Kalt, böse, gut
Neues Deutschland, Hans-Dieter Schütt, 19.02.2003
"Margot & Hannelore" im Theaterhaus Jena
Vier Frauen in Schwarz: Margot. Vier Frauen in Weiß: Hannelore. Weite Röcke. Pompös. Hohe Hüte. Margot & Hannelore: Auftritt nacheinander - jede Viererbande hat ihre Viertelstunde.
Jede schwarze Margot lässt eine rote Rose vom Bühnenlaufsteg herabfallen: ins Grab von Erich, dem "Häuptling Schutzwall". Jede weiße Hannelore trägt eine Tablette wie eine Hostie, auf einem Tisch das Glas Wasser für den tödlichen Schluck.
Vier Margots? Ja, lederne Kampfesfurie, naives Proletarierkind, Zweifelnde, Gebrochene. Mehrere Persönlichkeiten hinter der Folie einer Person. Und immer siegt die Furie, sozusagen das Klasse(n)-Weib - das Wort Wahrheit wie ein Messer zwischen den Lippen. Die großen Worte: wie schlechte Übersetzungen aus einer toten Sprache. "Alles war wahr, alles war gut , alles wird wieder gut." - Vier mal Hannelore? Ja, ewig Lächelnde, tapfer Glückliche, kranke Verschüchterte und Wesenlose. Die Lächelnde lächelt alles nieder. "Ich war zur richtigen Zeit die richtige Frau vom richtigen Mann."
"Margot & Hannelore" heißt die Text-Collage des Bremer Autors Marc Becker, ein Werk für das Theaterhaus Jena, dessen Spielzeitmotto lautet: "Bastard Deutschland - Heimatforschung im 3. Jahrtausend". Regie: Christian von Treskow. Becker hat über Margot Honecker und Hannelore Kohl kein psychologisch-realistisches Porträtstück geschrieben, sondern ein groteskes Denkspiel, das Existenzschablonen gegeneinander rückt.
Authentische Aussagen, mediale Kolportage, kabarettistische Thesen ("Kommunisten sind die besseren Ehefrauen").
Zwei Frauen in Deutschland. Die harte Frontfrau und das weiche Schattenwesen. Die Kämpferin ("irgendwas muss man ja tagsüber machen!") und die Gedämpfte. Die sehr große Genossin ("Miss Bildung") und die sehr kleine Bürgerin. Die eine im Sturm der Zeit, die andere im Mief der Häuslichkeit. Die eine: glühende Patriotin, die andere: nur glühende Wange; beide aber letztlich: ausgebrannt. Margot verurteilt zum Glauben an die lichte Zukunft, Hannelore niedergedrückt vom banalen Sonnenlicht. Zwei Prinzipien, um das Leben zu bestehen. Und zwei Wege, das eigene Leben als glücklich zu behaupten, also: es gründlich zu verfehlen.
Die Aufführung beginnt mit Selbstgesprächen; Margot A, B, C, D - Pro und Kontra, bis man gemeinsam anstößt: "auf alle Ideologien und Religionen, die in der Zukunft neu erfunden werden ... und viel besser täuschen als alles Bisherige!" Dann Auftritt Hannelore A bis D. Die Bilanz: "Das Leben ist ein Geschenk der Eltern. Und es immer nur eine Frage der Zeit, bis man selbst genau so ist wie die Eltern ... Im Urlaub streichelst du mit deinem Mann und den beiden Kindern Tiere, bis die Tiere denken: "Danke, für dieses Jahr reicht's." - Später die Begegnung der beiden acht Frauen: Mann gegen Mann sozusagen: Der antike Chor in seinem letzten kreischenden Stadium: "Sie altstalinistischer Bauernbrummer, Sie!" - "Sie genmanipulierte Aufziehpuppe, Sie!"
Das Theaterhaus Jena ist einer der rührigsten, kraftvollsten und sympathischsten jungen Truppen des Landes, und in dieser Aufführung sind einmal mehr clowneske Präzision, körperliche Leichtigkeit und, in den Chor-Passagen, sprecherische Synchronität zu bewundern. Über lange Strecken eine spannende, böse, schauspielerisch genaue Arbeit. Nervend nur die zeitweilige Verwandlung der acht Figuren in eine Parade der Zombies, bei der Margot gleichsam zu Erich und Hannelore zu Helmut wird; eine monströse Gespensterparade. Und leider verwässert: der Schluss. Nur noch eine Laufstegnummer auf Transvestitenniveau.
Indem mit jeder Figur nach dem Prinzip verfahren wird "Ich und Ich sind viererlei", wird das zum Thema, was hinter allen Klischeebildern von der einheitlichen Persönlichkeit steckt: jene Angst, sich selbst zu widersprechen; geboren aus der Widersprüchlichkeit unseres Seins. Der innere Zwang, das gedanklich, politisch, weltanschaulich einmal Errungene und Akzeptierte starr beizubehalten (wie es Margot & Hannelore repräsentieren und wie es in der fiktiven Konfrontation mit den jeweils anderen Ichs aufgebrochen wird) - dieser Zwang bildet gleichsam den Halt im dialektischen Chaos der Erscheinungen. Das wir kaum zu ertragen vermögen. Also neigen wir zur Ausblendung der Kehrseite dessen, was wir (auch) sind. Wir wollen nicht heute so und morgen so sein, sondern immer nur so - damit wir uns nicht verloren gehen im Strudel eines unbegreiflich vagen Existierens, das keine beruhigende Sicherheit bietet. Deshalb agiert der Mensch um so rigider und starrsinniger, je offensichtlicher das eigene Deckgebäude bröckelt, je bedrohlicher in einem selber die Widersprüche toben. Daraus resultiert der Hang zur diktatorischen Ansicht. Margot zum Beispiel: von der Weltanschauung zur Anschauung, der die Welt verloren ging.
