Dokumentarprojekt basierend auf Interviews mit Demonstranten von '89 | Uraufführung
»Was ich mir damals gewünscht habe? ... was haben wir denn auf diese
Flugblätter gedruckt? ... Freiheit wahrscheinlich ...« »Irgendwas zwischen
Jesus und Bakunin!« - »Auf jeden Fall keine Wiedervereinigung.«
Im Herbst 2009 begibt sich das Theaterhaus Jena zusammen mit Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder auf die Suche nach den Spuren der Demonstrationen von ’89.
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wird nicht nur ein historisches Ereignis gefeiert, sondern auch um seine Bedeutung gerungen : Ist »die Wende« der Beweis dafür, dass Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, aus eigener Kraft ihre Gesellschaft zu verändern? Ist sie ein Triumph des Westens über den Osten? Sicher ist, dass sich in der DDR eine Opposition entwickelt hatte, die von einer anderen Gesellschaft träumte. Die Stadt Jena war in diesem Prozess einer der bedeutendsten Orte. Unter starken Repressalien des Staates begannen einige Wenige einen visionären »Dritten Weg« zwischen Marktwirtschaft und Realsozialismus zu entwerfen. Aber wie sahen diese »Dritten Wege« aus? Und kann man aus dem freien Denken von damals Kraft und Erfahrungen für heutige gesellschaftliche Utopien und ihre Verwirklichung ziehen?
Für das Projekt »Der Dritte Weg« interviewten die Regisseurinnen rund 50 Zeitzeugen. Aus diesem Material entsteht ein Stationentheaterstück, das subjektiv erlebte Geschichte in all ihren Widersprüchen dokumentiert. Beginnend an der Stadtkirche, dem historischen Ausgangspunkt der Demonstrationen, geben Protagonisten der Wendezeit und Schauspieler des Theaterhauses einen Einblick in das Jena der 70er und 80er Jahre. Aber: Diese Zeitreise ist kein nostalgischer Rückblick, sondern endet nach dem Stadtrundgang voll Zeitgeschichte auf der Bühne des Theaterhauses Jena mitten in der Gegenwart.
Mit: Stefanie Dietrich, Julian Hackenberg, Kai Meyer und Jenaer Bürgerinnen und Bürgern Idee, Konzept und Regie: Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder Ausstattung / Kostüme: Matthias Koch Ausstattung/ Video: Max Görgen Dramaturgie: Rebekka Kricheldorf Dramaturgische Beratung: Jens-Uwe Fischer
Uraufführung: 28. Oktober 2009
Kritik:
Der Dritte Weg – Das Theaterhaus Jena wandelt auf den Spuren von 1989 | Zum Widerstand überrumpelt
Falls es erhellend ist, die Geschichte des Herbstes 1989 als Geschichte der Städte zu erzählen, könnte der Blick nach Jena lohnen. Auch dort haben sich vor 20 Jahren die Oppositionellen unter dem Dach der Kirche gefunden, bevor die Massen kamen und mit ihnen auf die Straßen gingen. Auch dort verschwanden ihre Hoffnungen auf einen eigenen, dritten Weg irgendwann hinter emblemfreien Deutschlandfahnen – wie in Leipzig und Berlin und andernorts.
Und doch: Wenn man sich jetzt anschaut, wie das Theaterhaus Jena mit der Erinnerung an den Herbst 1989 umgeht, hat man Anlass und womöglich sogar große Lust, im Biotop einer Stadt mehr zu sehen als lokale Verhältnisse aus Milieus und Schauplätzen. Da gibt es offenbar eine Erkenntnisbühne zu entdecken, die immer noch nicht ganz verstanden und in ihrer Bedeutung erfasst wurde.
Erzählungen einer Stadt
Für die Arbeit am Mythos (Basisarbeit könnte man sagen) bedient man sich bewährter und unprätentiöser Mittel. Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder haben rund 50 Zeitzeugen aus Jena befragt, haben die Interviewtexte verdichtet und daraus ein Panorama der Erinnerung erarbeitet, das sie im Stadtraum aufleuchten lassen. Im Grunde funktioniert ihre "theatrale Demonstration" ähnlich wie eine abendliche Stadtführung, mit dem Unterschied allerdings, dass Gebäude und Straßen zur Kulisse für spielerische und zunehmend auch interaktive Einlagen werden.
