Theaterspektakel zur Eröffnung der Kulturarena Jena 2010
Für den Schatz tun sie alles: Sie verraten den Freund. Sie entledigen sich ihrer Gegner mit Waffengewalt. Sie treiben ein ganzes Volk ins Verderben. Die Spielregeln des Untergangs werden bestimmt von der Gier nach dem Gold.
Der Burgunderkönig Gunther will Brunhild, die Königin Islands, zur Frau haben, die aber bisher jeden Freier im Kampf besiegt hat. Siegfried aus Xanten ist in Gunthers schöne Schwester Kriemhild verliebt. Er gilt nach einem Bad in Drachenblut als unverwundbar und hat zudem den Nibelungenschatz erobert. Der Pakt zwischen den Männern ist geschlossen: Siegfried bezwingt an Gunthers Stelle Brunhild und bleibt mit Hilfe der Tarnkappe unerkannt. Dafür gewinnt er Kriemhild. Als Brunhild den Betrug entdeckt, lässt sie Siegfried ermorden – ein Speer trifft ihn zwischen den Schulterblättern an der einzigen Stelle, wo er verletzt werden kann. Der Nibelungenhort fällt in die Hände der Burgunder. Getrieben von unerbittlichen Rachegelüsten heiratet Kriemhild den gefürchteten Hunnenkönig Etzel und lockt die Burgunder an dessen Hof. Angespornt von der Aussicht auf den Schatz, gehen Etzels Mannen in den letzten entscheidenden Kampf.
Sehnsucht nach Liebe und abgrundtiefer Hass, Eifersucht und Verrat, Heldenmut und Opfergang, gekränkte Eitelkeit, gnadenloser Vergeltungsdrang und nicht zuletzt der Lockruf des Goldes, treiben das Geschlecht der Nibelungen sukzessive in die Katastrophe.
Immer wieder wurde an markanten Punkten der deutschen Geschichte das »Nibelungenlied« ge- und missbraucht, wirkte der Mythos unmittelbar auf Reden und Handlungen der Politik. Mit Hebbels großem dreiteiligen »deutschen Trauerspiel« eröffnet das Theaterhaus Jena die diesjährige Kulturarena. Unter Beteiligung vieler Jenaer Bürger und in der bewährten Regie von Markus Heinzelmann zeigt das Sommerspektakel 2010 eine erfrischend neue Sicht auf diesen alten deutschen Nationalmythos rund um Siegfried und König Gunther, Drachentod und Tarnkappe, Lindenblatt und stolze Recken.
Besetzung
Operation Walküre: Vera von Gunten
Siegfried: Sebastian Thiers
Die Burgunden
König Gunther: Ralph Jung
Hagen Tronje: Bernhard Dechant
Volker, der Spielmann: Julian Hackenberg
Ute, Mutter des Königs: Waltraud Steinke-Löscher
Kriemhild, Schwester des Königs: Saskia Taeger
Gerenot, Bruder des Königs: Mohamed Achour
Giselher, Bruder des Königs: Ferenc Kohl
Die von Isenland
Brunhild, Königin von Isenland: Zoe Hutmacher
Frigga, ihre Amme: Anne Haug
Die Hunnen
König Etzel: Antonio Cerezo
Frau Rüdeger: Natalie Hünig
Gudrun, Tochter von Frau Rüdeger: Hannah Heinzelmann
Rheingold-Express-Orchester
Filip Hiemann, Oliver Jahn, Ian Simmonds, Friedemann Ziepert
Chor
Anna Butters, Benjamin Damm, Philipp Gräf, Frances Ludwig, Simon Mengs, Florian Rauh, Stefanie Roth (Mitglieder des Konzertchores des Goethe-Gymnasiums Rutheneum Gera)
... und zahlreiche Mitwirkende aus Jena und Umgebung
Regie: Markus Heinzelmann Bühne: Gregor Wickert Kostüme: Anne Buffetrille, Jessica Zeitler Dramaturgie: Christin Bahnert Musikalische Leitung: Filip Hiemann, Oliver Jahn Video: Heiko Kalmbach Choreografie: Antonio Cerezo Choreografie Kämpfe: Robert Gärtner Premiere: 07.07.2010 In Zusammenarbeit mit JenaKultur.