M & H: Jede schreit gern eine fremde Wahrheit heraus, jede fürchtet die Wahrheit der eigenen Lage. Wahnsinn des Weltenneubaus und Verdammnis zum Freitod sind am Ende eines: Am meisten foltert uns die feste Vorstellung, die wir von uns selber haben; niemand überschreitet freiwillig seinen Zenit.
Kein Abend für nachmalige Herzbluter des Volksbildungsministeriums, kein Vergnügen für Nostalgiker des Kohlegiums. Weder ein Aufmunterungsspaß für Freunde der trotzig erhobenen Faust, noch ein wärmendes Gefühlsbad für die Hel-mutlosen. Was Becker schrieb, was von Treskow inszenierte und was acht Darsteller spielen: Es ist die Kälte von jener Kälte, die den illusionslosen Nachkommen mitgegeben ist, als Selbstschutz gegen das Pathos jedweder Ideologie.
Stück und Aufführung sind rücksichtslos sarkastisch; wer angesichts dessen Heiligtümer beschädigt und Gesinnungsgut geplündert sieht - der möge daran denken, dass jede skeptische, respektlose Denkungsart heutiger Zeit auch eine logische Folge jenes verhängnisvollen Furors ist, mit dem höhere Ideen des 20. Jahrhunderts aus Hoffnungshöhen in Verzweiflungstiefen rasten.
Als Margot: René Marik, Sophie Basse, Frank Benz, Maximilian Grill; als Hannelore: Barbara Wurster, Holger Kraft, This Maag, Ulrike Knobloch. In Frauenkleidern also auch Männer: Die entstehende Lächerlichkeit ist zum Weinen; das Zwerchfell, das hier gereizt wird, liegt dicht unterm traurig erzählenden Verstand. Alle Akteurs zusammen: mechanische Puppenwesen, aber plötzlich schauen entstellte Gesichter aus ihren Wunden heraus.
"Margot & Hannelore" treffen sich im Theater
Die Welt, Reinhard Wengierek, 18.02.2003
Die sozialistische Gretchenfrage stellte die DDR einst - Weltoffenheit vortäuschend - im poppigen Beatles-Verschnitt: Der FDJ-Song "Sag' mir, wo du stehst!" war die allgegenwärtige Aufforderung an alle, bei ersten Anzeichen bunter Gehirneinfärbung sofort Farbe zu bekennen: Für fortschrittliches Rot, gegen reaktionäres Schwarz. Jetzt, ein Jahrzehnt nach Ende des Kriegs, den Rot gegen Schwarz verlor, kommt im Theaterhaus Jena jener berüchtigte Imperativ wieder aufs Tapet: Gerichtet an die beiden ersten Damen im einst deutsch-deutschen Rot-Schwarz: An Margot Honecker und Hannelore Kohl.
Es heißt, der aus Bremen stammende Autor Marc Becker habe mit seiner Auftragsarbeit für die überregional bedeutsame Jenenser Off-Bude ein Königinnendrama geschrieben. Stimmt nicht. Vielmehr ist das zwischen Groteske und dokumentarischem Theater changierende Stück "Margot & Hannelore" die vorurteilsfreie Befragung zweier prominenter und signifikanter Biografien aus der Generation von Beckers Großmutter, das obendrein - unsere Befürchtungen blieben unerfüllt - ohne blöde vereinfachendes Bloßstellen wie hie SED-Biest, da CDU-Heimchen auskommt. Das hängt am Trick des Autors, die hohen Frauen in jeweils vier einander widerstreitende Figuren aufzuspalten. So stehen die beiden vor allem im Diskurs mit sich selbst. Im wütenden, bitteren, gar gelassenen, sarkastisch-ironischen Blick zurück versuchen sie, uns zu sagen, wo sie standen, wie sie dastanden, für was sie einstanden in ihrem Leben.
Man spielt Schach mit der Vergangenheit: Verfremdet als ein schwarz und ein weiß gewandetes Viererpack Rokoko-Damen treten die Ladies D. (wie Deutschland) gegeneinander an und repräsentieren zwei Frauenmodelle auf riesigem Laufsteg (Ausstattung: Sandra Lind, Dorien Thomsen): Margot als Karrieristin, als ewigstalinstische Domina; Hannelore als Hausfrau, der Familie demutsvolle Dienerin. Teils dämliche, teils plausible Prinzipiereiterei. Doch nach und nach werden die Klischees von den beiden sowohl männlich wie weiblich besetzten Quartetts gründlich, teils auch geschwätzig aufgebrochen. Was artifiziell reizvoll und ohne peinlichen Polit-Klamauk gelingt (Regie: Christian von Treskow).
Unversehens geraten auf amüsant erhellende Art zwei gegensätzliche Lebensmodelle ins Vielschichtig-Bunte. Es zeigen sich viele einander widersprechende, aber auch über Grenzen hinweg, quasi von Frau zu Frau sich umarmende Wahrheiten zwischen Kinderkriegen, Einsamkeit und Liebe. Friedliche Koexistenz partiell.
