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Ich-Gerippe im "Esprit"-Shirt

Ostthüringer Zeitung, Constanze Alt, 18.5.2002

Die Gesellschafts-Groteske "Schieß doch, Kaufhaus!" hatte am Donnerstag im Theaterhaus Jena Premiere

"Die Sprache ist eine faule Tasche, in die sich jeder hineinlügt", sagt Fetz (Hagen von der Lieth). Wo Sprache nur noch zum ausblubbern leerer, zusammenhangsloser Worthülsen herhält, schleicht sich das Formelhafte bis ins Denken. Bis ins Ich. Ist das Ich selbst nur leere Worthülse. Reproduktionsapparat von Werbe-Phrasen.

Wie der fetzige Fetz sind auch Ätz (Ute Baggeröhr), Klar (Barbara Wurster), Kling (Tjadke Biallowons) und Knax (Andreas Nickl) Teil der fremdbestimmten, weil konsum- und machtdiktierten Welt, die "Schieß doch, Kaufhaus!" pointierend ausstellt. Die Koproduktion des Jenaer Theaterhauses und des TIF/Staatsschauspiel Dresden hatte am Donnerstag im ausverkauften Theaterhaus Jena Premiere.

Ohne wirkliche Handlung kommt das von Simone Blattner inszenierte Stück von Martin Heckmanns aus. Innerhalb des ständig aktionsgeladenen, zutodegefreizeiteten, mit "Produkt-Informationen" zwischen den Abend-Serien hin und her rasenden Komödie des Seins ist plötzlich ein Riss aufgetreten, der die fünf Figuren auf sich selbst zurück wirft. Doch wohin mit sich selbst, wenn man kein Selbst hat? Was anstellen mit dem Leben, wenn man mit Mitte zwanzig eigentlich schon tot ist? Eine grelle Tristesse aus Neon und Orange. Eine zusammengeworfene Zufallsgemeinschaft, in der alle permanent über alles plappern. Nur nicht miteinander reden. Weil es nichts zu reden gibt. Weil A im Grunde gar nicht wissen will, was B zu sagen hat. Oder sein könnte.

"Sind wir noch beisammen?", zwischen cholerischem Aufschrei und tonloser Frage wirft von der Lieth diese Rückversicherungs-Floskel gelegentlich ein. Aber weil Fetz eben auch nur ein Mensch ist, und weil als solcher verständlicher Weise fetzen will, wirft er sich ein "Esprit"-Shirt übers Ich-Gerippe. Dabei müsste er doch aus der Werbung wissen, dass man Esprit nicht kaufen kann. Für alles andere gibt es natürlich die Euro-Card. Schon tritt Barbara Wurster in abgeklärt-schlauer Rede auf den Plan und doziert über Billigarbeit in der chinesischen Textilindustrie. Für die Rolle der Klar, einer Blondine ohne Nährboden für Blondinen-Witze - vom gelegentlichen karrierefeindlichen Kinderwunsch mal abgesehen - ist sie wie geschaffen.

"Wäre das Leben lebendig, wüsste ich auch nicht weiter. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt", sagt Kling resigniert. Knielanger Jeansrock und Turnschuhe - die Biallowons spielt die Liebe, die noch irgendwo nach irgendwelchen Werten sucht, aber außer der elterlichen Wohnung, wo Mutti in der Küche und Vati auf dem Wohnzimmersessel installiert ist, keine Ordnung mehr im Leben sieht. Dass irgendwas falsch läuft, sieht auch die von Ute Baggeröhr ausdrucksstark interpretierte Ätz. "Das falsche Leben im Falschen fälscht Falsches so falsch, dass du denkst, du lebst", brüllt sie heraus. Die Matrix hat dich.

Der "flexible Mensch" (Richard Sennett) klammert sich krampfig an die sich aufdröselnden Fetzen seiner Patchworkbiographie. Doch das Gewebe aus geklauten Versatzstücken hält keiner Belastung stand. Das Individuum fällt ins Bodenlose. Ins Nichts. Kein Verstehen. Nirgends. Dazwischen singen alle "Dona nobis pacem" - "Gib uns Frieden." Ein Lied der (ungenutzten) Möglichkeiten.

Manchmal muss ich auch kochen

Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 18.5.2002

Jena. (tlz) "Glaubst du, wir können das ändern?" - "Wir fangen erst mal an." Fünf junge Darsteller erklimmen das von Neonröhren beleuchtete Bühnenpodest (Ausstattung Thilo Reuther), das die Welt bedeutet, die globale. Einer konstatiert: "Die Freiheit ist so grenzenlos frei." Ein anderer stottert: "Die Offenheit mündet so offen ins Offene." Eine nimmt Kung-Fu-Stellung ein und ruft: "Wach auf!" Sodann skandieren alle gemeinsam: "Weltweit Wahnsinn! Willkommen!"

Willkommen auch im Jenaer Theaterhaus. Dort hatte am Donnerstagabend ein Stück mit dem Titel "Schieß doch, Kaufhaus!" des Berliner Dramatikers Martin Heckmanns Premiere. Eine Koproduktion mit dem TIF/Staatsschauspiel Dresden, in Zusammenarbeit mit den Sophiensaelen Berlin und dem Thalia Theater Hamburg - das ist zwar noch nicht global, aber schon ziemlich vernetzt. Uraufgeführt wurde die Auftragsarbeit vor einer Woche in Dresden.

