von Rebekka Kricheldorf | Uraufführung
MASCHA: Aufstehn, sich waschen, leben, sich waschen, schlafen, aufstehn, sich waschen, leben, sich waschen, schlafen, aufstehn, sich waschen, leben, sich waschen, schlafen, was für ein Elend, ich glaub, ich bring mich um.
Irina hat Geburtstag. Sie versucht zu feiern. Jeden Tag aufs Neue. Aber Feiern ist nicht so leicht: Mal fehlt die Musik, mal hat man vergessen, andere Leute als die Verwandtschaft einzuladen, mal ist man selbst zu melancholisch, mal schleicht sich das Realitätsprinzip von hinten an und zieht den Stecker raus. Und ganz nebenbei geht das Elternerbe zur Neige und man müsste eventuell tatsächlich echt mal was arbeiten. Ja. Genau. Man muss arbeiten!
Rebekka Kricheldorf hat sich auf Beutezug bei Tschechow begeben und aus den Motiven Einsamkeit, Selbstbehinderung und Lebensüberdruss ein komödiantisches Destillat über eine Generation gewonnen, der alle Wege offen zu stehen scheinen, der es aber an Elan fehlt, einen von ihnen auch einzuschlagen.
Markus Heinzelmann hat vor zwei Jahren bereits Rebekka Kricheldorfs Stück „Neues Glück mit totem Model“ mit großem Erfolg in Jena uraufgeführt. Ab dieser Spielzeit ist Rebekka Kricheldorf Hausautorin, Dramaturgin und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Theaterhaus.
Mit: Mohamed Achour, Vera von Gunten, Anne Haug, Zoe Hutmacher, Ralph Jung, Saskia Taeger Regie: Markus Heinzelmann Bühne: Gregor Wickert Kostüme: Gwendolyn Bahr Video: Matthias Huser Musik: Olaf Helbing Dramaturgie: Christin Bahnert
Uraufführung: 15.10.2009
Presse:
Süddeutsche Zeitung, 27.10.2009:
All diese Missgeburten von Möglichkeiten | „Drei Schwestern“ von heute: Rebekka Kricheldorfs „Villa Dolorosa“ am Theaterhaus Jena
Gut, dass Anton Tschechow nicht nur praktizierender Arzt, sondern auch ein die Welt mit analytischem Seelendoktorblick behandelnder Dramatiker war. Nicht nur fehlten uns sonst seine wunderbaren Stillstands- und Tragikomödien aus der russischen Provinz, die das Theater so sehr bereichert haben – es gäbe wohl auch eine Menge zeitgenössischer Stücke nicht, die mehr oder weniger deutlich darauf aufbauen. Ganz unverhohlen greift Rebekka Kricheldorf in „Villa Dolorosa“ auf den Meister zurück: „Drei missratene Geburtstage – frei nach Tschechows ‚Drei Schwestern’“. Entstanden ist das Stück als Auftragswerk für das Theaterhaus Jena, wo die Freiburgerin Kricheldorf, Jahrgang 1974, seit dieser Spielzeit den ehrenwerten Posten eine Hausautorin mit dramaturgischer Funktion einnimmt. „Letzte Ausfahrt Paradies“ heißt das Spielzeitmotto, das sie mit ihrem Text bedient – eine Anspielung auf die lokale Bahnhofsstation „Jena Paradies“, von der auch im realen Leben nur mit halbstündiger Zugverspätung wegzukommen ist.
Schon Christiane Pohle hat vor zehn Jahren mit ihrem gefeierten Projekt „sitzen in Hamburg“ Tschechows ergiebige Grundkonstellation in den „Drei Schwestern“ erfolgreich geplündert. Nicht Moskau war da der Sehnsuchtsort für Irina, Mascha und Olga, sondern Berlin, die Hauptstadt, Synonym für Loveparade, Partys, coole Bars und das damals noch coole Castorf-Theater. Bei Kricheldorf sind die Schwestern als Erbinnen der elterlichen Villa nun endgültig in der Gegenwart einer jungen Mittelschichtsgeneration angekommen, die sehr hohe Ansprüche, aber keinerlei Antriebskraft hat. Und letztlich nicht auf die Reihe kriegt. Woran alle Welt Schuld ist, nur man selber nicht.
Anders als Pohle reduziert Kricheldorf das Personal nicht nur auf die Frauen des Stückes – neben den drei Schwestern ist das Natascha, ihre so fruchtbare wie furchtbare Schwägerin, die hier als „Prekariatsschickse“ Janine heißt–, sondern gesellt ihnen den Bruder Andrej bei und dessen Freund Georg, in dem unschwer der Leutnant Werschinin zu erkennen ist: der mit der Frau, die sich alle naslang umzubringen droht. Mascha wird sich, wie im Original, unselig in ihn verlieben, obwohl er bei Mohamed Achour ein versteifter Blässling und als leitender Angestellter der Verpackungsindustrie ein echter Pappkamerad ist.
Auch Ralph Jungs strammer Andrej, der gerne in angedeuteten Anführungszeichen spricht, vermag den überheblichen, giftspritzenden, schwer besserwisserischen Redeschwällen seiner intellektuell wie rhetorisch bewanderten Jetztzeit-Schwestern kaum standzuhalten. Diese Uraufführung ist eben doch ein Frauenabend, schauspielerisch allemal, obwohl man sich an den robust ironischen Comic-Gestus von Saskia Taegers Philosophiestudentin Irina (und an ihre Katja-Flint-Koketterie) erst gewöhnen muss und Vera von Guntens betont lehrerhafte Olga lange braucht, um ihre mimischen Übertreibungen zu zügeln. Zoe Hutmacher jedoch, die verzärteltste und mondänste im Trio, hat als Mascha furiose Wutausbruchsszenen, und wie die drei Grazien zusammenhalten, wenn es hart oder ihnen die verhasste Janine (Anne Haug) blöd kommt, das ist sehr schön.
Rebekka Kricheldorf ist mit ihrer Tschechow-Motiv-Übertragung tatsächlich eine eigenständige Gegenwartskomödie gelungen, ein Stück über Selbstbehinderung, Lähmung, Überdruss, all diese „Missgeburten von Möglichkeiten“ einer wohlstandsverwöhnten Bescheidwisser-Generation, der es allmählich an den Kragen geht – Arbeit ist daher ein großes Thema. Der Text ist redselig, ihm mangelt es an Ökonomie, aber er sprüht vor zeitdiagnostischen Bonmots, und auch Situationskomik ist ihm nicht fremd. Und weil Regisseur Markus Heinzelmann das auf der weißen Bungalow- Souterrain-Bühne von Gregor Wickert (mit Raucherterasse und Video-Dachkammer) fein auszureizen versteht, ist dieser lange Abend, der dreimal Irinas Geburtstag feiert, doch sehr vergnüglich. Musikalisch setzt er auf große Oper, lebenstechnisch aber sind hier alle „on the highway to Mittelmaß“.
[Christine Dössel]
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