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von Thomas Melle | Uraufführung

Fotos: Joachim Dette

JENNI:
Inzwischen bist du Popstar geworden, und mir sind Brüste gewachsen, und du bist Expopstar geworden, und ich bin entjungfert worden, und gesoffen haben wir immer.

Ein alleinerziehender Vater lebt mit seiner siebzehnjährigen Tochter Jenni in einem tristen Wohnblock irgendwo im Osten. In diesen Endverbraucher-Haushalt zieht im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms für einen Tag ein Food-Company-Manager ein. Zu Jennis achtzehntem Geburtstag kommt es zum Showdown mit Fehlzündungen. Ihre Mutter, die kurz nach ihrer Geburt die Familie für einen reichen Westler verlassen hat, steht vor der Tür. Und dem Manager kommt sein schickes neobürgerliches Leben inklusive Eigentumswohnung und hochschwangerer Verlobter plötzlich sehr weit weg vor. Familienkonzepte prallen aufeinander und lösen sich auf. Und zwischen den Welten irrt ein Ex-Popstar, ein gefallener Engel, ein »lausiger Stricher«.
Ist das Melodram überhaupt noch möglich in den Zeiten von Soaps und Simulationen, wo Familiengeschichten, Karrieren und Lebensläufe mehr und mehr fragmentarisiert, atomisiert und verkünstlicht werden? Sind die großen Geschichten, bewegen-den Schicksale, die pathetischen Ausbrüche noch zeitgemäß? Die Figuren in Thomas Melles neuem Stück schwanken zwischen der zynischen Annahme ihres mittelmäßigen Schicksals und dem Aufbrechen in ein anderes, erträumtes Leben. Wer macht den ersten Schritt hinaus in eine andere Freiheit, und sei sie nur fiktiv?
Thomas Melle hat nach »Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein« das zweite Stück für das Theaterhaus geschrieben. Er ist Theater- und Prosaautor und Übersetzer. Sein Stück »Partner«, entstanden im Düsseldorfer Autorenlabor, wurde zum Heidelberger Stückemarkt 2009 eingeladen.
Ronny Jakubaschk zeigt mit »Das Herz ist ein lausiger Stricher« ebenfalls seine zweite Arbeit in Jena. In der letzten Spielzeit inszenierte er im Malsaal »Zelluloid 3 – Shortbus« nach dem gleichnamigen Film von John Cameron Mitchell. Er arbeitet derzeit als Regisseur u.a. am Maxim Gorki Theater Berlin, am Theater Basel und am Schauspiel Frankfurt.

Mit: Mohamed Achour, Vera von Gunten, Julian Hackenberg, Anne Haug, Ralph Jung, Saskia Taeger Regie: Ronny Jakubaschk Bühne und Kostüme: Matthias Koch Musik: Sebastian Bandt Dramaturgie: Christin Bahnert

Uraufführung: 25. Februar 2010

Kritiken

Ostthüringer Zeitung, 27.02.2010:

