von Anita Augustin | Uraufführung
Entfernt wird die Warze über dem Auge, der Höcker einfach abgesaugt, beide Oberschenkelknochen gebrochen und Metallimplantate eingefügt; anschließend Nasenplastik, Lidplastik, Abdominoplastik, Lippenkorrektur, Chemical Peeling, Facelift.
Das Theaterhaus Jena wird zur Schönheitschirurgie. Und hat sich ein prominentes Wesen unters Skalpell geholt: Quasimodo, den legendären und längst tot geglaubten Glöckner von Notre Dame. Hier erhält er noch einmal eine Chance. Dank Dr. Tagliacozzi, dem Schönheitschirurgen, der seinen Patienten grenzenlos verschönert – ganz nach heutigen Vorstellungen makelloser körperlicher Schönheit. Aber nicht nur das; besagter
Dr. Tagliacozzi hat ein Ideal: er will den absolut schönen Menschen und implantiert in sein Versuchsobjekt gleich noch eine schöne Seele. Seitdem läuft Quasimodo als schöner Mensch umher und hat in einer schön operierten Welt nun ein völlig neues Problem: niemand erkennt mehr (s)eine schöne Seele...
Anatomie: ein eigens für das Theaterhaus entwickeltes Stück über den menschlichen Schönheitswahn. Hier landet man mit einem ehemaligen Monster in einem fulminanten Mix anatomischer Skurrilitäten: auf einer Party mit Brustpumpe, in einer Botox-Selbsthilfegruppe, im coolen Chat mit Miss Barbie (Oberweite 94. Taille: 60. Hüfte: 86) und bei einer Pornoproduktion im privaten Schlafzimmer. Derart viele Varianten von menschlichem Fleisch gab es im Theaterhaus Jena noch nie.
Die Autorin Anita Augustin ist freie Dramaturgin und Autorin, hat für die Ruhrfestspiele Recklinghausen geschrieben und war in Salzburg am Schauspielhaus und bei den Festspielen sowie am Deutschen Theater Berlin engagiert.
Die Regisseurin Bettina Bruinier arbeitet das erste Mal am Theaterhaus. Sie ist die Gewinnerin des Publikumspreises beim Münchner Festival »Radikal Jung« 2008 mit der Bearbeitung von Juli Zehs Roman »Schilf«; mehrfach gearbeitet hat sie als Regisseurin am Deutschen Theater Berlin, am Volkstheater München sowie am Staatsschauspiel Dresden. Ab der nächsten Spielzeit ist sie Hausregisseurin am schauspielfrankfurt.
Mit: Zoe Hutmacher, Ralph Jung, Kai Meyer, Renate Regel, Saskia Taeger, Gunnar Titzmann Regie: Bettina Bruinier Bühne und Kostüme: Mareile Krettek Dramaturgie: Martin Wigger
Uraufführung: 23. April 2009, 20:00 Uhr, Hauptbühne
Presse:
OTZ, 21.04.2009:
Quasimodo mit Edelrost
Es war und ist die Crux des Hässlichen: In einer Hülle, die gesellschaftlich definierten Standards nicht entspricht, vermutet keiner einen brauchbaren Menschen.
Das Theaterhaus Jena will nun diesen alten, zähen Fehlschluss noch einmal neu verhandeln. Mit der Uraufführung des Stücks "Anatomie" aus der Feder der jungen Autorin Anita Augustin schickt Gastregisseurin Bettina Bruinier ab Donnerstag einen generalüberholten Quasimodo ins zeitgenössische Spießrutenlaufen.
Victor Hugos Romanheld ist mit seinem grässlichen Buckel und der Warze überm Auge der Prototyp des Hässlichen - also der perfekte Kandidat für die Jenaer Schönheitsschmiede. Man gastiert in einem Wellnesstempel. Dem Scheusal kann hier, dank moderner plastischer Chirurgie, eine Palette von resozialisierenden Eingriffen wiederfahren: Dr. Tagliacozzi spendiert dem Patienten ein neues Auge, einen gestrafften Bauch, Nasenplastik, Lidplastik, Abdominoplastik, Lippenkorrektur, Chemical Peeling, Facelift - und implantiert dem optisch Makellosen gleich noch eine schöne Seele dazu.
So präpariert absolviert der moderne Quasimodo seinen Parcours: Bewerbungsgespräch, romantisches Rendezvous. Müsste doch jetzt alles laufen wie geschmiert. Oder?
Bettina Bruinier, die zum ersten Mal in Jena inszeniert, verspricht eine farceartige Bilderfolge, und eine Annäherung an die Frage, wieso das auf perfekt Trimmen der physischen Substanz in einer säkularisierten Welt so zur Ersatzreligion avancieren konnte. Als Gegenentwurf zu dem Ex-Hässlichen und seinem Doktor gehört folglich eine alternde fernöstliche Schöne zum Personal. Sie repräsentiert den japanischen Wabi-Sabi-Kult, der als schön nicht das jung Strahlende verehrt, sondern das, was Weisheit, Gelassenheit, Patina angesetzt hat.
[Anja Blankenburg]
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