Atemnot als Metapher Theater philosophiert über Sex, Lügen und Nächstenliebe
Akrützel, 11.05.2006, Friederike
Siebzehn Prozent unserer Atemluft bestehen aus Sauerstoff. Ohne Sauerstoff könnte niemand leben. Was aber ist der Stoff zum Leben? Welche Werte zählen wirklich und was ist das Maß aller Dinge, das das Leben lebenswert macht? Mit diesen philosophischen Fragen beschäftigt sich auf angenehm unanstrengende Weise das Regieteam von Linda Best. Seit 2004 ist sie am Theaterhaus als Regieassistentin tätig. Jetzt hat sie ihr erstes Stück kreiert: "Sauerstoff" von Iwan Wyrypajew. Das Werk des russischen Regisseurs, Dramaturgen und Drehbuchautors, der 1974 geboren wurde, lief bereits erfolgreich in Moskau und New York. Es besteht aus drei Personen: Ein DJ (Tommy Neuwirth), Sie (Sophie Hottinger) und Er (Gunnar Titzmann). Assoziativ erzählen die Letzteren in zehn Kapiteln die Geschichte von zwei jungen Menschen. Alexander fährt aus der Provinz in die Großstadt und trifft auf Alexandra, die ganz anders ist als die Frauen, die er kennt. Beide verlieben sich ineinander, für sie bringt er sogar seine Frau um. Das alles wird aber nur erzählt, die beiden Schauspieler entfalten dabei eine Kollage mit Ausschnitten aus der Bergpredikt und verlorener kommunistischer Ethik. Der Text besteht aus Wiederholungen, Assoziationen und Gedankenfetzen. Sauerstoff steht dabei als "große Metapher für das, was fehlt" erklärt Marcel Klett, der die Dramaturgie leitet. Die meiste Zeit führen die beiden Monologe, ohne den anderen sichtbar wahrzunehmen. Interessant macht diese Aufführung jedoch vor allem die Bühne von Sandra Rosenstiel. Wie die Zuschauer sind auch die Schauspieler und der DJ Bestandteile einer Installation im ganzen Raum der Unterbühne. Es gibt keine Stühle, man sitzt auf Betonpfählen oder auf dem Boden. Hottinger und Titzmann wandern durch den Raum, suchen dabei intensiven Blickkontakt zum Zuhörer und sorgen somit nicht nur durch die Sprache für Abwechslung und eine angenehme Atmosphäre. Einfallsreich wird dadurch immer wieder die Perspektive gewechselt. Besonders originell ist eine Szene, in der er ihr beichtet, dass er beim "Sex mit Frauen", die er "nicht liebt" Erektionsprobleme hat. Anstatt sich dabei in die Augen zu schauen, hat sie einen Fernsehapparat auf dem Schoß, in dem sein verzweifeltes Gesicht zu sehen ist. Er: "Weißt Du, ich hab ein Riesenproblem, so richtig in Fahrt zu kommen, wenn ich es nicht mit meiner Freundin treibe." Sie: "Und wozu musst du das können...?" Er antwortet: "Warte mal, das machen doch alle Männer, selbst die treuesten. Wenn sie gesund sind, schlafen sie mit Frauen, die sie nicht lieben. Das ist absolut Fakt. Aber mein Problem ist, dass sich bei mir mit den Frauen, die ich nicht liebe, nix regt." Aber auch biblische Gebote wie Nächstenliebe und Lügenverbot kommen ausführlich zur Sprache. Anziehend ist dabei die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie, aus Unterhaltung, Erotik und Philosophie. Absolut sehenswert!
Hauptsache "Sauerstoff"
Ostthüringer Zeitung, 28.04.2006, Angelika Bohn
Woran erkennt man, wer Schauspieler, wer Zuschauer ist, wenn es keine Bühne und keinen Saal gibt? Wenn das Stück auf der Unterbühne gespielt wird, wo sonst - das gibt es natürlich nur im Theaterhaus Jena - die Zuschauer auf den Vorstellungsbeginn warten. Wenn sich der Zuschauer, der ja nur, was ihn selbst betrifft, sicher sein kann, dass er nicht zum Stück gehört, mitten im Bühnenbild befindet. Das wiederum aus laborartigen Installationen im Unterbühnengerüst besteht, die sämtlich etwas mit atmen, pumpen, Gasaustausch zu tun haben. Denn Premiere hat am Mittwoch in Jena "Sauerstoff" von Iwan Wyrypajew, 1974 in Irkutsk geboren. Linda Best, seit zwei Jahren Regieassistentin am Theaterhaus, hat sich das Stück für ihre erste Regiearbeit in Jena ausgesucht und es mit Sandra Rosenstiel (Ausstattung) in diese Spielsituation ohne Trennung von Akteuren und Publikum gestellt. Durch diese Entscheidung rücken die beiden Figuren des Stücks dem Zuschauer rein physisch auf die Pelle. Sie sind unter uns. Das wieder fördert eine psychische Nähe, die sich anders nicht unbedingt erzielen ließe. Wenn ein russischer Provinztyp namens Alex wegen einer rothaarigen Großstadtschönheit seine Ehefrau mit dem Spaten platt macht und im Garten verbuddelt, interessiert das einen russischen Staatsanwalt und den Dealer, der Alex als Kunden verliert. Die große Liebe als Mordmotiv? Wyrypajew gibt keinerlei Erklärung ab, warum dieser Alex seine Frau nicht einfach verlässt. Weil es kein Gebot gibt, mit dem Gott das Verlassen von Ehefrauen verbietet? Denn Alex muss Gottes Gebote übertreten, damit Wyrypajew zeigen kann, Gebot und Übertretung gehören zusammen wie Kreatur und Atemluft. Also eine große Moralpredigt im Theaterhaus? Doch wenn es dem Zuschauer ein wenig lästig zu werden beginnt, dass inzwischen Spatenmord, 11. September und Jerusalem zum gordischen Knoten verknäult sind, wechselt das Stück die Figuren. Er ist nicht mehr Alex, sondern ein Schriftsteller, sie nicht mehr seine große, sondern seine abgeklärte Liebe. Sie wirft dem Autor vor, wie die Leute leben, sei ihm scheißegal, es geht ihm nur darum, "mit Tränen in den Augen diese fremden Geschichten vortragen zu können." Perspektivwechsel, das Kippen der Sprachebenen und Bezugsflächen erfordern nicht nur alle Aufmerksamkeit des Publikums für "Sauerstoff", sondern vor allem von den Schauspielern Sophie Hottinger (Sie) und Gunnar Titzmann (Er). Hochkonzentriert, schneidend zerlegt Hottinger den Text, wenn der Gefahr läuft in russische Gaunerromantik abzudriften. Die reife Leistung der Regiedebütantin bekam am Mittwoch in Jena viel Beifall. P.S. zur Eingangsfrage: am Pflegezustand des Schuhwerks.
