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Büchners "Leonce und Lena" am Theaterhaus Jena.

Leipziger Volkszeitung, 28.01.2006, Ralph Gambihler

Schweigen. Eine Minute. Zwei, drei Minuten. Und noch eine. Und noch eine. Kein viel sagendes Schweigen, nein, mehr das schweigende Schweigen. Das hörbare Nichts. Wie sich das bläht. Wie es sich auflädt. Jedes Zucken mit der Augenbraue reizt. Jede Handbewegung ist ein Funke. Die Lacher im Saal kommen auf Hasenfüßen. Sie sind mehr verdruckste Kicherer. Darf man kichern, wenn sich vorne eine Schweigetragödie ereignet? Wenn die komplett auf der Bühne versammelte Lustspielbesatzung des 22jährigen Georg Büchner nichts mehr findet, worüber sich reden ließe? Wenn sie nur noch herumstehen, herumlümmeln, herumfingern, sich bestenfalls betatschen oder bekratzen und ihr kollektives Schweigen von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer garnieren, der einem vorkommt wie ein Rülpser aus dem tausendjährigen Reich der Langeweile?

Es wird dann doch noch manches geredet im großen Saal des Theaterhauses Jena, wo die Königskinder von Popo und Pipi wieder mal einer "entsetzlichen Arbeit" nachgehen: dem Nichtstun. Ihre Hochzeit findet planmäßig statt, die vorherige Flucht vor der zwangsweisen Verheiratung auch. Aber das sind eigentlich nur Äußerlichkeiten in einer galligen, absurd-komischen, entrückten und überaus anregenden Inszenierung. Die aus Österreich stammende, gerade der Hamburger Theaterhochschule entsprungene Regisseurin Christine Eder hat es mehr auf die Abgründe des Originals abgesehen. Sie zielt genau. Deshalb greift sie auch nur stellenweise auf den Text zurück oder nutzt ihn einfach als Partitur.

Man darf sich das durchaus als musikalischen oder musikähnlichen Vorgang denken. Ein simples "Nö!" auf die Nachfrage von Prinz Leonce (Mathis Julian Schulze); ob man vielleicht über etwas gerade Bequatschtes wetten solle, verselbständigt sich im Mund seines Intimus' Valerio (Gunnar Titzmann) zu einer monotonen "Nö, nö, nö" - Arie, die ihrem Anlass immer weiter entflattert. Dem Satz von der "Fleig an der Wand" geht es kaum anders. Er wird zum verbalen Strohhalm. Valerio beißt sich daran fest, als könne er seine unterschwellige Verzweiflung mit sinnfreiem Wortgerammel kurieren.

Im Grunde ist es eine Groteske, in der ein durchaus Büchnerscher Weltkommentar steckt. Der Abend kreist um Entfremdung, Dekadenz. Leere und übt sich in Subversion. "Wohlstandverwahrlosung" hat es die Regisseurin in einem Interview genannt, und sie hat zusammen mit Monika Rovan (Bühne) und Doris Homolka (Kostüme) Bilder gefunden, die unter die Haut gehen, obwohl oder gerade weil sie flattern und flirren. In der Leere der Amüsiergesellschaft sieht sie die Lust zu schikanieren. König Peter (Daniel Fries) etwa, ein Witz von einem Fettkloß, der sich mangels Gedanken ständig den Kopf kraulen lässt und im richtigen Moment wegdöst, hat es da zu einiger Könnerschaft gebracht. Die Untertanen nehmen es gelassen und schikanieren weiter. Oder sie setzen 3D-Brillen auf. Dann haben sie die Leere ganz plastisch vor Augen.

Inszenierung der Inszenierung

Ostthüringer Zeitung, 27.01.2006, Angelika Bohn

Premiere für Büchners "Leonce und Lena" im Theaterhaus Jena

"Ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit", sagt irgendwann Valerio zu Leonce. Und dass er vom Abend bis zum Morgen singen könnte, "sitzt e Fleig an der Wand". Was er versucht, bis zum Ende seines Lebens durchzuziehen. Doch der Prinz stoppt ihn: "Halt´s Maul". Übrigens ist Fleig kein Denglisch, sondern Büchner. Wie spielt man Langeweile, ohne das Publikum zu langweilen? Genauso, wie am Theaterhaus Jena am Donnerstag zur heftig beklatschten Premiere von Georg Büchners gescheitem Stück "Leonce und Lena" in der gescheiten Inszenierung von Christine Eder.

Die Grenzen zwischen den Königreichen Popo und Pipi sind klar gezogen. Monika Rovan hat die Bühne minimalistisch mit herabhängenden Glühlampen strukturiert. Links Popo, rechts Pipi und im Hintergrund thront König Peter (Daniel Fries). Lässt sich vom Staatsrat (Tim Ehlert) den fetten Leib streicheln, sich von Rosetta (Saskia Taeger) das weiße Haupt kraulen und denkt in Alzheimer-Schüben über Prinzenhochzeit und Abdankung nach. In Popo langweilen sich Prinz Leonce und Valerio (Mathis Julian Schulze und Gunnar Titzmann). In Pipi Prinzessin Lena und ihre Gouvernante (Sophie Hottinger und Andrea Schmid). Bei Büchner hat die Prinzessin erst im zweiten Akt ihren Auftritt. In Jena ist sie nun von Anfang auf der Bühne und funktioniert da auch ohne Text als weltschmerzschmelzende Blondine prächtig. Seufz! Und das mit scheelem Unschuldsblick von unten. Wer Lady Di nicht mochte, muss diese Lena lieben.

