von William Shakespeare
HORATIO:
Was das genau bedeutet, weiß ich nicht,
Im großen Ganzen aber denke ich,
Dass unserm Land ein jäher Umsturz droht.
Hamlet, der Prinz von Dänemark, sieht sich von einer undurchschaubaren Maschinerie bestimmt und getrieben. »Etwas ist faul im Staate Dänemark.« Der Geist seines toten Vaters flüstert ihm zu, dass sein Onkel Claudius, der inzwischen seine Mutter geheiratet und den Thron bestiegen hat, den Vater ermordet habe. Er fordert Hamlet zur Rache auf. Drum herum zerbricht das Land, das Volk beginnt zu rebellieren und der junge Fortinbras, Prinz von Norwegen, steht bereit, Dänemark einzunehmen.
Wer spielt hier welche Rolle, wer ist Feind, wer Freund? Hamlet lebt in einer Welt, in der mittlerweile nicht einmal mehr die Lügner ihre Lügen glauben. Einziger Ausweg aus diesem Wahnsinn ist die Tat: Er nimmt die Fäden des Spiels selbst in die Hand.
»Hamlet« ist das Drama vom Handeln und Nicht-Handeln, resultierend aus dem Hadern darüber, dass man die Welt sowieso nicht verstehen kann.
Alice Buddeberg inszeniert seit mehreren Jahren regelmäßig am Theaterhaus. Zuletzt brachte sie hier »Das Geisterschiff« von Margareth Obexer und
Thomas Melles Stück »Schmutzige Schöpfung – Making Of Frankenstein« zur Uraufführung. In dieser Spielzeit führt sie u.a. auch am Theater Bremen (»Heiner Müller Material 1&2«) und am Schauspiel Frankfurt (»Hedda Gabler« und »Vom Winde verweht«) Regie.
Hamlet, Prinz von Dänemark: Zoe Hutmacher
Laertes, Polonius' Sohn: Ralph Jung
Ophelia, Polonius' Tochter: Julian Hackenberg
Horatio, Hamlets Freund: Kai Meyer
Der Geist & Fortinbras: Hannah Heinzelmann
Regie: Alice Buddeberg Bühne: Sandra Rosenstiel Kostüme: Martina Küster Musik: Stefan Paul Goetsch Dramaturgie: Christin Bahnert
Premiere: 17.12.2009
Kritiken:
Thüringische Landeszeitung:
Spiel mit Witz und weiblicher Wut
Jena. (tlz) Da stehen sie, sich mühsam aufrecht haltend, ganz oben auf der Holzrampe, die man so steil in diesem Theater noch nicht gesehen hat. Ophelia, in ihr langes blondes Haar gehüllt. Hamlet in Drillichunterwäsche, die seine weiblichen Formen bedeckt. Neben ihm die Freunde Horatio und Laertes. Die jungen Leute schauen hinab auf das Halbrund der Bühne, die eine Knochenbühne ist. Wollen sie dieses Spiel wagen, das mit der Enthüllung eines Mordes beginnt und mit Schweigen endet? Sie haben keine Wahl, die Schwerkraft zieht sie in den Graben, wo die Schädel liegen, die sie sich wie Bälle zuwerfen (Ausstattung: Sandra Rosenstiel). Ein Politiker? Ein Arschkriecher? Ein Anwalt? "Schöne Revolution", seufzt Hamlet, als er überraschend den Schädel des Hofnarren in die Hände bekommt. "Wo sind jetzt seine Witze?"
Der Jenaer "Hamlet", der am Donnerstag Premiere hatte, ist erfrischend anders. Es ist eine der originellsten und spannendsten Inszenierungen der letzten Jahre. Hamlets Liebe, die blutjunge Ophelia, wird von einem Mann, Julian Hackenberg, gespielt. Ralph Jung ist ihr Bruder, Kai Mayer Hamlets Freund Horatio. Die drei geben, indem sie sich Masken aus Pappmaché überstülpen, auch das korrupte Königspaar und Ophelias Vater Polonius. Und Hamlet, Prinz von Dänemark?
