anzumerken ist, dass die Ouvertüre ein bisschen ihre ursprüngliche Absicht aufgegeben hat, große, klassische Kunst der harten Realität der Plattensiedlung Lobeda auszusetzen. Denn die im Vorjahr im Schlagschatten der Elfgeschosser aufgeschlagene Bühne rückte nun an den Rand des Viertels. So spielte die Jenaer Philharmonie Smetanas "Moldau" am Saaleufer, zelebrierte das Tournee-Ensemble der Loreley-Festspiele Verdis "Nabucco" in der idyllischen Flussaue. Ein spannender Schauplatz ging verloren, doch der Freistaat hat eine Freilichtbühne mehr.

Die Weltrevolution als Sommerabenddreistigkeit - so etwa ließe sich die Inszenierung von Sergej Tretjakovs "Brülle, China!" beschreiben, mit der das Jenaer Theaterhaus traditionell die Eröffnung der Kulturarena bestritt. Waren dazu bisher - leider in abfallender Linie - Projekte vor Ort und aus dem Geist des Ortes heraus entwickelt worden, griff man diesmal zu einer Stückvorlage, die sich dem Haus- und Spielzeitmotto "Wege ins Paradies" zuordnen lässt. Ein Klassenkampfepos, ein Agitprop-Dramolett aus untergegangenen Zeitläufen. Die achtzig Jahre alte Geschichte einer Kuli-Empörung, aus einer ganz anderen Haltung, einer ganz anderen Hoffnung heraus geschrieben - und durch das Schicksal seines Autoren bereits widerlegt: Der sowjetische Dramatiker Sergej Tretjakov ging 1939 im Gefängnis zu Grunde, wurde eines der Opfer seiner in der Realität entgleisten Utopie.

Was alles mitzudenken ist, sieht man und vor allem spielt man diesen Text. In der Regie Christian von Treskows (als Gast) wird das eine zweieinhalbstündige Gratwanderung. Er muss die große, auch grobe Form des Spektakels mit 160 Mitwirkenden bedienen, muss seine Solisten führen, muss epische, lyrische Momente setzen und schließlich das Publikum bei Laune halten. Was am Ende, nehmt alles nur in allem, sogar gelingt.

Jürgen Lier hat ihm dafür auf dem oft genutzten Theatervorplatz eine großartige Szenerie geschaffen. Ein Wege- und Stegelabyrinth, in die Zuschauer-traversen gebaut, stellt die Hafenstadt Wanxian vor, ein Wasserbassin ist der Jangtse, auf dem das englische Kanonenboot vor Anker liegt: das Theaterhaus im maritimen Schanzkleid, mit Promenadendeck und heiligem Kanonenrohr.

Der Plot der Geschichte ist eine üble Kolonialkolportage, gegen die man aber nicht an kann, weil sie wahr ist: Ausbeuterscheusal und Nichtschwimmer Hawley (Rainald Grebe) kippt beim Zehn-Cent-Streit aus dem Ruderboot, wird von fieser Imperialistenbande zum Mordopfer stilisiert, das mit der Hinrichtung zweier Kulis gesühnt werden soll. Empörung, Aufruhr, Revolution. China brüllt!

Während die Regie aus der blauen Ameisen-Masse der Chinesen nur wesentliche Charaktere hervorhebt - etwa den roten Agitator (Frank Benz), den Übersetzer-Studenten (Sandra Hüller), einen Weltrettungsmönch (Oliver Held) -, ist die Gruppe der Europäer durchgezeichnet. Parodistisch, karikierend vor allem, aber genau ausbalanciert, fast immer auf den Punkt aus dem Klamauk in bösen Ernst zurückstürzend, aus der Pension Schöller ins Ausbeutergeschäft. Das ermöglicht sehenswerte schauspielerische Momente - etwa bei Renè Marik als schnittiger Kanonenboot-Käpt'n, Holger Kraft als trotteliger Deckoffizier, bei Claudia Bauer und vor allem Tilla Kratochwil, die eine schrill-schrullige Tochterstudie liefert.

Das riesige Ensemble der Laiendarsteller - unter anderem mehrere Jenaer Chöre, Spielmannszüge, das Brülle-China-Salonorchester und eine Tai-Chi-Gruppe - trägt in Sprechrollen manchmal zu einer skurrilen, unfreiwilligen Komik bei, die das Publikum, entschlossen, sich zu amüsieren, schlicht "zum Brüllen" findet. [...]

Bekenntnis zu großen Gefühlen

Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 13.07.2001

Zum Bersten gefüllt waren am Donnerstag die Zuschauerränge auf dem Theaterhausvorplatz in Jena. Auch der nach einer Stunde einsetzende Regen vertrieb die Menschen nicht. Vielmehr tauchte das rieselnde Nass die gespenstische Szenerie in diffuse Melancholie.

