Robin Hood pfeilschnell in Jena
Thüringer Allgemeine, 25.02.2006, Bodo Baake
Es war ein Abstieg mit Pfeil und Bogen. Er führte vom Volkshelden zum Strumpfhosenclown. Doch nun geschieht in Jena eine Ehrenrettung für Robin Hood.
Der Jenaer Jugendtheaterclub holt im Theaterhaus den heruntergekommenen Helden aus dem Wald in die WG und macht ihn zum Zeitgenossen: "Stoerfucktor Robin Hood". Die Premiere flog pfeilschnell und ziemlich genau ins Ziel.
Die 16 Akteure um Regisseurin Sarah Jasinszczak liefern keinen neuen Verschnitt der Story. Sie fragen nach Ursprung, Kern und Gang der Legende durch die Zeiten, danach, was ihnen das alles heute erzählt, und kommen prompt in einem Geiseldrama an. Robin heißt nun Robert und ist forcierter "Greenpeace"-Aktivist, seine Bande ist eine Wohngemeinschaft von Chaoten und Nottinghams Sheriff der Hauseigentümer. Und immer noch fies drauf, schmeißt er die Assi-Truppe raus. Die nimmt seine Tochter zur Geisel und geht auf Selbstfindungstrip am Lagerfeuer im Wohnzimmer.
Das mag politisch nicht ganz korrekt sein, ist aber schön - wenn auch ein bisschen kitschig. Jedenfalls hat sich das Ensemble eine schlüssige Text- und Spielfassung geschaffen. Die bezieht ihren eigenwilligen Drive vor allem aus der Musik (Benjamin Klum) und Funktionalität aus der schlichten, offenen Bühne (Mario Müller). Da dominiert ein riesiger Wandschrank, durch den die Spieler kommen und gehen. Er erinnert an einen überdimensionalen Elektroschaltkasten, der Energie spendiert, wenn die Inszenierung hier und da mal ihr Tempo verliert. Er ist zugleich Projektionsfläche für Video-Einspiele aus des Hausbesitzers "Schöner Wohnen"-Welt. Und am Ende hängt dort Robert-Robins Kapuzenshirt - den Helden treibt es weiter um.
Eine andere Art, Mietschulden zu tilgen
Ostthüringer Zeitung, 25.02.2006, Taher Adameh
Laiendarsteller führen "Stoerfucktor Robin Hood" im Jenaer Theaterhaus auf
Wild trommelnde Schauspieler, surrealistische Bilder, die durch Großprojektionen unterstützt werden, und eine Wohngemeinschaft junger Menschen, die unfreiwillig zu hausbesetzenden Erpressern werden - Herz erfrischend lockeres Theater von ambitionierten Laiendarstellern des Jugendtheaterclubs gab es Donnerstagabend im Jenaer Theaterhaus. Über 150 neugierige Zuschauer strömten zu der Uraufführung des Theaterstückes "Stoerfucktor Robin Hood".
Inszeniert wurde es von den Jungschauspielern selber. Ziel war es, ein Schauspiel zum Thema Robin Hood zu kreieren, wobei Regisseurin Sarah Jasinszczak sich eher als Berater, denn Wegweiser sah. "Der dramaturgische Part und auch die Entwicklung des Plots geht auf das Konto der Darsteller. Mehr als ein Story-Gerüst hatten sie nicht zur Verfügung, der Rest entstand improvisiert", erzählt die Regisseurin. Eine spannende und ungewisse Reise also, auf die sich die relativ unerfahrenen Schauspieler begaben.
Das Ergebnis erzählt von einer Wohngemeinschaft voller Individualisten, die durch Zufall lernen, dass es sich auszahlt, für ihre Rechte zu kämpfen. Und dass das Ganze gemeinsam wesentlich besser klappt. Hausbesitzer Wolfram Ekel, gespielt von Julius Herfurth, kündigt wegen hoher Mietschulden schriftlich eine Zwangsräumung an. Daraufhin wird ein neuer Mitbewohner gesucht, welcher die Unkosten begleichen soll. Dieser ist mit Robert (Matthias Pick) auch schnell gefunden. Bei der Einzugsparty nimmt er aber kurzerhand die Tochter des Vermieters gefangen, und so kommt es zur ungeplanten Hausbesetzung.
Die eher gewöhnliche Story wurde durch den Einsatz von Musik, die teilweise von den Schauspielern selbst gemacht wurde, und innovative Ideen spannend verpackt. Auch die überschwänglichen Reaktionen der Zuschauer bei der Premiere geben dem Ensemble Recht.
Die Reichen streiten sich immer mit den Gleichen
Thüringische Landeszeitung, 25.02.2006
Jugendtheaterdebüt von "Stoerfucktor Robin Hood" projiziert Thema in die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Musik! Alle Bewohner der Schrank-WG kommen nacheinander aus ihren Zimmern. So werden die Protagonisten vorgestellt. Pete Egal, der typische Träumer der Wohngemeinschaft, kommt als erster langsam in den Raum, bewegt den Kopf wie eine Taube. Der Rest folgt in individuell betonten Gangarten und Gesten.
So beginnt das Stück "Stoerfucktor Robin Hood" des Jugendtheaterclubs Jena, das am Donnerstag im Theaterhaus Jena Premiere hatte. Da es keine Vorlage gab, die den Vorstellungen der jugendlichen Schauspielern entsprach, entschlossen sie sich eine Dramaturgiegruppe zu gründen, die selbst eine moderne Fassung von Robin Hood kreierte. Stoerfucktor! Schon dieses Wort zeigt den jugendlich modernen Hauch des Stückes; so wurde aus Robin Hoods Wald eine WG, aus den bösen Reichen als Sinnbild ein kapitalistischer Abzocker, Hauseigentümer und Mitglied des Stadtrats Wolfram Ekel. Und: Robin Hood wirft Dartpfeile statt mit Pfeil und Bogen zu arbeiten.
