Tod durch Paketklebeband
Allgemeiner Anzeiger, Claudia Kanz, 10.12.2002
"Gnadenlos" im Theaterhaus Jena
Die Zuschauer betreten die Hauptbühne, und schon stehen sie mitten im Dorf. Keine Möglichkeit, doch außen herum zu laufen, nein, rein müssen sie ins Geschehen; durch und sich auf diverse Reihen verteilen, die ebenso zur Bühne gehören wie der Längsschnitt durch die kleine Wohnung auf der einen, die Kneipenbude auf der anderen Seite und dem Schweinestall etwas abseits der Mitte. Sitzgruppen direkt am Dorfplatz und an den Wegen. Von allen Seiten lauern Augenpaare einer stillen Mitwisserschaft. Zuschauer, die bloß daneben sitzen und selbstverständlich nicht eingreifen. Jeder hat mit der Eintrittskarte sein Hiersein erworben und wird stillschweigend zum Teil der Gemeinde erklärt. Der Saal ist nicht ausverkauft, und man hegt Zweifel. Sitze ich hier vor dem Ergebnis einer nicht gehörten Mundpropaganda oder meldeten sich auch bei anderen Bedenken, ob man überhaupt in dieses Stück gehen soll? Inzest, Sodomie, böse Familiengeheimnisse. Und dann das alles auch noch in hessischem Dialekt. Nur das Vertrauen ins Theaterhaus hat einen letztlich dazu bewogen, die Plätze zu besetzen. Und ganz am Ende zögert man mit dem Beifall. Alle zögern. Schließlich erdrosselte gerade der Sohn die Mutter, die er bis dahin für seine Schwester hielt. Tod durch Paketklebeband. Gnadenlos. Und dabei hat man doch damit gerechnet. Man erwartete Gewalt und Blut, Sex, Dreck und allerlei andere Obszönitäten. Die Johannes-Mager-Inszenierung ließ kaum versaute Wünsche offen. Da wusste einst die Mutter vom Missbrauch der Tochter Magda und verhinderte ihn nicht, gab aber zur Wahrung des Dorfidyllenscheins den Enkel Karl als eigenen Sohn aus. Die Gemeinde sollte nichts erfahren vom hässlich-kranken Familiengeschehen. Mittlerweile ist der Vater gestorben, die Mutter nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt. Und die Tochter verdient putzend und hurend den Lebensunterhalt, zahlt die Schulden des trunksüchtigen Vaters ab. Die Gemeinde schaut zu und spielt das schmutzige Spiel mit. Gnadenlos. Da wird vereint Kanon gesungen und gemeinschaftlich an der örtlichen Nachtbeleuchtung auf ein E-Piano gespart; "zum gemeinsamen Musizieren." Und genau da liegt die Stärke des Jenaer Ensembles: Sie peitschen die gnadenlos überspitzte Wahrheit bis an den Punkt, an dem man aufschreien und "Es reicht!" rufen möchte. Aber man kommt nicht dazu, weil eine Melodie das Denken bannt, eine zwischenmenschliche Wärme, vielleicht nur eine Geste oder ein Blick die Angriffsfläche für kritische Eispickel geradezu wegschmilzt. Gnadenlos dicht an der Perversion vorbei schlittert man hinüber in die hessische Komödie. Und wenn dem Mofa der Motor versagt, tritt Sohn Karl eben in die Pedale, und Zuschauer lächelt, lacht, löst sich und rückt auf Distanz, die mehrere Facetten des Lebens nebeneinander stellen lässt. Mutter und Tochter schaukeln sich glaubwürdig in ihrer Hass-Liebe immer wieder auf 180, während die Kneipenwirtin mit schauerlich ländlicher Erotik über den Dorfplatz table-tanzt. Hier ein billiger Fick, dort eine herzliche Umarmung, tagsüber entnervende Aneinander-vorbei-Diskussionen und nach Zehn verführerische Zaubertricks. Das Harmonische kratzt an der Oberfläche, das Makabre schlägt ein. Die Mischung reizt, ekelt, empört und ruft urplötzlich jene unbestimmbare Sehnsucht nach harmonischer, heiler Gemeinschaft hervor, die vor dem Funktionierenmüssen und Geldhabenmüssen ebenso die Augen verschließen will wie vor den heimlichen Widerlichkeiten jedes Einzelnen. Theater zeigt mit realistischen Figuren, was man gar nicht sehen wollte, bis man es nicht mehr sehen kann. Zwischenzeitlich werden die kreischenden Säue in schönheile andere Realitäten getrieben, wo man noch kanonisch kornkippend die Perversion ignoriert, die sich innerhalb einer Familie fortpflanzt. Mütter werden in Kühlschränke gesperrt, Ortsvorsteher beim Akt verlacht, um ihnen hinterher blutige Nasen zu verpassen. Was ist das für eine Idylle! Komisch tragisch hin- und hergerissen bleibt schließlich der Zuschauer gnadenlos am Paketkleber hängen und möchte eigentlich gar nicht applaudieren. Und er tut es doch.