[...] Treskow inszeniert ohne ironische Brechung. Er will sich nicht klüger als Tretjakov wähnen. Die Entscheidung, das Establisment mit Schauspielern, die Kulis und Schiffer dagegen vorwiegend mit Laien zu besetzen, steigert Ablehnung und Identifikation. Die Bösen - gestylte Karikaturen. Die Guten - Menschen, Thüringer, Jenaer, Chinesen wie du und ich. Soundtrack und Licht ziehen die emotionale Schraube weiter an. Die Bühnensituation mit Kanonenboot, Fluss und Chinesenstadt, nutzt die Regie filmisch, um die Geschichte in kurzen Schnitten vor sich herzutreiben. Ab und an stößt das Verfahren an logistische Grenzen. Immerhin zählt das Spektakel rund 160 Mitwirkende, die auf schmalem Steg ihre Einsatzorte erreichen müssen. Doch für die wenigen Längen entschädigt die Inszenierung mit magischen Momenten hoher Intensität. [...]

Mit Wok und Kanone

Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 13.07.2001

Hilfe, die Chinesen kommen! Ein Aufstand, ein Kuli-Drama in der Kulturarena? Make music, not revolution! Jena liegt am Yangtse ... Vorm Theaterhaus wird gebadet ... Nackt? Nee, mit Strohhut. Kulturrevolution - wo ist meine Mao-Bibel? Wie heißt gleich dieser Russe? Tretjakow, Tretjakow - muss man den kennen? Hoffentlich was zum Brüllen ... Finster, China, Finster! Ach, die Theaterhaus-Truppe mischt auch mit ... Naja, gucken wir mal ...

Kulis gibt's schon am Eingang, schreiben ganz ordentlich. Im Wassergraben vor der Theaterhausfassade dümpeln Ruderkähne. Auf dem Kanonenboot ist noch Siesta. Arenavolk strömt und strömt. Drängt sich am Biertresen. Die Nudeln "nach Art des Hauses" sind zu empfehlen. Zusammenrutschen, Leute, Handys aus. Noch eine Nudel. Es geht los.

Mit Tai-chi auf dem Bootssteg. Eine Stimme kündigt die Ereignisse an, man ahnt, was kommt, aber noch nicht, wie. Geballt. Chinesen von links. Chinesen von rechts. Trippeln und tippeln barfuß über die Bretter. Der Volkshaufen verdichtet sich und starrt finster übers Wasser, wo weiße Matrosen aufmarschieren und auf der Stelle parodieren, die Langnase demonstriert Stärke. Dann: Stillgestanden und Stille. Aug in Aug starrt man einander an. Schweigend. Misstrauisch. Abwartend. Wat is'nu?

Premiere ist. Das Spektakel, mit dem am Donnerstag Abend die 10. Jenaer Kulturarena eröffnet wurde, heißt "Brülle, China!", stammt von Sergej Tretjakow und ist eine Ausgrabung und eine Entdeckung zugleich. Vor allem ein Wagnis: Nach zwei flotten Nummernrevuen, einem satirischen Narrenschiff und einer Medienfarce um den Jenaer Uniturm nun ein sowjetisches Drama aus den zwanziger Jahren. Das Stück scheint so fern wie der ferne Osten, aber ist so abwegig nicht. Sein Thema - Ausbeutung, Unterdrückung, Rassismus, Revolte, Volksaufstand - hat sich auf der Welt nicht verflüchtigt, es wird nur hierzulande kaum noch wahrgenommen. Christian von Treskow inszeniert das Werk mit Jenaer Volk für Jenaer Volk, da rückt es plötzlich näher.

[...] An Deck des Kanonenboots sorgen Käptn Rene' Marik, Theaterhaus-Chefin Claudia Bauer und Tilla Kratochwil für Superstimmung. Es gibt eine kollektive Trinkernummer, die könnte auch von Castorf stammen.

Doch "Brülle, China!" ist weder Spaßbad noch Agit-Prop-Theater, sondern ein vielschichtiges historisches, stark angestaubtes Schaustück, das die Chronik eines Aufruhrs in vielen kleinen Geschichten erzählt. Freilich mit abgrundtief didaktischer Wirkung. Doch Christian von Treskow, der Regisseur, schert sich nicht darum; ihm ist das Schwarz-Weiß-Schema recht - als Stilmittel: Die Fronten sind klar (hier die Guten, dort die Bösen), und die Masse ist gut geknetet; wer dem Plot nichts abzugewinnen vermag, wird sich dem Bilder- und Bewegungszauber kaum entziehen können. Ein bisschen Seghersscher Aufstand der Fischer von Sankt Barbara, ein bisschen Panzerkreuzer Potemkin á la Eisenstein; im Turm brennt noch Licht. Christian von Treskow hat Spaß an verfremdender Gruppenchoreografie (einmal wird brechtianisch gesungen, ein andermal eislerisch gegrummelt) und überzeugt genauso mit liebevoll arrangierten kammerspielartigen Szenen. Die First-Class-Gesellschaft auf dem Kanonenboot ist filmreif inszeniert. Die Hinrichtungsszene eine perfekte Hollywoodnummer. Ein Chinesenkind läuft ins Bild und zieht das Todeslos für den Vater, die Mutter bricht zusammen - Piscator hätte das kaum besser drehen können.