Werthaltigkeitsblubbern
Thüringische Landeszeitung, 28.04.2006, Wolfgang Hirsch
Vor etwa 15 Jahren folgte der "No future-" eine "Fun-Generation"; die heutige verbindet, wenn man Iwan Wyrpajew Glauben schenken will, beides miteinander. Auf frustrierte Sinnsuche lässt der Autor, Jahrgang ´74, aus dem russischen Irkutsk seine beiden Protagonisten gehen und die Lust daran entdecken. "Sauerstoff", so der Stücktitel, steht symbolisch für neue - alte - Werte und soll Metapher sein für existenzielle Erkenntnis, das Lebenselixier - den Kick daran. Das grottige Experiment, das Elementares verheißt und den sittlichen Nährwert einer Brause bietet, mag ein junges Publikum auf der Unterbühne im Jenaer Theaterhaus nun nachvollziehen. Alex und Alex, Mann und Frau, Provinz und Stadt, Yin und Yang verkörpern dualistische - und wenig dialogische - Prinzipien, die Wyrpajew in aufgemotzter Bibelseligkeit ins Feld der Liebe, auf die Matratze, schickt. Er, Alex (Gunnar Titzmann), hat seine Frau gekillt, weil sie, Alex (Sophie Hottinger), ihn zum Seitensprung so mächtig angetörnt hat. "Du sollst nicht töten" und "Du sollst nicht ehebrechen", reflektieren beide nun in schnoddrigem Diskurs die böse Tat. Prophetie-Manie Alexandra und Alexander berichten ihr Erleben distanziert in der dritten Person, bleiben somit sich selbst und einander fremd, sehnen jedoch, nach dem Verfall aller Ideologien wie angeblich auch der kanonischen Werte, sich nach einem neuen Halt. In prophetischer Manie montiert Wyrpajew ergo Zitate aus der Heiligen Schrift, verzerrt sie und entstellt sie, bis seine pseudoexistenzialistische Berauschungsverheißung fatalistisch im Nichts verpufft. Intellektuell bietet der Text soviel wie das Blasenblubbern ins Philosophieren geratener Säufer: dumpfes Rauschen statt Rausch der Erkenntnis. An der völlig undramatischen Vorlage arbeitet sich Regieassistentin Linda Best in ihrem Jenaer Debüt zwar nach Kräften ab, doch vermag sie es auch nicht, die beiden rezitierenden Figuren wirklich in ein interagierendes Spiel zu versetzen. Der schöne Gunnar haspelt, zu hitzig flippigem Tänzchen, widersinnige Phrasen, indessen die stoisch kühle Sophie trotz der verschachtelten Rhythmen der Live-Sound-Collage (Thomas Neuwirth) erst allmählich ein bisschen in Fahrt kommt. Unfreiwillig komisch Als sie unter einer durchsichtigen Ganzkörperplastehaube mit rotem Schnorchel aus Drainagerohr - "Sauerstoff! Sauerstoff" skandierend - über die vom Publikum bevölkerte, provisorische Bühne (Sandra Rosenstiel) schwebt, hält sich noch eine Balance aus Poesie und unfreiwilliger Komik. Als er hingegen - von einer Schlauchbootlandung in Dubai faselnd - auf zwei Blasebälgen untern Gummistiefeln durch den Raum torkelt, rutscht die Inszenierung momenthaft doch ins Lächerliche ab. Mit ihren wenigen Bilderfindungen hat die junge Best wenig Glück. Macht aber nichts. Schneller als das einstündig kurze Drama endet, ist man des inkonsistenten Geblubbers über Liebe und Sex, Glauben und Triebe überdrüssig, eilt - Sauerstoff! Sauerstoff! - ins Freie, von einem Theater-Erguss befreit, der des Nach-Denkens nicht lohnt.
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