Eine Dorfgeschichte der zynischsten Art
OTZ, Pamela Steering, 06.12.2002
Johannes Mager inszenierte "Gnadenlos" von Melanie Gieschen am Theaterhaus Jena
Dem "Bastard Deutschland" ist das Theaterhaus Jena in dieser Spielzeit auf der Spur. Sozusagen als Heimatforschung im 3. Jahrtausend. Das tut die Truppe in gewohnter Weise - wie bereits beim Spielzeitauftakt "Helges Leben" zu beobachten war - gnadenlos. Keine Gnade kennt auch Melanie Gieschen, wenn sie aus eigener Erfahrung und Beobachtung heraus Geschichten schreibt. Die müssen den Vergleich mit denen einer Fleißer, eines Horvath oder Kroetz nicht scheuen. Dabei ist die gebürtige Hessin gerade einmal 31 Jahre alt, gleichwohl mit Preisen dekoriert, darunter dem Anna-Seghers-Literaturpreis für ihren 2000 uraufgeführten, in hessischem Dialekt verfassten Erstling "Gnadenlos".
Wenn sich zwei so gnadenlos verwandte "Seelen" finden, darf man auf einen aufregenden Theaterabend gespannt sein. Und diese Erwartung wurde nicht enttäuscht, als die Gieschens Dorfgeschichte der zynischsten Art unter der Regie des Chemnitzers Johannes Mager am Donnerstag erstmals über die Jenaer Bühne ging.
Apropos Bühne: Die gibt's bei dieser Inszenierung nicht. Vielmehr baute Ausstatter Jürgen Lier eine schäbige Szenerie mit verschiedenen Spielebenen, die dem Publikum nicht den Hauch des Entrinnens lässt. Es muss sich dem Geschehen stellen, ist mittendrin in der gnadenlosen Realität eines Dorfes, wo ungeschriebene Gesetze und verschworene Schweigekartelle dafür sorgen, dass selbst größte Skandale getreu dem Motto der drei Affen "Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen" schön unter den Teppich gekehrt werden. Zwar säuft und vögelt jeder mit jedem, weiß oder ahnt zumindest jeder davon, doch das Image der ländlichen Idylle darf keinen Schaden nehmen. Ein Pulverfass, das bei dem kleinsten Funken explodiert.
Die Tragödie nimmt ihren Lauf, als der junge, nicht eben helle Karl in akuter sexueller Not mal wieder seine Sau besteigt. Für Ortvorsteher Georg ist das der lang gesuchte Anlass, Karls Schwester Magda zu erpressen und sexuell zu nötigen. Die verdient sich schon lange ihr Geld nicht nur mit Putzen, sondern heimlich als Dorfhure, um die Familie über Wasser zu halten. Denn mit dem einst stattlichen Hof geht es nach dem Tod des trunksüchtigen Vaters und einem Schlaganfall der Mutter nur noch bergab. Sowohl die Mutter als auch der Bruder - eigentlich Magdas Sohn, Ergebnis sexuellen Missbrauchs durch den Vater - drangsalieren die junge Frau. Als diese Tatsache, die einzige offenbar, die den geifernden Klatschmäulern beiderlei Geschlechts im Dorfe verborgen blieb, bekannt wird, kennt die Empörung für "so ein Dreckspack, das man im Krieg vergast hätte" keine Grenzen. Karl aber rastet vollends aus und erdrosselt Magda. Und der hessische Trinkspruch "Fort damit" wird zum puren Zynismus.