Kritik:
Ulrich Kaufmann: »Die Nibelungen« als Open-Air-Spektakel. Friedrich Hebbels Trilogie in einer Jenaer Fassung (2010)
Der Spektakelbesucher wird gleich durch die eigens kreierte Figur Operation Walküre begrüßt, die den Versuch unternimmt, einer afrikanischen Tröte in deutschen Nationalfarben einen Ton zu entlocken. Nicht zufällig im Jahr der Weltmeisterschaft, in dem viele Deutsche ihr Nationalbewusstsein vor allem über Sieg oder Niederlage im Fußball definieren, entschied sich das Jenaer Theaterhaus, den mittelalterlichen Nibelungen-Mythos (nach 2004) erneut zu erzählen. Dies geschah im Juli 2010 als Ouvertüre zur Kulturarena Jena. Die Nibelungen-Inszenierung bewarb sich um den Titel »Bestes Jenaer-Spektakel des Jahrfünfts«. Das Theaterteam um den Regisseur Markus Heinzelmann und die Dramaturgin Christin Bahnert schuf eine Fassung »nach Friedrich Hebbel«, d. h., dass das für zwei Abende und ca. neun Stunden geplante »deutsche Trauerspiel« auf eine aktuelle Spektakel-Variante von zweieinhalb Stunden eingedampft wurde. Der aktualisierende Untertitel »Lockruf des Goldes« dürfte dabei nicht zufällig auf Jack Londons gleichnamigen Roman von 1910 zurückgehen. Dieser Bezug ermöglichte zugleich, Hebbels Drama, welches 1861 im benachbarten Weimar seine Uraufführung erlebte, in einer Version mit Western-Zutaten anzubieten.
Das Jenaer Theaterensemble, in dem ca. 50 Laiendarsteller auf vielfältige Weise mitwirkten, konzentrierte sich auf den Kern der Hebbelschen Fabel: Der Burgundenkönig Gunther will die isländische Königin Brunhild zur Frau, die jedoch noch jeden Freier im Kampf zu besiegen vermochte. Siegfried aus Xanten, der sich in Gunthers schöne Schwester Kriemhild verliebt hat, soll helfend eingreifen. Der Eroberer des Nibelungenschatzes gilt nach einem Bad in Drachenblut als unverwundbar. Gunther und Siegfried schließen einen Pakt. Letzter bezwingt an Gunthers Stelle (geschützt durch eine Tarnkappe) Brunhild. So gewinnt er Kriemhild. Als die Getäuschte den Betrug entdeckt, lässt sie Siegfried ermorden: Ein Speer trifft ihn an der einzigen ungeschützten Stelle. So fällt der Nibelungenhort in die Hände der Burgunder. Getrieben von Rachegelüsten, heiratet Kriemhild den gefürchteten Hunnenkönig Etzel und lockt die Burgunder an dessen Hof. Von der Aussicht auf den Schatz motiviert, zieht Etzels Heer in den letzten entscheidenden Kampf. Keiner der Protagonisten in diesem deutschen Nationalepos überlebt das Gemetzel. Dieser Handlungsbogen erschließt sich dem Besucher, vor allem, wenn er das Begleitblatt studiert. Dort sind weitere Hinweise zum Stück und seiner Rezeption zu finden, leider ohne Quellenangabe.
Das Bühnenbild Gregor Wickerts bietet viele Spielorte und macht schnelle Ortswechsel möglich. Die massive Holzkonstruktion betont das Archaische des mittelalterlichen Stoffes. Ein unbekannter Meister hat diesen - unter Einbeziehung noch älterer Sagen - um 1200 aufgeschrieben. Zugleich schafft der Bühnenbildner Räume, um auf vielfältige Momente der Rezeption des Nibelungen-Stoffes zu verweisen. Als Kontrast zum Archaischen wirken etwa knappe Bildzitate aus dem Nibelungen-Film Fritz Langs, welcher in den zwanziger Jahren entstand.
