Kermits Traum
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2004, Michael Laages
Wunder aus der Wendezeit: In Jena zieht Deutschlands frechstes Theater eine aufregende Zwischenbilanz
Etwas Besseres als Tod würden sie überall finden und allemal mehr Glück als auf dem Arbeitsamt - so waren sie anno Wendezeit aufgebrochen ins Nirgendwo: fast alle Mitglieder eines Abschlussjahrgangs der Ostberliner Schauspielhochschule "Ernst Busch". Jena war ihr Ziel - die kleinere Klassikerstadt im Schatten des größeren Weimar, das unruhigste Studenten-Biotop zu Zeiten der DDR. Selbst das Theater hatte die Stadt der Glas- und Linsenschleifer zuvor schon abgerissen - um ein neues zu bauen. Dazu kam es nicht mehr.
Übrig blieb nur der Turm des maroden Bühnenhauses. Hier fand seither nichts anderes als ein kleines Wunder statt. Und das kreative Team, das vor fünf Jahren die Jenaer Urfamilie ablöste und nun seinerseits die Stadt und das Theaterhaus wieder verlässt, zieht Zwischenbilanz: mit einem "Sommernachtstraum", wie ihn die Welt bestimmt noch nicht gesehen hat.
Wie in jedem Jahr der eigenen Intendanz hilft die Hausherrin Claudia Bauer das örtliche "Kulturarena"-Festival eröffnen, und sie bietet dafür auf, was Stadt und Theater zu bieten haben: neben dem eigenen Ensemble die Jenaer Philharmonie, die schräge Rock-Combo "Los Banditos" und den DJ "Smoking Joe". Zu jedem Sound gehört hier eine jeweils ganz eigene Regie-Handschrift - denn die Inszenierungsarbeit hat sich die Chefin mit zwei Kollegen geteilt, die die vergangenen Jahre entscheidend mitgeprägt haben.
Christian von Treskow entdeckt (zur "Minimal Music") die Sphäre der Elfen und Geister neu, mit der ältesten aller Shakespeare-Übersetzungen, der von Christoph Martin Wieland, und halb Jena als Chor. Derweil lässt Claudia Bauer die paarweise durcheinander liebenden Königskinder im Wald von Athen alle Qualen jugendlicher Verliebtheit durchleiden. Jeder Liebesschwur wird da zum Anfangsvers eines Popsongs aus jüngerer Produktion. Den Wald hat Jürgen Lier sehr wirkungsvoll als Rollrasen auf dem Platz vor dem Theaterhaus ausgebreitet.
Zwischendurch verstören da gelegentlich nur Shakespeares herrliche Handwerker - die berühmteste aller Laienspielscharen. Rainald Grebe, Jenaer Dramaturg und Comedy-Star auf dem Bildschirm, spielt mit dieser Truppe eine Art plattgehämmerte Kabarettrevue durch. Das geht bis zum Auftritt des Frosches Kermit aus der Muppetshow selig. Klar - das ist nur Studentenulk. Und das Dreigestirn der Regiemethoden lässt das Stück beträchtlich im Gefüge ächzen. Aber fiel speziell bei diesem Shakespeare-Stück nicht immer schon auf, wie angestrengt die verschiedenen Spielebenen zusammengezwungen sind?
Erstaunlich nahe kommt sie so auch dem frühen Furor des Jenaer Ensembles, das ja 1991 quasi mit Nichts und ganz viel Grillen im Kopf sowie der unstillbaren Sehnsucht nach befreitem Theater im Herzen nach Jena gezogen war. Im Aufbruchston der Wendezeit wurden all die alten Träume kollektiven Lebens und Arbeitens hier von neuem geträumt und oft sogar verwirklicht. Natürlich waren auch all die dramatischen Schwierigkeiten und ideologischen Zerwürfnisse zu durchleben, die derlei Träume halt so mit sich bringen.
Schon Claudia Bauers Neuanfang galt vor fünf Jahren als Bruch. Sie hatte sich gegen den Hildesheimer Theatermacher Albrecht Hirche durchgesetzt. Sie hinterlässt jetzt ein Theaterhaus, das längst nicht mehr bloß zum Geheimtipp am Rande eines Mainstreamtrampelpfades taugt. Jena spielt (manchmal) in der ersten Liga mit.
