Mit unbefangenem Ernst
Thüringer Allgemeine, Erika Stephan, 09.03.2002
Jena: Der Jugendtheaterclub erprobt sich mit Jean-Paul Sartres "Fliegen"
Im Saal wird es still. Heitere Erwartung. Da piepst ein Handy. Das Zuschauervolk murrt und merkt verdutzt: Es ist schon mittendrin im Spiel des Abends.
Per Telekommunikation - das modelt und begründet zugleich die Wahl des Stückes - erfährt Orest von seiner Herkunft, von den Katastrophen und Verbrechen seiner Familie. So ziehen sie ein, die beiden Freunde, in die schmuddelige Bar von Argos. Dort lauern die "Fliegen", die Erynnien, Inkarnation der Gewissenbisse und der zähen Verstrickung in Anpassung und Abhängigkeit. Eigentlich müsste er ihnen fremd sein, den jungen Leuten des Theaterclubs, dieser Stoff aus uralter Zeit um Mord und Sühne, von Jean-Paul Sartre 1942 im Lichte der Resistance mit dem Risiko der individuellen Entscheidungsfreiheit neu durchdacht. Aber Regisseurin Sarah Jasinszczak hat sich dem schwierigen Projekt mit unbefangenem Ernst gestellt. So findet sie für die 16 Darsteller einen Zugang zwischen pfiffiger Lakonie und erst genommener Erkundung der moralischen Dimension des Textes. Noch im notwendig mundgerecht gemachten Dialog dieser Version "nach Sartre" dominieren die Fragen nach Unterwerfung und Selbstbefreiung. Vor allem geht es um einen Freiheitsbegriff, der sich als Ausdruck der Verantwortung für die eigene Biografie versteht. Die Truppe überzeugt durch spielerische Präzision, durch ein ausgewogenes Zusammenspiel ebenso wie durch intelligenten Umgang mit Problemen unterhalb der Oberfläche des Alltags. Wie gut die junge Regisseurin ihre Truppe kennt, beweist auch die glückliche Rollenbesetzung, von einem wohltuend dezenten Live-Trio gestützt: Stephan Schmidt als Jupiter mutiert vom muffelnden Hausmeister zum raffiniert manipulierenden Moderator. Florian Rast setzt als Orest die Gegenposition. Da weiß dieser eher unauffällige 18-Jährige auf behutsame und eindringliche Weise die Entwicklung einer Figur nachzuzeichnen, deren Weg im wahrsten Sinne des Wortes "ins Offene" führt. Mit dieser Arbeit fügt sich der Club bestens ins Repertoire des Theaterhauses ein.
Fast wie ein Film
Thüringische Landeszeitung, Thomas Wollin, 09.03.2002
Gelungene Premiere des Jugendtheaterclubs Jena. Der erste Dialog findet per Handy statt, die Handlung bewegt sich im Nachtklub "Argos". Soldaten werden Türsteher, der höchste Gott Jupiter zum Techniker im Blaumann, der Thron des Königs ein Rollstuhl. Die klassische Materie des Atriden-Mythos wurde in eine moderne Welt übertragen. -
Die Premiere des Sartre-Stücks "Die Fliegen" war ein voller Erfolg. Mit stehenden Ovationen wurde die Leistung des Jugendtheaterclubs am Donnerstag Abend gefeiert.
Der junge Orest erfährt, dass er adoptiert wurde. Er kehrt mit seinem Begleiter Felix in den Nachtklub seiner richtigen Eltern zurück. Im "Argos" erfährt er von einem Mord 15 Jahre zuvor. Die Gäste haben geschwiegen, als Ägist Agamemnon, Orests Vater, umbrachte. Sie belügen sich und leben in Angst vor "ihren Toten". Orest findet seine Schwester Elektra. Sie beschließen, Ägist zu töten, um den Tod ihres Vaters zu rächen und den Klub zu übernehmen...
Laut und schnell ist es auf der Bühne. Zu schnell für Theater? Manchmal wirkt es wie ein Film, besonders die Schlussszene. Live-Musik verstärkt den Eindruck noch. Es ist neues, junges Theater. Ideal, um ein junges Publikum ins Theater zu locken. Aber es ist nicht oberflächlich. In den 90 Minuten wird etwas ausgesagt - über Ehrlichkeit, Angst, Schuld. Nicht auf eine biedere Art, sondern spielerisch. Die ernste Thematik wird immer wieder unterbrochen. Mit kleinen Gags wird das Publikum neugierig gehalten, wie sich die Krise zuspitzen mag. - "Nur Fliegen ist schöner!" steht treffend auf den Flyern zu dem Theaterstück.
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