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Das Fußvolk post am Tresen

Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 20.10.2001

Das war der Tag. Dem Zeppelin oben haben die Festbesucher nur winken können. Er ist ohne sie weiter geflogen. Auf der Festwiese unten hat Kasimir (Rainald Grebe) mit seiner Braut Karoline (Anita Vulesica) gestritten. Er hat ihr den Spaß verdorben, weil er abgebaut worden war und sich nicht mit ihr amüsieren konnte. Dann hat der Schürzinger, Eugen (Lutz Wessel) sich an die Karoline 'rangemacht und ist mit ihr Achterbahn gefahren. Dann ist der Chef vom Schürzinger, der Rauch (René Marik), von Karolines Hintern begeistert gewesen und hat dem Schürzinger die Karoline ausgespannt. Und sich sogar mit seinem Freund Speer (Holger Kraft) verstritten, der auch auf die Karoline scharf war.

Der Kasimir hat gesoffen, bis er kein Geld mehr hatte. Nicht einmal bei Maria (Anja Panse) und Elli (Tilla Kratochwil) hat er landen können. Trotzdem hat der Merkel, Franz (Frank Benz) ihn nicht überreden können, mit ihm Autos zu knacken. Als sie den Merkel dann verhaftet haben, hat sich der Kasimir mit Merkels Freundin Erna (Tjadke Biallowons) getröstet. Die Karoline hat er nicht mehr haben wollen, als sie von der Spritztour mit dem Rauch zurückgekommen ist. Sie war leicht beschädigt, aber nur von dem Unfall, den der besoffene Rauch gebaut hat. Da ist sie dann mit dem Schürzinger abgezogen und hat gemeint, "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen."

Das alte Lied vom gebrochenen Herzen auf dem Oktoberfest erzählt Ödön von Horvaths 1932 uraufgeführtes Stück "Kasimir und Karoline". Claudia Bauer, leitende Regisseurin am Theaterhaus Jena, hat am Donnerstag mit dem Horvath-Klassiker die 10. Spielzeit des Hauses eröffnet und das Publikum begeistert. Bauers Oktoberfest wird am Ende des letzten Jahrtausends gefeiert und da es um das alte Lied geht, könnte Kasimir Andy heißen und Karoline Mandy. Ein Zeppelin jedenfalls ist erst vor rund 14 Tagen über Jena gekreist und dann ohne die Theaterhäusler weiter geflogen. Als uneinnehmbare Festung hat Robert Schweer (Bühne) die Bullaugen bewehrte Kabinenfront eines Luftschiffs quer auf die Bühne gebaut. Für die am Boden davor ein langer Tresen, an dem das Fußvolk seine Sehnsucht in Hochprozentigem ertränkt.

Für Andy und Mandy und die anderen hat Silvia Raggi so bizarre Kostüme entworfen, als sollten alle in einem schrägen Musikclip mitwirken. Da passt nichts zusammen und doch alles wie die Faust aufs Auge. Denn was macht der vollvernetzte Bewohner des globalen Dorfs? Er spielt die Posen nach, die er medial verinnerlichte. Er konstruiert sein Sehnsuchtsbild und scheitert, weil Gefühle nun mal keinen cool lassen. Quasi pausenlos purzelt der Mensch aus seiner virtuellen in seine reale Existenz, lädiert dabei sein Selbstbewusstsein, rappelt sich auf und stürzt erneut. Auf diese Brüche focussiert Claudia Bauer ihre Inszenierung. Dabei enttarnt sie die virtuellen Bilder als Karikaturen, Verrenkungen, zum Kotzen komisch, zum Heulen schön. Aus-dieser-Rolle-Fallen als kleine Chance auf ein Ich, sei es noch so blöd oder boshaft. Und dann doch wieder die Pose als Korsett, damit das Ich einen Halt hat. Hinreißend gespielt.

Jena: Das Leben ist eine Freakshow

Thüringer Allgemeine, Michael Helbing, 20.10.2001

Eigentlich wollte sie ja nur ein Eis essen. Es sind dann aber doch einige mehr geworden. Einiges andere mehr ist auch passiert. Überfressen hat sie sich, die Karoline (Anita Vulesica). Nicht nur am Eis. Nun muss sie sich einreden (lassen), es ginge immer besser, besser, besser... Denkste! Ihr jedenfalls nicht.

Kasimir (Rainald Grebe) auch nicht. Lichtjahre entfernt von der Frau, die mal seine Braut war, sitzt er ganz verloren neben Erna (Tjadke Biallowons), dem Huhn, die bis eben noch läufige Hündin vom Dienst war, bei Merkl Franz (Frank Benz), dem brutalen Giftzwerg.

Kasimir stiert ins Leere, wie schon zu Beginn. Alles ist so hoffnungslos traurig. Und so hoffnungslos komisch.

Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" ist laut Auskunft des Autors eine "Ballade von stiller Trauer, gemildert durch Humor". Claudia Bauer hat diese stille Trauer jetzt am Theaterhaus Jena in lethargische Langsamkeit übersetzt und ihr Humor mildert nicht, er verschärft. Gnadenlos. Ihr Programm heißt Entschleunigung, an einem Ort der Raserei. Das Münchner Oktoberfest nämlich ist der Schauplatz, an dem verzerrte Gestalten aufeinander stoßen. Ihre Motorik ist irgendwie gestört, ihr Bewusstseinszustand nicht eben der allerbeste. Hass, Wut, Gier, Angst spricht aus den Gesichtern, zu Fratzen verzerrt.

Dieses Volksfest dient der allgemeinen Verspannung.

Es ist die reine, wahre Freakshow. Liliputaner, siamesische Zwillinge oder Gorillamädchen, die es hier auch gibt, wirken dagegen richtig niedlich: Gegeben von den gleichen Schauspielern, werden diese Sonderlinge aber ohnehin optische Entsprechungen innerer Zustände.

Der ganzen deprimierenden Erbärmlichkeit hat Robert Schweer einen adäquaten Raum gebaut. Eine hohe Wand aus Holzspanplatten verzerrt die Dimensionen der Hauptbühne in einen langen schmalen Korridor. Den Figuren bleiben wenig Wege zu wählen übrig. Große runde Löcher mit Lichtkranz zieren diese Wände; man assoziiert zugleich einen abstrakten Vergnügungsdampfer auf der Fahrt in den Untergang und einen riesigen Spiel- und Spaßautomat. Doch der Jackpot ist nicht zu knacken: Die Spielklasse Lebensglück bleibt unbesetzt. Schwarze Löcher schlucken vielleicht mal einen Körper, aber kein Elend. Ersatzweise muss der Softeisautomat kurzfristige Befriedigung schaffen. Bis einem schlecht wird.

Claudia Bauer und ihrem Ensemble ist es hier gelungen, menschliche Armseligkeit über schräge Typen zu erzählen, die doch keineswegs abgedreht genug sind, als dass sich in ihnen die Welt nicht wiederfinden ließe. Oder wenigsten die Provinz, deren Triumph sich das Theaterhaus für diese Spielzeit auf die Fahnen geschrieben hat.

"Die Menschen sind halt wilde Tiere", sagt Karoline. Da ist es längst aus mit ihrer zügellosen Wildheit. Anita Vulesica, die bis dahin eine zeigte voll von ausufernder Begierde nach dem Leben, trotzig auf dem Lustprinzip beharrend, kommt plötzlich zu sich, wird zu sich gebracht. Das Heft des Handelns, mit dem Karoline dem stellenlos gewordenen Kasimir den Rücken kehrte, hat sie nicht mehr in der Hand. Nur noch Traurigkeit ist um sie her. Jede Spannung ist dem Körper entwichen, die Schultern hängen nun so trostlos schlaff herunter wie jene Kasimirs es längst schon tun.

Rainald Grebe gibt diesen Prototyp des Aufgegebenen mit nach innen gerichtetem Blick, ein Schwankender von Natur aus. Der Mann kann nicht handeln, mit ihm wird hier gehandelt. Er hat keine Chance und er nutzt nichtmal diese. Das macht es einem Schauspieler nicht eben einfach, Präsenz zu beweisen. Doch mit schöner Selbstverständlichkeit behauptet er den, der nirgends mehr dazu gehört.

Alle, wie sie da sind, haben ihren Halt verloren und ringen nun linkisch wenigstens um Haltung, vergebens meist: Der Zuschneider Schürzinger, den Lutz Wessel grandios als verkrampften Aufschneider mit Gelenktasche spielt. Oder Kommerzienrat Rauch, bei René Marik vor lauter Schmierigkeit zur biegsamen Puppe mutiert...

Die Gegenwart ist optisch präsent, sie ist es aber vor allem in den Schauspielern. Versatzstücke des modernen Alltags wirken deshalb nie aufgesetzt. Dass der Mensch mit seiner Zeit nie zurecht kommt, scheint zeitlos. Ein Triumph der Provinz.

Ein Schiff wird kommen

Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 19.10.2001

Schon nahen sie, vergnügungssüchtige Gestalten - einzeln und zu Paaren, in geselliger Meute und doch in sich verloren, lachend mit traurigem Blick. Der schweift von Zeit zu Zeit nach oben, wo das Luftschiff schwebt: "Bravo Zeppelin! Jetzt werden wir bald alle fliegen!" Noch gehen Kasimir und Karoline Hand in Hand. Doch er ist arbeitslos, und sie möchte auf ihren Spaß nicht verzichten. An diesem Abend werden sich die Liebenden verlieren, in den Taumel stürzen und schmerzhaft stranden und schließlich Trost suchen bei einem anderen Partner.

