von Rebekka Kricheldorf | Uraufführung
500 Jahre später: vorbei die endlose Suche nach Glück und Zufriedenheit! Jetzt ist Bestland erfunden – der erste Staat mit lauter glücklichen Bürgern! Hier herrscht das Prinzip des vereinfachten Lebens, mit Produkten aus dem staatlichen FREUDE!-Sortiment und mit dem Universalmodel NADJA NADJA im einzigen staatlichen Fernsehsender. Nadja Nadja ist längst eine Nationalikone; immer am 24.12. eines jeden Jahres sorgt sie für einen zusätzlichen Höhepunkt mit einer Lotterie, in der ein Zentralrechner die absolute Freiheit verlost. In diesem Jahr ist Don der Gewinner. Ab sofort ist ihm alles erlaubt. Don probiert verschiedene Lebensstile aus und entscheidet sich wider Erwarten für die Askese. In seiner Wunschlosigkeit scheint ihn nur noch ein einziger Gedanke zu stören: dass er Nadja Nadja nicht mehr aus seinem Kopf bekommt. Dons Freundin Sam will ihn kurieren – und bestellt einfach Nadja Nadja nach Hause. Nun nimmt das Spiel sehr blutige Züge an.
Die totale Freiheit. Das absolute Glück. Der Wunsch nach grenzenloser Einzigartigkeit. Was wäre eigentlich, wenn all unsere Träume nicht nur endlich in Erfüllung gingen, sondern auch staatlich abgesichert und legitimiert wären? Kämen wir mit dieser Art von Freiheit eigentlich zurecht?
Die junge Autorin Rebekka Kricheldorf spinnt unsere Wünsche in einem grotesken Zukunftsmodell fort. Sie hat den Kleist-Förderpreis gewonnen und war auf dem Heidelberger Stückmarkt vertreten. Viele ihrer Stücke werden zur Zeit an den Theatern gespielt. NEUES GLÜCK MIT TOTEM MODEL schrieb sie als Auftragsarbeit für diese Koproduktion.
Mit: Björn Gabriel, Zoe Hutmacher, Karina Plachetka, Gunnar Titzmann und Stefanie Haumann, Katharina Titze Regie: Markus Heinzelmann Bühne und Kostüme: Petra Schlüter-Wilke Musik: Vicki Schmatolla Dramaturgie: Martin Wigger
Koproduktion mit neubau/Staatsschauspiel Dresden
Premiere: 17.01.2008, 20:00 Uhr, Hauptbühne
Kritiken:
Ostthüringer Zeitung, 18.01.2008: Böse Freiheit
Stell dir vor, du gewinnst den Jackpot! – Premiere "Neues Glück mit totem Model" am Theaterhaus Jena.
Stell dir vor, du kannst nun alles tun, worauf du Lust hast! Du kannst deinen öden Job an den Nagel hängen, ohne Limit shoppen, kannst reisen, Thai-Massagen und Wellness ohne Ende haben, dein Haus jede Woche umbauen, jeden Tag neu dekorieren und so weiter... Genau das macht der Pizzabäcker Don Mond, nachdem seine Personalnummer in der Weihnachtslotterie von Bestland gezogen wird.
Bestland ist eine Erfindung der jungen Dramatikerin Rebekka Kricheldorf. Es existiert zu Beginn des Stücks "Neues Glück mit totem Model" bereits 500 Jahre und war von der Zentralen Zerebrale als beste Staatsform aller Zeiten errechnet worden. Alle Menschen sind gleich, jeder darf auf das große Los hoffen, das ihn dann aus der Masse der Gleichen heraushebt. Eine Sozialfiktion nennt Kricheldorf das Stück. Geschrieben hat sie es als Auftragswerk des Dresdener Staatsschauspiels für eine als Koproduktion mit dem Theaterhaus Jena angepeilte Uraufführung im Jenaer Spielzeitkontext "Schöne neue Welt".
Also: Don hat gewonnen und das bedeutet, er kann im Luxus schwelgen und, das unterscheidet ihn von heutigen Jackpotgewinnern, er hat die absolute Freiheit zu tun, was er will. Natürlich hört er nicht auf den Vorjahresgewinner Son Sonne, der ihm geraten hat: "Meide Menschen". Zudem die Begegnung dem schlichten Pizzabäcker das Gefühl vermittelte, der andere, ein Intellektueller, ist wohl ein wenig übergeschnappt.
Doch schließlich ereilt auch den Pizza-Bäcker die Erkenntnis, grenzenloser Konsum ist am Ende nur grenzenlose Langeweile. Die Alternative: Askese. Die nun wieder ist langweilig für Dons Freundin Sam, die Don verleitet, Bestlands TV-Ikone Nadja herbeizuzitieren. Die kommt, schäkert mit Sam und ahnt, Don wird sie, wie hunderte Gewinner vor ihm, begehren und missbrauchen. Für Nadja ist ein Gewinner so langweilig wie der nächste. Eingeschlossen der arme Don, der so gern ein besonderer Mensch wäre und in seiner Verzweiflung als durchgeknallter Kettensägenkiller Nadja in Körperteile zerlegt. Da Nadja aber bereits der x-te Klon von Nadja ist, gibt es Nadja immer wieder neu, und Don muss kettensägen, seine Freundin die Körperteile in einen Müllsack stopfen... Freiheit macht böse - böse Freiheit.
Irgendwann ist auch das zu Ende, der Pizzabäcker erschöpft und unglücklich, will, soll, müsste sich erschießen... Bestland ist eben auch nur ein Scheißstaat.
Mit seinen Theaterhausschauspielern Gunnar Titzmann als Pizzabäcker Don und Zoe Hutmacher als Nadja und den Dresdener Mimen Björn Gabriel als Vorjahresgewinner und Karina Plachetka als Dons Freundin inszeniert Markus Heinzelmann mit sichtlicher Freude am Wortwechsel. Was die betrifft, liefert das Stück eine Menge Munition für den Schwerdenker Don, den Scharfdenker Son, die naive, nette Sam und die gelangweilt lächelnde Nadja.
"Neues Glück mit totem Model" mag nebulös in ferner Zukunft entschwinden, langweilig ist der Abend nicht, so man Bühnenkettensägenmassaker toleriert. Die Zukunft sieht so schäbig aus wie die Gegenwart, traut man der Bühnenausstattung von Petra Schlüter-Wilke. Selbst der Beat ist der gleiche (Musik: Vicki Schmatolla). Nette, mainstreamtaugliche Gewinnerkritik ist sicher noch keine Sozialfiktion.
[Angelika Bohn]
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