Der Schriftsteller T.S. Eliot nannte ihn einmal "die Mona Lisa der Literatur". In Jena hat man Eliot beim Wort genommen und den Titelhelden weiblich besetzt: Die eigentlich zartbesaitete Zoe Hutmacher ist genau der richtige Typ. Sie spielt einen sensiblen, leicht versponnenen Studenten, der die Erwachsenen nachäfft und mit dem Erscheinen des Vatergeistes schlagartig erwachsen wird. Der Geist kommt auf kleinen Füßen und nervt. "Könnt ihr mir einfach mal zuhören", sagt das Kind (Hannah Heinzelmann) und berichtet von dem Komplott: Hamlets Onkel Claudius hat den Vater ermordet, um auf den Thron zu gelangen, und Hamlets Mutter Gertrud deckt die Untat.
Tanzende Köpfe und listiges Koffertheater
Am liebsten, signalisiert Zoe Hutmacher, würde Hamlet der Tragödie entrinnen, doch alle Versuche, die Rampe zu erklimmen, münden in eine Rutschpartie. Der Prinz ist einsam, doch nicht allein. Manchmal wirft ihm Horatio ein Stichwort zu, dann sprechen sie mit einer Stimme. Auch Laertes und Ophelia halten zu ihm. Julian Hackenberg stöckelt singend in Seidenwäsche über die Bühne - ohne jeden Anflug von Albernheit. In einer der schönsten Szenen schreibt Hamlet Ophelia mit Lippenstift eine Liebeserklärung auf die Haut und sagt ihr dann mit Heiner Müller ade - "so lange diese Maschine noch läuft".
Polonius wirft sie immer wieder an, Claudius schmiert das Getriebe, und Hamlets Mutter Gertrud ist dem König sexuell hörig. Wie diese Phalanx aus Lüge, Heuchelei und Verbrechen aushebeln? Generation Hamlet gegen die Betonkopf-Fraktion, so könnte das Konzept von Regisseurin Alice Buddeberg lauten, die trotz aller Wechsel nie den Überblick verliert. Vier mimen sieben Figuren. Die mit Christin Bahnert erstellte und auf der Übersetzung von Jürgen Gosch basierende Strichfassung geht bis ins Detail auf und entwickelt eine atemberaubende Dynamik: Laertes spricht mit seiner Schwester, die setzt die Maske auf, wird Gertrud und bekommt es mit Polonius zu tun, weil auch Laertes zur Maske greift, während sich Gertrud wieder in Ophelia verwandelt, die vom Vater gezüchtigt wird.
Brutalstmögliche Aufklärung: Zoe Hutmacher leistet sie mit Witz, bringt als Puppenspielerin im Koffertheater die Betonköpfe zum Tanzen. Das ist Kabarett, bei dem besonders Ralph Jung glänzt. Nicht mit mir, sagt sich Kai Meyer als König Claudius und lässt die Maske fallen. Seine Ansprache ins Publikum ist die eines Politbürokraten - zugegeben, eine Untat, aber im Interesse der Sicherheit, um Schlimmeres abzuwenden. Hamlet ist verwirrt, schwankt zwischen Resignation und weiblicher Wut, ehe ihn das Zepter des Handelns, sein Schwert, mit in den Abgrund reißt.
Sein oder nur Scheinen - diese Frage stellt sich immer wieder neu. Die Jenaer Generation Hamlet agiert auf einem Friedhof abgelegter Utopien, auf dem Schädelberg der Geschichte - man sieht an den Seiten verscharrte Köpfe wie hinter Glas. Vielleicht erschien dem Ensemble diese Sicht zu düster, so dass das letzte Wort wieder aus dem Kindermund kommt: "Ihr seid Menschen, keine Maschinen!" Der Rest ist Hoffnung.
