nach Euripides | Ins Deutsche übersetzt von Lothar Trolle
MEDEA:
Nun Medea, geh aufs Ganze,
denkst du nach, wie
Du deine Arbeit erledigst, und
Erledigst du sie. Hin zu dem,
Was schwer vorstellbar ist. Nun
Ist mehr als Mut gefordert.
Iason baut das Schiff Argo und segelt damit nach Kolchis, um das goldene Vlies zu holen. Das gelingt ihm nur mit der Hilfe einer klugen und geheimnisvollen Fremden. Er nimmt sie mit nach Korinth, heiratet sie und bekommt zwei Söhne mit ihr. Nach zehn Jahren Ehe verstößt er sie, um eine Königstochter aus dem eigenen Volk zu heiraten. Die Verlassene gibt sich nicht passiv ihrem Schmerz hin, sondern rächt sich grausam für diese Demütigung. Sie nimmt dem Mann das Liebste, das er hat: Sie ermordet seine Braut und tötet ihre eigenen Kinder.
Das Schicksal der Medea, von Euripides zum ersten Mal auf die Bühne gebracht und seitdem von vielen Dramatikern wieder aufgegriffen, hat zahlreiche Neuschreibungen, Umdeutungen und Auslegungen erfahren. Dabei fällt auf, dass meist für einen der beiden Kontrahenten Partei ergriffen, der Mythos Medea entweder als emanzipatorischer Akt der Selbstbestimmung feministisch aufgeladen, oder aber Iason als Opfer ewig weiblicher Grausamkeit dargestellt wird.
Der junge Regisseur Kieran Joel, derzeit Regieassistent am Theaterhaus Jena, stellt sich in seinem Regiedebüt die Aufgabe, mit einer ganz auf die beiden ehemals Liebenden, jetzt Hassenden zugeschnittenen Textfassung niemanden zu dämonisieren, sondern zwei gleichwertige Gegner aufeinanderprallen zu lassen. Ein Zweikampf, in dem es keinen Sieger geben kann.
Mit: Zoe Hutmacher, Ralph Jung, Sebastian Thiers und Uwe Anrecht a.G. Regie: Kieran Joel Bühne und Kostüme: Leonie Reese Dramaturgie: Rebekka Kricheldorf
Premiere: Mittwoch, 10. Februar 2010
Kritiken
Ostthüringer Zeitung, 12.02.2010:
Die, vor der man zurückschreckt
Gerade mal eine Stunde auf der winzigen Bühne im winzigen Malsaal für Euripides "Medea". Geht das überhaupt?
Die Premiere am Mittwoch im Jenaer Theaterhaus zeigte, so minimalistisch funktioniert das Stück auch, sogar konsequenter und differenzierter als in manch jüngst zu sehender aufwändigen Inszenierung. Kieran Joel, noch keine Dreißig und seit zwei Jahren Regieassistent am Theaterhaus Jena, hat aus Lothar Trolles sprachlich so erstklassigen Medea-Übertragung eine Strichfassung gemacht, die stringent den Konflikt Medea - Jason herausarbeitet. Und den Abend macht Joels Regiedebüt bereits in dem Moment perfekt, als der mitten im Publikum sitzende Uwe Albrecht (Chor) seine wunderbare Stimme erhebt. So beginnt "Medea": Wir (Chor und Publikum), die wir ihre Geschichte ja kennen, sitzen in diesem kleinen Malsaal zusammen und wollen herausfinden, warum stürzt diese Frau den Mann, der sie verlassen hat, und sich selbst ins rabenschwarze Unglück.
Die Selbsterforschungsmonologe Medeas enthalten die Antwort. Wie eine griechische Statue steht Zoe Hutmacher auf der mit dicken Tauen behängten Bühne (Ausstattung Leonie Reese) und berichtet mit versteinertem Gesicht, was Medea widerfuhr, was sie denkt, empfindet, plant. Auch die Auseinandersetzung mit Jason (Sebastian Thiers) inszeniert Joel zum Publikum. Kein Dialog, nur noch der ewige Kreislauf Vorwurf (Medea) und Rechtfertigung (Jason). So endet Liebe, scheitern Lebensentwürfe. Auch heute.
