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Ostwildwest

Theater der Zeit, Januar 2005, Dirk Pilz

Das Theaterhaus Jena unter der neuen Leitung von Markus Heinzelmann und Marcel Klett

Helga ruckt die Schürze zurecht und brät Spiegeleier. "Jemand Lust auf Eier?" Zwei schüchterne Meldungen aus dem Publikum, die Eier gehen an den Herrn in Reihe drei. Dazu ein kräftiger Schnaps, und aus dem Off spricht eine sonore Stimme: "Ich hatte den Ratschlag ernst genommen: Nach Westen, immer nach Westen. Dort findest du Glück." Helga ist dem Ruf gefolgt und einigermaßen desillusioniert im Westen angekommen. Glück? Der Westen ist weit, das Glück ein uneinholbares Versprechen. Wer verstünde das Glück? Helga saugt den Teppich, raunzt Angie Joe, die eierkonsumierende Cowboybraut, an, schimpft auf Gott und die Welt - und der Zuschauer weiß nicht, was das alles soll. Denn Helga ist weder Frau noch Figur, sondern der Schauspieler Stefan Hufschmidt beim Saugen, Schimpfen und Eierbraten. Er spielt nichts, außer sein anderes Ich, das Helga-Ich. Sicher, Helga-Stefan steht auf einer Bühne, und wir schauen zu; man weiß natürlich, dass die da vorn etwas spielen und bedeuten wollen. Aber was dort gesprochen, gespielt und bedeutet wird, ist in seiner Banalität und Alltäglichkeit dem Leben zum Verwechseln ähnlich. Dass Helga eigentlich Stefan oder Stefan eigentlich Helga ist, unterstreicht nur, was wir ohnehin ständig erfahren: Es gibt noch immer kein richtiges Leben im falschen. Es ist alles falsch und richtig zugleich. Jedes Für ein Wider. Wer hier an Deutschland denkt, liegt richtig: Helga ist wie Stefan ein Vertreter Deutschlands in der Ablösungskrise. Helga-Stefan kämpft sich durch unsere neoglobalisierte West(ern)-Welt, deren wichtigste Lektion sie oder er inzwischen begriffen hat: Nur wer sich anpasst, überlebt. Anpassen bedeutet Abschiednehmen, am Ende sogar vom Eierbraten.

"Rucken 04" nennt sich dieser Abend von Dirk Cieslak, der wirklich alles zur Debatte stellt. Inhaltlich wie ästhetisch. Auf der beinahe leeren Bühne mit Kellerklappe im grünen Boden geistern fünf Menschen durch die Diskurslandschaft der Jetztzeit und spielen mit verschlagener Nüchternheit die großen und kleinen Deutschlandprobleme durch. Wer liebt mich? Wer zahlt meine Rente? Wer brät mir die Eier? Und über alledem thront die Eine-Million-Frage: Ist das Projekt Deutschland noch zu retten? Man weiß das nach den gut zwei Stunden Quasi-Theater weniger als zuvor. Denn dem Projekt Deutschland mangelt es nicht an Lösungsvorschlägen. Im Gegenteil. Andrea Schmid und Sophie Hottinger werfen als Sister 1 und 2 im scharf geschnittenen grauen Einteiler unzählige Vorschläge in die Runde. Aber keiner vermag, zwischen den Anregungen zu wählen. Das Überangebot schlägt in Bewegungsstarre um: Wo alles auch anders möglich ist, geht nichts mehr.

Davon wussten bereits frühere Cieslak-Inszenierungen zu erzählen. In "Pudelträume" oder "Heimatspiele: bin ich hier richtig?" wurde die Ausweglosigkeit allerdings noch im Taktwechsel zwischen Slapstick und Tragödie zu versöhnlerischer Ironie aufbereitet. Jetzt arbeitet Cieslak ernsthaft an der Auflösung seines Berufsfeldes: Der Regisseur setzt keine Schauspieler mehr in Szene, er lässt sie als Autoren ihrer eigenen Figuren gewähren; die Darsteller bestimmen hier mehr den Regisseur als umgekehrt. Das könnte man die radikale Demokratisierung des Theaters nennen. Denn so viel Freiraum und Verantwortung bekommen Schauspieler (und Zuschauer) selten zugemutet: Jeder strickt sich seine Geschichte, die nicht selten tatsächlich die eigene zu sein scheint. Entsprechend autistisch und disparat, aber auch unerhört intim und schutzlos ist ihr Erscheinungsbild. Cieslak schiebt damit die Grenze des im Theater Eben-noch-Möglichen immer weiter hinaus: Das Bühnengeschehen gehorcht einer Eigenlogik, die ohne inszenatorische Eingriffe auszukommen scheint. Regiekunst als Kunst des Weglassens, der Regisseur als Akteur des Verschwindens. Will heißen: Dieser Theaterabend arbeitet an seiner Selbstauflösung. Eierbraten ist hier tatsächlich nicht mehr als Eierbraten auf der Bühne. Bei


