Dantes hipper Höllentrip
Ostthüringer Zeitung, Angelika Bohn, 19.01.2002
Dante heißt Dante. Wie der olle Italiener, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts in 33 Gesängen das Leben der Seelen in Hölle, Fegefeuer und Himmel besang. Der war ein Dichter, dieser nun ist ein Drugstore-Verkäufer. Irgendwo in einem US-Provinznest in einem Low-Budget-Film von Kevin Smiths. Der Film wäre eventuell in einer besser bestückten Videothek aufzutreiben, als sie Dantes Kumpel Randal betreibt. Bei Randal verlangen die Kunden vorwiegend Pornos. Von Dante übrigens auch, was im Laufe der Handlung zu einer gewissen Eskalation nach dem Motto Irren ist menschlich führt. Aus den Clerks - Angestellten - im Film haben bei seiner Bearbeitung für das Theaterhaus Rafael Sanchez und Oliver Held schön doppeldeutig "Die Ladenhüter" gemacht. Zum Ladenhüter sind die nicht geworden, denn zur Premiere am Donnerstag feierte das junge Publikum das junge Schweizer Regieteam (Rafael Sanchez, Felicia Mächler und Ursula Leuenberger) und die Darsteller mit Beifall und Trampeln.
Die Botschaft ist ungefähr die: Hölle, Fegefeuer und Himmel sind Peanuts gegen eine Existenz unter den Gesetzen der freien Marktwirtschaft. Darum ist Dante auch kein Dichter, sondern Verkäufer. Was folgerichtig nicht nur die Qualität der Sprache Richtung Al Bundy und Beavis und Budhead verschiebt. Auch das, was verhandelt wird, bewegt sich auf der Schiene dieser TV-Helden: nonverbales Stammeln über alle erdenkliche Möglichkeiten, es sich und anderen zu besorgen. Gewissermaßen sind Körperöffnungen das Einzige, was Ladenhütern wie ihren Kunden in der offenen Gesellschaft offen steht. So schräg die Geschichte und ihre Figuren, so überdreht und hipp inszeniert Rafael Sanchez seine "Ladenhüter" auch. Er holt seine Zielgruppe, das jugendliche Publikum, bei seinen medialen Kulterfahrungen ab. Dantes Drugstore und Randals Videothek baut Felicia Mächler (Bühne) als unwirtlich leeren Raum. Ursula Leuenberger bedient sich bei der Einkleidung der bunten Verlierer-Typen auf dem Wühltisch im Secondhandshop. Diese Tristesse wieder wird von der Inszenierung mit eigenwilligem Patchwork aufgebrochen. Harte Schnitte, schnelle Wechsel zwischen überdrehten Tanzszenen und Ruhe, eine ausgeklügelte, manchmal sehr manirierte Körpersprache und Mimik, skurrile Gruppenauftritte der Drugstorekunden, die an den Chor in der griechischen Tragödie erinnern, die Musik von Oliver Jahn, die präzise Arbeit mit dem unsäglich banalen Text - all das verzahnt sich, ballt sich auf die finale Katastrophe hin gegen Dante zusammen.
Identifikationspotential holt Holger Kraft aus der pubertären Erschöpfung seines Dante. Sandra Hüller pflegt als Dantes Freundin Veronica ein Repertoire an Gestik und Mimik, das der Theaterhausbesucher bereits aus anderen Inszenierungen kennt. Ähnliches auch ist bei Lutz Wessel (Kaugummi-Vertreter/Trainer) zu beobachten. Unverbraucht und neu dagegen das verblüffend tänzerisch-akrobatische Ausdruckspotential der beiden Gäste aus der Schweiz: Victor Calero als Randal und Alexandra Kunz als Dantes Ex-Freundin Caitlin.
Das Resümee? "So ein Scheiß-Tag", sagt Dante. Ob dem nichts hinzuzufügen ist, kann im Theaterhaus Jena heute, am 24., 25. und 26. Januar, jeweils um 20 Uhr, das Publikum auf's Neue entscheiden.
Jugend trifft sich im Supermarkt
Thüringische Landeszeitung, Frank Quilitzsch, 19.01.2002
Die Darsteller tragen Pudelmützen, Tschapkas, Pullover, Pelzwesten, Trainingsjacken und Ledermäntel. Ein bisschen schmuddelig und abgeschabt. Wahrscheinlich befinden wir uns auf einem Kostümball für Second-hand-Sachen. Schnüre mit Bommeln sind wieder Mode! Und rosa Strümpfe wirken besonders sexy. Einige Akteure fühlen sich fit und versuchen sich als Breakdancer. Andere hängen nur rum. Da sind zum Beispiel drei Kerle, die aussehen, als wären sie aus Polanskis Film "Tanz der Vampire" entsprungen.
Ursula Leuenberger hat ganze Arbeit geleistet und die Truppe warm eingekleidet - winterfest. Einige Schauspieler sind trotzdem wieder zu erkennen. Lutz Wessel etwa, er spielt einen Kaugummi-Vertreter. Alexandra Kunz ist die fesche Caitlin, und Sandra Hüller steckt gerade in der Pubertät. Rainald Grebe ist der Eiermann. Das ist einer, der die Eier, ehe er sie kauft, einzeln durchleuchtet und auf dem Fußboden dreht. "Wer Eier dreht, weiß wie sie sind", behauptet er. Und: "Rührei ist ganz langsam, aber ziemlich kaputt. Spiegeleier sind auch kaputt, aber noch ziemlich heil ..." Dann gibt es da noch einen Opa (Gerd Brus), der mit einem Pornoheft aufs Klo geht und wenig später als Leiche mit Ständer herausgetragen wird.