[Frank Quilitzsch]
Ossthüringer Zeitung:
Hamlet-Quartett. Premiere für Alice Buddebergs Hamlet-Inszenierung am Theaterhaus Jena
Menschsein oder nicht, das ist hier die Frage, und Alice Buddeberg durchsucht im Theaterhaus Jena Shakespears Drama nach den Punkten, an denen sich diese Frage stellt.
Die junge Regisseurin bringt das Stück mit nur vier Schauspielern auf die Bühne. Dabei lässt sie Hamlet von einer Frau (Zoe Hutmacher) spielen und besetzt Ophelia mit einem großen Mann (Julian Heckenberg). Mit Kai Meyer (Horatio) und Ralph Jung (Laertes) ist die Mannschaft bereits komplett. Das Kind Hannah Heinzelmann (Geist und Fortinbrass) markiert den Anfang der Sinn-, Macht-, Moral-, Generationen-Krise und ihr Ende im faulen Staate Dänemark.
Allerdings bleiben Hamlet, Horatio, Laertes und Ophelia nicht allein auf der Bühne. Mittels großer Pappmachéköpfe verwandeln sie sich in die Königin Gertrud, den Brudermörder Claudius oder den Kämmerer Polonius. Sie sind dann das gierige, faulige, eitle, verlogene Establishment, das sich mit den gleichen antrainierten Rednergesten über Wasser hält, wie die Eliten unserer Tage. Wie gut die Großkopferten sich verstellen können, testet Hamlet bekanntermaßen mittels Kunst. In Jena spielt er mit Handpuppen in einem Puppentheater die Geschichte vom Giftmord an seinem Vater nach - grotesk und witzig.
Für die Inszenierung hat Sandra Rosenstiel (Bühne/Maskenköpfe) einen Trichter gebaut, dessen steile Schrägen unter einem, wie eine Rüstung zusammengenieteten flachen Podest münden. Während die Jungen ihre Kämpfe auf der schiefen Ebene ausfechten, hoch hinaus wollen, sich gegen das Abrutschen stemmen, entkräftet aufgeben, vollziehen die Alten ihre staatstragenden Geschäfte horizontal. Auch die Kostüme (Martina Küster) sind minimalistisch, beschränken sich auf lange Herrenfeinrippunterwäsche und eine graue Uniformjacke für Hamlet, Hemd und Hose, ein durchsichtiges Nichts plus blonde Wallemähne für Ophelia. Weiße Schminke gibt der Haut der Mimen ein krankes, vom Wunsch, die eigene Haut verlassen zu können, getriebenes Aussehen (Maske: Hannah Iberer). Als Farbe herrscht graubeige.
Doch es ist nicht nur das Ineinandergreifen klug kalkulierter Details, die Buddebergs Inszenierung zu einem spannenden Erlebnis machen. Es ist das Tempo, die Stringenz in den Bildern und nicht zuletzt die ruhige Gelassenheit, mit der die Schauspieler Momente schaffen, in denen dem Publikum der Atem stockt. Hutmachers Hamlet hat wenig vom durchgeistigten Helden. Er ist ein Amokläufer, voll Wut und Hass, verschlagen, mutwillig, zynisch. Was mit dem Menschsein Hamlets nicht stimmt, fokussiert Buddeberg in seinem Verhältnis zu Ophelia. Wie die Foltermaschine in Kafkas Strafkolonie vom Delinquenten nimmt Hamlet von Ophelia Besitz und wie dieser wird sie nach Vollzug weggeworfen. Doch vielleicht rührt diese Ophelia gerade darum so an, weil sie so anders ist. Weil in Jena keine ätherische Schönheit über die Bühne schwebt, sondern ein großer, kantiger, linkischer Mensch auf hohen Absätzen herumstakt und sich am Ende mit grausamer Kraft und Zielstrebigkeit in einem Eimer ertränkt.
[Angelika Bohn]
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