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von Oliver Schmaering | Uraufführung

Fotos: Joachim Dette

Der Präsident der USA ist unterwegs auf Wahlkampftour. Auf seiner Rundreise durchs Land nimmt er seltsame Veränderungen wahr: Farmer vernichten ihre Saat, Gerichte haben die Rechtssprechung outgesourced und die Mexikaner den Zaun überrannt. Im Laufe dieser Zustandserhebung wird sein eigener Zustand immer bedenklicher. Ist das noch der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika oder schon seine persönliche Identitätskrise? Oder steckt er gar mitten in Hollywoods Zweitverwertung von beidem?
Oliver Schmaering hat ein düster-heiteres Stück über den Zusammenbruch einer Supermacht, eines Superpolitikers, eines Blockbusters geschrieben. In Meret Matters Uraufführungsinszenierung wird die schizophrene Präsidentenfigur in einer rasanten Performance von zwei Schauspielerinnen dargestellt. Lustvoll und schräg bearbeiten sie als abgewrackte Cheerleader in einem trashigen Gemetzel den Mythos vom amerikanischen Traum.

Mit: Vera von Gunten, Saskia Taeger Regie: Meret Matter Bühne und Kostüme: Christoph Ernst Musik: Jacob Suske Dramaturgie: Christin Bahnert
Uraufführung:
3. Dezember 2009

Kritiken:
Ostthüringer Zeitung, 05.12.2009:
In Jena wird wieder ein »Making of...« gespielt. Also, erzählt, wie ein Film entsteht. Als Film ist so ein »Making of...« - etwa das über die Entstehung von Werner Herzogs »Fitzgeraldo« - manchmal noch spannender, interessanter und erhellender als das meisterlicher Endprodukt. An der Wiege des »The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika« steht kein bestimmter Film. Der Autor Oliver Schmaering seziert die USA und zitiert mehr oder weniger frei jede Menge lässige oder dämliche Sprüche und Gedanken, die jedermann so oder ähnlich aus diversen Western, Thrillern und Weltuntergangsorgien der Traumfabrik kennt. Die coolen Jungs reden so, wenn sie die Welt retten, was ja immer nur heißt, sie retten die Vereinigten Staaten von Amerika vor dem Untergang. Schmaering dreht in seinem Text den Spieß um. Ein geistig unterbelichteter, von Allmachtsfantasien und Minderwertigkeitskomplexen geplagter Präsident zerlegt in einem fiktiven filmischen Endzeitszenario sein aus Styropor zusammengeleimtes schäbiges Oval Office und schreddert so die ganze USA klipperklein. Das zelebriert der 41-jähriger Berliner Autor mit Witz, Intelligenz und furioser Sprachakrobatik in einem langen Monolog. Die Schweizer Regisseurin Meret Matter hat nun für die Schmaering-Uraufführung an diesem Donnerstag im Theaterhaus Jena versucht, aus dem Monolog ein Stück zu machen, indem sie die schizoide Präsidentenpersönlichkeit teilt und von zwei Frauen spielen lässt. Christoph Ernst (Bühne und Kostüme) verordnet Vera von Gunten und Saskia Taeger fettiges Haar, Glotzaugen und Cowboystiefel sowie ein jämmerliches, an gnomenhafte Pioniere oder abgewrackte Cheerleader erinnerndes Outfit. Das wieder leidet im Laufe der eineinhalbstündigen Vorstellung durch uramerikanische Esskultur. Die Präsidentenspielerinnen bewerfen sich mit Toastbrot, verstreuen eine größere Menge Popcorn auf Bühne und Publikum und sauen sich gegenseitig die Blüschen mit Ketchup ein. Beim trashigen Gemetzel sehnt sich der Zuschauer irgendwann nach Kintopp. Dort kann der Geruch noch nicht wie ein Dschinn aus der Ketchuptube entweichen. Mit überdrehtem Aktionismus sollen die bewunderungswürdigen, an Schmaerings artifiziellen Wortspielen würgenden Schauspielerinnen den aberwitzigen Text überbieten. Kistenstapeln und Kissenschlachten mag schweißtreibend sein, aber im Grunde laufen dabei nur die Akteure heiß. Für die gab es dann viel herzlichen Beifall im vollbesetzten Haus. [Angelika Bohn]

Nachtkritik 03.12.2009:
The Making of ... – In Jena versucht Meret Matter ein Stück von Oliver Schmaering zu vertheatern