Ach so, das Stück spielt in einem Supermarkt, heißt "Die Ladenhüter" und beruft sich auf den Film "Clerks" von einem gewissen Kevin Smith. Rafael Sanchez und Oliver Held haben versucht, die saloppen, derben, zumeist anzüglichen Filmdialoge in ein nicht weniger anzügliches Theaterdeutsch zu übertragen, so weit das überhaupt möglich ist. Felicia Mächler schuf dann aus kahlen weißen Wänden und leeren Flächen eine Bühne, auf der zwei Ladentheken (auch als Bahre zu verwenden) herumfahren und zuweilen getanzt wird. Rafael Sanchez führte Regie und ist wohl auch für die zumeist dilettantischen Choreografien verantwortlich (eine Ausnahme bildet die tollkühne Eispaarlauf-Parodie von Holger Kraft und Victor Calero mit einem eingedrehten doppelten Sanchez).
Es geht um Sex, Liebe und Eifersucht und philosophische Fragen des Alltags. "Warum habe ich dieses Leben?" fragt der eine Ladenhüter, der sich Dante nennt, den anderen. Und jener, Randal gerufen, erwidert: "Du kannst doch kündigen!"
Alles weitere firmiert unter der Kategorie frei-fröhliches Jugendleben. Alles singt, springt, flucht und fummelt. Dem neuen Jenaer Kinder- und Jugendtheater-Kollektiv gehören ferner an: Frank Benz, Michael Schomann und André Rößler. Die Ensembleführerin hüpft auch mit. Ein lustiger Abend und ein gelungener Beitrag für das nächste Thüringer Schülertheater-Treffen.
"Die Ladenhüter" als Trivialkomödie
Thüringer Allgemeine, Bodo Baake, 19.1.2002
Sie haben sich wieder die "Horvath-Bühne" gebaut. Wieder der ganz langgezogene, schmale Raum mit dem toten Winkel. Den hatten sie schon bei "Kasimir und Karoline". Diesmal aber sind (Bühne: Felicia Mächler) die Wände lichtgrau und glatt, haben eingebaute Telefone und Neonleuchten wie ein Fußgängertunnel. Das ist nicht mehr der Rummelplatz, das ist jetzt der Supermarkt einer zugigen Vorstadt. Götterdämmergraue Passage, ein Passionsweg kaputter Typen.
Die Ähnlichkeit der Spielflächen hat mit der Ähnlichkeit der Geschichten zu tun. Es sind die Geschichten von Lust und Frust aus dem Wienerwald der kleinen Leute. Nur ist die Welt seit Horvath 80 Jahre älter, doch davon nicht besser geworden. Sie ist kälter, kruder und fatal banal. Eine immer mehr verflachende Projektionsfläche für flüchtige Sehnsüchte und fäkalerotische Dauerobsessionen. Das spielen sie jetzt am Jenaer Theaterhaus als Trivialkomödie pur. Sie spielen einen Film nach, Kevin Smiths "Clerks", und nennen ihre Bühnenversion "Die Ladenhüter". Das junge Regieteam um Rafael Sanchez vom Theater Basel nimmt darin die Welt wie sie ist - eine ziemlich trostlose Veranstaltung mit unverbindlicher Aussicht auf Besserung.
Schnoddrig und in flinken, filmischen Schnitten wird die Geschichte der beiden Verkäufer Dante (Holger Kraft) und Randal (Victor Valero) erzählt, von ihren Pressionen, Sehnsüchten und Beziehungskisten zu Veronica (Sandra Hüller) und Caitlin (Alexandra Kunz). Da galoppiert die Marlboro-Reiterei über die Bühne, dröhnen FußballSprechchöre, sucht ein verschrobener Eiermann das "perfekte Dutzend", verschafft sich ein pene-trant fröhlicher Kaugummi-Vertreter Gehör, patrouillieren eine Schlampe (Claudia Bauer in einer präzisen, stummen Studie) und eine Handvoll durchgeknallter, maulfauler Typen. Das ist trivial und makaber und wäre unerträglich, wenn nicht immer wieder melodramatische Augenblicke durch die Zoten schimmerten. Vor allem Sandra Hüller bringt solche magischen Momente ein, wenn sie linkisch und naiv über die Bühne stammelt, sich mit Alexandra Kunz, der quicken, ausgebildeten klassischen Tänzerin, auf einen Bolero-Showdown einlässt und im großen Schlussbild mit kleiner, schüchterner Stimme von ein bisschen Liebe, ein bisschen Zärtlichkeit singt. Die Hoffnung stirbt eben immer zuletzt. Oder gar nicht.
Davor aber hat die Inszenierung ein anderes, deftigeres Bild gesetzt. Obszöne Metapher: Ein alter Mann stirbt an einem sexuellen Missverständnis auf dem Klo und liegt mit erigiertem Penis unterm Bahrtuch. Vulgo: Diese Gesellschaft ist tot, doch ihr Geschlechtstrieb ist nicht umzubringen.
Kontakt
Theaterhaus Jena gGmbHSchillergässchen 1
07745 Jena
Telefon: 03641/8869-0
Telefax: 03641/8869-10
Email »
Karten
Telefon: 03641/8869-44Email »
Preise »
Bestellung über die
Jena Tourist-Information »