Castorf war es in "Endstation Amerika" einst das duftende Symbol für den reinen, hochkarätigen Unsinn des Daseins. In "Rucken 04" ist es eine Bühnenhandlung, die weder etwas darstellt noch vorführt, auch nichts demonstriert, sondern ausstellt: Theater als Handlungs- und Gedankenausstellung, als eine fragile Installation, die sich ein Stück Wirklichkeit aus der Welt schneidet und als gleichzeitig über- und unterbestimmtes Zeichen auf die Bühne verpflanzt. Die Bühnenmontage verzichtet auf jedwede Handlungslinien und Figurenpsychologien und ist dennoch keine mit Selbstreflexivität aufgeladene Performance. Eher bedient sich "Rucken 04" der Readymade-Strategie, im Verdoppeln der Realität diese selbst zur Kunst zu erklären. Was gehört auf welche Seite? Ursula Rennecke schaut einmal mit ihren großen Augen ins Publikum und spricht im Namen der von ihr ausgestellten Figur Regula: "Ich bin eine Frau in der Blüte ihrer Empfängnisbereitschaft." Das ist ein wahrer Satz. Über Regula und über Ursula Rennecke.

Solcherlei Versuche, das Leben der Kunst anzunähern, waren einmal das privilegierte Projekt der Avantgarde. "Rucken 04" ist im Grunde ein Erinnerungsversuch an diesen ursprünglichen Impuls der Moderne: Der Abend bricht mit fast allen ästhetischen Vertraulichkeiten und sucht den Nullpunkt. Am Ende heißt es: "Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht sollten wir mal ganz neu von vorne anfangen, alles mal ganz anders machen." Dirk Cieslak gibt darauf eine klare Antwort: Wir sollten. Man muss riskieren, alles zu verlieren, nichts auszusparen und grundsätzlich vorzugehen, wenn man etwas finden will.

Wer mit einer derart herausfordernden Arbeit eine Spielzeit eröffnet, muss Großes vorhaben. Regisseur Markus Heinzelmann und der Dramaturg Marcel Klett, die seit dieser Saison die Leitung des Theaterhauses Jena von Claudia Bauer übernommen haben, drucken entsprechend Großes ins Programm. "Willkommen im Wilden Westen!" ist das Spielzeitmotto, das sich ausdrücklich als politische Botschaft versteht. Denn Westen, das ist einstweilen (fast) ganz Europa: "Der Westen als Gesellschaftssystem hat offensichtlich gesiegt." Was heißt das eigentlich? Nicht, dass sein muss, was ist, sagen sie in Jena. Westen ginge auch anders. Aber: "Veränderungen erfordern Mut und Visionen!" Es soll um die "Suche nach dem Politischen am Theater" gehen, es brauche einen "Wettstreit der besten Ideen, Vielfalt der kulturellen und gesellschaftlichen Äußerungen". Dass es dafür auch das Theater braucht, wird in den kommenden Jahren zu beweisen sein. "Rucken 04" ist immerhin ein Anfang: Die Inszenierung (?) recherchiert in der Gegenwart und findet Gründe genug, an allem zu zweifeln.

Die zweite Arbeit zur Eröffnung sucht das Heute dagegen in den USA am Ende der 50er-Jahre: "Kaltblütig", eine Dokumentation von Heinzelmann und Klett. Das Publikum sitzt in einem dreistöckigen, mitunter bedrohlich schwankenden Gerüst rings um die kleine Drehbühne und verfolgt in vierzig Szenen die Rekonstruktion eines Kapitalverbrechens. Die nackten Fakten stehen fest: Ein Gangsterduo hat in einem stillen Kaff alle Mitglieder der Farmerfamilie Clutter ermordet. Der Hergang der Tat aber, die Hintergründe des Verbrechens, die Verfolgung der flüchtigen Mörder, die gesellschaftlichen Auswirkungen - das alles wird dem Zuschauer scheibchenweise in "The Clutter Family Murders - Das Familienquiz" vermittelt. Zwei adrette Damen stellen die ermittlungsrelevanten Fragen, die Rategemeinschaft entspricht den historischen Figuren, so dass die Mörder mit ihren Opfern also um die Wette rätseln. Man könnte meinen, "Kaltblütig" ist eine etwas flache Kritik an der Schamlosigkeit, alles in ein TV-Event zu verwandeln - und träfe damit nur die halbe Wahrheit. Denn aus dem zynischen Quiz wird bitterer Ernst. Unvermittelt verwandeln sich die Quizteilnehmer in die Protagonisten des Verbrechens und spielen also, was sie zu erraten haben. Sie beklettern das Gerüst, werden gefilmt, backen Kuchen, sehen fern, werden von den Mördern überrascht oder überraschen als Mörder und lassen keinen Winkel als Spielfläche aus. Das Theater ist über, unter und hinter einem, es spielt auf der Leinwand, in verschlossenen Räumen und rückt dem Zuschauer zusehends auf den Leib. Wird dann die nächste Quizrunde eröffnet, hat sich der Status des Publikums längst verändert: Es ist zum Mitwisser geworden, das Hinsehen verliert seine Unschuldigkeit. Der Zuschauer als embedded spectator: auch das eine Möglichkeit, die feine Trennlinie zwischen Bühne und Publikum aufzurauen. Und weil die Dramaturgie von großen Brüchen und Fallhöhen lebt, die Darsteller mal einnehmend hübsch singen ("In der Mitte der Nacht / liegt der Anfang eines neuen Tages"), dann wieder hyperrealistisch das Geschehen nachstellen und immer auf der Kante zwischen Faktizität und Fiktion kippeln, entsteht ein Drama der Wahrnehmung, das alle festen Kategorien zerfließen lässt. In "Kaltblütig" wird uns eine Welt gezeigt, die schon vor dem Weltdatum 2001-09-11 war, wie sie angeblich erst danach ist: unberechenbar. Das Quiz- und Recherchespiel als Musterfall einer Gesellschaft, in der nichts und niemand mehr sicher ist. "Kaltblütig" gibt sich als eine Art kriminalistisches Theater zu erkennen, das die Bedingungen der Möglichkeit von Veränderung untersuchen will.