Ödön von Horváth (1901-1938) hat sein Stück "Kasimir und Karoline" eine "Ballade voll stiller Trauer, gemildert durch Humor" genannt. Trauer schwingt auch in Claudia Bauers Inszenierung mit, doch der Humor entlädt sich in einem Feuerwerk aus Scherz und Ironie mit tieferer Bedeutung. Dazu gehört bereits das Bierzelt, das zur Premiere vorm Jenaer Theaterhaus aufgeschlagen ist. Oktoberfeststimmung, wenngleich verfremdet, auch im Bühnenhaus; Robert Schweer hat den Schauspielern eine hölzerne Spaßwand gezimmert mit einem Laufsteg davor, der später zusätzlich als Theke und Biertisch dient. Es gibt Guckfenster zum Hippodrom, zum Haut-den-Lukas und zur Achterbahn. Und wunderbar schrille, schräge Typen!

Die Figuren sind zumeist stark, doch kunstvoll stilisiert, tragen mitunter comicartige Züge, aber ihre Charaktere bleiben erkennbar. Spürbar auch die innere Not, die sie gegen- und auseinander treibt. Zwischenzeitlich erwacht der eine oder die andere aus dem Rausch. Ratlosigkeit. Stille. "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich, aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln", seufzt Karoline.

Rainald Grebe überzeugt als verbitterter, frustrierter, am Ende stocksteifer Chauffeur Kasimir, dem mit dem Job das Selbstbewusstsein verlustig ging; seine russische Fellmütze wirkt wie der Gipfel der Trostlosigkeit. Vital und ausdrucksstark auch Ensemble-Neuzugang Anita Vulesica. Ihre Karoline ist eine gutgläubige, liebenswerte und lebenslustige Person, die gern mal höher hinaus möchte, doch immer wieder mit dem Näschen in der Eistüte landet. An der Seite des gefühlsverklemmten, immerfort gedemütigten Zuschneiders Schürzinger (Lutz Wessel als Hobbyphilosoph mit Handgelenktäschchen) wird ihr dies nicht gelingen.

Zuvor muss sie sich den ordinären Zudringlichkeiten der "feinen", militanten Herrenwelt entwinden - Holger Kraft und Renéé Marik in einer glanzvollen Slapstickrolle (ihre Deppenmützen erinnern irgendwie an Stahlhelme). Frank Benz kann sich als Gauner Merkl Franz einmal richtig aufspielen - zum aggressiven, brutalen Pinscher, der seiner um einen Kopf größeren Erna dauernd an die Wäsche geht. Erstaunlich, was Tjadke Biallowons (die Darstellerin mit der beeindruckendsten Frisur) aus ihrer Rolle als aufgedonnerte Ganovenbraut herausholt: Auch Erna ist ein Opfer ihrer Sehnsüchte, eine liebenswerte naive Seele, die an den Falschen geriet, und äußerlich so schillernd wie ihre blinkernde Sternzeichen-Handtasche (ein Extralob der Einkleiderin Silvia Raggi). Dass hier nicht Münchner Oktoberfest gefeiert wird, sondern durchaus Nachwehen des Roten Oktober verhandelt werden, zeigt sich auch bei Maria und Elli, zwei Anfängerinnen auf dem Straßenstrich. Selbst diese "Nebenrollen" sind mit Anja Panse und Tilla Kratochwil typgerecht besetzt.

Die Erniedrigten bekommen Stimme, die Hochnäsigen und Egoisten ihr Fett weg. Claudia Bauer hat aus einem scheinbar harmlosen Stück eine explosive Nummer und aus ihrem spiel- und risikofreudigen Ensemble eine kleine Jenaer Volksbühne gemacht. Walzer und Märsche wurden durch zeitgemäße Klänge ersetzt (Musik Jim Avignon). Die Inszenierung hat Rhythmus und Charme (beinahe ist man geneigt, von Choreografie zu sprechen), doch leider auch eine halbe Stunde Überlänge. Manchmal steht sie Büchner und Brecht näher als Horváth. Letzterer erzählt, wie eine Liebe an den Verhältnissen zerbricht. Claudia Bauer zeigt, wie die Verhältnisse zu Flüchtig- und Oberflächlichkeit drängen und tiefere Gefühle ersticken. Der Kopfsprung ins Vergnügen als Flucht vor der Sinnfrage. Träume sind Bierschäume. Ein Schiff wird kommen, hieß es bei Brecht. Doch der Zeppelin wirft Zettel ab, auf denen nur "Zeppelin" steht. Was? fragt Erna am Ende, und Kasimir antwortet: Nichts.

 
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