Kleine Dramen. Uraufführung am Theaterhaus Jena "Das Herz ist ein lausiger Stricher" von Thomas Melle
Thomas Melle (35) lebt als Autor und Übersetzer in Berlin. Stücke von ihm wurden in Wuppertal, Berlin, Erlangen, Karlsruhe, Düsseldorf und Jena uraufgeführt, wo das Theaterhaus vor zwei Jahren »Schmutzige Schöpfung - Making of Frankenstein« herausbrachte. Am Donnerstag nun gab es in Jena erneut eine Melle-Uraufführung.
In Szene setzte »Das Herz ist ein lausiger Stricher« ebenfalls ein in Jena bereits Bekannter: Ronny Jakubaschk (31) hat letzte Spielzeit in Jena »Zelluloid 3 - Short Bus« inszeniert. Auch das neue Stück bezieht sich auf durch Film- und Fernsehen trainierte Sehgewohnheiten. Im »Boulevardmelodram aus der Gegenwart«, so der Untertitel, sieht sich der Zuschauer erst einmal mit der vom Theaterhaus Jena ja weitgehend gemiedenen Guckkastenbühne konfrontiert.
Matthias Koch (Bühne und Kostüme) versetzt die Akteure ins klassische Ambiente einer Boulevardkomödie. Nur die Türen für effektvolle Auftritte fehlen, was den effektvollen Auftritten keinen Abbruch tut. Doch »Das Herz ist ein lausiger Stricher« ist ein Melodram, gestrickt aus einer ganzen Reihe kleiner Dramen, die sich irgendwo im Osten in einer tristen Wohngegend am 18. Geburtstag des Mädchens Jenni (Anne Haug) ereignen. Ein abgehalfterter Rockstar (Julian Hackenberg) redet mit Jenni über ihre Träume. Nach seinen Träumen fragt ein die Verbrauchsgewohnheiten der Unterschicht erforschender Manager (Mohamed Achour) Jennis Vater aus. Die Frau des Managers (Vera von Gunten), eine hochschwangere Oberschichttussi, wird mit ihren Alpträumen nicht fertig. Jennis von Geldsorgen erschöpfter Vater (Ralph Jung) wiederum projiziert seine Träume auf die Tochter. Und ihre Mutter (Saskia Taeger), die kurz nach Jennys Geburt mit einem Westler das Weite suchte, träumt davon, ihre Tochter in die Arme zu schließen.
In kleinen Szenen werden die sechs Menschen dem Zuschauer vorgestellt. Mit dem klassischen Boulevard verbindet die Szenen der Wortwitz, von ihm unterscheiden sie sich, da die Rätsel nie restlos aufgelöst werden. Und auch den Schauspielern, allen voran Saskia Taeger, bekommt dieser Ausflug in den gefühlsduseligen Alltag gut.
So leicht und heiter sich dieser 18. Geburtstag anbahnt, ganz melodrammäßig bleibt das Happy End aus. Ein Mensch stirbt und damit wird die zuvor gewonnene Sicht auf die Figuren in Frage gestellt. Ein Mensch stirbt und die Anderen machen kein Drama draus. Ein starkes Stück, eine tolle Inszenierung und ein Spitzenteam.
[Angelika Bohn]

Thüringische Landeszeitung, 27.02.2010:

Lieb und Leid im Karton
  
Jena. (tlz) Der Pullover passt hervorragend zum Mobiliar. Das gleiche Weintrauben-Gelbgrün mit einem gewissen Hauch Ocker. Ran (Mohamed Achour), im Pullover, steht regungslos vor dem Schrank und ist kurz davor, mit diesem zu verschmelzen. Er sei gar nicht da, erklärt er Hans (Ralph Jung), wolle nur beobachten, wie der Endkonsument denn so lebt. Mit Fragen nach seinen Wünschen und Träumen löchert er ihn trotzdem. Denn aus den Antworten kann Rans Firma schöne neue Träume produzieren - in Form von Fischstäbchen, Katzenstreu und Schokoriegeln für den Discounter.
Es ist ein bizarrer Ausschnitt der Gegenwart, mit dem Bühnenautor Thomas Melle das Publikum in seinem neuen Stück konfrontiert. Am Theaterhaus Jena wurde »Das Herz ist ein lausiger Stricher« am Donnerstag uraufgeführt und ist so, nach »Schmutzige Schöpfung«, die zweite Zusammenarbeit von Autor und Theaterhaus. Melles neues Stück führt Charaktere zusammen, deren Lebensentwürfe nicht unterschiedlicher sein könnten. Hans lebt mit seiner 17-jährigen Tochter Jenni im Wohnblock, sie sagt »Karton« dazu. Einen Tag vor ihrem 18. Geburtstag kommt der Food-Company-Manager Ran zu ihnen und will 24 Stunden lang ganz nah am Kunden sein. So hofft er, eine Neuanschaffung für die Eigentumswohnung zu finanzieren, in die er und seine Verlobte Katja (Vera von Gunten) gezogen sind. Und dann taucht mit einem Mal Jennis Mutter Helene auf, die kurz nach ihrer Geburt die Familie verlassen hatte.