Die Jenenser Hausphilosophie ist in der Tat sehr anspruchsvoll. Und kennt viele Formen. Zum Saisonstart wurden neben den beiden Hauptinszenierungen drei kleine Monologe an drei kleinen Spielstätten gezeigt; sie alle auf der Suche nach Wegen, sich instruktiv an der Wirklichkeit zu reiben. In "die stunde/des kunde" von Felicia Zeller inszenierte Roger Vontobel mit dem Schauspieler Mathis Julian Schulze eine böse Satire über den Menschen als Konsumwesen. Mehr eine Fußnote zum Zeitgeist zwar, dennoch aber in die Linie des Gesamtkonzeptes gerückt: Das Theaterhaus Jena versucht mit seinem achtköpfigen Ensemble, den Gastregisseuren und einem vornehmlich jungen, studentischen Publikum mit der gegenseitigen Abhängigkeit von Politik und Ästhetik Ernst zu machen. Aus 1,7 Millionen Euro jährlicher Subvention soll Theater werden, das an den Zeichen der Zeit nicht vorbeispielt. Auch deshalb waren für einige Wochen auf dem Theatervorplatz einige Container zu einer "Utopie-Baustelle" arrangiert, wo neben Musik- und Lichtperformances in Diskussionsrunden nach der "Kunst als konkrete Utopie" gefragt wurde. Auch das der Grund für das Ende November veranstaltete zwölftägige Festival "Völker hört die Signale", zu dem Marcel Luxingers "Think Tank" (siehe TdZ 11/04) genauso eingeladen war wie Nora Somainis Inszenierung "Das Begräbnis" (siehe TdZ 01/04) oder "What's wrong" von She She Pop. Für die Zukunft sind Kooperationen etwa mit Meiningen, den Sophiensælen Berlin, der Gessnerallee Zürich geplant (konkrete Utopie?); auf dem Jahresspielplan stehen "Die Hermannsschlacht" wie die Schiller-Fragmente "Die Polizey" (Politik?). In Jena will man es (ästhetisch?) wissen: In welchen Zeiten leben wir eigentlich?

Willkommen in Ostwildwest.