Los geht's in der Stadtkirche, dem einstigen Sammelbecken und Ausgangspunkt der 89er Proteste in Jena. Vor dem Altarraum ist ein Mikrofon aufgebaut. Leute gehen nach vorne, sagen etwas, setzen sich wieder. Bald konzentriert sich die Szene auf drei Darsteller, die tastend in ihre Welt von damals eintreten. Es ist wie eine kleine, von nachträglichen Schauern des Erstaunens und leisen Zweifelns erfüllte Geschichtsstunde, die das Konkrete feiert und die Abstraktion scheut. Man erfährt, wie aus den kleinen Fürbitten einiger Theologiestudenten innerhalb von wenigen Tagen eine breite Protestfront wurde, wie die Protestierer mit bangem Herzen zur ersten Demo aufbrachen, wie sie dem damaligen Oberbürgermeister einen Forderungskatalog übergaben.
89er Wirren und ihre Richtung
Das ist die Ouvertüre. Auf dem Platz vor der Kirche wird ein wichtiges Requisit der Revolution verteilt. Mitarbeiter des Theaters bequatschen einzelne Pärchen im Publikum, für den Gang durch die Stadt Transparente zu übernehmen. Die Stoffe sind sehr weiß und fürs Erste vor allem irritierend parolenfrei. Der Abend soll sich nicht im bloßen Wiederkäuen des Gewesenen erschöpfen. So zieht man gut gelaunt im Rudel los. Sieben Stationen werden im Laufe der dreieinhalbstündigen Aufführung angelaufen. Meist sind es die Ensemblemitglieder Stefanie Dietrich, Julian Hackenberg, Kai Meyer, die jeweils in verschiedene Rollen schlüpfen.
Man drängt sich beispielsweise in einen kleinen Lebensmittelladen, in dem die Mutter eines inhaftierten Jugendlichen von ihren Nöten und mutigsten Momenten erzählt. Auf einem Hof stehend, lauscht man den Schilderungen eines ehemals Halbstarken, der 1989 als Mitglied einer aufmüpfigen Spaßguerilla eine "autonome Republik" ausrief, bis der harte Kern der Clique innerhalb von wenigen Stunden die Aberkennung der Staatsbürgerschaft und die Ausreise erlebte.
Im philosophischen Institut breitet ein einstiger Student mit SED-Parteibuch zwischen Konformität und demokratischer Hoffnung seine private Wendegeschichte aus. Aus diesen Einzelerzählungen entsteht das Narrativ einer Stadt in wirren, drängenden Zeiten. Es ist immer wieder frappierend, wie griffig zeitgeschichtliches Material in dieser Flanier- und Zuhör-Haltung werden kann, wie unmittelbar, wie nachfühlbar.
Gegenwart als Pointe
Wobei: Dieser Abend erzählt keine Täter-Opfer-Geschichte. Das große Abc der Repressionen wird nicht bemüht, trotz einzelner Anschauungen in dieser Richtung. Er ist mehr eine unpathetische Selbstfeier und noch mehr eine vorsichtige, nachdenkliche und doch auch heitere Selbstvergewisserung und Selbstbefragung von einstigen Akteuren, denen das Theater eine Bühne gibt und eine Stimme leiht. Behutsam hat man nach dem Geist von 1989 getastet – und man hat eine Form dafür gefunden.
Die Pointe der Aufführung ist ihre allmähliche Besinnung auf die Gegenwart. Nach einem Plausch mit Bürgerrechtlern in der Jungen Gemeinde werden Zuschauer gebeten, heutige Parolen auf die noch immer jungfräulich weißen Transparente zu sprühen. Man zieht nun demonstrierend Richtung Theaterhaus, begleitet von einem Transporter mit Lautsprechen und Polizisten, die die Straßen absperren. Die Stadt verwandelt sich in einen Erfahrungsraum für angehende Demonstranten des Jahres 2009. Das Finale im Theaterhaus, wo in ausgelassener Stimmung Workshops zum Thema ziviler Ungehorsam abgehalten werden, endet mit einer etwas aberwitzigen Sitzblockade. Man wird quasi zum Widerstand überrumpelt. Es ist ein schönes Gefühl.
