Ein wahrer "Triumph der Provinz"
Leipziger Volkszeitung, Hartmut Krug, 13.04.2002
Felicia Zellers wild mäandernde Textfolge triumphiert in Claudia Bauers Regie im Theaterhaus Jena
Das erste Bild der Provinz im Theaterhaus Jena zeigt die Ruhe des Stillstands. Ein junger Mann träumt, von einer Spinne am Mikrofon festgesponnen. Ein Schaf im Hintergrund macht das, was es während der gesamten Aufführung tut: Es döst und frisst ruhig vor sich hin. Doch wenn Bewegung ins Spiel kommt, sich acht Einzelkämpfer auf grünem Rollrasen in und zwischen drei Fotofix-Passbildautomaten unentwegt neu zu erfinden suchen, dann reden alle so hektisch, als ginge es nicht nur um ein neues, sondern ums ganze Leben. Auch unser Träumer rattert schrill durch die Beschreibung eines Möbeltransports. Und sein verdrehtes Denken über die Fortbewegung fährt ihm dabei in den Körper. Mit artistischen Verbiegungen schafft der famose Maximilian Grill eine absurd-realistische Traumfigur.
Jungautorin Felicia Zeller (Jahrgang 1970) ist mit einem halben Dutzend Uraufführungen in den letzten zwei Jahren zu einem Shooting-Star der deutschen Dramatik geworden. Sie ist eine Sammlerin und Monteurin von Realitätspartikeln. Im "Triumph der Provinz" stellt sie diese in filmischen Short Cuts (unter eingesprochenen Überschriften) hart nebeneinander. Ihr Auftragswerk für Jena ist ein wildes Konglomerat von Szenen und Situationen, von Mono- und Dialogen sowie von Momentaufnahmen im Prozess immer neuer Identitätsschaffung.
Regisseurin Claudia Bauer hat die wild mäandernde Textfolge klug gekürzt und aus den Bewegungen und Beziehungen der Figuren kleine Geschichten destilliert. Die Uraufführungs-Inszenierung ist von schriller Bewegtheit und groteskem Witz. Sie wirkt zugleich liebevoll verspielt und unruhevoll überdreht. Sie zeigt das junge Jenaer Ensemble in aufgedrehter Spiellaune und darstellerischer Bestform. Alle sind immer zugleich auf der Bühne und in Bewegung. Die Regisseurin baut mit viel Phantasie choreographisch bewegte (Körper)Bilder: Herrlich, wie die Darsteller als Chor der Fußball-Fernsehenden mit ihren Stühlen zum Spiel herandribbeln.
Provinz ist der Ort, aus dem alle flüchten wollen, indem sie sich neu erfinden. Micki (Stefanie Hellmann) will als Sängerin und Star in die Großstadt. Bille träumt sich aus erkalteter Ehe mit neuen, großen Brüsten in die Jugendleidenschaft mit Schorsch, dem Anbaggerstar des Ortes (Holger Kraft tanzt mit bauchigem Hüftschwung durch die wunderbare Schäbigkeit seiner Figur). Es reicht für Bille aber nur zu einer neuen Frisur (Anita Vulesica schafft mit energischem Witz eine zugleich berührende wie komische Gestalt).
Provinz ist jedoch nicht nur der Ort, an dem man lebt. Provinz steckt in jedem. Also muss man, meint sarkastisch die Autorin, sich auch innen verändern. Flexibilisieren heißt dafür das Zauberwort. Ein abgehalfterter Fernsehstar kommt zur Lesung aus seinem Kochbuch als erotische Offenbarung für Männer herangetingelt. Lutz Wessel lässt Billes Mann Bill (unterm Basecap die Dumpfheit, an der Hand den Rasenmäher als Ordnungsprinzip) begeistert sabbern und ins Mikrofon sabbeln.
Mit dieser Uraufführung hat das Theaterhaus Jena einen szenischen Knaller gezündet. Ein wahrer Triumph der Provinz mit der tollen Inszenierung des Stückes einer jungen Autorin, von der noch viel zu erwarten ist.