Trotzdem halten sich die Hardliner in Margot und in Hannelore mächtig in Schach. Wer wen matt setzt, wer letztlich Verlierer seiner selbst ist im Exil und im Selbstmord, bleibt weise offen. Zurück bleiben widerliche wie wunderbare Triumphe, bleiben Ängste, erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. Und beide Damen behaupten eisern wertebewusst: Selbstdisziplin sei das Wichtigste, sich Aufgeben das Letzte. So stehen sie. Anders können sie nicht. Königlich.
Kampf der Polit-Königinnen
Münchner Abendzeitung, Hartmut Krug, 15.02.2003
In Jena betreten Margot Honecker und Hannelore Kohl die Bühne
Zwei Frauen, zwei Lebensentwürfe, zwei deutsche Gesellschaften. Margot Honecker und Hannelore Kohl spielten auf dem Laufsteg der Geschichte unterschiedliche Rollen. Die eine, eigentlich Systemgewinnerin, wählte den Freitod. Die andere, Systemverliererin, lebt in Santiago de Chile und meint noch immer, recht zu haben. Es sind zwei sehr unterschiedliche Teilhaberinnen der Macht, die Autor Marc Becker (geboren 1969) in seinem Stück "Margot & Hannelore", obwohl sie sich in Wirklichkeit nie trafen, zu einem Deutschlandtreffen zusammenführt.
Die Suche dieser Frauen nach einer Identität im Schatten ihrer Politikermänner und unterschiedlicher Ideologien wird auch zu einer Suche nach den Wurzeln des neuen, vereinigten Deutschlands. Das Theaterhaus Jena hat seine diesjährige Spielzeit unter das Motto "Bastard Deutschland - Heimatforschung im 3. Jahrtausend" gestellt.
Und so forschen Autor Becker und Regisseur Christian von Treskow (geboren 1968) bei dieser Uraufführung nach einem Bild eines Deutschlands zwischen Öffentlichkeit und Privatleben.
Wobei das Aufeinandertreffen von Hannelore und Margot vor allem ein Verteidigungskampf zweier Frauen ist, die recht haben wollen, weil sie glauben, richtig gelebt zu haben. Dabei sind sie am Ende und schauen zurück. Auf sich, ihre Haltungen und Werte. "Der Staat ist meine Familie" verkündet Margot Honecker, langjährige Ministerin für Volksbildung der DDR. Unerschütterlich meint sie zu wissen, was die Wahrheit ist, "und deshalb gilt es, die Wahrheit so lange zu verbreiten, bis jeder sie glaubt." Hannelore Kohl sieht ihre dienende Rolle anders: "Die Familie ist das Wichtigste in meinem Leben." Da Hannelore "Glücklichsein" als Hauptaufgabe ansieht, bleibt für sie nur: "Man soll sich selbst nicht so wichtig nehmen. Glück ist immer das Glück des anderen."
Doch es bleibt nicht bei diesen Vordergründigkeiten. Statt die beiden Frauen äußerlich nachzumachen, hat man sie innerlich aufgespalten - damit die Figuren nicht nur gegeneinander, sondern auch mit sich selbst ringen.
So fallen Beckers neuzeitliche Königinnen immer wieder aus ihren festen Haltungen und geraten in wortwütigen wie handgreiflichen Streit. Es geht dem Autor um die Suche nach inneren Haltungen und deren gesellschaftliche Gründe.
Beim Kampf des Modells Hannelore gegen das Modell Margot gewinnt vor allem die kabarettistische Pointe. Ein unterhaltsamer Versuch deutscher Heimatforschung."
Hinter den Masken deutscher Regentinnen
Mitteldeutsche Zeitung Halle, Andreas Hillger, 22.02.03
Christian von Treskow inszeniert Beckers "Margot und Hannelore"
Das Duell der Regentinnen findet auf dem Laufsteg statt: Verbissen stöckeln die schwarzen Witwen auf ihre weißen Kontrahentinnen zu, die bereits den Zustand der Erlösung erreicht haben. Lächelnd plaudern sie über das Wetter, bis die Maske fällt. Und dann zischen sie sich Bosheiten über das jeweils andere Land entgegen, das dem eigenen Gatten als Brutstätte des Bösen galt.
Leicht hätte Marc Beckers "Margot & Hannelore", das jetzt im Theaterhaus Jena uraufgeführt wurde, als politische Platitüde verenden können. Jeder Versuch, die Ehefrauen von Erich Honecker und Helmut Kohl als möglichst realitätsnahe Kopien auf die Bühne zu bringen, verbot sich angesichts der kollektiven Erinnerungs-Folien in Ost und West ohnehin. Und auch der Versuch, komödiantische Karikaturen am Kaffeetisch zu versammeln, schien angesichts ihres zeitgeschichtlich dokumentierten Lebens und Sterbens riskant.
Doch nachdem sich der 1969 geborene Becker bereits dafür entschieden hatte, die widersprüchlichen Persönlichkeiten in verschiedene Facetten aufzufächern, ging Regisseur Christian von Treskow noch einen Schritt weiter. Bühnenraum und Choreografie betonen den Revue-Charakter der Szenen, die jeweils vier Margots und Hannelores mit sich selbst, mit ihren Männern und miteinander konfrontieren. So wird das Risiko der Kolportage verringert sowie der Blick für Lebenslauf und Seelenzustand geschärft.