Markus Heinzelmann, mit ersten Erfahrungen noch aus Ulrich Khuons Konstanzer Assistentenstamm und dann in der freien Szene daheim, übernimmt ein großes Erbe. Denn das Publikum in Jena liebt dieses Theater. Auch der glücklichen Zufälle wegen. Als zum Beispiel Mitternacht ist und Geisterstunde im Stück, hat's wirklich gerade zwölf geschlagen. Wen kümmert jetzt schon noch das bisschen Regen dieser Sommernacht, wo sie doch so ganz und gar Theater und von Shakespeare ist.
Feengeschwader vor dem Sturm
Süddeutsche Zeitung, 12.07.2004, Jürgen Berger
Unter freiem Himmel und in dreifacher Regie: Shakespeares "Sommernachtstraum" in Jena
Es muss letztes Jahr um diese Zeit gewesen sein, als im Theaterhaus Jena die Idee aufkam, das obligatorische Open-Air-Spektakel am Ende der nächsten Saison auf dem großen Platz vor dem Theater mit Shakespeares "Sommernachtstraum" zu bestreiten. Das passt, dachte man. Es wird Juli sein und heiß. Tagsüber werden die Jenenser jedes verfügbare Nass aufsuchen, abends aber zur erotischen Geistes- und Körperverwirrung im Zauberwald vor den Toren Athens erscheinen. Solch pfiffige Ideen wie die, die drei Stränge des "Sommernachtstraums", den Hof von Athen, den Zauberwald mitsamt seiner über Kreuz verliebten Paare und die als Schauspieler dilettierenden Handwerker von drei unterschiedlichen Regisseuren inszenieren zu lassen, hat man im Hoch eines extraordinären Sommers, obwohl jedem klar sein müsste, dass auf eine Jahrhunderthitze kaum eine zweite folgen kann.
So kam es, dass sich zur Premiere am Himmel über Jena tiefschwarze Wolken türmten. Die Parole des Abends allerdings lautete: Spielen auf jeden Fall. Immerhin fasst die Arena 1100 Zuschauer und ist seit Wochen ausverkauft. Außerdem hat die umtriebige Theaterhaus-Mannschaft Shakespeares Zauberwald, der in Jena eine schlichte hügelige Rasenfläche ist, mit 120 Feen bevölkert. Die Waldgeister werden von Theaterverrückten der Stadt gespielt, die wie ein riesiger Schwarm strahlend weißer Libellen einfallen. Manchmal wirken diese variantenreichen Wesen selbst wie ein Wald, manchmal schweben sie als Gegenwelt auf einem Laufsteg über den Zuschauern.
Dort treibt auch Oberon sein Unwesen und jagt Puck rund ums Universum, auf dass er die Liebenden befriede, was allerdings nur dazu führt, erotische Verwirrung zu stiften und Göttergattin Titania sich einem Esel hingeben zu lassen, der in Wirklichkeit der Weber Zettel ist. Man kennt die mit Zitaten aus der griechischen Mythologie angereicherte Welt, in der die Götter und die Athener Theokratie von der Liebe träumen, als sei sie ein Kriegsinstrument und der begehrte Körper eine zu erobernde Kolonie. So wie dieser alles andere als liebliche Traum an diesem Abend im urbanen Wald von Jena aufscheint, hat man ihn jedoch schon lange nicht mehr gesehen.
Inszeniert wurde das Feentreiben von Christian von Treskow, einem der spannendsten jüngeren Regisseure. Kürzlich hat er, ebenfalls in Jena, mit der Uraufführung von Marc Beckers "Wir im Finale" einen Coup gelandet. Jetzt überrascht er mit einer geschickten Massenchoreographie und hat in Frank Benz einen Puck, der als Sinnenverwirrer chamäleongleich die Athener nachahmt, als sehne er sich nach einem Leben jenseits der Götterwelt. Ein besonderes Auge wirft Puck natürlich auf die Liebesirren: Auf Hermia, der zeitweise der Lysander abhanden kommt, während die schöne Helena in jedem Spiegel eine hässliche Bohnenstange sieht und dem schnöden Demetrius nachsteigt, plötzlich aber von beiden Jungs im Wald begehrt wird.
