Gerhard Hauptmanns ''Die Weber'' als Open-Air-Spektakel
Deutschlandfunk, Kultur Heute, 10.7.2003, Hartmut Krug
Claudia Bauer, Intendantin des Theaterhauses Jena, inszeniert
Das alternativ-avantgardistische Theaterhaus Jena gehört zu einem der innovativsten Theaterexperimente in Thüringen. Jetzt könnte man meinen, das sei auch nicht ganz so schwer, nachdem seit der Wende in Thüringen drei Schauspielensembles abgewickelt wurden oder noch werden, in Eisenach, Nordhausen und Erfurt und auch im Orchesterbereich die Fusionitis als kulturpolitisches Konzept den Takt schlägt. Aber in Jena hat man ganz eigene, nämlich andere, Konzepte. Man setzt auf Kooperationen mit den Sophiensälen Berlin und anderen Experimentierbühnen, man setzt auf neue Stücke ganz junger Autoren und Autorinnen, und man kommt damit beim Jenaer Publikum genauso wie bei der Kritik meist glänzend an. Gestern Abend war Auftakt zur sommerlichen Jenaer Kulturarena. Claudia Bauer, die Leiterin des Theaterhauses, inszenierte Hauptmanns ''Die Weber'' als Open-Air-Spektakel und neuen Blick auf die arbeitslose Gesellschaft von heute.
Ein 38-köpfiges Jugendorchester spielt eine traurig-drängende Weise, und dann strömen sie still mit ihren Stühlen auf die Bühne, die Weber von heute. Die große, leere hölzerne Schräge vor dem Theaterhaus Jena wird zum Warteraum, in dem Menschen von heute, viele in Kittelschürzen und Trainingsanzügen, stumm darauf warten, ihren Platz in der Gesellschaft zu bekommen. Hoch oben am Theater prangen die Worte "Uns gefällt alles", während sich an der unteren Front des Gebäudes ein Fries mit den Logos berühmter Marken befindet. Die Weber sind in der sozialkritisch aktualisierten und zugespitzten Version von Regisseurin Claudia Weber (wie schon vor einigen Jahren bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne) keine wirklich körperlich Hunger leidenden Menschen mehr. Hauptmanns Weber, die in seinem naturalistischen Sozialdrama von 1892 ihr Elend in vielen jammervollen Szenen anklagend schildern, sind in Claudia Bauers Inszenierung zu den Arbeitslosen von heute geworden. Ihr Hunger richtet sich auf die Teilhabe am Leben der Gesellschaft. Sie wollen Arbeit haben, wollen mitmachen, dabei sein, wollen konsumieren. In Jena wird, durchaus auch mit alten Hunger-Szenen des Stückes, in denen vom Kampf um eine tägliche Quarkschnitte oder vom geschlachteten Hund berichtet wird, in einer Collage aus Hauptmanns alten Texten im schlesischen Dialekt und aus neuen sozialpolitischen Zitaten von heute szenisch über unsere Arbeitslosenwelt nachgedacht. Heraus kommt ein anregender Theaterabend: kein Agitprop, sondern Theater, das mit Witz und bildhafter Phantasie aktuelle Probleme ausstellt.
Im Warteraum erhebt sich schließlich mit der Heinrichen eine der Weberinnen und liefert die erste Szene des Stückes ganz allein ab, in der die Weber ihre Ware beim Fabrikanten abliefern und dafür zu wenig zum Leben bekommen: Sie spricht alle Rollen wie sattsam bekannte, aber nicht satt machende Zitate. Der Expedient Pfeifer liefert dazu aktuelle Arbeitslosenzahlen (zum Beispiel: Jena 12,5 Prozent) und kontert die alten Klagen mit neuen Jobangeboten:
Schließlich stopft der genervte Angestellte des Fabrikanten der Frau mit einem Apfel den Mund, während der Fabrikant selbst als freundlicher Yuppie neoliberal daherredet. Wenn er gar nicht mehr weiter weiß, fällt er in einen Rocksong im playback ein, der von pay back handelt, und verführt die Menschen zum Mitsingen und Jubeln. Die Weber von heute lassen sich eben von den Medien erfolgreich ablenken. Weshalb ein hungernder Weber behauptet, er brauche keine Arbeit, sondern nur Karriere oder Geld: Und auf die hofft er bei Günter Jauchs Millionenquiz. Natürlich vergeblich, doch die Parodie ist hinreißend und passt.
Claudia Bauers Inszenierung wartet immer wieder mit szenischen Pointen auf, die gleichermaßen äußerliche Publikumswirkung wie innere dramaturgische Triftigkeit besitzen. Da räsoniert die dick ausgepolsterte Weberin Mutter Baumert in einer langen Sesselreihe mit ihren acht Kindern und dem Vermieter, und die Elendsgestalten der Kinder sind zu modischen, normierten Klonen von heute geworden. Und wenn ihr Mann bei Günter Jauch gescheitert ist, hüpft sofort eine langbeinige Blondine auf die Bühne, kräht "geil, geil, geil" und baut aus Bierkisten eine Kneipe auf. Dort wird die Schöne dann vom Fabrikanten Dreißiger entdeckt und zu seiner Frau gemacht. Indem hier Hauptmanns Vorlage und Personnage in mehrfacher Hinsicht verändert wird, gelingt ein bewegtes szenisches Bild über soziale Aufstiegsphantasien, von denen bei Hauptmann nur berichtet wird. Natürlich wird auch das anklagende Weberlied gesungen.