Boulevard-Melodram mit Tiefgang

Ein bisschen von allem hat Melle hier kombiniert, Sozialstudie und »kitchen sink«-Drama, Krimi, Komödie und Seifenoper. Entstanden ist ein witziges und zugleich beklemmendes »Boulevardmelodram aus der Gegenwart«, wie der Untertitel das Stück einordnet.

Die Welt der Soaps holt Regisseur Ronny Jakubaschk auf die Bühne, indem er Sequenzen lose aneinanderreiht. So wie die Kamera in den Vorabendserien zwischen den Szenarien hin- und herschnippen, blitzen in Jena im Spot Momente aus dem Alltag von Ran und Katja, Hans und Jenni auf. Das Bühnenbild (Matthias Koch) bleibt - eine angedeutete Wohnung in Gelbgrün mit einem Hauch Ocker, in der behelfsmäßig Lattenrost, Herd und Schubläden zusammengestoppelt sind. Aus dieser Szene brechen die Figuren hin und wieder aus, indem sie direkt den Zuschauer ansprechen. Später erzählen sie ihre Sorgen der Kamera, mit der Ran seine »Studie« untermauert und die, als Projektion, dem Publikum Seifenopern-Fernsehen beschert.

Seicht wird die Inszenierung selbst allerdings nicht. Sie findet, auch durch die Schauspieler, eine wirkungsvolle Balance zwischen Witz und Ernst. Sie sind es auch, die den mitunter grob geschnitzten Generationen-Schablonen des Stücktextes Dramatik verleihen.

Ralph Jung gibt den Familienclown Papa Hans, der an seiner Joppe nestelt, und den seine Tochter nicht ernst nimmt. Mohamed Achours Ran wird vom gelackten Gockel zu einem Mann, den sein eigenes Drängen nach dem nächsten Besseren quält. Und Anne Haug lässt ihre Jenni so penetrant und wissend lächeln, dass man als Zuschauer geradezu alarmiert jede Bewegung der gelangweilten Großklappe verfolgt.

Jenni ist letzten Endes allerdings diejenige, die den Schalter umlegt. Auf drastische Weise bricht sie aus ihrem Leben im "Karton" aus, während die anderen Figuren in ihrem angekettet bleiben und ihre ach so geliebte Freiheit verfluchen.

Es gibt niemanden im Stück, den das Leben nicht gezeichnet hat. Man könnte auch sagen: geschädigt hat. Helene, die Saskia Taeger so facettenreich spielt, kann ihre Gefühle nicht mehr direkt, sondern nur noch in melodramatischen, kitschigen Briefen äußern. Ex-Popstar Bill (Julian Hackenberg), der auch im Wohnblock wohnt, rettet sich im Komasuff von Tag zu Tag. Für Jenni singt er »The heart is a lousy hooker«, was klanglich an Carson McCullers Buch »The heart is a lonely hunter«, »Das Herz ist ein einsamer Jäger«, erinnert.

Thomas Melle lässt uns Charaktere betrachten, die uns - mit ihrer Küchenpsychologie, ihren Dramen und Wünschen - partiell ähneln. Wäre das Stück eine Seifenoper, sie wäre eine der besseren. Man würde am nächsten Tag wieder einschalten.