(auch erschienen im Deutschlandradio / "FAZIT" und Deutschlandfunk / "Kultur aktuell")
Heimat so schön
Thüringer Allgemeine, Bodo Baake, 13.04. 2002
Jena: "Triumph der Provinz" im Theaterhaus uraufgeführt
Was bisher als Schmähwort galt, kann sich das Jenaer Theaterhaus nach dieser Uraufführung als Ordensstern auf die ochsenrote Brust malen: Provinztheater! Denn hinter der Fassade, auf dem schrundigen Backstein des Bühnenhauses, da glühen die Sterne der Heimat so schön. Da stehen sie auf dem abgelatschten Fußballrasen am Mikrofon und singen für fünf Euro Grüße ins All, kindergläubig und von Sehnsucht beduselt: "He Außerirdische! I stand her and sing for You ..." Und Bille geht und fleht zum angepflockten Schaf: "Komm, mach mal mäh!"
Dieses Schlussbild fasst mit ironischem Weichzeichner zusammen, was sich das Theaterhaus von der Autorin Felicia Zeller auf sein gleichnamiges Spielzeitmotto schreiben ließ: "Triumph der Provinz". Der Untertitel "Das Stück" drückt sich mit lapidarem Witz um eine Gattungsbezeichnung. Es Provinzposse zu nennen, wäre albern, aber es Versatzstück zu nennen, das träfe.
Es ist ein Versatzstücke-Stück, das sich zu keiner Geschichte formt. Typen und Texte, Haltungen und Requisiten und selbst das Thema Provinz sind Versatzstücke aus der real-banalen Welt. Reflexe auf Dinge, die woanders spielen, in Metropolen, Medien oder geborgten Träumen. "Egal, wo wir sind", heißt es, "wir könnten auch woanders sein."
Das Stück schwatzt und schwadroniert vor sich hin. Es plappert in alltäglichen Wortschwallen, die wie Endlosschleifen autistisch um sich selber kreisen. Und es liefe fataler Beliebigkeit in die Arme, dem gnadenlos sinnlosen Entblößungsgedröhn von Talk-Shows, wenn es nicht wunderlich subversive Pointen setzte.
Aus denen hat Claudia Bauer präzise Sprengsätze gebastelt. Sie hat für den Fließtext der Zeller szenische Anlässe, Bilder und einen spielbaren Gestus gefunden, der verschärft und kratzig zuspitzt, der bis an die Schmerzgrenze böse ist und doch die Figuren nicht verrät. Das geht exzessiv bis zum Infarkt, wenn Bill (Lutz Wessel) den Sexualfrust des Spießers an dem Softie-Pärchen austobt, und es tut in der Seele weh, wenn er, auf den Rasenmäher gelehnt, mechanisch seine Bille streichelt - Anita Vulesica, die verstohlen die Bluse von der Schulter zieht.
Das lose gefügte Stück wird durch Lautsprecheransagen aus drei Fotoautomaten (Bühne: Anna E. Gehring) strukturiert, in die sich die Akteure immer wieder flüchten: Holger Kraft als Auslaufmodell eines Vorstadtcasanovas, Maximilian Grill als mit Worten geölter Frankaxel, Stefanie Hellmann als überdrehte, ein bisschen hölzerne Zicke, Natalie Hünig und Frank Benz, deren anmutiger Geschlechtertausch das Softie-Pärchen in eine entrückte Schwebe bringt.
Bemerkenswert vor allem Tilla Kratochwil. Die auf Lolita-Typen festgelegt schien, gibt hier eine aufgehübschte Medientucke, die am Rande der Verbrennungsquote mit ihrem Ego-Kochbuch herumtingelt. Und die Lesung daraus zu einer mit Szenen-Applaus bedachten Küchen-Pantomime macht.
"Die Entstehung des 3:0" heißt eine der Lautsprecherdurchsagen, nach der sich alle am Mikro formieren und Vornamen von Fußballgrößen skandieren. Es ist die Mutation des antiken, Schicksal raunenden Chors zu hohl dröhnender Fangemeinde. Die später noch einmal ans Mikrofon tritt: "Irgendwann oder wo werde ich jemand treffen oder so, in den ich mich so richtig verliebe! Aber richtig! So richtig!" Jawoll, sagen wir und treten hinaus auf den Bürgersteig unserer Provinz Heimat.