Natürlich wird auch mal Marx zitiert, mit Sätzen über entfremdete Arbeit. Und die beiden jungen aufmüpfigen Burschen, die bei Hauptmann ihre Leidensgenossen zum Sturm auf die Fabrikantenvillen antreiben, tun dies auch hier. Nur kommen sie nicht mehr als selbstbestimmte Individuen, sondern nur mehr als Zitate daher. Der eine mit Fellmütze als russischer Revolutionär, der andere als punkiger Aussteiger und Rockmusiker mit Tattoo. Beide wirken ferngesteuert von Erinnerungen, die auch aus dem Weber-Stummfilm von Friedrich Zelnik aus dem Jahre 1927 kommen. Durch eine Szene des Filmes, dessen Projektion auf die Bühnenrückwand das Geschehen kommentiert, lernen die Aufrührer auf der Bühne sogar ihre Protestgesten.
Doch nichts geht mehr. Da helfen auch die aktuellen Zahlen über Konzerngewinne und Managergewinne nichts, das Elend der Weber ist für einen wirklichen Aufruhr nicht groß genug. So sitzend die beiden Aufrührer am Schluss biertrinkend auf dem Sofa, während die Weberschar von ihrem Sturm auf die Fabrikantenhäusern mit einer Fülle von geraubten Konsumgütern zurück kommt.
Die Jenaer Inszenierung ist ein interessanter, aber nur partiell gelungener Versuch, ein altes Sozialdrama zu aktualisieren und es dabei zugleich in eine unterhaltsame Form zu bringen. Neben etlichen witzigen und lebendigen Szenen gab es auch etlichen Leerlauf und manche didaktische Plakativität. Doch neben all den historisierenden Ritterspielen und komödiantischen Shakespeare-Belustigungen, die an vielen anderen Freilichttheater-Orten vorherrschen, sind die Jenaer "Weber" ein theatralischer Lichtblick. So sah es wohl auch das meist junge Publikum, denn es feierte die 120 Theateramateure und -Profis mit viel Applaus.
Spektakel
Die Welt, 15.07.03, Michael Laages
Wie drohte neulich doch das Heer heimischer Arbeitsloser von der Litfasssäule: "Wenn nichts passiert, dann sind wir bald fünf Millionen!" Diese Drohung hat das chronisch muntere Theaterhaus in Jena auf frech-vertrackte Weise ernst genommen. Gerhart Hauptmanns "Weber" jedenfalls, literarisches Dokument des 1844 gescheiterten Aufstands schlesischer Heimarbeiter gegen industriellen Fortschritt, taugen im Jenaer Freiluft-Spektakel vor allem zur Erkenntnis, dass diese Bande Erniedrigter und Beleidigter noch lange nicht zum Aufstand fähig ist.
So lange der Traum von der Millionärskarriere mit Günter Jauchs Hilfe die Hoffnung auf kollektive Besserung ersetzt, so lange Mallorca möglich und man dankbar ist für den Job und gern mehr arbeiten will für weniger Geld - so lange herrscht Ruhe im Karton.
Wie schon so oft zum Auftakt für das "Kulturarena"-Sommerfest spielt halb Jena mit im Ensemble vom Theaterhaus. Wer immer sich als "Weber" von heute empfunden hat, war dabei im Chor der Abgebauten. Und Kostümbildnerin Pia Wessels hat die 120 Stück Volk denn auch gnadenlos mit allen Schätzen der "aldi"- und "humana"-Mode ausgestattet. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" - mit George W. Bushs kriegsherrlichem Kampfschrei stürzt sich dieses Bodensatz-Potenzial schließlich in die feinen Villen der Besitzenden; und schleppt nach Hause, was nicht niet- und nagelfest ist. Damit ist's dann aber auch genug; verändert wird die Welt durch derlei Aktionismus nie und nimmermehr.
Solch ruppige Polemik lässt keine Zielgruppe ungeschoren: den ost-geprägten Alt-Marxisten nicht und nicht den schmierig-schleimigen New-Economy-Fabrikanten. Vor allem aber nicht das "Wir sind das Volk!"-Volk selber: "Uns gefällt alles!" prangt als bühnenhoher Schriftzug vor dem Publikum. Noch die bösartige Verhohnepipelung seiner selbst wird es frenetisch beklatschen. - Claudia Bauer, für ein Jahr noch Chef-Regisseurin am Theaterhaus, treibt so den sozialen Diskurs jenseits der Statistik an jenen ziemlich aussichts- und hoffnungslosen Punkt, wo jede Vision verkommen, jede Utopie zuschanden ist. Doch nicht elend wie der Osten, sondern komisch geht jetzt die West-Welt zu Grunde.
Die "Weber"-Fabel, wie sie hier neu und für heute erzählt wird, ist von erschreckender Genauigkeit; aber gerade darum ist es besonders schade, dass die szenische Verwirklichung ziemlich verstolpert daher kommt. - Trotzdem: Welches kleine deutsche Stadttheater würde sich so etwas zutrauen? Mit dieser Lust am Mut zum Risiko wuchs Jena in mehr als zehn Jahren zum Vorbild heran.