In keinem anderen Shakespeare-Stück ist Liebe ein derart perfides Spiel aus Begierde und Zufall. Claudia Bauer hat die Paar-Partien inszeniert und verschärft, indem sie die vier Lustjongleure ein astreines Dinglish sprechen lässt. Das funktioniert hervorragend, solange die gemischten Slam-Alliterationen überraschende neue Reime ergeben. Gelegentlich übertreiben die vier allerdings und pflegen einen gewollten Lübke-Slang. Vor allem der wundersam greinenden und wie eine Störchin staksenden Sophie Basse hätte man gewünscht, dass bei Helena in jenen Passagen der Sprachmix aussetzt, in denen sie sich von Gott und der Welt verlassen fühlt. Ansonsten fügt sich an diesem Abend der dreigeteilten Regie aber alles überraschend kongenial. Der Schauspieler Rainald Grebe hat die Handwerker als Schauspieltruppe inszeniert, die in einer Tour de force durch die Regiestile jagt. Die Geschichte von Pyramus und Tisbe gibt es als Castorf- und Schlingensief-, Nahost-, Musical-, und Trashvariante. Am Ende wird allerdings eine Muppet Show mit Aussicht auf Verfilmung daraus.
Auch diese Partien machen einmal mehr deutlich, dass der "Sommernachtstraum" ja tatsächlich ein Wechselbalg ist. Dass das Theaterhaus seine inszenatorische Trilogie ein "Spektakel" nennt, ist eine Untertreibung und erweckt den Eindruck, man habe populistisch alles bedienen wollen, was Massen bewegt und massenhaft Spaß macht. Das könnte tatsächlich so sein, bedenkt man, dass neben dem Feengeschwader auch noch die Philharmonie der Stadt die Band Los Banditos und DJ Smoking Joe aufgeboten werden. Der Freiluftabend ist aber trotz des spektakulären Aufgebots alles andere als spekulativ und wartet schauspielerisch immer wieder mit überzeugenden Miniaturen auf. Derartiges funktioniert nur in Theatern, um die es gut bestellt ist.
So gesehen hat der "Sommernachtstraum" doch noch einen betrüblichen Aspekt. Man feiert Abschied mit ihm. Geschäftsführer Roman Rösener wird das Theaterhaus nach vier erfolgreichen Jahren und einem angehängten Interimsjahr verlassen. Und Claudia Bauer, die die künstlerische Verantwortung trägt, verlässt das Theaterhaus nach dieser Spielzeit. Ihre letzte Tat stand am Ende unter einem guten Stern. Während der Premiere tröpfelte es nur gelegentlich, und der Sturm verschonte diesen Sommernachtstraum.
Verzaubert in Jena
Thüringer Allgemeine, 10.08.2004, Bodo Baake
Mit dem "Sommernachtstraum" eröffnete das Ensemble des Theaterhauses die Kulturarena - und verabschiedet sich aus Jena. Mit Heiterkeit und Sarkasmus - und einer der besten Arbeiten aus vier Theaterjahren. Der "Traum" ist aus.
Wir stellen uns vor, er begann so: An einem drögen Jenaer Nachmittag saßen die Regisseure Claudia Bauer, Christian von Treskow und Rainald Grebe im Café und überlegten, was sie als Sommerspektakel zur Eröffnung der Kulturarena Schönes anrichten könnten. "Ich möchte", sagte Bauer, "am liebsten der Liebe die Haut abziehen und das Muskelspiel darunter zeigen, die Reflexe." "Ein wenig Magie wäre gut", murmelte von Treskow: "Feenrausch und Zaubersäfte." "Sollten wir nicht zum Abschied", sprach Grebe, "endlich mal erklären, wie unsere Theaterkunst funktioniert, das Handwerk vorführen."
Schon war man selbdritt in Shakespeares "Sommernachtstraum". Jeder inszenierte ein Stück aus dem Stück. Rainald Grebe die Nummer mit den Handwerkern, Christian von Treskow den Elfenreigen, Claudia Bauer sah den Liebenden ins Herz und fand einen heftig zuckenden Muskel. Daraus montierten sie einen großartigen Theaterabend. Die Schauspieler gingen aus sich heraus, die Regenwolken hielten an sich, und das Premierenpublikum war hin- und hergerissen.