Hey! Bock auf Provinz?
Freies Wort, Michael Plote, 15.04.2002
JENA - Triumph der Trostlosigkeit im Theaterhaus Jena.
An der Welt und sich selbst verzweifeln. Eine schrille, grelle, nachdenkliche Uraufführung. Bilder wie aus dem richtigen Leben. Das Schaf als stiller Star. Der blöde Bock blökt nicht. Angepflockt und ausgestellt für zwei Stunden. Die Wiese ist grün und saftig. Das Schaf ist einsam und lebendig. Wie die acht traurigen Typen.
Das Spielzeitmotto im Theaterhaus Jena erreicht den Gipfel. "Triumph der Provinz", ein Stück für acht Einzelkämpfer und ein Schaf von Felicia Zeller. Eine Uraufführung, die fröhlich, ironisch, verzweifelt und sarkastisch fragt: Wo ist Provinz? Einfache Antwort: Provinz ist überall. In den Köpfen und Herzen, im Alltag und allerorten. Ein Theatertext aus fünf Versatzstücken, der Zustände und Abgründe, Wahnsinn und Wahnsinnige, Verliebte und Verlorene, Verrückte und Verlassene skizziert, persifliert und respektiert. Die junge Theaterautorin und Medienkünstlerin Felicia Zeller, Jahrgang 1970, schrieb das siebente Stück binnen zwei Jahren, diesmal im Auftrag des Theaterhauses Jena.
Der Uraufführung in der Regie von Claudia Bauer gelingt ein vorzüglicher Rhythmus zwischen irrwitzigem Tempo und innehaltenden Momenten, zwischen den Selbst-Inszenierungen der Typen und ihren Selbst-Zweifeln an sich und der Welt. Der Puls der Aufführung zwischen Raserei und Ruhepunkten hält die zwei Stunden zusammen und die Zuschauer bei der Stange. Denn da wird keine konventionelle Geschichte erzählt. Da werden Menschen und ihre Haltungen inszeniert: komisch und traurig, skurril und seicht, absurd und aktuell.
Zum Beispiel Frankaxel oder Axelfrank, die Reihenfolge ist egal, ein langhaariger Hippie (Maximilian Grill), der steht oder liegt immer irgendwie und irgendwo blöd herum. "Hey! Das war echt krass", ein Wortschwall, eine Endlosschleife voller Geschwafel, ein schräger Vogel im Geiste und in seinen Körperverrenkungen. Ein verklemmter Junge, der Anschluss sucht und keinen findet, bis Micki (Stefanie Hellmann) seinen Weg kreuzt. Die kommt aus 'nem Scheißkaff in die Großstadt, will mit ihrer hohen Stimme hoch hinaus, eine Scheibe herausbringen, die sie doch schon hat. Sie träumt und tönt. Sie singt so schön schlecht und spielt so schön überdreht. Sie wippt und plappert wie eine aufgezogene Puppe, deren Batterie nicht leer wird.
Der Schill auf der Bühne, nicht der aus Hamburg, ist ein lüsterner Vogel (Holger Kraft), der Frauen anmacht und gerne fummelt. Ein Vorturner und Bauchtänzer, in der Provinz der Märchenprinz, ein Alleskönner und armer Spinner. Die Brill, eine ältliche Diva (Tilla Kratochwil), tourt mit ihrem Kochbuch durch die Provinz. Mit Angst vor Pickeln und Falten. Sie tingelt, schwebt und schweigt. Sie taumelt und trauert. Sie wird getröstet (von Schill) und ist doch ein trostloser Fall.
Die beiden Pärchen. Romi und Juli (Natalie Hünig und Frank Benz), frisch verliebt und verblödet, abgehoben und abartig. Sie turteln und träumen. Bill und Bille (Lutz Wessel und Anita Vulesica), die Liebe nach über zehn gemeinsamen Jahren längst erloschen. Er machohaft, sie magersüchtig. Er treibt den Wahnsinn auf die Spitze. Sie verzweifelt am Sinn des Lebens.