Melanie Gieschens Stück ist eine geballte Ladung Perversion. Da wird gnadenlos durchs Schlüsselloch gesehen, erpresst, intrigiert, sexuell genötigt, sich prostituiert, sind Inzest und Sodomie an der Tagesordnung, selbst vor Gewalt und sogar Totschlag macht diese Dorfgemeinschaft nicht halt. In diesem Moment prügeln sie sich, um im nächsten vereint aus voller Kehle im Dorfchor zu singen (Musik Steffan Claußner). Entsprechend unverblümt und drastisch ist die Sprache, die zum Teil wie ein Gewitter über die Zuschauer hereinbricht. Hut ab vor den Akteuren, die mit dem Hessischen umgehen als hätten sie es mit der Muttermilch eingesogen, vor ihrem teilweise rasanten, durchweg überzeugenden Spiel. Allen voran Sophie Basse als vom Leben gebeutelte und eigentlich um dieses betrogene Magda, die doch nur ein kleines Stück vom großen Kuchen abhaben will. Ihr ebenbürtig und einfach toll Anita Vulesica als Erna, die auf den Rollstuhl angewiesene, verbitterte, ewig nörgelnde, tyrannische Mutter, giftig wie eine Natter. Maximilian Grill gibt den Karl als einen verschüchterten, geistig ein wenig zurückgebliebenen 20-Jährigen, der sich nach nichts weiter sehnt als nach ein bisschen Zuwendung und Verständnis. Holger Kraft als schmieriger Dorfvorsteher, Barbara Wurster als frustrierte, auf ihren Umsatz bedachte Dorfwirtin stehen für die traurige Riege der Spießer ebenso wie This Maag als Magdas Onkel Ernst, der zugleich wie Mattes (Franz Benz) einer ihrer treuen Kunden ist. Thomas Alster als Postbote kann über das Wenige, was er vom Dorfleben mitbekommt, nur verständnislos den Kopf schütteln.
"Fordd damidd"
Akrützel, 12.12. 2002
"Gnadenlos" ist nichts für sanfte Gemüter
Immer wieder Sonntag kommt Onkel Ernst und bringt Magda ein Geschenk mit. Eine Heizdecke oder eine Fritteuse. Dann nimmt Onkel Ernst die Magda so richtig durch. Er meint's ja nur gut mit ihr, denn schließlich sind sie ja "a Familie". Auch Magdas Bruder Karl lebt seine Triebe aus. Animalisch. Er hängt des öfteren "juggelnd" auf seiner Sau Lina, wenn er Onkel Ernst und Magda gerade einmal nicht durchs Schlüsselloch beobachten kann.
Fassungslos? ... Gnadenlos ...!
Mit Melanie Gieschens Stück kehrt in diesen Tagen kein Adventsfriede im Theaterhaus ein, zumindest auf der Bühne ist davon nichts zu spüren: Rasch wird "gnadenlos" das anfängliche Lachen der Zuschauer erstickt. Es begehrt auf, würgt, schnürt die Kehle zu. Kopf und Magengrube brennen. Was letztlich bleibt, ist ein dumpfes, betäubendes Gefühl. Und der Eindruck, brillantes Schauspiel erlebt zu haben. Sicherlich lässt sich darüber streiten, denn Sodomie, Voyeurismus, Intrigen, Prostitution und Gewalt stellen nur eine kleine Auswahl an Hardlinern in Gieschens preisgekröntem Stück dar, welches so gar nicht in die wattebäuschige Stimmung des Dezembers passen will. Tabuisierte Realität gibt es hier nicht. Willkommen auf dem Bauernhof der Familie Ruppel! Irgendwo in der Flugschneise Frankfurt gelegen spricht man hier Hessiiisch! Jedem, der mit diesem Dialekt absolut nichts anfangen kann, ist von "Gnadenlos" abzuraten. Und doch können auch ungeübte Ohren der packenden Handlung gut folgen, die Bilder sprechen letztlich für sich: "Du führst dich uff wie a kleines Kind, du scheißt mitten uff die Straß'", wirft Magda ihrer "Mudder" vor, an deren Verfall in dieser fäkalen Form die ganze Dorfgemeinschaft teilhaben kann. Magda (sehr ergreifend von Sophie Basse dargestellt) packt's an - im wahrsten Sinne des Wortes.