Furioser Start für Jenaer Theaterhaus-Truppe

ZDF Theaterkanal, 29.10.2004

Mit einem furiosen Marathon ist die neue künstlerische Truppe des Theaterhauses Jena am Donnerstagabend in ihre erste Spielzeit gestartet. Das 14-köpfige Team wartete zum Auftakt gleich mit vier Ur- und einer deutschen Erstaufführung auf, wobei die Stücke künftig auch einzeln zu erleben sind. Dafür heimsten die acht Schauspieler, für die Jena die erste Station in ihrem Berufsleben ist, und die Crew um den künstlerischen L eiter Markus Heinzelmann und Dramaturg Marcel Klett für alle Inszenierungen reichlich Beifall ein. Die Spielzeit steht unter dem Motto "Willkommen im Wilden Westen".
Heinzelmann und Klett selbst zeichneten für das Entree "Kaltblütig" verantwortliche, ein Stück, das sie nach dem gleichnamigen Tatsachenroman von Truman Capote schufen. Das dokumentarische Spiel beruht auf einer wahren Geschichte aus den USA der 1950er Jahre als in einer Kleinstadt eine komplette Familie von zwei Jugendlichen ermordet wurde. Das Stück, in dem alle acht Schauspieler zu erleben sind, zeichnet die Wege der Opfer und der später hingerichteten Täter nach und spürt auch mit Blick auf den 11. September der Frage nach, ob es wirkliche Sicherheit überhaupt geben kann.
Extremer noch als bei "Kaltblütig" war die Ensemblearbeit für "Rucken 04". Gemeinsam mit seinen fünf Akteuren entwickelte Regisseur Dirk Cieslak das Stück, das am Ende des fünfstündigen Theatermarathons stand. Dabei dreht sich alles um die aktuelle Debatte der deutschen Anpassungskrise und der vielfachen Forderung nach einem Ruck, der durch Deutschland gehen müsse. Die Helden gehen dabei der frage nach, ob es nicht besser wäre, das "Projekt Deutschland" zu beenden und weiterzuziehen. Cieslak verbindet in "Rucken 04" Medientexte sowie Äußerungen von Politikern und Managern mit spielerischen Anleihen beim klassischen Western.
Eingebettet in diese beiden Produktionen gab es drei parallel aufgeführte Monologe dreier junger Autoren, inszeniert von drei Regisseuren an drei Spielstätten. "The Choir Director Affair" des Amerikaners Kevin Wilson brachte Heiko Kalmbach auf die Unterbühne. Es ist die Geschichte eines Einzelgängers, der eine Geschichte erzählt und selbst mehr und mehr in sie hineingerät. Den intimen Malsaal wählte Roger Vontobel für seine Produktion "die stunde / des kunde" von Felicia Zeller. Dabei dreht sich alles um König Kunde, der irgendwann angesichts des ungebremsten Konsums militant wird, wenn auch nur in seinem Denken. Als eine heutige Form des absurden Theaters präsentierte sich "Da drängt was" von Ulrike Syha. Die Inszenierung von Alice Elisabeth Julie Buddeberg ging im eigens errichteten Container-Dorf auf dem Theatervorplatz über die Bühne.

Einladung ins Chaos

Theater heute, 12/2004, Bernd Noack

Markus Heinzelmann / Marcel Klett "Kaltblütig", Dirk Cieslak: "Rucken 04"

Container auf dem Vorplatz, rotweiße Absperrbänder, ein abenteuerlicher Gerüst-Turm rund um die Drehbühne: In Jena ist es nach der Wende nun bereits der dritte Neuanfang im Theaterhaus, das mal als "die kreativste Ruine Deutschlands" bezeichnet wurde. Ein neues Team, in dem fast niemand über vierzig ist, wurde erst Anfang dieses Jahres berufen - und räumt nun mit dieser inszenierten Baustelle ein, dass es in der ersten Spielzeit unfertig, bruchstückhaft, künstlerisch gefährlich und mutig unabgesichert zugehen könnte - wie fast alles, was sich am Eröffnungsabend sechs Stunden lang nonstop, als Ur- oder Erstaufführung, Dokumentation, Monolog oder Einakter ("Da drängt was", die stunde / des kunde", "The Choir Director Affär" - von AutorInnen wie Ulrike Syha, Felicia Zeller und Kevin Wilson) unter dem Überbau-Thema "Willkommen im Wilden Westen" versammelte.
So muss der legendäre Clutters-Mordfall aus dem Amerika des Jahres 1959 in "Kaltblütig" (nach Motiven von Truman Capotes gleichnamigem Tatsachenroman) für ein buntes Bild von Zynismus und Illusionslosigkeit des westlichen Alltags herhalten. Fernsehreif und in Echtzeit turnen die Killer im Theater durchs wacklig umlaufende Baugerüst, in dem auch das Publikum sitzt, während Live-Kameras Bilder von der zelebrierten Abschlachtung der ganz normalen, braven Clutter-Familie auf die große Leinwand über der Szene werfen. Eingebettet ist dieser verständnislose und gleichzeitig sensationsgeile Voyeurs-Blick in die Abgründe menschlicher Kurzschlussfähigkeit in ein auf Mords-Gaudi spezialisiertes TV-Quiz-Show-Programm, denn merke: Ist die Welt schon verdammt, dürfen die Medien nicht hinterherhinken. Dem Sieger (den Tätern) flicht die Nachwelt dann halt Galgenstricke statt Kränze.
Regisseur Heinzelmann lässt tanzen und singen, chorisch aufsagen und über angemalte Leichen springen, und das alles in einer Atmosphäre irgendwo zwischen Schulaula und Abenteuerspielplatz. Wenn die Schauspieler dann noch alle paar Minuten völlig unmotiviert zu Sirenenklang auf den Boden knallen müssen, wird zu allem Überfluss sogar der "11.9." zum Orakel-Datum mitten in die fünfziger Jahre verpflanzt.
Dirk Cieslak wiederum, der hier erstmals nicht mit seiner freien Truppe Lubricat, sondern an einem Stadttheater arbeitet, zeigt eine Work-in-progress-Endlosschleife, in der wir allerdings nichts weiter erfahren, als dass es in Deutschland eigentlich erst jetzt 1945 ist. Zudem sei das Ende gekommen, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Das versteht man auch am Schluss der Zustandsbeschreibungsrevue "Rucken 04" keineswegs, denn diese abenteuerliche Mischung aus Leit-, Zins- und frei schwebenden Nebensätzen verzettelte sich in hilfloser Ambition. Ein dringend notwendiger Kausalsatz kam nicht vor.
Fünf Personen suchten da zwischen Improvisation, konstruiertem Zusammenhang und dramatischer Angestrengtheit nach einem Inhalt und hauptsächlich nach dem Sinn deutschen Daseins, vermengten nicht verstandene Theorie mit nicht bewältigter Lebenspraxis und gruben sich selber plappernd und zitierend und rätselnd den Weg aus der Sinnkrise ab. Und es ging kein angemahnter Ruck nirgendwo durch, kaum durchs Agonie-befallene Deutschland und schon gar nicht durchs gequälte Gehirn.
Auch wenn Jena in diesen ersten Tagen noch eine ziemlich wüste Theorie-, Stoff- und Inszenierungs-Baustelle ist, die (extrem) junge, talentierte Schauspieler-Truppe (insbesondere Ursula Renneke und Sophie Hottinger) gibt Anlass zur Hoffnung, dass hier mit der Zeit weiter aufgebaut und auf der Grundlage des guten Theater-Rufs aufgestockt wird. Vielleicht ist es ja nur etwas "wilder Osten", der hier im Moment noch fehlt.