In der Herleitung der politischen Haltung aus den biografischen Erfahrungen hat das Stück seine unstrittigen Stärken. Während die junge Margot Feist in ihrer Heimatstadt Halle durch die KZ-Haft ihres Vaters geprägt wird, erlebt Hannelore Renner die Nazi-Zeit im benachbarten Leipzig als Tochter eines NSDAP-Mitläufers. Und während die eine - als Parade-Beispiel für die Gleichberechtigung der Frau im Sozialismus - zur Ministerin für Volksbildung aufsteigt, stilisiert sich die andere zur Ikone der heilen Familie. Dass Wandlitz und Oggersheim im übrigen einen vergleichbaren Standard geboten haben, weiß man seit der Wende.
Dieser geschichtliche Zäsur ist als Dreh- und Angelpunkt der Schicksale stets präsent. Doch während sich die Verliererin im chilenischen Exil gegen Vorwürfe der Mitwelt verteidigt, spricht die Frau des Einheits-Kanzlers aus einem nebulösen Jenseits zur Nachwelt. Gemeinsam ist beiden ihr Beharren auf der öffentlichen Form, die von persönlichen Enttäuschungen immer wieder torpediert wird. Wenn die private Frau von ihrem politischen Spiegelbild zur Ordnung gerufen wird, provoziert Becker neben Gelächter auch Mitleid, das aus der Einsicht in die Erbärmlichkeit hinter den Fassaden resultiert.
So wäre es, vor allem dank der brillanten Theaterhaus-Truppe, ein gelungener Abend - wenn nicht irgendwann doch noch die Gatten ihre Stimmen erheben würden, die man auch als gelungene Parodie nicht mehr hören mag.
Jenaer Heimatforschungen
Thüringer Allgemeine, Bodo Baake, 14.02.2003
Eine Gestalt löst sich aus dem Dunkel, schreitet versonnen den quer durchs Haus gezogenen Laufsteg ab. Eine zweite, dritte und vierte treten hinzu, schwarze Röcke und blutrote Rosen wippen. Und später folgt der Synchronaufzug von vier Damen in Weiß. Was kommt da? Segeln die Fregatten verfeindeter Großmächte auf, nahen die böse und die gute Fee, Maria Stuart und Elisabeth? Wird das ein blutig Königinnendrama, eine verwinkelte feministische Tragödie oder eine fiese Politparabel? "Margot und Hannelore" sind's, die vervierfacht, jede im Psychoquartett mit sich selbst, den Catewalk in die Biografie antreten.
Das Auftragswerk des Erlanger Autoren Marc Becker erlebte jetzt in der Inszenierung von Christian von Treskow seine Uraufführung und das Jenaer Theaterhaus setzte damit seine unter dem Spielzeitmotto "Bastard Deutschland" begonnene Laboranordnung zur Heimatforschung mit dem Kapitel "Verheiratet mit der Macht" fort. Deutschland, deine Frauen!
"Dokudrama" nennt sich diese theatralische Spezies, die sich die Freiheit nimmt, eine Begegnung der First Ladies des Systems Honecker und des Systems Kohl in Szene zu setzen. Vergleichsweise. Ob das politisch korrekt ist, ist dabei nicht die Frage - es ist eine Provokation. Marc Becker hat dafür ein großartiges Textstück geliefert, eine Montage aus Zitat und Fiktion, aus gelockerter Realität und verdichteter Erfindung.
Genau so lässt es Treskow auch spielen. Zunächst. Ganz dicht am Text, ganz konzentriert. Das sitzt. Zumal die acht Akteure schauspielerisch sehr gut mitgehen. Da entstehen schöne Momente, wenn Gesten die Worte verhöhnen, und es wachsen wunderlich androgyne Wirkungen aus dem Rollentausch - Margot: Renè Marik, Sophie Basse, Frank Benz, Maximilian Grill; Hannelore: Barbara Wurster, Holger Kraft, This Maag, Ulrike Knobloch. Da legt sich beklemmende Spannung über das Stück.
Doch dann kann die Regie das Wasser nicht mehr halten. Während sie eben noch das Bühnenbild (Sandra Linde, Dorien Thomsen) mit einem riesigen Bücherbord aus leeren Schubern zur Metapher verdichtet, beschließt sie im nächsten Moment, dem Text nicht mehr zu trauen und ihn theatralisch aufzupeppen. Die Margots und die Hannelores verknäulen sich in einem albernen Zombie-Aufstand und das Stück findet kein Ende mehr, sondern endet in lauter Schlüsschen. Bis eine endlich sagt: Hannlore, die das Licht ausmacht!
Schöne Pointe, aber da war aus einem großen Theaterabend die Luft schon raus.
Sag mir, wo ich steh!
Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 15.02.2003
Margot & Hannelore ziehen Bilanz: Zwei deutsche Biografien auf der Bühne
Charakter zeigen, bleiben, was man ist. Schwarz, mit hohem Hut und ausladendem Reifrock wallt sie daher, Margot - die Stolze, die Unbeugsame, Unerschütterliche. Zweifel und Entschuldigungen vor der Geschichte lehnt sie ab. Was zähle, sei die Wahrheit, ihre. Margot, widerspricht da eine andere, die ihr auf dem Fuße folgt, wir haben auch Fehler gemacht ... Doch im Machtkampf um die wahrhaftige Margot, an dem sich neben Margot A und B auch Margot C und D beteiligen, behält die Selbstgerechte die Oberhand: ich muss zusammenhalten!