Nicht nur die pflegebedürftige, keifende "Mudder" hält sie nach einem Schlaganfall auf Trab. Magdas Vater hat den Hof niedergewirtschaftet, einen Berg von Schulden und eine gebrochene Tochter hinterlassen. Auch der "Bub" macht im Glauben, von allen missverstanden und gehasst zu werden, nur Scherereien. Ihr Verlobter hat sie sitzen lassen. In der finanziellen Not verdingt sie sich als Dorfhure. So folgt für Magda dem täglichen Spießrutenlauf auf dem Dorfplatz der nächtliche Besuch der feinen Kerle des Dorfes, nur Sonntag ist für Onkel Ernst bestimmt. Heiraten will sie trotz regen Andrangs keiner - "wer nimmt denn auch `ne Angebumste von `nem ander'n?" Heimlichkeiten lassen sich bekanntlich auf einem Dorf wunderbar hüten. Da beschmutzt jeder den Nächsten, in der Hoffnung, den eigenen Dreck verbergen zu können. Für Magda sind die Türen zur Flucht verschlossen. Und so gipfelt, wie nicht anders zu erwarten ist, Magdas Schicksal in einer Katastrophe. "Es hat sich ausgemagdad!"
Magda? "Fordd damidd!"
Melanie Gieschens "Gnadenlos" am Theaterhaus Jena: Die Botanisiertrommel
Thüringer Allgemeine, Bodo Baake, 06.12.2002
Das Leben auf dem Lande scheint so gesund nicht wie man so zu sagen pflegt. Denn die Landbevölkerung trägt durchweg Brille. Blickt aber nicht durch. Ihr Gesichtskreis endet am Rande des schäbigen Dorfangers. Eine miese kleine Gemeinde als GmbH - Gesellschaft mit beschränktem Horizont. Gesund ist das nicht. Es ist im Einzelfall tödlich.
Der Einzelfall ist Magda. Sie lebt mit gelähmter Mutter und Bruder Dorftrottel, der eigentlich ihr im Inzest mit dem Vater gezeugter Sohn ist, in einem abgewirtschafteten Anwesen. Durch dessen Luken und Klappen kriechen die Kerle, und sie zählt mit kalter Lust den Hurenlohn in ihre Sammelbüchse. Sammlung zum Ausbruch. Raus aus Mief und Mist dieses Saustalls Dorf.
Sophie Basse spielt das mit der schlanken, höhnischen Energie der gefallenen Unschuld. Und sie spielt es nach den Regeln dieser Gesellschaft: Wer Pech hat im Leben, der soll gefälligst dafür büßen! Ein geschundener Knabenengel, der am Ende mit Klebeband am Kneipentisch gekreuzigt wird. Das Leben ist gnadenlos.
"Gnadenlos" ist der böse Titel von Melanie Gieschens finsterer Familientragödie, die Johannes Mager jetzt mit seiner Inszenierung unter Belassung des hessischen Originaldialekts ins Thüringische übersetzt und ans Theaterhaus Jena gebracht hat. Dort haben sie (Ausstattung Jürgen Lier) das Haus bis zur brutalen Backsteinöde ausgeräumt und das Publikum in Sitzblöcken wie um ein Heimatfest mit Imbissbude gruppiert.
Und schon kommen sie, die fiesen Brillentypen, die Melanie Gieschen bei ihren Alltagserkundungen aufgelesen hat: Holger Kraft macht den Ortsvorsteher Georg als Vitalbolzen mit blutiger Schlachterschürze, Frank Benz (Matthes) ist ein kleiner, bösartiger Schmierlappen auf dem Fahrrad, Maximilian Grill der bedeppte Bruder/Sohn Karl, This Maag der lüsterne Geschenkeonkel Ernst, Barbara Wurster macht als Kneiperin das Blusen- und Busenwunder, und Anita Vulesica ist als gelähmte Mutter Erna eine Nummer für sich.
Verschlagen kujoniert sie die Familie mit ihrer Behinderung und kackt im Rollstuhl unter sich. Aber dann hat sie eine schöne, innige Szene mit Sophie Basse, in der beide wie junge Mädchen kichern und albern - und die von der Regie gnadenlos konsequent gebrochen, nein, gekippt wird: Die Tochter beschmaddert sich mit dem Nachtstuhl der Mutter, derweil der Dorfchor "California Dream" singt.