Baustelle Theaterhaus

Ostthüringer Zeitung, 29.10.2004, Angelika Bohn

Das neue Ensemble beginnt die Spielzeit in Jena mit vier Ur- und einer Erstaufführung

Das Theaterhaus Jena ist eine Baustelle: Container auf dem Vorplatz, in den Kulissen Gerüste und allenthalben Absperrbänder. Wir, die Neuen, arbeiten dran, vermittelt das von den Ausstattern des Hauses inszenierte Ambiente. Dass Bauleitung und Gesellen mit Mut, Fleiß und Engagement am Werk sind, bewiesen sie am Donnerstag zur Spielzeiteröffnung: Fünf Stücke (vier Uraufführungen plus eine deutsche Erstaufführung) - ein Theatermarathon, der über sechs Stunden Ensemble und Zuschauer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führte. Dabei reduzierte sich für den einzelnen Zuschauer die zu erlebende Stückzahl auf drei, denn nach der Uraufführung von "Kaltblütig" wurde das Publikum auf drei kleine Spielstätten zum Einaktermonologegucken verteilt, um dann wieder für "Rucken 04" zusammenzufinden.

Mein Resümee des Abends: Klasse Schauspieler! Es ist eine Freude, diese acht jungen Leute und ihr unbedingtes Wollen, gut zu sein, zu erleben. Bernhard Dechant, Tim Ehlert, Daniel Fries, Sophie Hottinger, Ursula Renneke, Andrea Schmid, Mathis Julian Schulze und Saskia Taeger agieren zu sehen, macht den Abend spannend. "Kaltblütig" vereint sie alle auf der Bühne und in "Kaltblütig" ist das Spielzeitmotto "Willkommen im wilden Westen" erst einmal ganz örtlich gemeint.

Basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Truman Capote, entwickelten Theaterhausdramaturg Marcel Klett und der neue künstlerische Leiter Markus Heinzelmann eine Dokumentation, die den Mordfall Clutter von 1959 mit den medialen Mitteln der Gegenwart als Familienquizspektakel inszeniert. Die beiden Mörder und die vierköpfige Farmerfamilie treten im vom fröhlich-betroffenen Geplapper zweier Moderatorinnen begleiteten Wettstreit gegeneinander an. Actionszenen werden per Livekamera (Christian Güder) auf eine Leinwand übertragen. Das Publikum sitzt in einem zur Arena formierten Baugerüst (Bühne: Gregor Wickert), in dem sich auch einige Handlungsschauplätze befinden. Es braucht ein bisschen Anlaufzeit, sich damit anzufreunden, wie Heinzelmann (Regie) die verschiedenen Handlungsebenen verschränkt, bis klar wird, wie furios er historisches Geschehen, mediale Vermarktung des Verbrechens als Dauerunterhaltung und den durch grelles Scheinwerferlicht und Sirenengeheul immer wieder durchschlagenden Bezug zum 11. September auf einander bezieht. Denn "Kaltblütig" thematisiert, wie einer, oberflächlich betrachtet, perfekten Welt durch ein sinnloses, ungeheuerliches Verbrechen der Boden unter den Füßen weg gezogen wird. Und siehe: Nichts war perfekt.