Der Vorgang wiederholt sich in Weiß: Reifrock, blondes Haar, Perlen - Hannelore. Nach harter, nur durch Schmerzmittel gedämpfter Debatte um die lehrbuchreife Kanzlergattin setzt sich Hannelore A mit dem ewigen Lächeln gegen ihre inneren Widersacherinnen B, C und D durch: Ich bin mit mir im Reinen, man muss mich einfach mögen! - Ja, Hannelore.
Mit der Idee, die Protagonistinnen seines Stückes in widerstreitende Seiten ihrer Persönlichkeiten aufzuspalten, ist Autor Marc Becker ein Kunstgriff geglückt. Becker hat "Margot & Hannelore" als Auftragswerk für das Theaterhaus Jena geschrieben, am Donnerstag wurde das Stück dort erfolgreich uraufgeführt.
Siege und Verluste
Christian von Treskow, der nach dem Kulturarena-Spektakel "Brülle, China!" zum zweiten Mal in Jena Regie führte, tat gut daran, jeglichen Naturalismus zu meiden. Keine Pionierlieder und Fahnenappelle für Margot Honecker. Keine Familienfeiern und Kaffeefahrten für Hannelore Kohl. Stattdessen ein Königinnen-Drama vor neutraler Kulisse. Die beiden "First Ladies" im ehemals geteilten Deutschland begegnen sich selbst und einander als Models auf dem Laufsteg der Geschichte (Ausstattung Sandra Linde und Dorien Thomsen). Sag mir, wo ich steh! - Die ironische Paraphrase auf die DDR-Jugendhymne Hartmut Königs wird zum Leitmotiv des Abends.
Trotz pantomimischer und Tanzeinlagen ergibt sich die Spannung aus der inneren Reibung der Figuren. Deutsche Biografien werden lebendig, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Margot, das Proletariermädchen, Vater Häftling im KZ Buchenwald, Aufstieg zur Telefonistin über die Vorsitzende der Pionierorganisation bis zur Ministerin für Volksbildung der DDR. Rücktritt am 20. Oktober 1989, 1993 Ausreise mit Erich ins chilenische Exil. Hannelore, Tochter eines Waffeningenieurs und Mitglieds der NSDAP. Fremdsprachenstudium und Arbeit als Kaufmännische Angestellte, Rückzug ins Privatleben. Auftritte als Kanzlergattin. Nach achtjährigem Leiden unter einer schweren Lichtallergie nimmt sie sich 2001 das Leben.
Die Hannelore im Stück definiert sich über ihren Politikermann, den sie bemuttert. Margot brüstet sich, ihren Erich nach oben gebracht zu haben. Wer ist der Sieger und wer der Verlierer seiner selbst? Jenseits aller Schwarz-Weiß-Malerei delegiert Becker die Beantwortung dieser Frage an das Publikum.
Regisseur von Treskow lässt die Puppen tanzen, spitzt zu, ohne die Figuren zu denunzieren. Manchmal verliert sich die Inszenierungen aber auch in Harmlosigkeiten, manchmal versinkt sie in Klamauk. Hannelore ist als Theaternummer zu schwach auf der Brust. Die Verwerfungen der machtgeilen Margot bleiben diffus. Dass der Balanceakt zwischen Dokudrama und Groteske dennoch gelingt, ist vor allem den überzeugenden Leistungen der Darsteller zu danken. Neben Sophie Basse, Barbara Wurster und Ulrike Knobloch stehen die Herren René Marik, Frank Benz, Maximilian Grill, Holger Kraft und This Maag ihre Frau. Beim weiblichen Gipfeltreffen kommt es nach Verbalattacken zu friedlicher Koexistenz mit partieller Verschwisterung. Die Hardliner in Margot und Hannelore catchen weiter, bis das Licht ausgeht.
Königinnen auf dem Laufsteg
Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 14.02.2003
Es geht um Frauenrollen im 20. Jahrhundert, zweite Hälfte. Um das Modell Ehefrau. Bis dass der Tod euch scheidet. Es geht um Deutschland, den Bastard, das Mischwesen. Es geht um Margot und Hannelore, die Honecker-Gattin und die Kohl-Gattin, um die First Ladies made in GDR und made in Germany.
In jeweils vierfacher Ausführung hat das Theaterhaus Jena die beiden am Donnerstag wiederbelebt. Ein Auftragswerk für das Spielzeitmotto dieser Saison: Bastard Deutschland - Heimatforschung im 3. Jahrtausend. Für Jena exhumiert der Erlangener Autor Marc Becker in seinem Stück die Lebensentwürfe "Margot & Hannelore". Der Text erinnert an ein gerichtsmedizinisches Gutachten, das auf den Machtworten der Geschichte, der bunten Gerüchteküche und den Selbstzeugnissen der Damen fußt. Jede tritt in vier Facetten auf. Margot, starrsinnig und unbekehrbar, naiv und verlogen, sich wahnhaft verfolgt wähnend und dann wieder abgeklärt intelligent. Hannelore, die gute Gattin, die Kluge, die Verzweifelte, die Wütende, Aufbegehrende. Widerstreitende Facetten, die sich zu Bildern fügen.