In ihrer Abschiedsinszenierung macht die Jenaer Theaterhaus-Mannschaft, was sie schon oft gemacht hat: Sie nimmt das Stück gnadenlos auseinander und setzt es auf verblüffende Weise wieder zusammen. Diesmal spielen sie dabei auch sich selbst noch einmal durch. Sie zitieren Versatzstücke aus anderen Inszenierungen und Figuren anderer Gelegenheiten.
Grebe zieht diese Handwerker-Szenen durch wie einen Runninggag, der zugleich die Inszenierung kommentiert. Er bricht in die poetischen Bilder ein, in die leise Melancholie des Abschieds, die durch den Klamauk weht, und unterläuft sarkastisch den hohen Ton, das große Pathos, das die Jenaer sich für dieses eine Mal gestatten. Der Bühnenbildner Jürgen Lier hat die Arena mit Rollrasen behügelt und mit einem rohen Bretterzaun verschlagen. Auf dessen Umlauf, hoch über den Köpfen des Publikums, tragen Oberon (Holger Kraft) und Titania (Anita Vulesica) ihren Streit um den Lustknaben aus. Zwei Großmächte geben Regierungserklärungen ab: Wirrnis und Willkür sollen sein, Chaos und Krieg der Leidenschaften im Walde der Verliebten. Es ist, als hätten die Regisseure einen zynischen Zufallsgenerator benutzt, um in bildmächtigen Szenen und wunderbar erfundenen Schauspielereien die alte "Komödie panischer Verzauberungen" neu zu entwerfen.
Da rollt ein alter Russenjeep mit den Blumenkindern herein. Elfen stürmen die Wiese, weiß gewandet und aseptisch wie ein Bataillon Anästhesieschwestern. Süß geigt auf der Hinterbühne die Philharmonie, die "Los Banditos" liefern Rock, und Smoking Joe schiebt seine als Rasenmäher fahrbar gemachte Disco durchs Gelände. Die verwirrten Paare Helena/Lysander (Sophie Basse, Maximilian Grill) und Hermia/Demetrius (Tilla Kratochwil, This Maag) rollen rollig über den Rasen. Oben wird die Hochsprache der Wielandschen Übersetzung gesprochen, unten das sentimentale Banalkauderwelsch der Popsongs. Das ist saukomisch, wenn eine spannenlange Helena ihre Schönheit schmäht und beim Publikum Zuspruch sucht. Und Puck (Franz Benz) grunzt, schnarcht und schnorchelt in seiner Lautwelt. Ein schrulliger, skurriler Punker, der das letzte Wort hat. "Und alle Fehde soll in süßem Frieden enden", sagt der Giftzwerg in Weiß.
Aus der Traum. Das Ensemble verabschiedet sich mit einer großen, dichten und nur am Ende sich ein wenig im Kreise drehenden Inszenierung aus seinem Jenaer Engagement. Was soll's, es war vielleicht die bisher beste Arbeit für die Kulturarena. Heute und morgen Abend ist sie noch einmal zu sehen. Im restlos ausverkauften Rund.
Ausgeträumt und abgeräumt
Ostthüringer Zeitung, 10.08.2004, Angelika Bohn
Theaterspektakel "Sommernachtstraum" zur Kulturarena: Jubel für die letzte Großtat der Crew des Theaterhauses, von Angelika Bohn.
Dieser "Sommernachtstraum" versammelt sie alle noch einmal auf der Waldlichtung: Holger Kraft, dieser für die ambivalenten Helden prädestinierte Mime, behauptet Oberons unabwendbaren Herrscherwillen, ein Kind zu schänden. Anita Vulesica, die so zauberhaft die Stärke kleiner zarten Frauen spielen kann, lässt die menschliche Tragödie aufscheinen, wenn ihre eselgeile Titania Oberon den Preis für ihre Rückkehr zur Normalität zahlen muss. Frank Benz, der in den vier Jahren so viele Rollen und den "Sommernachtstraum" bereits ganz allein stemmte, ist Puck - ihn anders zu spielen undenkbar, wie bei allem, was Benz spielt. Johanna Falckner, die Wandelbare mit der unverwechselbaren Stimmen, Titanias schwesterliche Elf.