Alle Acht: Tragisch und komisch in ihren ausgelebten Egos. Und doch Artgenossen und ein kollektives Wesen. Unglückliche Glückssucher. Eine Inszenierung vom Scheitern und zum Schreien. Nervend und nachdenklich. Jenseits und doch von dieser Welt. Bock auf Provinz? Hey! Das war echt krass. Das Stück über den Triumph der Provinz. Der stille Star, das Schaf, schweigt.
Der Sound des Fotoautomaten
taz, Fritz von Klinggräff, 19.04.2002
Befreiung vom Berlin-Komplex: "Triumph der Provinz" und "Wie ich einen Hund gegessen habe" in Jena
Rom gibt es nicht mehr und die Provinz ist seitdem überall. Die Provinz, das ist per definitionem, also lateinisch gesehen, befreites Gebiet. Für Thüringen zum Beispiel ist Berlin die Provinz. In Thüringen staunen die Leute, wenn die Fernseher über Berlins Schloss-Debatte heißlaufen. Schlösser nämlich gibts in Thüringen genug. Aber in Thüringen regt sich trotzdem keiner über Berlin auf. Die sind da eben so frei, heißt es hier. Thüringen hat seine Schlösser und seine Theaterdebatte. Dafür gibt es in Thüringen nicht so viel Rasen mit Fotofix-Automaten. Das gibt es hier eigentlich überhaupt nicht. So was gibt es wiederum in Berlin, wo Bahnhof Zoo und Tiergarten eng beieinander liegen. Deshalb erinnert Felicia Zellers "Triumph der Provinz" auf der Bühne im Theaterhaus Jena denn auch am ehesten an den Berliner Tiergarten: Ein Echtrasen mit Echtschaf und drei Passbildautomaten drauf: Wo gibts das sonst noch, wenn nicht in der Provinz, in Berlin?
Auch die acht herumlungernden Typen auf der Bühne erinnern an Berlin. Die reinste Großstadt-Typologie! Wenn Micky (Stefanie Hellmann) mit den hungrigen Augen zwischen Sömmerda und Sonneputzen die Zukunft sucht - "In Berlin, da, da ist die Action" - dann möchte man ihr zurufen: "Hey! Berlin, hey, liegt dir zu Füßen, hey!" So ähnlich sagt das auch der gute Frankaxel (Maximilian Grill) zu Micky. Frankaxel ist nämlich nicht nur unsterblich in Micky verliebt; er ist sowieso ziemlich emphatisch. Den Trip zur Sonne hat er schon mit der Muttermilch eingesogen und es ist nicht ganz fair von Micky, dass sie Frankaxel dann Axelfrank nennt, nur weil ihre Autorin, Felicia Zeller, das Umkehrspiel mit den Komposita so sehr liebt.
Aber die junge deutsche Autorin beherrscht das Spiel mit der Versatzsprache nun einmal ungemein. Die befreite Rede der Provinz läuft ihr wunderbar verquer durch die Tastatur: Zwischen Frankaxels atemlosen Appellen - "Hey" -, zwischen Schills (Holger Kraft) rastloser Anmache - "So ganz allein?" -, zwischen Mickys Sehnsuchtsrap - "Woanders wo und anderswo, wo ich, wo, wo einfach was geht, ganz konkret, das will ich!" - und auch quer zum hysterischen Diskurs des alternden Fernsehstars Brill (Tilla Kratochwil) - "Jetzt hab ich schon wieder so eine Beule. Wie kommt jetzt schon wieder so eine Beule, jetzt wächst mir schon wieder so was raus" - verwächst Felicia Zeller dieses Episodentheater ineinander, das Klischee und Provinzwirklichkeit zugleich ist.