Der wilde Westen des Konsums ist Querolfs Thema. Die Figur Querolf in Felicia Zellers Monolog "die stunde / des kunde" fordert ihre Rechte als Verbraucher. In der Uraufführung im Malsaal (Regie: Roger Vontobel) erscheint Querolf (Mathis Julian Schulze) zuerst als eine Art geifernd eifernder Motivationstrainer im feinen Nadelstreifenanzug. Statt mit dem Schwert gegen Windmühlen kämpft der neue Mann aus der Mancha nun mit Paragrafen gegen die Arroganz allmächtiger Konzerne. Dann Bruch, nun ist Querolf mangels Warnhinweises auf den Verpackungen durch Fett und Zucker so massig, dass er sich nicht mehr rühren kann, aber ist auch weiter süchtig nach diesen Drogen. Querolfs Quintessenz: Hemmungsloser Konsum macht kirre und irre. Und wieder macht es Spaß anzusehen, wie Schulze den Text lebt. Der indes kratzt nur modisch an der Oberfläche, "Super size me" lässt grüßen.

Die Latte liegt hoch

Leipziger Volkszeitung, 01.11.2004, Volker Trauth

Die "kreativste Ruine Deutschlands" nannten Kritiker das Theaterhaus Jena, nachdem eine Absolventengruppe der Berliner Schauspielhochschule "Ernst Busch" mit einigen Dozenten das stillgelegte Gebäude des Jenaer Stadttheaters in Besitz genommen hatte. Und mit Inszenierungen auf sich aufmerksam machte, in denen die Lebenssituation der Menschen in der Region in poetischer Weise zur Sprache kam. Die Übereinkunft mit den Zuschauern war Markenzeichen dieses Theaters - auch als im Jahre 2000 eine neue Gruppe um Regisseurin Claudia Bauer den Staffelstab übernommen hatte.

Nun hat die dritte Gruppe ihre Arbeit in der Zeiss-Stadt aufgenommen. Unter Leitung des Regisseurs Markus Heinzelmann stellte sie zur Saisoneröffnung ein Paket mit vier Uraufführungen und einer deutschen Erstaufführung vor. Nähe zum Publikum sucht sie mit einem Spielplan, der den kritischen Blick auf die deutsche Misere im Jahre 2004 wirft. Übergreifende Gesamtabsicht: die Frage nach der Zukunft der jungen Generation, das Erschrecken über Verluste von Werten und Orientierungen.

Um den Zerfall der Illusion vom amerikanischen Traum geht es in "Kaltblütig". In Kevin Wilsons Einakter "The Choir Director Affair" sinnt ein junger Mann darüber nach, wer und was ihn alles im Leben schon verraten hat. In anderen Stücken ist es die Suche nach eigenen Gestaltungsmöglichkeiten in Zeiten der Krise. Wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel kämpft ein junger Mann namens Querolf in Felicia Zellers Einakter "Die Stunde/des Kunde" um die Wahrung seiner Verbraucherrechte und strengt insgesamt 240 Prozesse gegen Produzenten an.

Im Zentrum aber steht das von Regisseur Markus Heinzelmann und Dramaturg Marcel Klett geschriebene und aus Dokumenten zusammengestellte Stück "Kaltblütig". Der historisch verbürgte Mord an einer Farmerfamilie im Jahre 1959, begangen von zwei entlassenen Sträflingen - dargestellt als Quizshow. Opfer und Täter sind Teilnehmer, am Ende sind die Mörder die Sieger, zwei Stricke aus Hanf ihre Siegprämie.

Alle Mitspieler erzählen singend und tanzend von den Stationen der Geschichte. Kollektives Grunzen, Gackern und Krähen beschreibt den Tatort, ein verlorenes Nest in Kansas. Doch die Story dreht sich mehr und mehr im Kreise. Mittel spielen sich leer: Dass ein Kameramann das Geschehen verfolgt und die Bilder auf eine Leinwand wirft, bringt nur Doppelungen des schon Gesagten und keinen neuen Blickwinkel im inhaltlichen Sinne. Für die Aussage, dass eine tragische Geschichte von den Medien verwurstet wird - dazu hätte es keiner zwei Stunden bedurft.

Das Wesentliche aber: Es will sich kein Zusammenspiel mit dem Publikum herstellen. Dabei lassen die jungen Darsteller durchaus Talent erkennen. So wenn Andrea Schmid als Farmerstochter in einer Schulaufführung in der Rolle der Becky den Abschied von Tom Sawyer beklagt und dabei die laienhafte Bemühtheit des Mädchens zeigt. Da hat das Spiel die berühmte zweite Schicht.

Assoziatives Mitspiel des Zuschauers kommt in Ansätzen in der Inszenierung "Rucken 04" zustande, die Regisseur Dirk Cieslak beisteuert. Eine szenische Versuchsanordnung, die aus Improvisationen der Schauspieler entstanden ist. Die haben sich auf der Probe erfundene Sätze zum Thema Deutschland 2004 und zur möglichen Biografie der gespielten Figuren zugerufen. Eine nachvollziehbare Grundsituation ist auf solche Weise entstanden. Die Debatten sind so gehalten, dass sich auch der Zuschauer zum gedanklichen Mitwirken eingeladen fühlt. Irgendwann aber geht auch dieser Versuchsanordnung die szenische Luft aus.