[Ralph Gambihler]
Süddeutsche Zeitung, 31.10.2009:
Der erste Schritt ohne Angst. „Der Dritte Weg“ – eine theatrale Spurensuche zur ostdeutschen Revolution in Jena
Jena, Stadtkirche St. Michael. Ein junger Mann steht zwischen Kirchenbänken auf, nennt seinen Namen und seine Adresse. Ein fast drollig anmutender Vorgang. Vor 20 Jahren war er eine Sensation. Damals, im Oktober, fingen ein paar Theologie-Studenten an, Fürbitt-Andachten in der Kirche zu organisieren. Andachten nach Leipziger Vorbild. Die Opposition war schärfsten Repressionen ausgesetzt, einige Bürgerrechtler hatte das DDR-Regime umgebracht, die meisten ausgewiesen. Die Kirche übernahm deren Rolle. Oder besser gesagt: Ein paar Studenten nutzten den Freiraum, den die evangelische Kirche in der DDR zum Teil hatte und bot. Zur ersten Andacht kamen fünfzig Menschen. Am dritten Tag war die große Kirche voll. Man fasste Mut.
„Der Dritte Weg“ war damals eine gesellschaftliche Utopie und ist heute der Name einer theatralen Spurensuche. Die Regisseurinnen Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder haben für das Theaterhaus Jena fünfzig Menschen interviewt, die damals dabei waren, als die Bürger von Jena dazu beitrugen, dass die Mauer fiel. Die Dokumentation dieser Gespräche war der Zeitschrift „Theater der Zeit“ eine Sonderpublikation, ein Heft im Heft wert. Dieses Heft ist großartig, weil sich hier in biografischen Splittern das Bild eines zerfallenden Staates zusammensetzen lässt und, viel wichtiger, man sehr unmittelbar eine Ahnung davon bekommt, wie sich die Menschen in der späten DDR fühlten. Für eine kurze Zeit waren sie euphorisch.
In einem russischen Lebensmittelgeschäft in der Zwätzengasse sitzt eine Frau in Strickjacke, neben ihr an der Wand eingelegte Pilze in Gläsern, Dorschpaste und Wodka-Flaschen. Der Laden füllt sich, unvermittelt beginnt die Frau zu plappern. Die Worte drängen aus ihr heraus, ein haltloser Strom, mit vielen Stockungen und Versprechern. Sie erzählt von ihrem Sohn und vom Volkspolizei-Kreisamt, davon, wie der Junge verhaftet worden war, wie sie aufs Amt fuhr und inständig hoffte, dass es „etwas Politisches“ sei, keine Straftat im menschlich-moralischen Sinn. Sie erzählt, wie sie dann zur Verhandlung ging, überlegte, was der Junge bräuchte. Eltern, auf die er stolz sein könnte. Sie berichtet, was sie dem Gericht erzählte, wie sie deutlich machte, was das bedeutet, Jugend in der DDR, vor allem, wenn man, wie ihr Junge, einen PM12-Ausweis hat. Den bekam man, wenn man schon einmal aufgefallen war –der Junge wollte in der Tschechei ausgereiste Freunde treffen. Mit dem PM12 kam man in keinen Club mehr rein, durfte nicht nach Berlin, an die Ostsee oder in grenznahe Gebiete. Die kleine DDR wurde noch kleiner, und der Junge brauchte ein Ventil, stahl mit anderen Kletterern zusammen Parteitagsfahnen. Darauf stand eine hohe Strafe. Heidemarie Vollmann erreichte mit ihrer Rede, dass es nur eine lächerliche Proforma-Verurteilung wurde.
Dokumentar-Theater, und nichts anderes ist „Der Dritt6e Weg“, ist die Evokation des Konkreten. Das schlichte Dasein wird zur theatralen Sensation erhoben. Die Gruppe Rimini Protokoll, seit Jahren eine Art Marktführer in dem Genre, erzielt dann ihre schönsten Ergebnisse, wenn entweder die Menschen, die sie auf die Bühne stellt, für etwas stehen, was viel größer ist als sie selbst, oder diese echten Menschen behutsam in inszenierte Abläufe eingebunden werden und so über sich hinausweisen. Lola Arias, ein anderes Beispiel, entwarf an den Münchner Kammerspielen mit „Familienbande“ einen Einblick in die Lebensrealität der Familie Bürkle, in welcher ein lesbischen Paar zwei Kinder großzieht – gelungen vor allem deshalb, weil die Bürkles allesamt Schauspieler sind.