Bierchen für alle Weber!
Thüringische Landeszeitung, 11.07.03, Wolfgang Hirsch
Gott sei Dank, es gibt sie noch: Theater-Revolutionäre, die - "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!" - etwas bewegen, die Massen aufwiegeln zum Aufstand gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit in diesem grässlich kapitalistischen System, da Vorstandsbosse Fantasiegehälter einstreichen, während vier Millionen Weber bei karger "Stütze" und bis zum Überdruss gelangweilt zuhause auf dem Sofa darben. Da muss man doch ein Zeichen setzen, und die tapfere Theater-Chefin Claudia Bauer tut's, vielmehr, sie lässt es tun: Eine aufrührerische Signalrakete schießt grell in den Nachthimmel - und verglüht.
Aber von Anfang: Dass Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber", 1891 vor dem Hintergrund des schlesischen Aufstands 1844 verfasst, heute in den dramaturgischen Arsenalen modert, war Bauer und ihrem Ko-Autor Rainald Grebe ein Dorn im Auge. Zwar sind 100 Jahre nur ein Katzensprung in der marxistischen Weltgeschichte, doch tat die linke Politur des Textes Not. Da legt man wacker Hand an, sprengt die Hauptmann-Vorlage in Trümmer, ordnet Scherben neu, sortiert zeitgenössische Sozialprosa - Arbeitslosenstatistiken, Fernsehquiz-Gestammel - dazwischen. Damit wir ideologisch Orientierungslosen die Geschichte verstehen.
Zu bestaunen war derart aufgepeppte Weberei zur Eröffnung der Jenaer Kulturarena. Das Theaterhaus präsentierte eines seiner Glanzlichter, wuchs - von revolutionärem Furor getrieben - wahrhaft über sich hinaus. So eine Art proletarische Dokusoap-Revue haben Bauer und Grebe angerichtet, lassen die Darsteller, am liebsten chorisch, mehr von der Bühne herab ins Publikum agitieren als miteinander agieren.
Der geile Sound der global Unterdrückten
Gut 70, 80 Prolet-Protagonisten marschieren auf, in Kittelschürzen und in Trainingsklamottage, alles brave Weber aus dem Heer der vier Millionen, die nur anfangs an gerechten Lohn der Mühe glauben. "Wer gut webt, der gut lebt", intonieren sie mit anschwellendem Zorn, und da spürt man schon die schlummernde Potenz; wehe, wenn sie losgelassen! Mit Soul- und Rap-Einlagen, der Protestmusik der global geknechteten Underdogs, machen sie sich Luft. Später, als der rote Bäcker (Björn Geske) und Moritz Jäger (René Marik) mit Punkmusik die Szene würzen, mutiert die Schar zur Zombie-Armee, die E-Gitarre zum Gewehr.
Zuvor erleben wir, wie Vater Baumert (Frank Benz), der traurige Clown, in Jauchs Quizshow versagt, weil die Armen - "Deutschland sucht den Superweber" - als kollektive Spottfiguren herzuhalten haben. Baumerts Familie, voran die von Kummerspeck zur Unform verquollene Gattin (Barbara Wurster), vertrimmt ihn dafür tüchtig. So geht's halt zu im tiefen Bodensatz, wo Manieren ganz naturhaft zu Tage treten, man kunstvoll auf den Boden speit - aus Protest gegen Unterdrückung durch die Reichen.
Der föhnfrisierte Fabrikant Dreißiger (Holger Kraft) dagegen will auch kein Unmensch sein und profiliert sich als pseudophilanthropisches Manager-Weichei. Fast hat man mit ihm mehr Mitleid als mit der armen Masse. Ein Glück nur, dass der Fiesling sich die hübsche Kellnerin Anna-Rosa (Sophie Basse) gefügig macht, und wir, ganz (sexual-)sozialneidisch, die geile Macht des Kapitals zutiefst verabscheuen.
Dass der Weber-Aufstand - flankiert von Stummfilm-Projektionen - trotzdem ins Leere läuft, mag daran liegen, dass - Ficken, Fernsehen, Flaschenbier - die billige Konsumwelt den Revoluzzer-Geist betäubt. Der Bäcker schimpft ins Publikum - sind wir doch alle Weber! - und müht sich noch mit Dreißigers rotem Läufer, der, leider viel zu steif, als Revolutionsfahne nicht wehen will. Dann schließlich gibt er auf und klagt: "Wo kann man denn heute noch hingehen?" Weil bekanntlich alle real existierenden Heilsversuche gescheitert sind, bleibt nur das Sofa. Bierchen.
Ach, armes Deutschland. Nichts regt sich, außer, am Ende, die Hände des Publikums zum Applaus. Aber sie haben es wenigstens versucht! Haben den Hauptmann, diesen heimlichen Anhänger sozialer Marktwirtschaft, auf Linie getrimmt, ihm sogar den alten Hilse tüchtig ausgetrieben. Nur die Revolution wollte eben nicht stattfinden, nicht mal im Saale, vulgo: der Jenaer Kulturarena. Wie schade. "Es geht uns noch nicht schlecht genug."