Einer der seltenen Momente, in denen die Inszenierung sich erwärmt, in dem sie auf eine ironische Betriebstemperatur kommt. Die Geschichte, das Thema, das ganze Milieu ist niederträchtig real. Und Johannes Mager bedient es mit einer unterkühlten Regie der naturforschenden Gesellschaft, die sich über ein hessisches Dorf wie über eine Botanisiertrommel beugt und das Leben der Käfer studiert.
So kommt es, dass der Betrachter beklommen schaut, solange die Bilder dauern - und sobald sie vorüber sind, ist es auch schon vorbei.
Theatralische Notdurft.
Thüringische Landeszeitung, Wolfgang Hirsch, 07.12.2002
In Melanie Gieschens "Gnadenlos" wird keine Geschmacklosigkeit ausgelassen
Auf der Bühne ein Westerwälder Dorfidyll: rechts die Schenke einer Laubenkolonie, links der Blick in Kleinbürgers gute Wohnstube, vor uns der Dorfplatz, und das Publikum sitzt mitteninne. So hat sich das Theaterhaus Jena für Melanie Gieschens hessisches Mundart-Volksstück "Gnadenlos" präpariert. Es war eine Premiere, die alle Erwartungen an den Titel des - Anna-Seghers-Preis-gekrönten - Stücks bei weitem übertraf.
Hinter den beschaulichen Fassaden und pomadierten, messerscharfen Scheiteln lauern Abgründe. Der Stumpfsinn feiert fröhlich Urständ', nur mit reichlich Weizenkorn, Lage um Lage hinunter gekippt - "fort damit" -, ist die geistig-kultürliche Ödnis erträglich.
Hurtige Triebabfuhr
Magda (Sophie Basse) hat es nicht leicht. Ihre wehleidig nörgelnde, behinderte Mutter (Anita Vulesica) macht ihr das Leben zur Hölle. Der Vater, längst verstorben, hinterließ ihr den blödsinnigen Bruder Karl (Maximilian Grill), dessen Mutter sie ist. Den Männern im Dorfe hält sie als billige Gelegenheitshure her: Triebabfuhr im Schnellwaschgang. Nur Karl, der sich ersatzweise an der Sau im Stall zu schaffen macht, und Ortsvorsteher Georg (Holger Kraft) gehen bei ihr leer aus.
Das sorgt für Verdruss und liefert dramatischen Zündstoff im hessisch dahinplätschernden Reigen rustikaler Belanglosigkeiten. Als der sexuell frustrierte Georg das Kartell des Schweigens zu durchbrechen und die illegale Prostitution Magdas zu melden droht, entlädt die Dorfgemeinschaft ihren Zorn auf Magda: Sie wird mundtot gemacht. Brutal und banal, wie bei der Hausschlachtung zuvor, geht man zur Sache, nimmt man die kreischende Sau unters Beil. Gnadenlos, eben.
Gnadenlos gehen Inszenierung und Stück auch mit den Zuschauern um. Nichts, was ihnen nicht zugemutet würde. Der schlechte Geschmack kennt keine Grenzen. Die behinderte Mutter kotet aus ihrem Rollstuhl auf den Platz, während der Dorfchor "California Dreaming" probiert. Magda entsorgt den Haufen mit bloßen Händen in ihre Handtasche. Schnapsmamsell Gerlinde (Barbara Wurster) legt ein Tanzsolo aufs Parkett - zum Gotterbarmen. Karl stänkert stumpfsinnig per Zweitakt-Mofa durchs enge Rund. Die Männer verrichten ihre sexuelle Notdurft.
Drastisch, niveaulos
Das soll dokumentarisch und sozialkritisch sein. Aber regieren Suff, Sex, Dreck und Verbrechen wirklich den Alltag in der Provinz? Gieschens vorgebliche Dorftragödie fällt fraglos in die Kategorie Trash. Die Jenaer Schauspieler agieren darin über weite Strecken hektisch und hölzern, halt wie im richtigen Leben. Zumindest so, wie Regisseur Johannes Mager es sieht.
Muss die Darstellung von Niveaulosigkeit so drastisch niveaulos sein? Wohl folgt hier das Jenaer Off-Theater sehr eigenen Maßstäben. Gnadenlos gegen sich und die Welt. Nicht mal im Schnapsdunst hielte man das aus. Fort damit.
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