"Schieß doch, Kaufhaus!" ist ein aggressiver Rundumschlag gegen den Wahn unserer Zeit. Und eine heiter vorgetragene Diagnose eigener Befindlichkeit. Der Mensch vereinzelt, seine Kommunikation ist gestört oder findet nur noch in Versatzstücken statt. Und die Figuren vereinen in sich so ziemlich alle Symptome, die die moderne, kaum noch überschaubare Entwicklung weltweit mit sich bringt: Verunsicherung, Zweifel, Ohnmacht, Angst, Wut.

Tempo und Wechsel

Simone Blattner, die als Regisseurin kurzfristig eingesprungen ist, choreografierte aus Posen und Wortkaskaden ein rhythmisches Sprechtheater. Tempo und Dynamik prägen die Szenen, die mit atemberaubenden Wechseln Kongress, Alltag und Therapiegruppe simulieren. Man könnte den Gestus tragikomisch nennen, denn sowohl Globalisierer als auch Globalisierungsgegner rudern hier im selben Boot, nur in verschiedener Richtung.

Im Textbuch heißen die Figuren Ätz, Fetz, Klar, Kling und Knax - aber das muss man sich nicht merken. Konsequenterweise hat die Regie den Protagonisten den letzten Klacks Individualität gestrichen, so sind alle mehr oder minder austauschbar und lassen sich leichter dirigieren. Ute Baggeröhr, Tjadke Biallowons, Barbara Wurster, Andreas Nickl und Hagen von der Lieth agieren dabei wie Protagonisten eines Free-Jazz-Ensembles oder Tanztheaters.

Wie die Weltpolitik das Gefühlsleben des Einzelnen bestimmen kann, zeigt Tjadke Biallowons (einzige Jenaer Mitspielerin) in einer Schlüsselszene. "Dauernd die ganze Welt im Kopf, das schaff' ich nicht! Ich muss auch noch kochen." Und auf die Spitze getrieben wird die Ironie, wenn sich die Köchin, als sie sich die Hand verbrennt, fragt, ob sie angesichts der US-amerikanischen Außenpolitik überhaupt noch berechtigt sei, Schmerz zu verspüren.

Am Ende der knapp einstündigen Inszenierung nehmen die Darsteller am Bühnenrand Platz, um ihre "Zuschauerfrage" zu stellen: "Welche Art von Widerstand muss geleistet werden, wenn wir eine Anbindung an die Unterwerfung im Bereich des Unbewussten feststellen?" Schweigen, Räuspern, verlegenes Füßescharren. Ratlosigkeit ist auch ein Konsens.

"Schieß doch, Kaufhaus!"

Thüringer Allgemeine, Bodo Baake, 18.5.2002

Sie ist uns über, sagt der eine. Wer? So fragt die andere. Die Globalisierung! Dieser knappe Dialog birgt das Thema, das eine Stunde lang verhandelt wird: Das Unbehagen an einem Prozess, der den Einzelnen zur Redefigur im echolosen Chatroom verblödeln lässt. Ein anonymer Ort, markiert hier (Bühne: Thilo Reuter) nur durch eine gebohnerte Spielfläche mit Scheinwerfergerüst und Lichtkasten an der Wand. Einkaufscenter oder Bahnhofshalle. Behausung des Menschen als Mobile.

Sein letztes Rückzugsgebiet heißt Sprache. Ein halb zerstörtes Biotop für Furcht und Hoffnung. Damit beschäftigt sich Martin Heckmanns Stück mit dem kryptisch-reißerischen Titel "Schieß doch, Kaufhaus!". Es ist nach Gesine Dankwarts "Unser täglich Brot" das zweite Auftragswerk einer Koproduktion von Theaterhaus Jena, Staatsschauspiel Dresden, Thalia Theater Hamburg und Berliner Sophiensälen.

Nach der erfolgreichen Uraufführung in Dresden kam es jetzt in Regie von Simone Blattner in Jena heraus. Sie macht aus dem philosophisch aufgeladenen Text eine Compact-Disc aus Leistungskurs Deutsch, Gruppentherapie und Weltverbesserungskongress. Die Vorlage bietet kaum szenische Anlässe, ist ein intellektuelles, kaum sinnliches Ereignis. Im konzentrierten Spiel der Akteure (Ute Baggeröhr, Hagen von der Lieth, Barbara Wurster, Andreas Nickel, Tjadke Biallowons) aber bricht die Regie die Wortkaskaden, arbeitet in chorischen Lösungen Duktus und Rhythmus heraus und findet so auch zu spielerischen Elementen. Heckmann arbeitet mit Floskeln, Worthülsen und Fertigstücken und unterläuft damit das Grundrauschen des Zeitgeistgebrabbels.

Die Inszenierung zeigt, wie das funktioniert, wie Worte keinen Sinn machen, sondern nur Akustik, wie Sätze sich festfressen. Da hat einer einen solchen Kolbenfresser, dreht sich im Hamsterrad des Satzes "Das kranke Leben im Kranken kränkt krank so kränk . . ." und die anderen amüsieren sich. Später summen sie den alten Kanon der Selbstvergewisserung "Dona nobis pacem". Da schimmert Hoffnung, doch dann heißt es schon wieder: "Der Schimmer in deinen Augen, das ist der Tränenvorhang."

Vorhang und Beifall!

 
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