Im düstern Auge keine Träne
Thüringer Allgemeine, 11.07.03, Bodo Baake
Der Weber-Aufstand als Leporello. Eine Historienfolie zum Ausklappen in die Gegenwart. Szene für Szene. Und nach jedem dramaturgischen Falz wird das Geschehen auf die Gegenseite geschlagen. So kommt Komik auf Klamauk zu liegen, Unterhaltung auf Belehrung. Doch ihre dichtesten Momente hat diese Inszenierung, wenn sie Ernst macht. Und am ernstesten ist es, wenn sie böse wird und man gar nicht merkt, wie böse sie wirklich ist.
Meist steht dann Holger Kraft als Fabrikant Dreißiger auf der Bühne. Er hampelt und strampelt, bärmelt und echauffiert sich, mimt Playback den Ausbeuter als Discjockey. Ein eloquenter Moderator des Elends, der Quarkschnitten gegen's Verhungern vermarktet. Der Kapitalist als Entertainer - das ist eine kühne theatralische Behauptung, die nur von der Wirklichkeit übertroffen wird.
Mit dieser Wirklichkeit spielen Claudia Bauer (Regie) und Rainald Grebe (Dramaturgie) in ihrer Jenaer Fassung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber". Sie machen das hundert Jahre alte Sozialdrama zum Eröffnungsspektakel der ausverkauften Jenaer Kulturarena. Zwischen Drama und Spektakel spannen sie die Frage aus: Was machen vier Millionen Weber nach dem Aufstand, was machen vier Millionen Arbeitslose heute?
Sie fragen lust- und kraftvoll, schicken eine umfangreiche Chorkomparserie von Webern auf das große zementfarbene Bühnentableau (Jürgen Lier), lassen das Orchester der Musik- und Kunstschule unter Martin Lentz spielen, setzen melodramatisch das "Weber"-Lied ein und das ganz unspektakulär gesprochene "Im düstern Auge keine Träne".
Sie überblenden Hauptmanns Text mit aktuellen Nachrichten vom Arbeitsmarkt, mit Günther Jauchs Millionenspiel und einem abstrus-drögen Kapitel Politische Ökonomie. Vor allem aber mit Szenen aus dem "Weber"-Stummfilm von 1927. Der verzahnt sich mit der Handlung, wenn verflimmerte, verzappelte Sequenzen von den Akteuren auf der Bühne übernommen werden oder sich der schöne Schatten der Schankmaid (Sophie Basse) auf die Leinwand wirft. So hat das Stück seine Spannungen und auch in der Anlehnung an den schlesischen Jammerslang seinen Reiz. Es gibt szenische Findungen und Figurenzeichnungen, die das Theaterhaus-Ensemble zu sehenswerten Schauspielereien führt - unter anderem This Maag, Renè Marik, Frank Benz, Björn Geske, Barbara Wurster, Maximilian Grill, Anita Vulesica.
Doch hält es die Spannung zwischen Sozialdrama und Sommerabenddreistigkeit, auf-klärerischem Duktus und unterhaltsamem Anspruch nicht durch. Die Inszenierung will zu viel und verheddert sich zeitweise in sich selbst. Sie verstrickt sich in Längen (Eingangsmonolog) und Klischees, stolpert über ihren belehrsüchtigen Zeigefinger. Sie verweigert Antworten, stellt nur Fragen und entlässt ihr Publikum damit nach zweieinhalb Stunden in die webende Nacht. Und das ist nun wieder sympathisch. Sehr.
Nach diesem Auftaktspektakel, für das es am heutigen Abend und am Sonnabend (jeweils 21.30 Uhr) nur noch wenige Restkarten gibt, beginnt am kommenden Dienstag der Konzertteil der 12. Kulturarena mit Technoklängen und der Jenaer Philharmonie unter Andrey Boreyko. Es folgen die Master Drummers aus Burundi (16. Juli), das Tango-Sexteto Mayor (17. Juli), Eric Burdon (18. Juli) und John Cale & Band (19. Juli).
Ein wunderbarer Arena-Sommer steht uns bis zum 23. August bevor.
Tschüs, Köstritzer
Junge Welt, Feuilleton , 18.07.2003, Günter Platzdasch
Proletkult der Fun-Gesellschaft: Jenaer Kulturarena
mit Hauptmanns "Die Weber" eröffnet
Dienstag abend begaben sich in Jena zum zwölften Mal Tausende auf eine musikalische Weltreise, die bis zum 24. August unter dem Namen "Kulturarena" stattfindet. Von Eric Burdons Animals über John Cale und Ibrahim Ferrer vom Buena Vista Social Club (einziges Neufünfland-Konzert!) bis René Aubry, Goran Bregovic oder Calexico. Ins Leben gerufen hat die Kulturarena Jenas Exkulturamtschef Norbert Reif, ein Westimport, der mit einem befreundeten Kulturmanager vereinbarte, daß Musiker, die in Kassel beim (größeren) "kulturzelt"-Festival auftreten, aus Nordhessen einen Abstecher nach Jena machen. Das ist dieses Jahr nicht anders, auch wenn das in Jena unerwähnt bleibt - nicht zuletzt, weil Reif, der nach Kündigung und Mobbing, von oben und aus der nachdrängelnden zweiten Reihe, an Krebs starb, zur Unperson wurde.
