Eine groteske Revue des Jugendtheaterclubs am Theaterhaus Jena
Ein Vater gibt seinem Sohn eine Anleitung zum Selbstmord. Ein abgebrochener Fingernagel treibt in den Tod. Ein junger Mann steht am Abgrund und wird geschubst. Warum?
Unter Jugendlichen rangiert der Selbstmord in der bundesdeutschen Statistik als zweithäufigste Todesursache nach dem Unfalltod. Sie hängen, schießen, vergiften, ritzen oder stürzen sich aus dem Leben. Dürfen die das? Woher kommt diese Ausweglosigkeit? Oder nehmen sie sich einfach nur viel zu wichtig?
Die Spieler des Jugendtheaterclub haben sich an dieses aufwühlende Thema herangeschrieben. Unter Anleitung des Dramatikers Nis-Momme Stockmann entstanden unterschiedliche Texte rund um den Freitod. Kurze Episoden und komplexe Sequenzen wurden zu einem vielschichtigen Blick auf das Thema zusammengesetzt. Auf eine aberwitzige Selbstmord-Orgie folgt eine Geschichte über die Suche nach einem Druckventil. Skurrile Perspektiven auf potentielle Retter werden mit Selbstzerfleischung und harten Fakten kontrastiert. Und dann ist da noch der junge Mann, der auf fliegende Fische schwört.
Mit: Annelie Aumüller, Claudia Baier, Christopher Gaube, Darius Mannich, Elizabeth Mende, Jenny Brill, Marie Kleinert, Nadia Budnik, Paul Helfrich, Tanja Stutz Texte: Ensemble unter Mithilfe von Nis-Momme Stockmann Regie: Susanne Harkort Bühne: Mario Müller Removable graffiti: André Marose
Kostüme: Anke Kalk Regieassistenz: Rebecca Hoch
Premiere: 11.03.2010
Kritik:
Ostthüringer Zeitung, 13.03.2010:
Tausend freiwillige Tode sterben in Jena
Jugendtheaterclub präsentiert Suizid-Revue
Es verlangt Bewunderung, mit welch spielerischer Lust die Mimen des Jenaer Jugendtheaterclubs ungezählte Tode sterben. In ihrer selbstverfassten "grotesken Revue" mit dem Titel "Selbst ist der Tod!" thematisieren die Laientheatermacher in mehreren mehr oder weniger eigenständigen Episoden unerschrocken doch bei allem bittren Humor keineswegs unernst den Freitod.
Am Donnerstag präsentierte der Club auf der Bühne des Theaterhauses die Produktion. Den begeisterten Applaus des Publikums haben die - nach gelungener Uraufführung doch quietschlebendigen - jungen Damen und Herren zweifellos wohl verdient. Dabei kann es einem auch die Kehle zuschnüren. Teilt denn hier niemand die Beklemmung, wird keinem der Väter, Mütter, vertrauten Wegbegleitern im Saal flau bei der Sache? Wenn 16-, 18-, 20-Jährige phantasievoll das eigene Ableben inszenieren - es muss ja nicht immer der unspektakuläre Sprung von der Klippe sein - oder Väter verkörpern, wie sie sein müssen, die Söhne zur Flucht in den Tod zu treiben? Schließlich ist dieser, von dem herausragend agierenden Christopher Gaube dargebotene beispielhaft "schlechte" Erziehungsberechtigte keineswegs ein prügelndes Monster, sondern bloß völlig intolerant gegenüber den weltverbesserischen Ambitionen des Sprösslings - und blind für dessen emotionale Einsamkeit. Aber ehrlich, wäre das Grund genug, wir hätten mehr als die drei Kinder und Jugendlichen, die, so lassen die jungen Mimen in statistischen Randbemerkungen noch wissen, in Deutschland täglich freiwillig aus dem Leben scheiden.
[Anja Blankenburg]
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