Was Becker an Tatsachen und Psychologie aneinanderreiht, bietet weder neue Überraschung noch groß Dramatik. Brav herrscht Parität, wenn erst Margot, dann Hannelore analysiert werden, ihre Rollen in der Geschichte, ihr Verhältnis zu ihren Ehemännern beleuchtet wird. Und wenn das Stück seinem imaginäre Höhepunkt zustrebt, der fiktiven Begegnung der First Ladies, ist die Katze gewissermaßen längst aus dem Sack.
Wie Christian von Treskov (Regie) dem sperrigen Stück in Jena theatralischen Glanz verleiht, ist in vielen Passagen, trotz einiger Längen und vertimtem Schluss sehenswert. Erst recht, wie hintersinnig Sandra Linde und Dorien Thomsen bei der Ausstattung zu Werke gehen. Die Geschichte spielt Schach. Mit zwei Figuren - schwarze Dame, weiße Dame. Da diese wiederum zwei Frauenmodelle repräsentieren, gibt es statt eines Schachbretts den Modell-Präsentationsort schlechthin, den Laufsteg. Da diesen ohnehin das Androgyne beherrscht, erscheint die Besetzung der jeweils vier Facetten von Margot und Hannelore sowohl durch Schauspielerinnen als auch durch Schauspieler von Beginn an als absolut folgerichtig und normal. Und da die Prämissen so klar gesetzt sind, kann sich die Inszenierung gar nicht in klamaukiger Comedy verzetteln.
Sie bietet dafür, ganz auf dem Niveau ihrer Protagonistinnen, einen strengen Willen zu Disziplin und Stil. Was wieder jenen Punkten, an denen sie aus der Rolle fallen, den richtigen Drive verleiht. Diese Balance halten die vier Margot-Mimen (Ren- Marik, Sophie Basse, Frank Benz und Maximilian Grill) ebenso gut, wie sie die vier Hannelore-Mimen (Barbara Wurster, Holger Kraft, This Maag und Ulrike Knobloch) finden. Das Ensemble-Spiel-Prinzip geht mit "Margot & Hannelore" in Jena ein weiteres Mal auf. Wobei vielleicht noch bemerkenswert ist, dass die neu zur Crew gestoßene Barbara Wurster sich einfügt, als sei sie schon ewig dabei. Dass das Margot-Quartett die wohl attraktiveren Pässe ins Spiel bringt und die Reaktion des Publikums stärker herausfordert, liegt auch in der Natur der Sache.
Dass es der Inszenierung indes gelingt, platte Zuweisungen wie "böse Margot, gute Hannelore" oder SED-Biest und CDU-Heimchen zu vermeiden, ist der Neugier geschuldet, mit der sich das junge Team seiner Großmüttergeneration zuwendet. Es gilt das Prinzip "im Zweifel für die Angeklagte". Wenn am Ende, begleitet vom Applaus des Publikums die Konturen der beiden Modelle Ehefrau verwischen, wächst zusammen, was wohl auch zusammen gehört: Margot & Hannelore.
"Margot & Hannelore" in Jena
Freies Wort, Joachim Lange, 15.02.2003
Schwarze und weiße Frauenmodelle
Zwei Frauenmodelle für's Nachkriegsdeutschland. Natürlich im Doppel, das Land gab's ja auch doppelt. Margot (Honecker) und Hannelore (Kohl). Zwei Frauen, die zeitlich und räumlich gar nicht so weit voneinander entfernt aufwachsen und die es weit bringen. Die eine, 1927 in Halle geboren, die andere 1933 in Dresden. Die eine macht Karriere aus eigenem Machtwillen und wird dann die erste Genossin der Arbeiter und Bauern.
Die andere wird an der Seite oder besser im Schatten ihres Mannes die rheinland-pfälzische, die west- und schließlich sogar die gesamtdeutsche First Lady. Die mit dem ewigen Lächeln und dem tragischen Ende. Mitgespielt haben beide - so oder so - und ihre Rolle wohl auch als Projektion verstanden.
Autor Marc Becker (Jahrgang 1969) hat den Abstand, diese beiden Frauen aufeinander und vor allem auf sich selbst loszulassen. Er kommt beiden nahe, spricht aus, was ausgesprochen werden muss und wahrt doch einen Rest von respektierender Distanz.
Beide kommen gleich vierfach auf den Laufsteg der Geschichte, den das Theaterhaus Jena ihnen quer durch den Bühnenspielraum gebaut hat. Weil hier schon mangels Masse jede Stadttheaterbiederkeit fehlt und das junge Publikum offenbar gut mit dem hier herrschenden Off-Charme klarkommt, lässt Regisseur Christian von Treskow (Jahrgang 1968) die beiden Protagonistinnen wie in der Erinnerung an Schillers kämpfende Königinnen schreiten. René Marik, Sophie Basse, Frank Bentz und Maximilian Grill als Margot A bis D im schwarzen stilisierten Reifrock mit hohem Pelz-Kopfschmuck und roter Nelke für's offene Grab - das der eigenen Lebensillusion vielleicht. Süß und bitter wird da Sätzen, Wahrheiten, Selbstbildern und Selbstzweifeln nachgeschmeckt. Dabei fallen sie schon mal aus der Rolle und übereinander her. So wie sich diese dialektisch aufgefächerte Margot am Ende als Modell empfiehlt, so macht es auch Hannelore, die von Barbara Wurster, Holger Kraft, This Maag und Ulrike Knobloch sozusagen spiegelbildlich in Weiß zelebriert wird. Statt der roten Nelke der unterlegenen, doch trotzig auf sich beharrenden schwarzen Witwe, hat sie, die gar nicht so triumphierende Siegerin, die offenbar nötige Pille für's Wasserglas.