Jürgen Lier hat, die Theaterhausfront und das Arenarund nutzend, eine geniale Spielfläche für die 150 Mitwirkenden geschaffen; neben der Theaterhaus-Crew und dem Jugendtheaterklub zahllose Jenaer Laiengruppen, Chöre und Vereine. Nach einer Stunde beginnt es zu gießen. Schirme gehen auf, Planen machen sich breit. Man sieht nicht mehr viel, aber hört noch alles. Chinesisch-thüringischen Dialekt vor allem: Geschichten um den Wok. Erinnerungen an die Geraer Arbeiterfestspiele werden wach. Am Ende sind alle nass - Publikum, Schauspieler, Musiker und Statisten. Na, hat sich doch gelohnt. [...]

Aufstand am Fluss - Christian von Treskow inszeniert Tretjakows "Brülle China"

Mitteldeutsche Zeitung, Andreas Hillger, 14.7.2001

[...] Es ereignet sich im Juli 2001 vor dem Theaterhaus Jena: Sergej Tretjakows Revolutions-Stück "Brülle, China!", das gleichzeitig mit geballter Faust und erhobenem Zeigefinger zu drohen weiß, wird dem eigentlich verdienten Vergessen entrissen und zum Spektakel-Auftakt der zehnten Kulturarena aufgewertet.

Das exotische Unternehmen verdankt sich Gastregisseur Christian von Treskow, der seit seiner Beschäftigung mit dem Tretjakow-Partner Wsewolod Meyerhold offenbar eine Affinität für dessen vergangene Reformsprache hegt. Tatsächlich ist zumindest der Aufwand dem Gegenstand angemessen: Laien aus Chören und Spielmannszügen bevölkern die vor das Theaterhaus gebaute Hafenmole, während sich auf dem Bühnen-Deck selbst eine groteske Gesellschaft von zynischen Langnasen spreizt.

Nachdem eine Stimme aus dem Off den historischen Anlass geklärt hat, wird die Konfrontation zelebriert: Stur stampfen die Matrosen, stumm starren die Chinesen. Das Panorama füllt den Raum. Doch schon bald verspielt die Inszenierung diese Kompetenz für den Ort: Weil die Regie ihre großen Bilder immer wieder mit intimen Kammerspiel-Miniaturen kontert, kommt am Ufer des künstlichen Flussbetts schnell Langeweile auf.

Die zweifellos diskutable These, dass Tretjakows in sauberen Gegenschnitten konstruierter Text durchaus filmische Qualitäten aufweist, wird ohne Rücksicht auf die Gegebenheiten vor Ort illustriert. Aber wo die Kamera den Ausschnitt verringern kann, muss das Theater den Blick behelfsweise durch Lichtwechsel konzentrieren.

Doch dieses Mittel ist nur bedingt tauglich, da die Distanz zum Geschehen stets gleich bleibt und die akustische Verstärkung die Zuordnung der gesprochenen Texte - namentlich bei den ärmlich uniformierten Chinesen - zusätzlich erschwert. So blickt man hier auf eine weitgehend amorphe Masse, während sich die mit Profis besetzte Schiffsgesellschaft immerhin in kuriosen Karikaturen profiliert - eine fatale Umkehrung der ursprünglichen Schwarz-Weiß-Malerei, die aus der Tragödie über weite Strecken eine Farce macht. Dabei hätte man Tretjakows Anweisungen für die konkrete Zeichnung des Hafen-Lebens nur ernst nehmen müssen, um ein sehenswerteres Ergebnis erzielen zu können. Doch wer das kalkulierte Chaos der Händler und Gaukler, der Garköche und Bettler auf die Lohnarbeiter-Lemuren reduziert, trübt die Tristesse zusätzlich. Und betrügt damit das Publikum auch um den für ein Spektakel unverzichtbaren Schauwert, der nun am ehesten durch das Kanonenboot befriedigt wird. Warum man also zum Abschied der erfolgreichen Theaterhaus-Saison diese revolutionäre Situation imaginiert, bleibt ein Rätsel. Brülle, China? Schlafe, Jena! [...]

 
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