Für die Mitbewohner Marie, Lucie, Angie, Clara Pete und Stefan kommt das große Erwachen mit einem Brief - die schriftliche Ankündigung der Zwangsräumung. Da keiner Geld zur Verfügung hat, ist sofortiges Handeln nötig. "Wir müssen einen Deppen finden, der für uns bezahlt", so heißt es, und prompt wird ein Mitbewohner-Casting gestartet. Ein junger Mann mit viel Geld und ohne Fragen - Robert Kapuze - zieht in die Chaos-WG ein. "Hast du einen Kontoauszug dabei", fragt die "Schönheit" der WG, Clara Perfect; das Ergebnis ist ein ewig langer Zettel mit scheinbar unzählbarer Summe. Die Geldprobleme scheinen gelöst, doch kommt es während der Einzugsparty zu einem Zwischenfall mit dem Vermieter Wolfram Ekel. Der verständigt - aus seiner Position als Stadtrat - das SEK, das die Party stürmt.
Jedoch kommt Robert eine Idee: die Entführung der Tochter des Hausbesitzers. Somit befindet sich die WG inmitten einer Geiselnahme. In dieser Notsituation gestehen sich die Bewohner ihre Ängste und Gefühle - aus der einstigen Individualisten-WG wird eine Gemeinschaft, die Seite an Seite für die gleiche Sache kämpft. "Nur zusammen kommen wir hier raus", sagt Robert zum Rest der Bande.
Offenkundig: Die Überschuss- und Ausbeutungsgesellschaft steht hier im Brennpunkt. - Gewiss, ein sattsam bekanntes Thema. In Verbindung mit dem Robin-Hood-Thema entstand jedoch eine lustige und auch kritische Auseinandersetzung damit. "Die Schlacht hast du gewonnen, aber der Krieg gehört mir", sagt Wolfram Ekel am Ende der Geschichte. Diese Aussage macht deutlich, dass man zwar individuelle Siege als "kleiner Mensch" erringen kann, diese jedoch mit dem Machtinstrument Geld heutzutage immer zu überschatten sind.
Unter der Regie von Sarah Jasinszczak und gemeinsam mit den Hauptdarstellern Maria Wohlfarth, Julius Herfurth, Anne-Marja Lützkendorf, Nicolas Nagler, Kerstin Peupelmann, Matthias Pick, Rafael Schmidt, Martha Vogel und Nadja Ziermann wurde das Werk "komponiert". Die Jung-Schauspieler, die teilweise ihr Bühnendebüt hatten, besuchten zwischen den Proben unter anderem einen Rhythmus-Workshop. "Dadurch lernten sie besser mit der Musik umzugehen - und auch ihr Körpergefühl verbessert sich", sagt Jasinszczak. Musik ist nämlich ein wichtiger Bestandteil des Stücks, die Jungs von Headphonica leisteten dabei ganze Arbeit. So wurde passend zum Thema etwa der alte "Rauch-Haus-Song" von Ton-Steine-Scherben verwendet, der ein Flair des 80er-Jahre-Punks mit einbringt.
Klassenkampf und Leben lassen
Campusradio Jena, 25.02.2006, Rico Valtin
Jugendtheaterclub bringt mit "Stoerfucktor Robin Hood" ein authentisches Stück auf die Bühne. Musik von Jenaer Band "Headphonicas".
Das Publikum ist bunt gemischt, zur Premiere von "Stoerfucktor Robin Hood". Viele Schüler schauen sich die neue Produktion des Jugendtheaterclubs an und natürlich auch ihre Eltern.
Der Ort der Handlung ist der Klassiker schlechthin für Jugendtheaterproduktionen, denn das Stück spielt in einer heruntergekommenen WG. Dort leben Individualisten ihre Macken aus und in den Tag hinein. Sie vereint nur eines: niemand von Ihnen bringt die ausstehende Miete zusammen.
Sie brauchen "einen Deppen, der alles bezahlt". Und Robert mit seinem dicken Kontoauszug ist genau der richtige Typ dafür. Doch der Miethai Wolfram Ekel möchte die Räumung - um jeden Preis.
Die Wohngemeinschaft wehrt sich nicht. Nur Robert, der neue mit dem vielen Geld, handelt und kidnappt die Tochter des Vermieters. Was folgt ist eine absurde wie einfallsreiche Neuauflage von Robin Hood, mit der die jungen Theatermacher Stellung beziehen. Diese Generation ist nicht unpolitisch! Sie wird aktiv. Und die naive Klassenkampf-Rethorik macht das Stück und seine Macher eher noch authentischer.
Die Regie arbeitet viel mit Rhythmus in Form von kleinen Choreographien. Musikalisch wird das Projekt durch die Jenaer Band "Headphonicas" unterstützt. Sie bearbeiten bekannte Titel am Computer und spielen kurze Soundschnipsel ein.
Es gibt nur eine Länge kurz vor Schluss. Dort ist Konzentration gefragt, doch die Schauspieler halten die Spannung. Das liegt besonders an Matthias Pick als schnoddriger Antiheld Robert. Und auch Nadja Ziermann überzeugt als Lucie mit viel Präsenz und einem französischem Akzent, wie ihn zwar kein Franzose spricht, der dafür aber in Deutschland umso schöner klinkt.
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