Die beiden langen Einführungsmonologe kommen so theatertauglich daher, dass der Showdown einer Begegnung der Königinnen unvermeidlich hinter der Leinwand kichert. Alle acht stehen da nebeneinander in ihren Rollen- (oder Persönlichkeitsfacetten-) Schubfächern, die wie Schaufenster aussehen. Ausgestellt und ferngesteuert schmeißen sie jetzt mit Klischees um sich und einander an den Kopf. Bis sie wie in einer grotesken Geisterstunde heraustreten, um die Stimmen ihrer Männer spukend aus sich herauszulassen. Schließlich gehen sie in der ganzen Bandbreite von diplomatischer Phrase über unterkühlt kriegerischem Marktfrauenslang bis zum Faustschlag aufeinander los, so dass die kabarettistischen Fetzen und die Perücken fliegen...
"Margot & Hannelore" ist ein Auftragswerk des Theaterhauses Jena, das in diesem Jahr alle Premieren unter das Motto "Bastard Deutschland" gestellt hat. Dieses vervielfachte Frauendoppel ist nicht das große "Leiden-an-der-Geschichte"-Stück oder der Entwicklungsroman in Dialogform, aber eine Deutschstunde ist es doch. Eine, die zudem gekonnt serviert wird und bei der man sich sogar amüsieren kann. Was bei dem (Vorbild-) Personal so sicher nicht war.
Gesehen: "Margot und Hannelore" am Theaterhaus Jena
Allgemeiner Anzeiger, Claudia Kanz, 19.02.2003
Ein Schachspiel deutsch-deutscher Königinnen
Man nehme zwei Konträre Systeme, trenne ihnen die weiblichen Köpfe vom Leib und zerschneide das Biographische in Streifen. Die beiden Persönlichkeiten spalte man jeweils in vier Teile und ordne dem dunklen Lebensende die Farbe Weiß, dem sonnigen die schwarze zu. In einem genialen Moment verfrachte man das "Königinnendrama" auf die statischen Dimensionen eines Schachbretts.
Christian von Treskow inszeniert das Spiel mit den mächtigen Figuren an der Seite ihrer Könige und reduziert den männlichen Status im Stück auf eine diffuse Macht am Rande. So lässt sich die Struktur des Auftragswerks von Marc Becker, welches am 13. Februar in Jena uraufgeführt wurde, über einen Formalismus regeln, der dem des Strategiespiels sehr nahe kommt; angesiedelt irgendwo zwischen Frauenstück, politischem Diskurs und grandioser Darstellungskunst bis an die Grenze der Verfremdung. Die Inszenierung folgt ihrem eigentümlichen Zug-um-Zug durch die fünf Akte, ist nicht Vergleich, nicht Biografie, nicht bloßes Virtuosentum darstellerischer Möglichkeiten. Und doch zehrt es von Allem im distanzierten Schwarz-Weiß, wird in seiner Parodie nahezu makaber und konstruiert dabei Wesen aus dem Wahren, die in ihrer Fiktion die Realität völlig verlassen dürften. Phantastische Margot-Figuren in schwarzen Reifröcken und mit schwarzen Pelztürmen auf den Häuptern betreten nacheinander die Bühne und ziehen ihre Bahnen auf einem langen weißen Laufsteg vor schwarzem Hintergrund. Sie verfange sich im Selbstgespräch über Wahrheit und Gesellschaft, über Religion und Ideologie, über mögliche Fehler und das denkbar Undenkbare. Ein dichtes Gemisch aus Frau, Politik, Zweifel, und Angst prasselt hernieder, bis die Dame in Schwarz den Steg verlässt und Weiß zum Zug kommt. Wieder vier Figuren, in denen sich die Persönlichkeit ähnlich der Margotschen aufgespalten wiederfindet, gefangen im Widerstreit zwischen dem eigenen Charakter und der politisch motivierten Rollenzuschreibung. Während das Modell der sozialistischen Frau die werktätige Perle Margot verkörpert, arbeitsam, selbständig und konsequent, gibt sich die bundesrepublikanische altneue Hannelorefrau pflegeleicht loyal und mit nuancenreichem Lächeln die Tabletten ins Wasser. Im Schaufenster der Öffentlichkeit werden die Staatsoberhauptsgattinnen zum Muster für die Frau im Volk idealisiert. Und sie zerbrechen daran, zerfallen dokufiktiv in ihre Bestandteile, die sich erst untereinander bekriegen, um den Widerstreit schließlich vor einer Mischung aus Brandenburger Tor und Schachbrettfelder-Nischenwand zum Kampf zweier Prinzipien, zweier Lebens-Systeme, zweier Ideologien ausufern zu lassen. Margot und Hannelore begegnen sich, was sie tatsächlich wohl nie taten, ohne Pelzaufbau und außerhalb des Schachbretts in einem geschickten Schönes-Wetter-Wie-geht's?-Gespräch, schlagen um in politische Systemhetze und beginnen urplötzlich, gegenseitig Seiten an der anderen zu verstehen und diese zu versöhnen. Die offensichtlich dominantesten Fassungen stehen einander am Ende gegenüber und liefern sich einen wilden Weiberkampf. Hier bricht das Stück seine Rahmung auf, verliert seine Figuren zum Teil in bloßem Theaterspaß, der zwar exzellent einstudiert, dennoch fehl am Platz wirkt. Der Stromstoßwahnsinn in und zwischen den Zellen steigert sich bis ins Epileptische - tadellos glaubwürdig krank - aber er fällt aus dem Spiel heraus wie ein Experiment und bricht mit dem strukturellen Gesamtkonzept. Hier wird das System gestürzt durch die individuellen psychopathologischen Facetten gespaltener Frauenfiguren. Die konkreten Personen werden nach der Meyerhold-Methode zu wieder anderen Masken typisiert, werfen den Zuschauer auf eine Meta-Ebene und zeigen tatsächlich nicht die reelle Ausgangsposition, sondern verweisen durch das phantastisch Übersteigerte auf eine neue Realität. Plötzlich Kameras. Verachtfältigt stehen die beiden Frauen aufgereiht und reden das, was die Republik hören soll: es war ein Gespräch offener Frauen. Die Menge applaudiert, jubelt, trampelt - die Schauspieler lächeln, rollenlos.
