Fucking Richard
Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 10.6.2002
Nette Menschen wird man in Shakespeares Königsdramen gewiss vergeblich suchen. Und doch, "Richard III." übertrifft sie alle an Machtgier und Gemeinheit. Richard III., die Missgeburt, der Krüppel - kein Fall von political correctness. Die wüste Geschichte des Mörders und Täuschers, im Zeitraffertempo und mit nur vier Mimen dargeboten, hatte am Sonnabend am Theaterhaus Jena Premiere. Nach Shakespeare erzählt von Tom Lanoye und Luc Perceval, die erste Regiearbeit von Schauspieler René Marik. Nichts für Zartbesaitete und Sprachwächter, der Titel weist schon darauf hin: "Dirty Rich. Modderfocker der Dritte". Denglisch als Kunstsprache wird zelebriert und das klingt dann so: "godblooddiemodderfokking / fauliges vermodern / of alabaster arms voll mark und innocence". Dass den vier Jenaer Theaterhäuslern dieses hoch artifizielle Sprachgemisch eineinhalb Stunden lang höchst flink von der Zunge springt, grenzt an ein Wunder. Ebenso, dass die sowieso schon komplizierten Familienbande der Protagonisten durchschaubar bleiben. Es hilft eine Schultafel mit Stammbaum, auf der die soeben Gemeuchelten durchgestrichen werden. Zwei Büroschränke und ein Throngerüst vervollständigen das spartanische Bühnenbild (Katharina Montag). Erstere dienen als Tower und der Entsorgung der Leichen, letzteres ist das Objekt aller Begierde.
Aus "Dirty Rich" hat René Marik zuallerst Honig für seine Schauspieler gesogen. Allen voran Lutz Wessel, der als Rich mit einer unglaublichen Konzentration alle Facetten dieser monströsen Figur ausleuchtet, ihren Jammer, ihre Faszination, ihre Hässlichkeit, ihre Gier, ihre Obsessionen, ihre Rafinesse, ihre Bosheit, ihre Verschlagenheit, ihre Unerbittlichkeit. All das quillt und quillt aus Richard hervor, unaufhaltsam wie der süße Brei. Und seine Gegenspieler (Holger Kraft als alle männlichen Abkömmlinge, die in der Thronfolge vor Richard stehen, und Anita Vulescia als Lady Ann und Elisabeth) müssten all diese Abgründe doch erkennen, wären sie nicht, gierig und maßlos wie er. Ein faulender Haufen, der Verwesung geweiht, doch mit eitler Blindheit geschlagen. Wer Rich ist, erkennen sie erst, wenn Rich ihre Kehlen aufschlitzt. Und auch Richs Kreatur Buddy Rich (Tilla Kratochwil) verwechselt zu lange Kumpanei mit Freundschaft.
The sun spuckt Blut - das ist lustig und ein wenig grauslig. Wie ein Besuch im Zirkus. Anschauen und staunen, wie Wurm Rich sich mordgeil windet und winselt. Klatschen, weil die Dressur vorzüglich, die Bestie perfekt durch den Reifen springt, die Zähne fletscht und sich artig verbeugt. Aber keine Gefahr, das Böse bleibt im Käfig, sein kalter Atem erreicht den Zuschauer nicht.
Aufstieg und Tod eines Underdogs
Thüringische Landeszeitung, Stephan Laudien, 11.06.2002
Dirty Rich will nach oben. Nach ganz oben. Sieht auf seinem Weg nicht nach links, nicht nach rechts. Kennt keine Freunde auf dem Weg. Keine außer Buckingham. Die hält zu ihm, hält ihm den Rücken frei. Räumt schon mal einen aus dem Weg, wenn Rich es alleine nicht schafft. Dirty Rich und Buckingham kommen von ganz unten, wollen endlich nicht mehr Verlierer sein. Kennen keine Gnade auf dem Weg zum Licht.
Tom Lanoye und Luk Perceval haben Shakespeares "Rosenkriege" ins Heute übertragen, und Rene' Marik, Mime am Jenaer Theaterhaus, nahm den Faden auf. Am Samstag hatte "Dirty Rich - Modderfocker der Dritte" Premiere, Mariks erste eigene Inszenierung. Der Königsmörder ist kein säbelrasselnder Held in Helm und Harnisch. Sein Schwert ist zum Butterfly-Messer geschrumpft, statt Rüstung trägt er Jogginghose und Fußball-Shirt.
Immerhin, "Gloster 3" ziert seinen Rücken. Freundin und Komplizin Buckingham (Tilla Kratochwil) in Faltenrock und braver Bluse sieht wie ein Jungpionier aus, schon der umgehängten Trompete wegen. Mit dem Instrument verschafft sie sich Gehör, wenn Rich in Bedrängnis ist oder anderen Weibern nachsteigt. Denn der Loser buhlt um die Gunst der schönen Prinzessin Anne, obwohl er zuvor deren Gatten meuchelte.
Wechselnde Rollen
Vier Akteure hat René Marik auf die Bühne gestellt, die Underdogs Rich und Buckingham und auf der anderen Seite die vom Establishment. Während die Loser sich und der Rolle treu bleiben, verkörpern Holger Kraft und Anita Vulesica wechselnde Gestalten. Treten mal als Thronprinz Edward nebst Gattin Anne, mal als Queen Elisabeth und Bruder Rivers auf. Sind dabei immer das schönere Paar, erfolgreich.
Karg ist die Bühne (Ausstattung: Katharina Montag), zentrales Requisit der Thron. Dort sitzt der König, dorthin zieht es Rich. Er umschleicht den Hoch-Sitz, versucht ihn zu entern. Wird er dabei ertappt, verfällt er ins Infantil-Kreatürliche, spielt den Kretin, verstellt sich. Und kann doch nicht lassen von seinem Traum.
Herrlich die Dialoge, in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch, nur manchmal so schnell, dass beide Sprachen sich verknoten, der Faden verloren geht. Für Lachsalven sorgen Sätze wie "Ich killte ihren Husband, Pa und Schwiegerpa" oder "Fuck you all und zwar ins Knie". Da wird gebrüllt und getobt, da jagen sich die Kontrahenten über die Bühne, die Komplizen führen wilde Freudentänze auf.
Solange, bis Dirty Rich den Thron besteigt. Er ist am Ziel und verweigert Buckingham den Lohn. Worauf die ihm die Freundschaft kündigt. Dirty Rich verflucht die Mutter, die ihn gebar, rast und tobt, allein mit der Macht, die ihm zuviel wird. Schreit nach dem Pferd, das ihn davon tragen möge, setzt endlich das Messer an die eigene Kehle. Schnitt und aus.
Ein furioses Stück ist zu Ende, das einen von der ersten Szene an in seinen Bann zieht. Zuweilen leidet das Ohr ob heftiger Lautstärke, doch sehenswert ist "Dirty Rich - Modderfocker der Dritte" auf jeden Fall.
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