Wie überhaupt die Inszenierung souverän mit den Medienbilder der Gegenwart spielt. Schickes Sprechen mit Ladehemmung, wie es die Sprechblasen der angesagten Typen in den Talkshows zelebrieren. Eitle Politikerposen, wie jeden Abend in der Tagesschau. Steile Klamotten, irre Frisuren, geile Bräune, feine Blässe, gleißender Schmuck, extreme Schminke - Doris Homolka hat sich mit ihren Kostümen ins Zeug gelegt, als gelte es, die nächste Fashionweek zu toppen. Mit dieser optischen Opulenz erwischt die Inszenierung den Zuschauer als willigen Claqueur jener täglichen neu inszenierten Glanz- und Glamourwelt, von der er doch weiß, sie ist hohl und hirntot und abgeschmackt. Aber sie funktioniert, solange es Zuschauer gibt, die willig "Vivat" rufen. Was sie in Jena nach Aufforderung durch den Staatsrat auch lustvoll tun. Und vielleicht auf dem Heimweg grübeln, welche bittere Pille da gerade zu schlucken war.

Jena: Ausdauernder Müßiggang

Thüringer Allgemeine, 27.01.2006, Michael Helbing

Die Langeweile dauert eine lange Weile. Es passiert erst einmal: nichts. Hier ein Seufzen, dort ein Jammern. Aus. Später kommt einer und macht uns den Animateur, "damit sie mir hier nicht total wegpennen". Das war gerade noch rechtzeitig.

Wir sind hier das Volk. Und deshalb ertragen wir das alles mit Langmut. Wir starren geduldig auf eine im Nichtstun erstarrte Sippe und niemandem platzt der Kragen. Im Gegenteil, wenn´s sein muss, ruft die zuschauende Menge dem König nach Anweisung auch noch "Vivat!" hinterher.

Wir sind bei "Leonce und Lena", einem Lustspiel von Georg Büchner, in dem kein Handelnder Lust hat zu handeln. Die Regisseurin Christine Eder hat dieses Problem am Theaterhaus Jena sehr ernst genommen, sie zwingt ihre sieben Schauspieler zu ausdauerndem Müßiggang, der gewiss recht anstrengend ist: Prinz Leonce (Mathias Julian Schulze) und sein Kompagnon Valerio (Gunnar Titzmann) fläzen sich im Lande Popo herum, gleich nebenan im Lande Pipi schiebt Prinzessin Lena (Sophie Hottinger) in Anwesenheit einer Gouvernante (Andreas Schmid) ihre Depressionen und Panikattacken. Im Hintergrund hockt Popo-König Peter (Daniel Fries), ein Fleischberg im Schaumstoffkostüm, während ihm das Mädchen Rosetta (Saskia Taeger) wie ein Aufziehpüppchen den Kopf krault und mit dem Staatsrat (Tim Ehlert) die schwitzigen Ritzen wischt... Dieses Spiel nimmt viel Raum ein in Jena und braucht nur wenig vom Text. Valerio etwa hält sich ewig bei der Fliege an der Wand auf und improvisiert dazu lange Arien; so tut er doch wenigstens etwas. Der erste von drei Akten wird indes zur Nummernrevue sinnlosen Zeitvertreibs. Die Szenen sind ineinander geschnitten, wofür Monika Rovan lange, kurz überm Boden endende Glühlampenreihen in die Bühne gehängt hat, um mehrere Räume zu schaffen. Und Doris Homolka hat die Herrschaften in dekadent schrille, glitzernde Klamotten aus der Zeit der Haschrebellen gesteckt.

Das satirische Märchen von den zwei Königskindern, die nicht zueinander wollten und sich trotzdem nicht entgehen, hat hier allerdings so rein gar nichts Rebellisches. Die Inszenierung ist keine Kriegserklärung an die Paläste, das Recht auf Faulheit verteidigt sie aber auch nicht.

Es gibt eine schöne Melancholie in diesem stark konzentrierten Ensemble, die Reise von Leonce und Lena auf leerer Drehbühne hat unter den Glühlampensternen auch Poesie. Besonders aber sticht einmal mehr Daniel Fries heraus, der hier, eingezwängt in sein dickes Peter-Kostüm, mit kleinen präzisen Gesten den König nicht nur als Witzfigur zeigt, sondern tragikomisch ist im Scheitern an der Herrscherrolle.