Traditionell wurde die (von Film- und Kinderprogrammen eskortierte) Konzertreihe mit einer Inszenierung des Jenaer Theaterhauses eröffnet. Regisseurin Claudia Bauer hatte sich Gerhard Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber" über das schlesische Weberelend des 19. Jahrhunderts ausgesucht und mit der Frage konfrontiert: "Wieso kommt es bei faktisch nahezu sieben Millionen Arbeitslosen nicht zu einem Aufstand wie bei den Webern? Oder kommt der Aufstand doch?" Sie wolle das Stück von 1892 mit der "Agenda 2010" konfrontieren, denn sie hält die Zustände für "vergleichbarer, als wir am Anfang dachten".
Er hat in Hauptmanns Stück radikal gestrichen und reichlich Fremdtext eingefügt, nicht ohne Jammerossi-Klischees. Die Weber schwingen zwar keine Dederonbeutel, kommen aber in Kittelschürzen und Jogginganzügen auf die Bühne geschlurft. Schlesischen Dialekt, der in Jena oft eher nach Berlinern klang, habe man "als sozialen Dialekt" beibehalten, sei das doch eine prima Jammersprache.
Den roten Teppich, der für den Fabrikanten ausgerollt wurde, zur roten Fahne umzufunktionieren, ist keine schlechte Idee, wird aber hier zur Klamotte, wenn einer minutenlang damit auf der Bühne herumstolpert. Die Weber als Ich-AG darzustellen ist naheliegend. Aber in Jena wird, während im Hintergrund Friedrich Zelniks Weber-Stummfilm von 1927 läuft und Freddy Quinns Anti-Gammler-Lied "Wir" ertönt, das nur mit Arbeitsamtprosa ("Neuss, Elektriker, holländische Sprachkenntnisse - Chemnitz, Gabelstaplerfahrer, eigener PKW erforderlich: fünf Euro die Stunde") und Arbeitslosenzahlen aus Stadt und Land garniert. Es wird die als T-Shirt-Aufdruck beliebte Zeile "Deutschland, wir weben dein Leichentuch" aus Heinrich Heines Weberlied importiert und all dem noch TV-Sprachmüll aus Günter Jauchs Millionärssuche-Show untergerührt. So gerät die Aufführung zur Mixtur aus Agitation und Slapstick.
Eine 120köpfige Schauspieltruppe sorgt für Zuschauer, die gern Gesichter von Bekannten und Verwandten unter den Komparsen suchen. Die Berufsschauspieler bleiben matt, nur der Fabrikant Dreißiger, gespielt von Holger Kraft, ist mehr als ein herumstehender Textaufsager.
Die Aufführung verheddert sich zwischen 19. und 21. Jahrhundert. Alles wird nur durchgezappt. Bei Hauptmann, wo es im vierten Akt heißt "Das ganze Elend kommt von den Fabriken", wird die industrialisierungsfeindliche Seite des Weberaufstands gezeigt - immerhin Realsoziologie (wenn auch nicht mehr, wie Brecht kritisierte). In Jena wird nicht deutlich, ob es um Schlesien, heutige Niedriglohnsektor-Beschäftigte oder Arbeitslose geht - von allem ein Häppchen. "Stillstand der Scene", "Wiederholung des Angeschauten" und "Herumbohren in derselben Situation" rügte schon ein Kritiker der Erstaufführung 1893.
TV-Comedian Rainald Grebe, bekannt aus dem Quatsch-Comedy-Club, schafft es, die Rebellion auf Pro7-Niveau verenden zu lassen. Sogar für Schleichwerbung ist gesorgt: vom Kulturarena-Hauptsponsor werden Bierkästen als Kulisse und Sitzmöbel gestapelt, und der Bühnentext läßt einen Trinkfreudigen ausrufen: "Tschüs, Köstritzer".
Am Ende kommt der Aufstand. Weber ziehen durchs Publikum, das brav sitzen bleibt und tags darauf wieder zum Arbeitsamt geht. Oder in den Intershop-Tower, wo Gewerkschaften keinen Fuß in die Tür kriegen und dessen Leuchtreklame über der Freiluftinszenierung strahlte. Während unten die Weber rebellierten, beschlossen oben im Turm die Manager des einstigen Software-Vorzeigeunternehmens, abermals 200 Beschäftigte "freizusetzen" und Intershop-Gründer Schambach, einen Ossi, durch den Finanzvorstand Schöttler aus Frankfurt am Main zu ersetzen. Jetzt haben noch mehr Jenaer Zeit, die Kulturarena zu besuchen, immerhin für Arbeitslose zu ermäßigtem Preis. Im Urteil des Preußischen Oberverwaltungsgerichts, das einst das Verbot der Weber-Aufführung aufhob, hieß es, Filter wie Eintrittspreise bewirkten, "das dieses Theater vorwiegend nur von Mitgliedern derjenigen Gesellschaftskreise besucht wird, die nicht zu Gewaltthätigkeiten oder anderweitiger Störung der öffentlichen Ordnung geneigt sind". Hauptmann war mit den armen Webern reich geworden. "Schwamm drüber, gute Laune", sagt der auf dem Bühnenrand hockende Schauspieler, schießt eine Signalrakete in den Nachthimmel - die verglüht. "Uns gefällt alles" steht zwischen Firmenlogos quer auf dem Bühnenbild.