"Mach ich mich lächerlich, in dem ich schone meine Feinde", fragt sich Medea. Sie hat sich hochgemordet, Jason kennt sie doch, wieso nur unterschätzt er diese Frau? Hat, wer Macht hat, keine Fantasie, kein Gespür mehr für andere? Auf diesen spannenden Punkt läuft alles zu.
Der Rest ist bekannt. Ein Bote (Ralph Jung) erfreut Medea mit Mordbericht. Sie tötet die Söhne, bevor es andere tun, und das Drama Medea - Jason geht in die zweite Runde...
[Angelika Bohn]
Thüringische Landeszeitung, 12.02.2010:
Sie ist am Ende, doch nicht außer sich. Jason hat sie verlassen und sich um der Karriere willen mit König Kreons Tochter vermählt. Man schmäht sie, will die "Fremde" aus der Stadt vertreiben. Medea bleibt nur der Stolz, aus dem Hass erwächst. Leise, mit scharfen Worten schmiedet sie ihre Rachepläne, körperlich fast unbewegt, den Blick in eine imaginäre Ferne gerichtet. Sie wird ihre Kinder umbringen, um ihren Gatten "vernichtet" zu sehen.
Diese Medea, gespielt von Zoe Hutmacher, ist keine Furie. Das lockige Haar fällt ihr fast zärtlich ins Gesicht, das sich nie zur Fratze verzieht. Ihren Mund umspielt ein boshaftes Lächeln, als der Bote (Ralph Jung) den qualvollen Tod Kreons und seiner Tochter schildert. Nur so offenbart sich Medeas Lust an ihrer Rache, die Jason treffen soll.
Der Ein-Mann-Chor versucht, das Weib zu stoppen; Uwe Anrecht sitzt in der vorletzten Reihe, als einer von uns. Der Dialog zwischen Zuschauerraum und Bühne ist die schönste Idee dieser kleinen Produktion im Malsaal des Jenaer Theaterhauses, die nach einer Stunde vorüber ist. Der Chorführer erzählt die Handlung und spart nicht mit ironischen Kommentaren. Mit der Stimme eines Seelsorgers fragt er: "Doch Frau, bist du auch imstande, das, was du geboren hast, zu töten?" - "Ja", erwidert Medea nach langem Zögern.
Kieran Joel hat Euripides" "Medea" auf den letzten Akt zugeschnitten. In kurzfilmartigen Szenen lässt er Medea und Jason zwischen herabbaumelnden Schiffstauen (Bühne: Leonie Reese) aufeinander treffen. Er will zeigen, dass sie gleichwertige Gegner sind und es keinen Sieger gibt. Doch das Vorhaben geht nicht auf, weil Jason keine Argumente, nur Ausflüchte hat. Sebastian Thiers gibt ihn als Opportunisten, der sich zum Chauvinisten aufschwingt: "Brauchst du Kinder, wozu? Mir nützt es, bringe ich die Kinder, die bereits da sind, voran mit den Kindern, die kommen werden."
Medeas Weigerung wird zur Anklage. Sie hat alles für den Mann aufgegeben, nicht nur Elternhaus und Heimat. Sie hat getötet und Jason das goldene Vlies verschafft, um seine Liebe zu gewinnen. Die er nun verrät.
Trotz aller Schnitte bleibt Medea die alles dominierende Figur, aus deren Optik die Tragödie ersteht. Sie wird durch Zoe Hutmachers subtile Spielweise ins Heute geholt. Kein Wüten und Toben, stattdessen innere Kämpfe. Ein antikes Kammerstück, fast ohne Bühnenbild, das ist das Einfache, das so schwer zu machen ist. Weil es einzig auf die Interpretation des Textes ankommt. Leider gelingt es nicht, die Worte wie Dolchstöße zu setzen. Als Medea, um ihre Kinder zu töten, durch den Zuschauerraum abgeht, ist alles gesagt. Doch Medea kehrt zurück, um sich noch mit Jason zu balgen. Was bringt der finale Freistil-Ringkampf? Blaue Flecken.
[Frank Quilitzsch]
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