Spätestens da wird deutlich, wie hoch die Gruppe um Claudia Bauer die Latte gelegt hat. Und wie schwer es den Neuen fallen wird, sie zu überqueren.

Die Kleenex-Clique

Akrützel, November 2004, Dana & Friederike

Das neue Ensemble im Theaterhaus benötigt beim Saisonstart jede Menge Zellstoff

Die Lichterketten auf dem Theatervorplatz pulsieren im Takt unseres Herzschlages. Baustellenlampen und Feuer auf dem Theatervorplatz zeigen, es brennt wieder im Theaterhaus.
Nicht gerade bescheiden gibt sich das neue Ensemble, wenn man bedenkt, dass die Truppe in gerade mal acht Wochen Probezeit fünf Stücke auf die Füße zu stellen hatte. Das Spielzeitmotto "Willkommen im Wilden Westen", ist vielseitig: nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gibt es nur noch einen Westen, der zudem auch verrückt spiele, erläutert Regisseur Markus Heinzelmann. Gespielte Einzelschicksale sollen zugleich darstellen, wie sich der Systemumbruch auswirkte.
Akrützel stellt fünf neue Produktionen vor. Bemerkenswert ist der hohe Kleenexverbrauch. In den zwei großen Produktionen finden sich die weißen Fähnchen überall. Was sollen sie uns sagen? Freudentränen, Schmerz, Kapitulation? Was denkt ihr? Geht hin, bildet euch eine Meinung und schreibt uns. Unter allen Einsendungen verlosen wir zwei Eintrittskarten.

Kaltblütig
Kaltblütig dokumentiert das unnötige Verbrechen an einer amerikanischen Familie Ende der Fünfziger Jahre. Zu einer Zeit, in der Amerika begann, sich als Beispiel für den Rest der Welt zu sehen, wird die Idylle einer Kleinstadt durch einen grausamen Mord ohne ersichtliche Motive von zwei jungen Verbrechern zerstört. "Genauso unspektakulär wie der Mord geschah, werden die Mörder später hingerichtet", sagt der Regisseur Heinzelmann, der zusammen mit dem Dramaturgen Marcel Klett die wahre Begebenheit als Bühnenstück aufbereitet hat. Die Auswirkungen auf die Gemeinde sind Immens: Es herrscht totale Verunsicherung, der amerikanische, weiße Traum zerplatzt wie eine Seifenblase.
Unspektakulär ist die Darbietung der acht Akteure im Theaterhaus allerdings überhaupt nicht. Die Zuschauer sitzen auf drei Ebenen mitten im Geschehen. Gespielt wird teilweise auf der Bühne in der Mitte, teilweise über oder neben dem Publikum. Für diejenigen, die gerade nichts sehen, dokumentiert der Videokünstler Heiko Kalmbach das Geschehen auf der Leinwand, was ziemlich gelungen ist.
An amerikanischen Klischees bedient man sich in Hülle und Fülle. "American Gladiators" und "NaturalBorn Killers" lassen grüßen, die mediale Aufbereitung des Geschehens stößt an die Grenzen der zumutbarkeit, das Schicksal der Betroffenen wird bis ins kleinste Detail ausgelutscht. Dabei fließt jede Menge Blut, überall sind Kleenex-Taschentücher verteilt, Konfetti und Madonnasongs gibt's auch en masse.

Vorsicht, wir bauen auf!

Thüringische Landeszeitung, 30.10.04, Frank Quilitzsch

Vor dem Theater sind Container aufgestellt, ein Baustellenfeuer brennt, und Geschäftsführer Roman Rösener läuft mit dem Megaphon umher, als wolle er zur Demo aufrufen. Theater-Demo trifft vielleicht am ehesten den Charakter des sechsstündigen Eröffnungsabends, der sich am Donnerstag entlang des rot-weißen Absperrbandes hinzog, das den Besucher auf Schritt und Tritt an das Spielzeitmotto gemahnte: "Willkommen im Wilden Westen". Wie das gemeint ist, merkt man schon bei der ersten Produktion auf der Hauptbühne, die gleich die Paranoia unserer Zeit, nämlich die Angst vor der terroristischen Bedrohung, thematisiert. Marcel Klett und Markus Heinzelmann haben den 11. September 2001 schon im Jahre 1959 entdeckt und dokumentieren in ihrem Stück "Kaltblütig" den vierfachen Mord an einer unbescholtenen Farmerfamilie im mittleren Westen der USA. Zwei junge Killer waren nachts in das Haus der Clutters eingedrungen und ohne Beute wieder abgezogen, am Morgen fand man die Leichen des Ehepaares und ihrer beiden Kinder. Die Täter wurden gefasst und hingerichtet.