In ihrer Auftragsarbeit für das Theaterhaus Jena, die Ende vergangener Woche Uraufführung hatte, macht sie das ziemlich furios. Direkt peinlich soll ihr das nachher - nämlich in der Probenrealität - gewesen sein. Doch die Versuche der Autorin, ein wenig Klischee wegzuglätten, wurden von den Jenenser Schauspielern souverän abgewehrt: Den Rhythmus der Zellerschen "Provinz" gibt man freiwillig nicht mehr auf. In der Regie von Claudia Bauer (und nach der Musik von Ingo Günther aus dem Off der Fixfoto-Automaten) nämlich wird der "Triumph der Provinz" als Libretto realisiert. Die Stimmen der acht Einzelkämpfer auf ihrem einsamen Weg ins Glück sind bis in die Syntaxfetzen, die Imperative und Endlosschleifen hinein chorisch angelegt: als ein Gefangenenchor (doch vom Russenstück später!).
Aus der Tiefe der Bühne grüßt mit blöden Augen Nietzsches Schaf, das hier Michaela heißt. Wo Sprache als Gesang sich erkennt, so die Botschaft, ist keine Identität mehr - da mag der Vorhang der Fotofix-Automaten vor dem Einzelnen noch so oft fallen.
Denn auch die drei Passbildautomaten gehören nur zum Spiel. Bill, Billy, Romi oder seine Juli können darin zeitweise verschwinden - die Bühne verlassen sie auf diese Weise noch lange nicht. Abtreten kann hier keiner - weder die Figuren noch die Schauspieler. Zwei Stunden lang ist das gesamte Ensemble vom Theaterhaus Jena in die Choreografie eingearbeitet - aber so ist das nun mal in Jena: im Chor, im Leben und in der Mühle, die Theaterhaus Jena heißt, sowieso. Claudia Bauer, die Regisseurin, steht dafür längst als Synonym. Aber auch das ganze Konzept dieses Theaterhauses steht dafür ein: alles reinste Hysterie. Denn das Theaterhaus Jena ist einzigartig in Deutschland und will es auch sein. Mit lauter neuen Stücken und irren Adaptionen und trotzdem ständig ausverkauft. Ein Vorbild fürs deutsche Stadttheater. Zehn Jahre ist das Haus gerade erst alt geworden und es ist die einzige deutsche Stadtbühne, die nach der Wende neu erfunden wurde. Ein Selbstverwaltungsbetrieb ohne Kompromisse. Eine GmbH mit neun Gesellschaftern. Ein Haus mit frei ausgehandelten Tarifen. Ein Thementheater - "Triumph der Provinz" in dieser Spielzeit - mit unbedingtem Anspruch auf Aktualität. Ein Ensemble von acht Schauspielern, 35 Mitarbeitern und einem Mini-Etat von 1,5 Millionen Euro. Ein Selbstausbeutungsbetrieb. Und ein Vorbild für die Zukunft des deutschen Stadttheaters, sagt Geschäftsführer Roman Rösener.
Drei Tage später betritt Zellers Bill, Lutz Wessel, den kleinen Bühnenkasten im Malersaal zu Jewgeni Grischkowez Einmannstück: "Wie ich einen Hund gegessen habe". Auch dies ist übrigens wieder eine Erstaufführung - die deutsche Erstaufführung des autobiografischen Monologs vom sowjetischen Wehrpflichtigen, der während seiner Dienstzeit "einen Hund aß". Doch was eigentlich nur eine russische Redewendung sein soll - nämlich die Erledigung einer Aufgabe bis zur Meisterschaft - das frisst der sowjetische Soldat hier leibhaftig in sich rein: den toten Hund. Längst ist der Dienst an der Heimatfront beendet, die Fron aber, der Hund, wird seinen Körper nicht mehr verlassen. Er schleppt dieses soldatische Hundeleben mit sich durchs übrig gebliebene Leben, lebenslang. Liebevoll kämpft Lutz Wessel um die Realisierung seiner Rolle vom armen russischen Rekruten in einem Stück über den Terror der Wehrpflicht, das auch vor der Freiwilligenarmee grausen macht. Aber so geht das nicht. Lutz Wessels Rolle vom armen Soldaten am Theaterhaus Jena bleibt nur eine Rolle. In Jena aber will man meist mehr: Da soll der Schauspieler den Hund mit Haut und Haaren fressen.
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