[Franziska Nössig]

Nachtkritik, 26.02.2010: Das Herz ist ein lausiger Stricher - Thomas Melles Boulevardmelodram aus der Gegenwart in Jena  | Mut zum Absprung

Jena, 25. Februar 2010. Was vom Gelächter des Abends übrig bleibt, ist ein wehmütiger Schmerz. Es kränkt, wie Autor Thomas Melle dem Publikum mit seinem Stück einen Spiegel vorhält. Wer bist du? Wer willst du sein?
Das Theaterhaus Jena fragt in dieser Spielzeit nach der »letzten Ausfahrt Paradies«.  An welcher Stelle kann der Absprung aus den festen Routinen, aus der schützenden Sicherheit und der gähnenden Langeweile noch gewagt werden? Thomas Melle hat mit seiner Auftragsarbeit »Das Herz ist ein lausiger Stricher« eine Hommage an die Unabhängigkeit geschaffen, die nirgends besser platziert gewesen wäre, als in dem kleinen Jenaer Theater mit seinem jungen Ensemble und seiner offenen, unkomplizierten Atmosphäre.
Sozialkladderadadsch
Sechs Figuren, sechs Lebensentwürfe, sechs Träume prallen aufeinander. »Das Leben geht verschlungene Wege«: Jenni wird 18. Sie lebt mit ihrem Vater allein in einem »Karton« - einer sozial schwachen Wohngegend. Die Mutter hat kurz nach Jennis Geburt die Familie verlassen, für einen Mann mit Geld und Perspektive, weder das eine noch das andere bleiben ihr am Schluss.
An Jennis 18. Geburtstag taucht nicht nur ihre Mutter Helene wieder auf, es tritt auch Ran in ihr tristes Leben. Ran ist Food-Company-Manager und verbringt im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms einen Tag bei Jenni und ihrem Vater, während seine hochschwangere, hysterisch veranlagte Verlobte Katja darüber nachdenkt, wie sie ihre IKEA-Möbel in der gemeinsamen Eigentumswohnung verteilt. Jennis Vater Hans indes wünscht sich nur eines, dass seine Tochter ihm all seine unverwirklichten Träume erfüllt. Und zwischen Helene, Hans, Ran, Katja und Jenni irrt ein lausiger Stricher, der ausgediente Rockstar Bill, für den das Wetter immer mies ist und der seine Leidenschaft längst verkauft hat.
Schiefe Leben unter der Lupe
Regisseur Ronny Jakubaschk hat es geschafft, sechs Charaktere auf die Bühne zu bringen, die in all ihrer Überzogenheit authentisch wirken. Er hat die Absurditäten des Alltags enthüllt. Zwischen Schauspielerei und Slapstick schaffen es die Darsteller dabei, ihre Rollen auszufüllen, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Sie bewegen sich auf einer grün-gelben Kastenbühne zwischen Kühlschrank, Herd, Lattenrost und Schrank. Bühnenbildner Matthias Koch hat diese Symbole der Alltäglichkeit schief aufeinander gestapelt. In dem schiefen Mobiliar spiegeln sich die schrägen Lebensentwürfe der Figuren.
Hinter der Kastenbühne erhebt sich eine Leinwand. Und während Videotechnik in vielen  Stücken unmotiviert und scheinbar zwanghaft eingesetzt wird, bindet Jakubaschk die Projektionen so in das Stück ein, dass sie nicht nur berechtigt sind, sondern auch zu einem spielerisch nützlichen Element des Stücks werden. Die Leinwand verdeutlicht wie eine Lupe einzelne Charaktere.
Mit Food-Manager ins Elfenreich
Der Charakter, bei dem die Fäden der Geschichte zusammenlaufen und sich auch wieder auflösen, ist Jenni. Sie dreht an dem großen Rad, um die Richtung, in die ihr junges Leben sich bewegt, zu ändern. Das tut sie mit einer entschlossenen Härte, die bis zum Mord an ihrem geliebten Vater führt. Damit befreit sie sich von den Lasten fremder Ansprüche und Hoffnungen. Auf ihre Reise in die Freiheit - nach Island zu den Elfen - nimmt sie den Foot-Company-Manager Ran mit. Beide haben sich von ihren Zwängen befreit, unnötigen Ballast rücksichtslos abgeworfen, um höher steigen zu können.
»Dies könnte der Anfang einer wunderbaren Generation sein.« Man möchte den letzten Satz des Stücks fast glauben, lägen da nicht so viele Leichen im Keller.
[Jördis Bachmann]

 
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