Lang ist Helena und fühlt sich hässlich - keine kann so geballt und selbstironisch gegen so ein Selbst wüten wie Sophie Basse. Tilla Kratochwil, die Hermia mit dieser Jelinec-Frisur, so klein und so viel Kraft. Maximilian Grill, gebucht auf die jungenhaften Sinnsucher, ein Lysander, dessen Sinneswandel vielleicht gar keines Zauberwasser bedürfte. Demetrius, selbstunsicher und triebgesteuert, ob verblendet oder nicht - This Maag. Großartige Frauen hat Tjadke Biallowons in Jena gespielt, im "Sommernachtstraum" ist sie Hippolyta, Theseus' (Victor Calero) Gattin, die durchgestylte Braut des Bosses, wie sie im Buche steht. Und wie immer von Claudia Bauer treffsicher auf den Punkt gebracht, den er adäquat besetzt: Dr. Thomas Alster als Egeus.
Die Schauspieler Rainald Grebe, Ren- Marik, Lutz Wessel und Jonas Eckert sind Shakespeares Zettel-Truppe und doch nicht die Handwerker, die sich als Schauspieler gerieren. Sondern sie sind, was sie über vier Jahre waren: Schauspieler, die mit den Möglichkeiten ihres Handwerks spielen. Ernst und besessen, kalkuliert und gelangweilt, selbstverliebt und eitel, selbstlos und nackt tanzt der Mime nach Squenzens Pfeife, pfeift auf Squenz, den Regisseur. Wie haben wir Theater gemacht? Mit einer schönen Portion Ironie versieht Rainald Grebe (Regie) den großen Traum, ausgeprägte Individuen zu einem Ensemble zu verschmelzen, für den die scheidende Crew in Jena gelebt, gelitten und Meriten abgeräumt hat.
Wie frisch und blitzgescheit Grebes Handwerker-Szenen mit dem Liebestollen der Menschen (Regie: Claudia Bauer) und dem Elfentreiben der ach so menschlichen Himmelsgeister (Regie: Christian von Treskow) verschmelzen... Wie der Theatertraum, kein einzelner sondern das Ensemble ist der Star, eben doch nicht nur ein Traum ist, sondern Realität wird, das bringt dieser "Sommernachtstraum" noch einmal ins Scheinwerferlicht. Er soll ein Theaterspektakel mit Dutzenden von Laien sein, musikalisch begleitet von Jenaer Philharmonie (Musikalische Leitung: Oliver Jahn, Dirigent: Oliver Weder), Los Banditos und Smoking Joe. Er soll ein Fest fürs Auge sein - das Bühnenbild von Jürgen Lier und die Kostüme von Pia Wessels sind's.
Es gibt den bunten Aufmarsch, doch auch Claudia Bauers Insistieren, der Rap ist die Sprache der Triebe, ein wildes Gestammel aus Englisch und Deutsch. Es gibt die opulenten Feenbilder, doch auch Treskows unnachgiebig den Shakespearschen Text beim Wort nehmende Demaskierung männlicher Macht.
Das ist schön und böse, wie das Leben, voll Witz und Trauer, wie Theater sein muss, will es das erwartete Fest sein. Aus der Traum: Das Publikum feiert alle mit Jubel und Beifall.
This is not a Love-Song!
Thüringische Landeszeitung, 10.08.2004, Frank Quilitzsch
"Amor, du feige Sau, vermasselst mir mein ganzes Leben ...!" Sorry, Mister Shakespeare, der Satz ist natürlich nicht von Ihnen. Wir haben ihn aufgeschnappt. Aber Sie, hochverehrter Meister, haben die Rolle verfasst, aus der die Darstellerin fällt. Sie haben Helena ins Unglück gestürzt, überschüttet mit Kummer, und das arme Ding muss es ausbaden. Look what you have done: Noch so jung und fast schon ein Wrack. Leidet unter einem Hässlichkeits-Komplex. Dabei ist sie wunderschön. Weil sie liebt. Und traurig, weil Demetrius sie nicht liebt. Sagen Sie nicht, Sie hätten von all dem nichts gewusst! Sie haben das so eingefädelt: "Wie böse Kinder spaßeshalber lügen, / Macht's Amor fun, mit Schwüren zu betrügen."
Und nun?