Das Spektakel lebt nicht zuletzt von der vorzüglichen Live-Musik des eigens gegründeten „Rheingold-Express-Orchesters“ unter Leitung von Filip Hiemann und Oliver Jahn. Unterstützt wurde das (meist leider nur im Hintergrund agierende) vierköpfige Ensemble durch einen Konzertchor des Geraer Goethe-Gymnasiums Rutheneum. Julian Hackenberg, der den Spielmann Volker gab, wusste ebenfalls als Sänger zu gefallen.
Die Jenaer Fassung vertraut im Wesentlichen auf Hebbels Text. Aktualität und Querverbindungen zur langen und widersprüchlichen Rezeption des Nibelungen-Mythos werden nicht zuletzt über die Kostüme (Anne Buffetrille und Jessica Zeitler) hergestellt, die an verschiedene Epochen des 20. Jahrhunderts erinnern. Siegfried, der cool zu Ross auf die Bühne kommt und als meuchlings Ermordeter von seinem Pferd abtransportiert wird, begegnet Kriemhild zunächst im FDJ-, später in einem Fleischerhemd. Zeitlose Uniformen lassen Platz für manche Assoziation. Die blonde Brunhild (Zoe Hutmacher) und ihre Amme Frigga (Anne Haug) wurden in Naziuniformen gesteckt und durch sprachliche und pantomimische Gestaltungsmittel oft auf Marionetten reduziert. Über die, wohl durch Richard Wagner angeregte Figur Operation Walküre (Vera von Gunten), die kaum Hebbeltext spricht, wird die alte Geschichte weitererzählt bzw. in modernere Kontexte gestellt.
Diese Hebbel-Adaption war ein Sommerspektakel, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Mimen und Laiendarsteller, sonst in das Bühnenhaus eines ehemaligen Stadttheaters gezwängt, konnten sich groß entfalten, auch räumlich. Nur zu Beginn und am Schluss hatte man den Eindruck, dass Text hier mehr aufgesagt als gespielt wurde. Die Inszenierung hatte Witz und Tempo. So entstand unter Einsatz aller Mittel (Feuerspiel, Musik, Pantomime, Film, Videocollagen, chorisches Sprechen, wandlungsfähiges Bühnenbild, geschickte Lichtchoreografie) ein vergnügliches und zum Nachdenken anregendes Gesamtkunstwerk. Obwohl die Inszenierung auf die Verwendung von »Theaterblut« verzichtete, wurde die Härte und Dramatik dieses »deutschesten aller deutschen Stoffe« (Heiner Müller), der große Menschheitsfragen transportiert, auch in diesem Spektakel erlebbar.
Ein parodistisches Glanzstück boten Sebastian Thiers als Siegfried (unter seiner Tarnkappe) sowie Zoe Hutmacher (Brunhild) und Ralph Jung (König Gunther) in der Bettszene. Letzterer, auf dem Plakat als Westernheld an der Spitze der Protagonisten daherkommend, wird in seinem Machogehabe in besonderer Weise der Lächerlichkeit preisgegeben. Von den Hauptdarstellern müssen Saskia Taeger, die der Kriemhild ihre Wandlungsfähigkeit und ihr parodistisches Talent lieh, und Bernhard Dechant genannt werden. Dechant, als treuer Gast aus „alten“ Jenaer Tagen, überzeugte schon vor Jahren in Hebbels frühem Stück „Judith“ als Holofernes. Nun interpretierte er, nicht ohne Humor, in des Dichters letztem Drama den Verräter Hagen von Tronje in seiner ganzen Zerrissenheit und Erbärmlichkeit.
Das Jenaer Nibelungen-Spektakel, als unterhaltsamer und anregender Beitrag zum Thema nationale Identität gedacht, stand am Premierenabend (7. Juli – Halbfinale) und drei Tage später (Kleines Finales der Fußballweltmeisterschaft) etwas im Schatten des sportlichen Großereignisses. Den Finaltag, den 11. Juli 2010, hatten die Jenaer Theatermacher frei gehalten. Aber Jogis Recken standen da schon nicht mehr im Turnier, sondern saßen im Flugzeug nach Deutschland.
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