Hauptmanns "Weber" - Zeitreise mit Herz, Musik und Witz
Freies Wort, 11.07.03, Uschi Lenk
Nachdenkliches Spektakel zum Start der 12. Kulturarena in Jena
Jena probt den Aufstand. Nicht die unzähligen Arbeitslosen in der Thüringer "Leuchtturm"-Stadt, auch nicht die Studenten, die demnächst mit der Zweiwohnsitzsteuer zur Kasse gebeten werden sollen. Wieder einmal sind es die Theaterleute, die sich in provokanter Weise in die Debatte um Arbeitslosigkeit und Sozialabbau einbringen.
Gerhart Hauptmanns 1892 entstandenes Sozialdrama "Die Weber", in der er sich mit dem Aufstand der schlesischen Weber von 1844 auseinandersetzt, schien ihnen geeignet für ihr Vorhaben. Natürlich nicht pur, wenngleich das Gros der Texte vom Original stammt. Vielmehr schufen Regisseurin Claudia Bauer und Dramaturg Rainald Grebe eine eigene, Version des monumentalen Stoffes. Die ging als fast zweieinhalbstündiges, fulminantes Spektakel am Mittwoch open air über die Bühne. Und begeisterte das mehr als 1000-köpfige Publikum im Rund vor dem Theaterhaus.
Brot und Spiele
Herz, Witz, Musik und ein sozialkritischer Grundgestus bestimmen die Zeitreise von 1844 bis in die Gegenwart, in der Millionen von Menschen angesichts fehlender Arbeit entweder vor der Flimmerkiste hocken oder sich mit Alkohol zudröhnen. Doch sie murren und klagen nicht, sondern träumen vom großen Geld, das sie im Lotto oder bei Millionenshows zu gewinnen oder als gesuchter Superstar zu scheffeln hoffen. Mit keiner Silbe denken sie an Aufstand. Sie wollen einfach wieder dazu gehören, sich mit Statussymbolen Auto, Haus, Markenklamotten umgeben.
Brot und Spiele - die Jenaer führen anschaulich vor, dass dieses System nach wie vor funktioniert. Dafür verknüpft die Inszenierung historische wie aktuelle Texte mit dem 1927 entstandenen Stummfilm "Die Weber" von Friedrich Zelnik und schafft so eine zusätzliche Ebene voller Pathos. Das alles ist gemischt mit moderner Musik (Ingo Günther), die mit Streichersätzen die aussichtslose Lage der Weber 1844 und mit austauschbaren modernen Rhythmen Manipulation und Gleichschaltung im Hier und Heute veranschaulicht.
Das 120-köpfige Ensemble, darunter viele Laiendarsteller, vermochte auf einer kargen Bühne (Jürgen Lier) und in heutigen Kostümen (Pia Wessels) durchweg zu überzeugen. Aus der spielfreudigen Truppe ragten jedoch Holger Kraft als Fabrikant Dreissiger, der mit billigem Entertainment die Massen ruhig zu stellen sucht, This Maag als sein nach oben buckelnder und nach unten tretender Expedient, Frank Benz und Barbara Wuster als vom Leben gebeuteltes Ehepaar Baumert, vor allem aber Anita Vulesica als penetrant nörgelnde, unentschlossene Nachbarin Heinrichen heraus.
Weltreise mit Musik
Mit dieser "Weber"-Inszenierung startete die Kulturarena in ihre zwölfte Ausgabe. Nach dem Entree erwartet die Fans ab 15. Juli eine Reise rund um den Globus mit Klassik und Techno, Worldmusic und Jazz, Rock, Pop und Blues. Schwerpunkte sind die Musik Lateinamerikas, Begegnungen mit Singer-Songwritern und Grenzgängern zwischen den Genres sowie Legenden der Kulturarena. Den Start geben die Jenaer Philharmonie und das Berliner Projekt Techester gemeinsam unter dem scheidenden GMD Andrey Boreyko.
Ansonsten liest sich die Gästeliste der 27 Konzerte wie ein "Who is Who" der Musikszene und bringt manche Wiederbegegnung mit alten Bekannten der Kulturarena. Ibrahim Ferrer aus dem Buena Vista Social Club und das argentinische "Sexteto Mayor" als Verkörperung des argentinischen Tango, die Australier "Naked Raven", Eric Burdon und Ute Lemper gehören ebenso dazu wie John Cale, Goran Bregovic und Götz Alsmann. Hierzulande noch unbekannt sind die "Skatalites" die erste jamaikanische Ska-Band überhaupt, der belgische Pianist Wim Mertens und der "verrückte Akkordeonist" Kimmo Pohjonen Kluster aus Finnland.
13 Film-Offerten hält die Kulturarena bereit. Das Spektrum reicht vom "Tod in Venedig", über "Frida" bis hin zu "Good bye, Lenin!" und "Nirgendwo in Afrika". Musik und Film verbindet der letzte Arena-Abend in Gestalt der "17 Hippies" und Andreas Dresens Film "Halbe Treppe", zu dem die Band die Musik schrieb.