Ach, William! Es ist ein Traum und ringsum Sommernacht. Das Jenaer Ensemble sagt ade und lädt die Stadt zum Abschiedsspektakel ein. Die Arena-Handwerker haben ein kleines Globe Theatre gezimmert, Sand angekarrt und Rasen ausgerollt, wie es der Bühnenbildner Jürgen Lier wünschte. Tut mir leid, Mister, kein Zauberwald. Eine Wellenwiese, vom Regen satt getränkt. Dahinter die Rockband Los Banditos. Und hinter der Band das Jenaer Philharmonische Orchester.
Sie würden staunen. Auf dem Sturzacker agieren wechselweise der Athener Hofstaat, Oberons Elfenreich und ein vierköpfiges A°BM-Theater. ABM ist schwer zu erklären. Der Rest leuchtet ein: Überall ist die Ordnung untergraben von einer Schicksalsmacht. Theseus und Hippi-Hippolyta fahren mit dem Armeejeep vor, umjubelt von blümeranten Untertanen. Old Oberon verkracht sich mit Titania auf der Balustrade. Die Theaterleute - nein, nein, keine Handwerker - stehen mit dem Rücken zur Wand, das macht hyperkreativ.
Saftiger, duftender, irrer Theatertraum
Und immer wieder das Leid-Motiv: Ich-liebe-dich-du-liebst-mich-nicht! Die Jenaer spielen mit der Romantik und treiben die Geschichte weiter, bis über alle Grenzen. Platonische, freie, lesbische, schwule, brutale Liebe. Sadomaso mit dem Eselsleder. Kennen Sie doch alles. Auch die Katalysatoren. Geister, Fieber, Psychosen, Drogen. Wie ich darauf komme? Schräg vor mir saßen zwei Mädchen im Gras und rauchten selbiges.
Es ist ein irdener, saftiger, irre duftender Theatertraum, wie Sie sich ihn vielleicht erträumt haben. Warme Regenschauer kühlen vorübergehend die Gemüter. Ein Darstellertrio ragt aus dem Ensemble heraus, und ein überragendes Trio zieht hinter den Kulissen die Fäden. Christian von Treskow inszenierte die Athener Flower-Power-Diktatur und den anarchischen Elfenstaat. Claudia Bauer dirigierte die hormonverwirrte Teenagerbande. Rainald Grebe führt den zerstrittenen Schauspielertrupp an. Drei Ebenen, drei Regisseure - und kein Fiasko! Alles läuft so rund, dass ich mir mehr Reibung wünschte, Konfrontation bis zum Zähneknirschen - und Sie?
Das Dreamteam: Tilla Kratochwil und Sophie Basse, Teenies namens Hermia und Helena. Stranden über Nacht auf dem Schlachtfeld der Liebe. Und Puck treibt mit ihnen seinen Schabernack - Frank Benz, klein, doch nie zu übersehen. Und jederzeit präsent. Animalisch schnüffelnd, Haribowürmer schlingend, lustvoll intrigierend im Auftrage seiner Majestät König Oberon. Doch was er letztlich anrichtet, vermag er nicht zu begreifen. Wie auch. Handelt Ihr Werk, Mister, nicht vom Unerklärlichen, dem Triebhaften, Unterbewussten?
Oje, die Sprache. Reden wir nicht drüber. Was, Ihnen gefällt das Bauerwelsch? Komisch, dem Publikum auch. Ein Extra-Hoch auf die Kostümschneiderei und -kleberei Pia Wessels! Die in Pappe gerollten Feen mit den schicken Badekappen übertreffen den Hofstaat noch. Oberon und Titania haben tolle Mützen. Doch schon wird einem weh ums Herz. Nächste Woche wechselt Jena sein Ensemble. Holger Kraft und Anita Vulesica werden gehen. Maximilian Grill (Lysander) und This Maag (Demetrius) auch. Und Tilla und Sophie und Frank. Und Rainald Grebes Crew René Marik, Lutz Wessel, Jonas Eckert. Victor Calero, Tjadke Biallowons kamen zum Abschied noch mal wieder. Schön, dass ihr da gewesen seid! Und einmal wenigstens in vier Jahren soll auch sie erwähnt sein: Dramaturgin Sabine Westermeier. Doktor Thomas Alster, der Egeus, bleibt dem Haus erhalten. Für neue Taten. Um es mit Bauer-Shakespeare zu sagen: This is not a Love-Song! Aber so ist das Leben.
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