Feier des Selbstzweifels
Ein Text mehr, und eine Uraufführung, bei der Gebrauchsanweisungen durchaus willkommen sind – denn wir wollen ja gern glauben (und im ziemlich amüsanten Textbuch der Uraufführung auch gern nachlesen), dass hier "der Präsident der Vereinigten Staaten auf Wahlkampftour" ist und gerade eine Pressekonferenz vorbereitet, in der er einen ziemlich verstörten Bericht zur Lage der Nation geben und all die offenen oder latenten Veränderungen beim Namen nennen will, auf Grund derer selbst er sich fast schon fremd fühlt im eigenen Land. Zu hören und zu spüren aber bekommen wir von all dem nicht viel. Das liegt auch, aber nicht nur an Meret Matters Uraufführungsinzenierung von Oliver Schmaerings Stück mit dem vielschichtigen Titel "The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika" – ein Text, der die ferne Fremdheit und Unzugänglichkeit schon selber mitbringt. "The Making of" schafft Distanz – der Begriff aus dem Fach-Latein des Kino-Marktes benennt ja, dass hier der Bericht über die Entstehung eines Produktes seinerseits zum Produkt geworden ist. Gern beinhaltet ein "Making of"-Film "double takes" und "out-takes", Szenen also, die mehrfach und in verschiedener Fassung gedreht wurden oder in der Schlussproduktion der Schere zum Opfer gefallen sind. Amerikas gesammelte Ängste Im Theater lässt sich das Bau-Prinzip nur dadurch beglaubigen, dass ab und zu jemand den Zustand einer Probe simuliert und zum Beispiel fragt, ob er (oder hier: sie) dies oder jenes vielleicht besser noch mal und vielleicht ein bisschen anders sagen oder spielen solle. Die Methode markiert also Unfertigkeit – was aber gerade dann nicht recht abendfüllend ist, wenn der Text selber quasi ohne szenische Vorgaben auskommt. Wie in diesem Fall: Schmaerings Stück ist eigentlich ein Monolog, suggeriert aber durch Zwischentitel, dass hier berühmte Hollywood-Schauspieler (oder Persönlichkeiten aus Amerikas politischer Geschichte) in Dialog miteinander träten: Washington & Washington, Newman & Newman, de Niro & de Niro undsoweiterundsofort. Wie hieß doch die Anwaltskanzlei der Marx-Brothers in deren Filmen? Genau: Schuster, Schuster und Schuster. In derlei virtuelle Dialoge verpackt Schmaering nun Amerikas gesammelte Ängste und Psychosen. Der Text ist eher ein ulkiger Essay über den maroden Zustand der Weltmacht als ein szenischer Entwurf. Insofern hat es wenig Sinn, Meret Matters Inszenierung zu benörgeln – sie hat halt matte Chancen. Und die nutzt sie. Irgendwie. Das Theaterhaus in Jena, dessen Leitung seit kurzem durch die andernorts viel gespielte Autorin Rebecca Kricheldorf bereichert wird, zeigt vor allem einen Textbewältigungsversuch.
Vom Präsidenten keine Spur
Der lebt letztlich von Christoph Ernsts eigentlich viel zu eindeutiger Bühne, die die Billig-Version eines antiken kleinen Tempelchens zeigt. Eine Hand voll Säulen im Rund, auf denen kronen- oder kapitellmäßig ein Ring sitzt, besser: über denen er hängt. Wir werden später sehen, warum. Säulen und Krone sind aus Quadern, die wie kräftiges Mauergestein aussehen, aber eher aus Styropor oder Pappmaché sein dürften. Stein-Imitate wie diese sind auch (neben Popcorn oder Ketchup) die Haupt-Spielzeuge der beiden jungen Schauspielerinnen, die Matters Schmaering-Bearbeitungskonzept zu schultern versuchen. Vom Präsidenten selber keine Spur: Die Regisseurin schickt zwei schmucke Cheerleader-Mädels ins Rennen, präsidenzielle Jubel-Sirenen in Stiefeln, zunehmend beschmuddelten Hemden und knappen Röckchen, die nun den bohrenden amerikanischen Selbstzweifel der nicht vorhandenen Hauptfigur zelebrieren. Sie tun das laut und grell und nicht unbedingt so, dass die eh schon niedrig justierte Verstehbar- und Verständlichkeit des Textes auf irgendeine Weise erhöht werden könnte. Kaum lesbar rollen auch Schmaerings Doppelnamenstitel (Washington & Washington etc.) per Projektion über Säulen und Krone des Bühnenbildes – nichts wird klarer, es wird immer nur ein bisschen mehr an unentschlüsseltem Bild- und Text-Allerlei. Immerhin treiben die jungen Damen allerhand Gedöns mit ihren Steinblockimitationen: reiten drauf, bauen Mauern und reißen sie ein. Schließlich bringen sie sogar die Säulen (unter der hängenden Krone) in Schief- und Schräglage und hinterlassen ein Popcorntrümmerfeld. So weit, so amerikanisch-psychotisch.
Statt geliebt zu werden, liebt das Theater zurück
Matters Konzept für diesen an sich unszenischen Text hätte auch andere Darstellerinnen oder Darsteller stark ge-, wenn nicht deutlich überfordert; Vera von Gunten und Saskia Taeger leisten, was in ihrer Macht steht. Selbst wenn es mehr wäre, würde es nicht viel nutzen – "The Making of Der Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika" ist und bleibt vermutlich auch eine mit ganz viel Worten vollgestopfte, theaterstrukturell aber hohle Hülle. Und es macht manchmal schon staunen, dass Texte wie diese immer noch und immer wieder Begeisterung in den Dramaturgien wecken: Kopfgeburten, deren erkennbare Theatralität gen Null tendiert. Viele junge Autorinnen und Autoren scheinen noch immer die Kunst der szenischen Darstellung gering zu schätzen, und eigentlich mögen sie das Theater wohl nicht wirklich. Noch aber ist die Leidensfähigkeit des Theaters diesen Texten gegenüber immens – ungeliebt, liebt es zurück. [Michael Laages]

 
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