Kammerspiel in Webermassen
Ostthüringer Zeitung, 11.07.03, Angelika Bohn
Claudia Bauer inszeniert zum Auftakt der Kulturarena Jena das Sozialdrama "Die Weber" von Gerhart Hauptmann Von Angelika Bohn Beifall für schwere Kost vom Publikum. Im ausverkauften Rund auf dem Jenaer Theatervorplatz gab es am Donnerstag die Premiere für "Die Weber". Gerhart Hauptmanns Sozialdrama über den schlesischen Weberaufstand von 1844 dient Claudia Bauer und Rainald Grebe (Stückfassung) als Folie, um ein Panorama der heutigen Arbeitsgesellschaft auf die Bühne zu stellen.
Hauptmann, der die Freigabe seines Stücks zur öffentlichen Aufführung am Deutschen Theater Berlin nach dem Verbot durch die Zensur nur gerichtlich hatte durchsetzen können, war 1894 dann aber mit einem beispiellosen Erfolg belohnt. Die begeisterten Zuschauer feuerten "Die Weber" regelrecht zum Kampf an. Kaiser Wilhelm II. kündigte seine Loge wegen "demoralisierender Tendenz" des Stücks. Über 100 Jahre später besteht die Krux der Neufassung nun in der Tatsache, dass sie als Sommer-Spektakel gewissermaßen selbst Teil der Seifenopernindustrie wird, die sie als Beruhigungspille für die Erniedrigten der Gegenwart ausmacht.
Elendsanalyse als Event mit 120 Mitwirkenden? Was die Analyse betrifft, Claudia Bauer (Regie) hat überzeugende Bilder gefunden, um die Hauptmannschen Weber in die Gegenwart zu holen. Sie füllt die leere Spielfläche (Bühne: Jürgen Lier) mit Webermassen in der allgegenwärtigen "Freizeit"-Kluft Arbeitsloser: Kittelschürzen und Jogginganzüge (Kostüme: Pia Wessel). Der Chor verstärkt die Bilder, aber er entschleunigt sie auch, ohne eine eigene Stimme zu entwickeln.
Wenn Claudia Bauers "Weber" glänzen, dann von Beginn an als Kammerspiel. Mit fulminantem Monolog erhebt sich jammernd und wehklagend die Stimme der Heinrichen (Anita Vulesica) aus der dumpfen Wartegemeinschaft. Das klingt so nach Herz und Schnauze, als spräche Helga Hahnemann aus der Unterwelt. Mit dieser Heinrichen landen "Die Weber" mitten im Heute. Wie immer dann, wenn Claudia Bauer Hauptmanns Text und ihren exzellenten Theaterhausmimen vertraut. Den Aufsteiger Pfeifer spielt This Maag als schmierigen Wadenbeißer für seinen Fabrikanten. So kann Holger Kraft (Dreißiger) immer mal den netten Kapitalisten raushängen lassen, die Schönste (Sophie Basse als Anna-Rosa) für sein Ehebett angeln und sich in verlogenem Selbstmitleid bei den Webern anbiedern. Erst wenn das nicht fruchtet, werden andere Saiten aufgezogen. Aufgestiegen wie Pfeifer ist Moritz Jäger, aber zum Revolutionär, und Ren- Marik sorgt mit gewohnt zwielichtigem Changieren dafür, dass das keine wirklich positive Rolle ist. Wie auch die des Rote Bäcker (Björn Geske) nicht, der so wunderbar böse das berühmte "Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch" spricht.
Die Proletenfamilie Baumert verfrachtet Claudia Bauer auf's Sofa vor dem Fernseher, wo Mutter Baumert (Barabara Wurster) und die Kinder die Daumen drücken, dass Vater Baumert (Frank Benz) bei "Wer wird Millionär" abräumt. Denn der neue Slogan lautet "Wer gut rät, der gut lebt". Als es damit nichts wird, kommt der Aufstand. Aber wieder sind die Weber angeschmiert und laden sich die Entsorgungskosten für den Müll der Reichen auf. Stimmungsuntermalung liefert live die Musik (Ingo Günther) vom Orchester der Musik- und Kunstschule Jena (Leitung: Martin Lentz) und agitatorischer Pathos in schwarz-weiß kommt von Szenen aus dem Weber-Stummfilm von 1927. Bei Hauptmann würgen Gewehrsalven den Weber-Aufstand ab. In Jena wird der Zuschauer mit dem Trost auf die liebe Sonne, die für alle scheint, in die schwarze Nacht entlassen.
Sie sitzen vor der Flimmerkiste
Neues Deutschland, 21.07.03, Volker Trauth
Die 12. Jenaer Kulturarena wurde mit einer zeitgenössischen Inszenierung von Hauptmanns "Die Weber" eröffnet
Wenn es im vierten Akt endlich zum Aufstand kommt, ziehen 70 Kampfentschlossene mit dem Ruf "Wer nicht mit uns ist, ist wider uns" zur Villa des Fabrikanten Dreissiger. Diese 70 "Weber" sind Bürger der Saalestadt und Umgebung, Studenten darunter, Kindergärtnerinnen, abgewickelte Intellektuelle und Arbeitslose. Das alles findet statt auf der großen, fast leeren Bühne auf dem Platz vor der Jenaer Theaterruine. Eine Besonderheit der "Jenaer Kulturarena", die mit dieser Open-Air- Inszenierung eröffnet worden ist, kommt da zum Tragen: nicht nur die Kunstensembles der Stadt, die Schauspieler und Musiker, sind beteiligt, sondern auch ein Großteil der kunstinteressierten Einwohner.