Gescheiterte Lebensentwürfe
Leipzig-Almanach, Johanna Gross, 22.02.2003
Einmaliges Schachspiel um "Margot & Hannelore"
Das Sujet deutsch-deutscher Beziehungskonflikte läuft nach wie vor auf Hochkonjunktur. Während Filmregisseur Wolfgang Becker in seinem neuesten Kinofilm "Good bye Lenin" ost-west-deutsche Prototypen und ihre Nachwendeprobleme gelungen in Szene setzt, befasst sich das jüngste Bühnenwerk des aus Bremen stammenden Bühnenautors und Regisseurs Marc Becker mit den zwei berühmtesten Poltikergattinnen des ehemals geteilten Deutschlands: Margot Honecker & Hannelore Kohl.
Inszeniert wird das groteske Gipfeltreffen zweier Prominenter, deren Biographien für klischeebehaftete deutsche Frauenmodelle stehen: Margot, die ewig Bereite für den Klassenkampf, und Hannelore, die aufopfernde Gattin und Mutter. Diese zwei im ersten Moment so unterschiedlichen, anachronistisch anmutenden Frauenrollen werden in der eigens vom Jenaer Theaterhaus in Auftrag gegebenen Dokufiktion auf einem überdimensional langen Laufsteg präsentiert. Dies geschieht indes gleich in achtfacher, männlich wie weiblich besetzter Ausführung. Das Viererpack Modell "Margot" zeigt sich in aufreizendem, bereits etwas angeschmuddeltem Schwarz, dagegen die Models des Typs "Hannelore" in blütenweiß reinen und schmuckbehangenen Kostümen.
Damit beginnt ein aussichtsloser Rechtfertigungskrieg gegen die eigene gespaltene Persönlichkeit, der beim Aufeinandertreffen der beiden aus der Mode gekommenen Grandes Dames in einen Schachkampf ohne Verlierer und Gewinner mündet. "Miss Bildung", die Dogmatische, Ideologische, Zynische, Verfolgte (Maximilian Grebe mit überaus komischen Anfangssequenzen) hinterfragt im Widerstreit mit sich selbst (in alter FDJ-Manier: "Sag mir, wo ich steh!") ihre eigene verlorengegangene Identität auf der Suche nach einer neuen Religion, die noch auf das Modell "Margot" passen könnte.
"Glück muss man lernen.", rechtfertigt das um ein ewiges Lächeln bemühte "Miss Heimchen" (eine großartige Barbara Wuster - nahezu identisch mit der realen Frau Kohl) ihr konservatives Leben vor der zweifelnden, der verbitterten und ängstlichen Hannelore. So versucht jede der Protagonistinnen ihr Lebensmodell, eingebettet in amüsante Tanzeinlagen, bestmöglichst zu verkaufen.
Beide Frauen, deren Ruhm und Stellung sich ausschließlich über die Position ihrer Gatten definieren, wagen einen lustig-satirischen, wütenden, bedauernden Blick zurück auf ihr Leben, insbesondere auf ihr Eheleben mit Erich und Helmut. Im Diskurs mit sich selbst mutieren sie unversehens zu ihren Ehemännern. Dieser Umstand drohte fast, die Inszenierung ins Grotesk-Lächerliche zu kippen, da von keinem der Schauspieler zu verlangen war, ein Talent wie Stimmenimitator Frank Bremser zu sein. Aber das finale Aufeinandertreffen der abgesetzten Königinnen macht alles wieder wett. Majestätisch beschimpfen sie sich spitz und spritzig mit den Plattitüden des ost-west-deutschen Gesellschaftskonflikts: "Der Kapitalismus ist die Ausbeutung durch den Menschen!" "Und für den Sozialismus ist es andersrum!". Sie bekriegen, prügeln und umarmen sich, entdecken Gemeinsamkeiten über alle Widersprüche ihrer verschiedenen Lebensläufe hinweg, bleiben jedoch beide ihrem jeweiligen Grundsatz der unterschiedlichen Ansichten treu.
So gestaltet sich ein Schluss schwierig, der Schluss von einem Spiel, das keinen Gewinner oder Verlierer kennt. Denn wessen Leben letztendlich mehr gescheitert ist, im Selbstmord oder im Exil, kann nur offen bleiben. Dementsprechend endet das gemeinsame Debütantinnentreffen der zwei gebrochenen Persönlichkeiten mit dem plumpen und zynischen Resümee: "Die Hannelore, die das Licht ausmacht."
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