Gühlstorff & Schroeder umgehen diese Unwägbarkeiten, indem sie große Teile ihres selbst erstellten Materials drei Schauspielern übergeben: Julian Hackenberg und Kai Meyer vom Theaterhaus Jena und Stefanie Dietrich, die unter anderem Heidemarie Vollmann brillant verkörpert. Die Stellvertreterschaft erhöht den theatralen Reiz. Von der Stadtkirche ausgehend ist die Aufführung ein Stationendrama, das an einem besetzten Haus vorbei in die Universität und die evangelische Junge Gemeinde Stadtmitte führt. An diesen Orten trifft man auch auf Zeitzeugen, Menschen, die von damals erzählen. Umständlich, natürlich, weil es halt schon 20 Jahre her ist.
Mit Transparenten vorneweg bewegt sich der Zug der Zuschauer durch die Stadt, Richtung Schauspielhaus. Der Simulation der Demonstration von damals haftet etwas Folkloristisches an. Die Angst, die im Herbst 1989 herrschte, kann man nicht nachstellen, auch nicht das Gefühl, erstmals im DDR-Leben einen selbstbestimmten Schritt zu tun. Am Johannistor entrollen Fassadenkletterer ein Plakat, aus einem Fenster ruft einer nach Ruhe.
Doch jenseits gewisser Drolligkeiten erzählt die Wanderung von etwas Entscheidendem: dem Scheitern. Der Dritte Weg wollte die Reformierung des Sozialismus. Wollte nicht das Überstülpen des kapitalistischen Systems. Die, die diesen Weg gehen wollten, wollten nicht in den Westen. „Bleibe im Land und wehre dich täglich.“ Lass es nicht ausbluten. Die fingierte Demonstration führt an der „Neuen Mitte“ vorbei: zwei Einkaufspassagen, Aldi, ein Hochhaus, ein riesiger Parkplatz. Die Utopie von einst ist verschwunden.
Der Widerstand, der in Jena, wo man seit den 60er Jahren dank der Kirche und der Uni ein wenig widerborstiger gegenüber dem Regime war als in anderen Städten der DDR, war nicht ausschließlich politisch. Es gab einen organisierten Kreis, der aber schon in der Folge der Biermann-Ausweisung 1976 stark unter der Stasi zu leiden hatte. Neue Bewegung brachten andere. Die Theologiestudenten wollten humane Werte ins gesellschaftliche Bewusstsein bringen, die Jugend wollte Freiheit. Die Erinnerungen eines der Vertreter der Spaß-Guerilla ist einer der vielen wunderbaren Momente, die in dieser schillernden Aufführung die DDR begreifbar machen, ohne sie einfach zu erklären. In einem besetzten Haus in der Zwätzengasse wohnten die Langhaarigen, die laute Musik machten und ostentative Massenfrühstücke veranstalteten. Gegenüber zog die Stasi ein, im Innenhof springt nun der Schauspieler, der Oliver Jahn vertritt, herum. Erzählt von Streichen und dem täglichen Kampf mit den Behörden. Manche der Kumpels durften vor dem 9. November ausreisen. Nach Kreuzberg. Und wurden nicht glücklich. Alles war dort so kompliziert. Auch die Frauen. In der DDR sei es lustiger gewesen. [Egbert Tholl]
Das Projekt wird gefördert im Fonds Heimspiel der Kulturstiftung des Bundes
sowie durch die Stadt Jena und das Kultusministerium des Landes Thüringen.
Die Schirmherrschaft hat Dr. Albrecht Schröter, Oberbürgermeister der Stadt
Jena, übernommen.
Kooperationspartner: Theater der Zeit, Thüringer Archiv für Zeitgeschichte
»Matthias Domaschk«, Evangelisch-Lutherischer Kirchenkreis Jena
Kontakt
Theaterhaus Jena gGmbHSchillergässchen 1
07745 Jena
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Telefax: 03641/8869-10
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