Schon in den Freilichtaufführungen der vergangenen Jahre hatten sie mitgewirkt: als Kulis und Hafenarbeiter in Tretjakows "Brülle China" oder als Landsknechte und Karl Moors Gefolgsleute in Schillers "Räubern". Mit den "Webern" setzt das Ensemble eine Traditionslinie fort: revolutionäre oder vorrevolutionäre Umbruchsituationen sollen ins Zentrum der Aufführungen unter freiem Himmel gestellt werden. Und da die Jenaer Theaterspielzeit 2002/03 unter dem vieldeutigen Motto "Basta, Deutschland" stand, lag es nahe, auch das deutsche Theaterstück über die Lage der arbeitenden Klasse ins Visier zu nehmen. Im Programmheft steht: "Das Problem heißt heute nicht Ausbeutung von Arbeit, sondern Abschaffung von Arbeit." Der schlesische Weberaufstand als Folie für eine kritisch-satirische Betrachtung der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft, Schröders "Agenda 2010" gespiegelt an den stereotypen Beschwichtigungsphrasen der damals Mächtigen.
Ungefähr 70 Prozent des Originaltextes sind erhalten geblieben, ohne Einfügung von Fremdtexten allerdings kommt ein solch ehrgeiziges Unternehmen nicht aus. Bruchlos gehen Hauptmanns Sätze in aktuelle Hinzufügungen über. Eben noch hat der Fabrikant Dreissiger (Holger Kraft) wie im Original die um Vorschuss bittenden Weber von der Tür gewiesen, da schwingt er sich zu einem Klagelied über das schwere Leben der Fabrikanten auf, stöhnt über die schrumpfenden Gewinne und die sich verschlechternden Rahmenbedingungen - und die Argumente, die er benutzt, könnten aus Verlautbarungen des deutschen Unternehmerverbandes stammen.
Später wird er dann im Rededuell mit einem offensichtlich von der Arbeit "freigesetzten" Weber von heute den Kapitalismus als menschlich, weil produktivitätsfördernd preisen, während sein Kontrahent auf Marx' Erkenntnisse über die entfremdete Arbeit verweisen wird. Wenn der Expedient Pfeiffer, Dreissigers Vollzugsbeamter, die "Quarkschnitte" hervorgehoben hat, die es in Zeiten des Hungers beim Fabrikanten zu verdienen gibt, dann fügt er eine Aufzählung von angebotenen und nicht wahrgenommenen heutigen Job- Angeboten an: "Wuppertal, Schweißer gesucht, eigener PKW erforderlich, 5 Euro die Stunde."
Hauptmanns Weber verwandeln sich in das für die heutige Arbeitswelt überflüssig gewordene menschliche Strandgut, das vor dem Kiosk steht und zu Hause vor der Flimmerkiste sitzt. Hinten läuft die alte "Weber"-Verfilmung, und wenn vorn die Weber von heute mit der Bierflasche am Hals zu Boden gegangen sind, leuchtet auf flimmernder Leinwand die Zwischenüberschrift des Stummfilms auf: "Jetzt ist endlich Ordnung hergestellt."
Einer der Weber allerdings, der alte Baumert, der sich bei Hauptmann mit dem Verspeisen eingefangener Hunde über Wasser hält, dieser Überlebenskünstler erhält heute eine zweite Chance. Bei Günther Jauch darf er sich am Ratewettbewerb "Wer wird Millionär?" beteiligen. Weil er aber den Greifswalder Bodden nicht als Küstengewässer auszumachen vermag, scheitert auch dieser versuchte soziale Aufstieg. Die Verblödungsmaschinerie zum Zwecke der Protestverhinderung kommt auf Touren - der vom aufmüpfigen Moritz Jäger (René Marik) vorgeschlagene Wettbewerb "Deutschland sucht den Superweber" gelangt allerdings nicht zur Austragung. Dafür lässt es sich Hauptmanns Rebell nicht nehmen, in einem eingeschobenen Exkurs heutige Managereinkommen mit schrumpfenden Arbeiterlöhnen zu vergleichen und die Angst der Besitzenden zu verhöhnen, die kleinen Leute könnten an ihre "Partys" teilnehmen wollen.
Claudia Bauer hat diese Collage aus scheinbar nicht zusammengehörendem Text- und Spielmaterial nicht 1:1, sondern mit den berühmten "zwei Strich drüber" in Szene gesetzt. An die Stelle buchhalterischer Werktreue tritt die augenzwinkernde ironische Draufsicht. Wenn Mutter Baumert (Barbara Wurster) als ausgestopfter dummer August zu ihrer im Chor quakenden Kinderschar zurückkehrt und sich mit einem Riesenplumps auf die 60er-Jahre Couch wuchtet, und wenn sie im behenden Watschelgang ihren Versager-Ehemann vor sich hertreibt, oder wenn aus den weinenden Augen Moritz Jägers wahre Wasserfontänen schießen, dann gewinnt das Spiel clowneske Züge. Gelacht wird viel an diesem Abend, soviel aktuelle Gesellschaftskritik allerdings hat man auf deutschen Freilichtbühnen selten gesehen.
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