Gregor Wickert hat für die Uraufführung Baugerüste installiert, in denen auf zwei Etagen die Zuschauer sitzen, dazwischen befinden sich nach vorn offene Container - die Zimmer der Clutter-Family. Man blickt von drei Seiten auf eine riesige Videoleinwand, vor der die Akteure immer wieder Grundstellung einnehmen und sich bei Ertönen einer Alarmsirene auf den Boden werfen. "Hier ist alles so, wie es in einer richtigen Demokratie sein muss", skandieren einträchtig Täter und Opfer. Später, nach dem Mord, schließt man doch lieber nachts die Türen ab.

Heinzelmann inszeniert den Vorgang von seinem Ende her als drastische TV-Revue mit Quiz-Einlagen. Hektik auf der Drehbühne, überlebensgroße Zitterbilder, aufgenommen mit der Handkamera, und zwei Mitleid heuchelnde Moderatorinnen - alles vollzieht sich absichtsvoll, vordergründig, quasi mit Ansage. Dazwischen hysterische Anweisungen zum Verhalten bei Atom- oder Anschlägen mit chemischen Waffen. Kaum Verstörendes, nichts Doppelbödiges. Einmal mehr rächt sich die Erfahrung, dass das Fernsehen im Fernsehen aufregender ist als seine Parodie auf der Bühne.

Nach der Suppe die Monologe

Wieder ist am Jenaer Theaterhaus ein neues Zeitalter angebrochen; das komplette Ensemble hat gewechselt, und die Neuen - nunmehr die dritte Generation - stehen in der Pflicht. Vier Uraufführungen und eine deutsche Erstaufführung - das hört sich gut an, relativiert sich jedoch, sobald man sieht, was da und vor allem wie es auf die Bühne gebracht wird. Das Problem von "Kaltblütig" ist, dass sich die Schülertheater-Szene kaum vom Rest der Inszenierung abhebt. Proben echter Schauspielkunst (es agieren Bernhard Dechant, Daniel Fries, Sophie Hottinger, Ursula Renneke, Andrea Schmid, Mathis Julian Schulze und Saskia Taeger) sind noch nicht zu erleben, wenigstens hat das Ensemble in Tim Ehlert einen guten Geräusch-Imitator. Dann doch einmal ein gelungener Gag; versehentlich ballert einer der Killer in die Luft, und eine Brieftaube plumpst herab. Ihre Botschaft: "Kehret um!"

Doch es geht weiter. Der Besucher bekommt Suppe und darf zwischen drei Monologen wählen. Wir wählen Dr. Thomas Alster, der im Container einen zum Varietèdirektor umgeschulten Philosophen spielt und als Hauptnummer Herrn Becker, einen gefeuerten Feuilletonredakteur (Daniel Fries im Hasenkostüm), präsentiert. "Da drängt was in mein Denken", stottert Herr Becker - so ungefähr heißt auch der dramatische Kleintext von Ulrike Syha (Regie Alice E. J. Buddeberg) -, und man erfährt neben allerlei Späßchen, dass Herr Becker dem täglichen Sprachterror nicht gewachsen und Opfer einer "Weltverschwörung" geworden ist. Dr. Alster, der Marx, Engels und Lenin auf dem Hemdrücken trägt, wurde nur Opfer seiner Weltanschauung.

Je später der Abend, desto spannender die Stücke, hofft man und wird enttäuscht. "Rucken 04" heißt die abschließende Performance von und mit Saskia Taeger, Ursula Renneke, Stefan Hufschmidt, Sophie Hottinger und Andrea Schmid, die in Dirk Cieslak auch noch einen Regisseur hat. Bekanntlich verderben viele Köche den Brei, hier ist es nur ein Eierkuchen. Es geht um Eileiter, den Eisprung und die Folgen nationaler Verhütung: "Deutschland ist biologisch vertrocknet, Nullwachstum und Massenarbeitslosigkeit sind der Normalfall", wird der Zuschauer aufgeklärt. Das Stück leidet nicht so sehr unter dem demografischen, mehr unter einem agitatorischen Problem. Wenn's doch wenigstens auf eine Publikumsbeschimpfung hinausliefe. Nein, die Darsteller, die ihre dürftig verpackten Statements auch noch mit persönlichen Befindlichkeiten verwässern, beschimpfen sich bloß gegenseitig. "Die Energie ist ja schon ganz gut, aber ihr müsst auch was können", meint der Eiermann, den alle Helga nennen, und weiß sogar einen Namen für dieses Bühnenkauderwelsch: "Avantgarde-Radikali". Einzig die Schweizerin Sophie Hottinger zeigt, was sie kann: herzerfrischend singen und jodeln.

Kurz nach Mitternacht wird schließlich die Frage aufgeworfen, ob man das "Projekt Deutschland" beenden solle. Oder verkaufen. "Aber wer will das?" Ja, wer? Dann ist auch das überstanden, und Herr Rösener phont zum Buffet. Wir schleichen uns von der Baustelle.

 
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