Enttäuschend indes die Anlage des Valerio, dem sowohl die volksnahe als auch die philosophische Narrenstimme abhanden gekommen ist. Und in einer Zeit, in der Millionen gleichsam zum Müßiggang verdammt sind, sowie einer Spielzeit, über der doch mal "Ich kämpfe!" stand, ist die Verweigerung einer politischen Haltung kein Gewinn. Aber im Volke ist´s nicht anders.

Design oder Nichtdesign

Thüringische Landeszeitung, 27.01.2006, Frank Quilitzsch

Jena. (tlz) Wie Marionetten hängen sie schlaff in den Seilen: links Leonce und Valerio, rechts Lena und die Gouvernante. Leonce stiert vor sich hin, Lena träumt, noch ahnen beide, Prinz und Prinzessin, nichts voneinander, sie leben, ach was, zucken in von Monika Rovan (Bühne) auf wunderbare Weise getrennten Welten. Zwischen Glühbirnen, die in Reihen vom Theaterhaushimmel hängen und einen symmetrischen Irrgarten illuminieren oder einen Käfig, nein, nicht voller Narren, voll Puppen in Fummel und bunter Reizwäsche.

Design oder Nichtdesign - das ist hier die einzige Frage, die noch bewegt (und Doris Homolka beantwortet sie mit einer dekadenten Kostümkollektion), der Rest ist Stumpfsinn. Nach fünf Minuten fällt der erste Satz, nach sechs der nächste. Valerio, das Goldhähnchen, beklagt Leonce gegenüber, dass er sich vor Müßiggang nicht mehr zu helfen wisse, und Lenchen arbeitet an ihrem ersten Seufzer.

"Leonce und Lena" in Jena, das ist Büchners ironisches Hohelied auf die Langeweile, "gesungen" in der Mediengesellschaft von heute in lasziven, schrillen Bildern. Endlich haben wir ihn geschafft, den Sprung von der Übergangsgesellschaft (Volker Braun) zur Überdrussgesellschaft mit all ihren Spaß- und Spielvarianten.

Christine Eder hat den Text gekürzt, den Hofstaat geschrumpft und Lenas Rolle nach vorn verrückt. "I´m the princess", haucht Sophie Hottinger, ein entzückender Barbieverschnitt von Lady Di. Andrea Schmid ist ihre junge, verzärtelte Gespielin, leicht wie die Pfauenfeder auf ihrem Kopf. Nach gut fünfzehn Minuten rührt sich endlich der Fleischberg im Hintergrund, Daniel Fries als König Peter, dem kein Hemd und auch keine Hose mehr passt, begraben der "freie Wille".

Prinz Leonce (Mathis Julian Schulze) möchte zwar insgeheim ein anderer sein, doch er bleibt ein Jammerlappen, der wie die anderen alles mit sich machen lässt - Hängen, Heben, Halten! - das ganze Fitness- und Repräsentationsprogramm. Himmel, wir verblöden!

Diese Diagnose liefern junge Leute, die zur Wende noch Schüler waren. Wir leben, konstatieren sie, heute im Wohlstand, haben alle Freiheiten und wissen nichts damit anzufangen. Das ist eine andere Botschaft als jene, die das Stück vor fünfzehn oder zwanzig Jahren transportierte. Man kann bedauern, dass dies nur der "halbe" Büchner ist, muss es aber ernst nehmen. Denn die Inszenierung ist, wie sie ist, kompromisslos und konsequent bis ins Pipi. Eine anerkennenswerte Leistung der Hamburger Regieabsolventin, die das Jenaer Ensemble geschickt positioniert.

Die Flüchtenden treten auf der Stelle

Zumindest bis zur Hälfte. Bis Leonce, weil ihm nichts Besseres einfällt, nach Italien aufbricht. Und dort auf die ausgebüchste Lena trifft. Die Lampen steigen auf und bilden nun den Sternenhimmel, unter dem die Reisenden auf der Drehbühne schreiten, die der Staatsrat mit der Kurbel treibt. Die Paare fliehen nicht, sie treten auf der Stelle. Was für ein Bild! Und was für ein Absturz: Hilflos taumeln Leonce und Lena aufeinander zu, bis sich ihre Lippen berühren. Oh, sagt der Prinz und will vor Glück sterben. Doch wie er es sagt und dabei herumsteht, und sie neben ihm - zeigt nur eines: Hier ist man nicht ganz fertig geworden, und die Regie weiß auch nicht recht weiter. Alles, was noch kommt - und das ist nicht mehr viel - wirkt fast wie eine Verlegenheitslösung.

Himmel und Hölle, dieser Text sprüht doch vor Anspielungen auf Shakespeare, Goethe, Heine, Lenz und E.T.A. Hoffmann, auf "Werther", "Faust" und "Was ihr wollt" - nur Frau Eder sieht es nicht? Dass Goldvalerio (Gunnar Titzmann) mehr und mehr die Fäden zieht, man merkt es kaum. Saskia Taeger karrt mit Tim Ehlert den König herum, als Rosetta mag sie nicht einmal tanzen. Und was die Verweigerung betrifft: "Ist es denn wahr, dass wir uns selbst erlösen müssen?" fragt Lena. Und seufzt.

 
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